Jugendarbeitslosigkeit weiterhin auf hohem Niveau

Statistiken vertuschen Lehrstellenmangel

Von Werner Albrecht und Dietmar Henning
19. Dezember 2003

Anfang des Jahres versprach Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) vollmundig, dass kein Jugendlicher am Ende des Jahres ohne Ausbildung oder Arbeitsplatz dastehen werde. Am 1. Mai erklärte er auf der Maikundgebung in Recklinghausen angesichts zahlreicher protestierender Jugendlicher trotzig: "Jedem Jugendlichen unter 25 Jahren - auch denen, die jetzt hier protestieren - wird ein Arbeits- oder Ausbildungsplatz angeboten." Und was ist nun, gegen Jahresende, daraus geworden? Die Lehrstellen- und Arbeitssituation der Jugendlichen in Deutschland ist so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Noch vor elf Jahren, 1992, erhielten zwei Drittel aller Bewerber einen Ausbildungsplatz, heute nicht einmal jeder Zweite. Der Anteil der Betriebe, die noch ausbilden, ist von der niedrigen Quote von 29 Prozent Anfang der 90er Jahre auf 23 Prozent gesunken. Laut Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbunds haben mehr als eine halbe Million junger Leute unter 25 Jahren noch nie einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz erhalten.

Im letzten Monat waren bundesweit über 446.000 Jugendliche unter 25 Jahren als arbeitslos gemeldet. Noch im November suchten offiziell 38.800 Jugendliche eine Ausbildungsstelle.

Ausländische Jugendliche sind von dieser Entwicklung überdurchschnittlich betroffen. Sie sind schon während der Schulzeit aufgrund der sozialen Selektion im Bildungssystem benachteiligt. Ausländische Jugendliche bleiben häufiger ohne Schulabschluss als ihre deutschen Mitschüler. Diese Benachteiligung zieht sich weiter durch das ganze Leben, denn zwei von drei Jugendlichen ohne Schulabschluss bleiben auch ohne berufliche Ausbildung.

Fast drei Viertel der in den alten Bundesländern arbeitslos gemeldeten Ausländer hatten im September 2002 keinen formalen Berufsabschluss (Deutsche 36,2 Prozent). Die Gefahr arbeitslos zu werden, ist für Menschen ohne deutschen Pass doppelt so hoch wie für deutsche Staatsbürger.

Doch die amtlichen Statistiken über Ausbildungs- und Arbeitssuchende geben nur ein sehr vages Bild der Wirklichkeit. So weist die neueste Arbeitslosenstatistik vom November neben den knapp 40.000 Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz suchen, weitere 111.000 Jugendliche in berufsvorbereitenden Maßnahmen bei Trägern der Wohlfahrtspflege aus. Über 82.000 Heranwachsende wurden durch das "Sofortprogramm zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit" (Jump) beschäftigt, meist in den Lehrwerkstätten der freien Bildungsträger. 14.700 verharren in Maßnahmen im Rahmen des "Sonderprogramms der Bundesregierung zum Einstieg arbeitsloser Jugendlicher in Beschäftigung und Qualifizierung" (Jump Plus). Sie alle tauchen zwar in der Statistik nicht als "ausbildungssuchend" auf, sind es aber in Wirklichkeit.

Weitere Hunderttausende "Ausbildungssuchende" überbrücken ihre Wartezeit in den berufsvorbereitenden Schularten (Berufsvorbereitungsjahr, Berufsgrundbildungsjahr und Berufsfachschulen). Im April, also im letzten Schuljahr, waren dies 572.400. Die aktuelle Zahl für dieses Schuljahr, die noch nicht vorliegt, dürfte aufgrund der schlechteren Lage auf dem Ausbildungsmarkt deutlich höher liegen. Die ersten Meldungen der Berufsschulen berichten über einen Andrang wie nie zuvor.

Wie viele junge arbeitslose Menschen vollständig aus den Statistiken fallen, weil sie "mangelnde Eigeninitiative und Mitwirkung" gezeigt haben, ist völlig ungewiss, da von der Bundesanstalt für Arbeit nur die Gesamtzahl der Arbeitslosen, die unter die Rubrik "Abgang in sonstige Nichterwerbsarbeit" fallen, angegeben wird. Eine nähere Aufschlüsselung nach Alter gibt es nicht. Aufgrund vereinzelter Erfahrungsberichte in den Medien kann aber davon ausgegangen werden, dass nicht wenige junge Männer und Frauen aufgrund der "Bemühungen" der Arbeitsämter nicht mehr in der Statistik auftauchen.

Insgesamt sind allein im November über 352.000 Arbeitslose auf diesem Wege aus der Statistik gefallen, mehr als drei Millionen im Laufe dieses Jahres. Im aktuellen Arbeitsmarktbericht der BA heißt es zum (geringen) Rückgang der Arbeitslosigkeit denn auch: "Maßgebend für diese Umkehr waren - unterstützt von neuen Instrumenten - die Aktivitäten der Arbeitsämter zur Stärkung von Eigeninitiative und Mitwirkung der Arbeitslosen, aber vor allem die Überprüfung ihrer Arbeitsbereitschaft."

Längst nicht alle jungen Menschen, die einen Ausbildungsplatz erbeutet haben, sind zufrieden. Nicht wenige Jugendliche werden aufgrund des mangelnden Angebots an Ausbildungsplätzen indirekt (oder direkt vom Arbeitsamt) gezwungen, Ausbildungsplätze in Berufen anzunehmen, die nicht ihren Wünschen und Vorstellungen entsprechen.

Ingrid Sehrbrock, im Bundesvorstand des DGB für Jugend und Bildung zuständig, bemerkt in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Rundschau, dass "von den 570.000 im letzten Ausbildungsjahr 2001/2002 abgeschlossenen Ausbildungsverträgen über 110.000 aufgelöst" worden seien. Selbst wenn die Hälfte der Betroffenen die Ausbildung in anderen Betrieben fortgesetzt hätten und ein Teil im "Maßnahmedschungel" untergegangen sei, seien immer noch 17 Prozent arbeitslos geblieben. Diese Zahlen seien alarmierend und zeigten eklatante Schwächen des Ausbildungssystems.

Neben dem mangelnden Angebot an Lehrstellen sei auch die zu geringe Vorbereitung auf den Beruf für die hohe Abbrecherquote verantwortlich. Berufsorientierung und Berufswahlvorbereitung müssten bereits während der Schulzeit, und nicht erst unter dem Druck einer begrenzten Auswahl an Ausbildungsplätzen, gegeben werden, sonst sei der Frust vorprogrammiert.

Für die Auflösung von Verträgen seien in bis zu 70 Prozent der Fälle Konfliktsituationen im Ausbildungsbetrieb, die mangelnde Vermittlung von Inhalten im Betrieb und in der Schule sowie ausbildungsfremde Tätigkeiten verantwortlich. Es fehle eine bessere Qualitätssicherung der Ausbildung, erklärte Sehrbrock. Die DGB-Sprecherin merkte in diesem Zusammenhang an, dass die Aussetzung der Ausbildereignungsverordnung durch die rot-grüne Bundesregierung kontraproduktiv und geradezu grotesk sei.

Für eine wachsende Zahl von Jugendlichen bilden die verschiedenen Beschäftigungsförderprogramme den Eintritt in eine regelrechte "Maßnahmekarriere". Dies belegt beispielsweise auch die von der Bundesregierung herausgegebene Bilanz der Jump-Programme aus den vergangenen Jahren. Von Anfang 1999 bis Anfang 2003 wurden rund 514.000 Jugendliche gefördert. Die Zahl der begonnenen Maßnahmen liegt allerdings bei 613.000, weil einige Jugendliche allein im Rahmen von Jump mehrfach gefördert wurden.

Jugendliche, die berufsvorbereitende Maßnahmen absolviert haben, landen vielfach in der sogenannten Benachteiligtenförderung. Im letzten Monat zählte die BA hier 136.000 Jugendliche. Die Ausbildung in der Benachteiligtenförderung wäre nicht zum Nachteil, wenn anschließend die allgemeinen Arbeitschancen besser wären. Aber viele derjenigen, die ihre Ausbildung in Lehrwerkstätten absolvieren, haben aufgrund der allgemein hohen Arbeitslosigkeit und der hohen Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt nur geringe Chancen einen Job zu ergattern. Studien verweisen darauf, dass Jugendliche an der zweiten Schwelle im Arbeitsleben - beim Übergang von der Ausbildung ins Berufsleben - erst recht unterversorgt sind und Schwierigkeiten bekommen. Weit über 627.000 junge Menschen sind in diesem Jahr nach Abschluss oder Abbruch ihrer Ausbildung zumindest kurzfristig arbeitslos geworden.

Der Vorstandschef der Bundesanstalt für Arbeit, Florian Gerster (SPD), bezeichnet die Lage am Arbeits- und insbesondere Ausbildungsmarkt dennoch als deutlich entspannter als noch vor einigen Monaten. Ebenso äußerte sich Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD). Die Anstrengungen der Wirtschaft und der Gewerkschaften hätten laut Clement viel bewirkt. Das Gegenteil ist der Fall: Arbeitslosigkeit und Ungewissheit sind zu ständigen Begleitern einer wachsenden Zahl von Jugendlichen geworden.

Siehe auch:
"Fördern und Fordern" - Wie die Arbeitsämter Gelder durch Sperrzeiten einsparen
(3. September 2003)
Clement plant Arbeitszwang für Jugendliche
( 15. Februar 2003)