Kunst als die Entdeckung von großen und kleinen Wahrheiten

Alexander K. Woronski: Die Kunst, die Welt zu sehen ISBN 3-88634-077-5551 Seiten, Biografische Anmerkungen, Glossar, Personen- und Sachregister, Register der literarischen Werke und Gestalten, gebunden mit Schutzumschlag € 29,90 Direkt zu bestellen über

Von Adrian Falk
12. Dezember 2003

Am 15. Dezember wird die deutsche Erstausgabe der Essay-Sammlung "Die Kunst, die Welt zu sehen" von Alexander K. Woronski in der herausragenden Übersetzung von Ingeborg Schröder und Erich Ahrndt ausgeliefert. Woronski war eine herausragende Persönlichkeit des intellektuellen Lebens in der frühen Sowjetunion, der Herausgeber der wichtigsten Literaturzeitschrift in den zwanziger Jahren und ein Unterstützer von Trotzki und der Linken Opposition in ihrem Kampf gegen den Stalinismus.

Wir veröffentlichen hier eine Besprechung des Buches, die anlässlich der Veröffentlichung der englischen Ausgabe vor fünf Jahren verfasst wurde.

Dieses Buch ist in vieler Hinsicht eine Offenbarung. Es lässt einige zentrale Auseinandersetzungen zwischen dem klassischen Marxismus und seinen Opponenten während der 1920er Jahre wieder auferstehen und liefert zugleich eine Methode der Kunst- und Literaturkritik, die von höchster Aktualität ist. Die hier dargelegte Kunstphilosophie steht in der Nachfolge der größten Denker des 19. Jahrhunderts und verkörpert die Tradition des kritischen und aufklärerischen Denkens, zu deren Vernichtung sich Stalin und seine Anhänger gezwungen sahen. All das präsentiert sich in einem lichten, überzeugenden, ansprechenden und ungekünstelten Stil.

Wenn man die politischen Ursachen für Stalins Völkermord an den sozialistischen Gegnern der sowjetischen Bürokratie verstehen möchte, greift man am besten zu dem Buch von Wadim S. Rogowin, 1937. Jahr des Terrors, das ebenfalls im Arbeiterpresse Verlag erschienen ist. Aus den Schriften Woronskis spricht eine authentische Stimme jener fortschrittlichen sozialistischen Kultur, der die Russische Revolution entsprang und die von der stalinistischen Bürokratie in Blut ertränkt wurde. Eine solche Stimme ist selten.

Wer die doktrinäre Hochstapelei des stalinistischen Sozialistischen Realismus ablehnt und nach einer kritischen Methode sucht, Kunstwerke als eigenständige Beiträge zum menschlichen Wissen und Bewusstsein zu behandeln, anstatt sie auf ein abstraktes und falsch verstandenes Klassenkriterium zu reduzieren, wird hier fündig. Man begegnet einem führenden Repräsentanten des genuinen Marxismus, fähig, die jeder großen Literatur innewohnende Wahrheit aufzudecken und aus ihrer Reichhaltigkeit und Vielfalt zu schöpfen.

Wer überdies versucht, einen Weg durch das enge Gespinst des Formalismus, der Semiotiker, der Hermeneutik, des Postmodernismus und all der anderen Schulen zu finden, die sich in der akademischen und radikalen Philosophie tummeln, wird dieses Buch sehr zu schätzen wissen und es immer wieder zu Rate ziehen.

Der Herausgeber und Übersetzer der englischen Ausgabe, Frederick S. Choate, formuliert in einer kurzen Einführung im Vorwort:

"Alexander Konstantinowitsch Woronski wurde im September 1884 in der Kleinstadt Choroschawka im russischen Gouvernement Tambow geboren. Am 13. August 1937 wurde er von einem stalinistischen Henker durch Erschießen hingerichtet und in einem Massengrab nahe Moskau verscharrt. Sein Leben umspannt eine der stürmischsten Perioden der modernen Geschichte: Er nahm aktiv an den Revolutionen von 1905 und 1917 teil und spielte eine wichtige Rolle beim Aufbau des ersten Sowjetregimes und im Kampf gegen dessen Degeneration. Er war im bolschewistischen Untergrund und in der politischen Verbannung, bekleidete Leitungsfunktionen in verschiedenen staatlichen politischen Komitees, gab mehrere einflussreiche Zeitungen und Zeitschriften heraus, wurde als Oppositioneller verbannt und als alter Bolschewik verfolgt, der wie die meisten marxistischen Revolutionäre seiner Generation nach Wegen suchte, in einem Regime zu überleben, welches allem, wofür er einst eingetreten war, zunehmend feindlich begegnete." (S. 7)

Nach der Oktoberrevolution bekleidete Woronski verantwortungsvolle Posten in der Partei, zunächst in Odessa, später von 1918-1920 in Iwanowo, das von Choate als das drittgrößte Zentrum der Bolschewiki nach Petrograd und Moskau beschrieben wird. Zu seinen Pflichten in Iwanowo zählte die Herausgabe der Zeitung »Rabotschi krai« (Arbeiterregion); vier von etwa hundert Artikeln, die Woronski für diese Publikation schrieb, sind in dem vorliegenden Buch neu abgedruckt. 1921 wurde er nach Moskau gerufen, wo er aufgrund der Qualität seiner bisherigen Arbeiten "das beste literarische Journal der 1920er Jahre, die Zeitschrift »Krasnaja now« (Rotes Neuland) gründete und herausgab".

Zu diesem Zeitpunkt war die Arbeiterklasse und ihre revolutionäre Führung vor allem mit dem ökonomischen Wiederaufbau nach den Verwüstungen des Bürgerkriegs beschäftigt. Choate schreibt dazu:

"Das kulturelle Niveau der breiten Masse zu heben, war für den Wiederaufbau des Landes absolut notwendig, und Woronski war einer von vielen, die sich dieser schwierigen Aufgabe widmeten. Die größten Herausforderungen in diesem Zusammenhang kamen von dort, wo man sie am wenigsten erwartete: nicht von offenen Feinden der Sowjetrepublik, sondern von ungebildeten Anhängern der Sowjetmacht und vor allem Vertretern der Bewegung für »Proletarische Kultur« (Proletkult)." (S. 9 f.)

Den zentralen Platz in Woronskis literarischem Nachlass der 1920er nimmt der Kampf gegen den Proletkult ein. Diese Bewegung berief sich auf den Standpunkt, dass eine echte proletarische Kultur auf der Grundlage der Zurückweisung aller kulturellen Errungenschaften der Vergangenheit aufgebaut werden könne, da jene ihrem Wesen nach aristokratischer oder bürgerlicher Natur seien. Es handelte sich um eine Massenbewegung, der Proletkult "hatte während der 1920er vielleicht 400.000 Mitglieder". Der Kampf gegen diese Bewegung warf Grundfragen der marxistischen Philosophie auf. Lenin schrieb, dass "der Marxismus die wertvollsten Errungenschaften des bürgerlichen Zeitalters keinesfalls ablehnte, sondern sich umgekehrt alles, was in der zweitausendjährigen Entwicklung des menschlichen Denkens und der menschlichen Kultur wertvoll war, aneignete und es verarbeitete" (S. 11). Die Annahme, man könne einfach eine Entwicklungsstufe überspringen und das gesamte Erbe der Menschheit außer Acht lassen, würde bedeuten, bereits von Vornherein den Kampf für eine menschliche, klassenlose, sozialistische Kultur zu unterlaufen. Die falsche historische Perspektive des Proletkults wurde von Leo Trotzki einer genauen Analyse unterzogen, insbesondere in Kapitel 6 seines Buches Literatur und Revolution, dem Woronskis Schriften sehr nahe stehen. Der umfassende Kampf Trotzkis gegen die Bürokratisierung und gegen die Theorie des "Sozialismus in einem Land", die den politischen Kurs der Bürokratie bestimmte, fiel schließlich mit der Polemik gegen die Proletkultbewegung zusammen. Woronski war ein bedeutender Vertreter der Linken Opposition, seine Schriften widerspiegeln das hohe intellektuelle Niveau dieser Tendenz, der Vorläuferin der Vierten Internationale.

In einer Rezension von begrenztem Umfang ist es nicht möglich, alle Aspekte des vorliegenden Buches zu berücksichtigen. Allerdings lassen sich in der Vielfältigkeit seiner Essays zentrale Motive und wiederkehrende Themenkomplexe ausmachen. Die Kernaussage, auf die Woronski stets zurückkommt, lässt sich am besten in seinen eigenen Worten wiedergeben, hier zitiert aus dem Aufsatz »Die Kunst als Erkenntnis des Lebens und die Gegenwart«:

"Was ist Kunst ?

Vor allem ist Kunst die Erkenntnis des Lebens. Kunst ist kein willkürliches Spiel der Phantasie, der Gefühle, der Stimmungen, Kunst ist nicht Ausdruck rein subjektiver Empfindungen und Erfahrungen des Dichters; Kunst setzt sich nicht das Ziel, vor allem »gute Gefühle« im Leser zu wecken. Die Kunst will ebenso wie die Wissenschaft das Leben erkennen. Kunst und Wissenschaft haben ein und denselben Gegenstand: das Leben, die Wirklichkeit. Aber die Wissenschaft analysiert, und die Kunst synthetisiert; die Wissenschaft ist abstrakt, die Kunst ist konkret; die Wissenschaft spricht den Verstand des Menschen an, die Kunst seine sinnliche Natur. Die Wissenschaft erkennt das Leben mit Hilfe von Begriffen, die Kunst mit Hilfe von Bildern, in Form einer lebendigen sinnlichen Wahrnehmung." (S. 122)

Sämtliche ästhetizistischen Thesen, folglich derer Kunst auf das Reich der Emotionen und des Dekors beschränkt sei und somit als Randgebiet innerhalb der Entwicklung des menschlichen Wissens angesehen werden müsse, werden in diesen Sätzen entkräftet. Die Wirkung der Kunst auf den Menschen muss nicht eigens gerechtfertigt werden. Im Gegenteil, gemeinsam mit der Wissenschaft ist sie Ausdruck der menschlichsten aller Regungen: der Entdeckung von kleinen und großen Wahrheiten und deren gesellschaftlicher Verbreitung zum Wohle aller, sowie der Verbannung von Ignoranz, Fatalismus und Rückständigkeit. Zu einem späteren Zeitpunkt schreibt Woronski:

"Ein Werk ästhetisch zu bewerten, heißt festzustellen, inwieweit der Inhalt der Form entspricht; mit anderen Worten, inwieweit der Inhalt der objektiven künstlerischen Wahrheit entspricht, denn der Künstler denkt in Bildern: Das Bild muss künstlerisch wahrhaftig sein, d. h. es muss der Natur dessen, was dargestellt wird, entsprechen. Darin besteht die Vollkommenheit, die Schönheit eines künstlerischen Werks. Eine falsche Idee, ein falscher Inhalt kann keine vollkommene Form finden..." (S. 143)

Gegründet auf dieses Prinzip marxistischer Literaturkritik widmete sich Woronski der Verteidigung der Weggenossen (Intellektuelle, die nicht der Partei angehörten, sich aber der Sowjetregierung angenähert hatten und zum Aufbau der Sowjetunion beitragen wollten) gegen die Attacken der Proletkultbewegung, die sich um Zeitschriften wie »Na postu« (Auf dem Posten) gruppierten. Wiederholt thematisierte er Autoren wie Wsewolod Iwanow, Sejfullina, Tichonow, Malyschkin, Pilnjak und Sostschenko, die trotz aller Beschränkungen aufrichtige Bilder des Lebens, der großen Umwälzungen der russischen Gesellschaft, der Erfahrungen der Bauern schufen. Die Anhänger der Proletkultbewegung verschlossen sich der Erkenntnis, dass die Werke solcher Schriftsteller eine objektive künstlerische Wahrheit beinhalteten, und verurteilten sie als "kleinbürgerlich". Auf diese Weise schnitten sie die Arbeiterklasse von den Einsichten, der Aufklärung und der Veredelung des Menschen ab, die durch diese Arbeiten vermittelt wurden.

Diese ästhetische Methode, "Die Kunst als Erkenntnis des Lebens ", geht nicht auf Woronski zurück, doch er verteidigte sie als einen Teilbereich des Marxismus. In zwei Aufsätzen zu Plechanow unterstreicht er dessen herausragende Verdienste um die theoretische Bewaffnung der sozialistischen Bewegung. Plechanow besaß profunde Kenntnisse der Dialektik, der Schriften von Hegel, Feuerbach, Marx und Engels, sowie der Werke der revolutionären Demokraten Belinski, Tschernyschewski und anderer, die das Fundament der sozialistischen Kultur bildeten, die der Stalinismus später liquidieren sollte.

Die folgenden Aufsätze (von denen einige auf Russisch als Bücher veröffentlicht wurden) charakterisieren diese Methode und bilden das Herzstück der Anthologie: Die Kunst als Erkenntnis des Lebens und die Gegenwart (1923), Über Kunst (1925), Bemerkungen zum künstlerischen Schaffen (1928), Die Kunst, die Welt zu sehen (1928).

Das ganze Buch steckt voller Präzisierungen, Details und besonderer Aspekte, die seine Kernaussagen ergänzen.

Es enthält würdigende Rezensionen über Gorki, Pilnjak, Jessenin und andere Schriftsteller, sowie einen interessanten und schlüssig argumentierenden Text über Freudianismus und Kunst. Daneben stehen Skizzen revolutionärer Persönlichkeiten und Polemiken. In fünf Anhängen finden sich zentrale Dokumente aus den 1920ern als Zeugnisse der sich zuspitzenden politischen Debatte über Kunst. Diese und viele weitere Beispiele für die damaligen kritischen und lebendigen theoretischen Auseinandersetzungen werden den Leser in ihren Bann schlagen.

Woronski kommt immer wieder auf die Werke L. N. Tolstois zurück, oft zur Veranschaulichung verschiedener Felder und Facetten der künstlerischen Wahrheit. Ich möchte meine Rezension mit dem Verweis auf eine solche Stelle abschließen. In dem Aufsatz Über Kunst zitiert Woronski eingangs aus "Anna Karenina", und zwar aus dem Teil, in dem Wronski und Anna den Künstler Michailow treffen. Woronski nennt diese Passage "voll tiefer Bedeutung, Einfachheit und künstlerischer Wahrheit". Die Stelle, an der es Michailow mittels eines versehentlich verursachten Stearinflecks auf einer Zeichnung gelingt, die Haltung einer Figur einzufangen, hält Woronski denjenigen entgegen, die das kreative Element der Kunst unterschätzen. Er zitiert aus dem Roman:

"Er [Michailow] lachte vor Freude. Die leblose, erdachte Figur war plötzlich lebendig und so vollkommen, dass es nichts mehr daran zu verändern gab. Diese Figur lebte und war klar und eindeutig definiert. Er konnte die Zeichnung, den Bedürfnissen dieser Figur entsprechend, noch korrigieren..." (S. 227f)

Tolstois Schilderung von Michailows intuitivem und spontanem Eingriff in die Zeichnung - er verwendet beispielsweise in drei Absätzen drei Male das Wort "plötzlich" - veranschaulicht eine grundlegende Wahrheit über künstlerische Kreativität; in diesem Sinne kann Tolstoi auch als Realist gelten. In diesem und tausend anderen Details erfasst sein künstlerisches Auge eine lebendige und erhellende Wahrheit derart präzise, dass seine Leser in diese Wahrheit einbezogen werden. Einige Seiten weiter schreibt Woronski:

"Darwin hat die Entstehung der Arten entdeckt und begründet. Lew Tolstoi hat Platon Karatajew, Jeroschka, Anna, Natascha, Pierre und Kutusow entdeckt. Beide sind sie wahrhafte Neuerer, aber der eine hat etwas bewiesen, der andere etwas gezeigt. Der wahre Künstler, wie auch der wahre Wissenschaftler, fügt dem, was es schon vor ihm gab, stets etwas hinzu..." (S. 238)

Ich kann hier kaum mehr als einen fast willkürlichen Auszug aus der Symphonie der tiefen Einsichten des vorliegenden Buches geben. Meine Rezension beschränkt sich darauf, das Werk vorzustellen und einen ersten Eindruck seiner außergewöhnlichen Qualität und Schönheit zu vermitteln. Die genaue und sorgfältige Auseinandersetzung mit seinen Aussagen mag den Leser über Jahre hinweg beschäftigen.

Siehe auch:
Vorwort zu "Die Kunst die Welt zu sehen" von Alexander K. Woronski
(11. Dezember 2003)
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