54. Internationale Filmfestspiele Berlin - Teil 1

Die Entwirrung von "düsteren und schwierigen" Filmen

Von Stefan Steinberg
5. März 2004

Zur Zeit der letztjährigen Berliner Filmfestspiele zogen sich die Sturmwolken des anstehenden Irakkriegs zusammen. Dieses Jahr warnte Festspieldirektor Dieter Koslik sein Publikum wiederholt in ernsten Tönen, viele Wettbewerbsfilme behandelten "düstere" und "schwierige" Themen. Falls jemand Unterhaltung wünsche, erklärte er, könne er ja ins Kino gehen.

Tatsächlich gab es in der Auswahl für den Wettbewerb eine Handvoll Filme, die politische Themen und soziale Fragen behandelten (Country of My Skull von John Boorman, Monster von Patty Jenkins). Außerdem beschäftigten sich Filme mit dem Zusammenstoß der Kulturen und den Möglichkeiten der Aussöhnung, wie z. B. Beautiful Country von Hans Petter Moland, A Fond Kiss von Ken Loach und Gegen die Wand von Fatih Akin. Akins Film gewann den Hauptpreis des Festivals, den Goldenen Bären, und wird in einem gesonderten Artikel besprochen.

Eine Reihe von Filmen in der Panorama-Sektion des Festivals waren den wirtschaftlichen und politischen Folgen der Globalisierung gewidmet. Diese Sektion wurde mit einem schwachen und schulmeisterlichen südkoreanischen Beitrag eröffnet, Kapitalistisches Manifest: Arbeitende Menschen aller Länder akkumuliert! (Capitalist Manifesto: Working Men of all Countries: Accumulate!) von Kim Gok und Kim Sun. Der Film versucht Marx‘s Kommunistisches Manifest zu aktualisieren und auf den Stand des neuen globalen Zeitalters zu bringen - vor allem, indem er die modernen Geschäftspraktiken mit Prostitution gleichsetzt. Die Sektion Retrospektive zeigte schon im zweiten Jahr hintereinander Filme der 60er und 70er Jahre.

Beim 53. Filmfestival wurden alternative europäische Filme aus diesen Jahrzehnten in den Mittelpunkt gestellt, während die diesjährigen Festspiele eine Auswahl des sogenannten "neuen" amerikanischen Kinos aus derselben Zeit präsentierte. Verglichen mit den formelhaften, vorhersehbaren Filmen, die Hollywood und viele andere nationale Filmindustrien als Massenprodukt auswerfen, zeichnet sich vieles von dem Filmmaterial der 60er Jahre durch seine Frische, Vitalität und Bereitschaft aus, unkonventionelle Themen aufzugreifen. Dennoch gibt es, wie wir sehen werden, eine Tendenz, nostalgisch verklärt zurückzublicken und diese Arbeiten mit rosaroter Brille zu betrachten. Die Filme, die auf dem 54. Berliner Filmfest gezeigt wurden, machten deutlich, dass eine ehrliche, kritische Bewertung des Kinos der 60er Jahre bei der Neuorientierung des heutigen Filmschaffens eine große Hilfe wäre.

Der Silberne Bär des Festivals ging an den Film Zeugen (Svjewdoci), gedreht in Kroatien. Zeugen beschäftigt sich mit dem Mord an einem Mann, der angeblich ein Krimineller ist, verübt von drei kroatischen Soldaten. Der Vorfall spielt inmitten des jüngsten Balkankonflikts. Die Soldaten nehmen ein junges Mädchen, das Zeugin des Mordes wird, als Geisel. Sie soll später beseitigt werden. Nach dem Mord nehmen ein Ermittlungsbeamter der Polizei und ein Journalist die Suche nach den Verantwortlichen auf.

Regisseur Vinko Bresan (zu seinen bisherigen Filmen gehören How War Started in my Island (1996) und Marschall Titos Geist (2003) lehnt es ab, im jüngsten Balkankrieg Partei zu ergreifen. In Presseverlautbarungen äußert er: "Ich glaube nicht, dass Nationalität ein Thema der menschlichen Thematik in Zeugen ist. Ob ich Kroate, Iraker oder Amerikaner bin, ist nicht wirklich wichtig." Der Regisseur musste angesichts feindseliger nationalistischer Reaktionen sogar seine Entscheidung verteidigen, die Hauptrolle der kroatischen Mutter in seinem Film mit einer bekannten serbischen Schauspielerin zu besetzen.

Eine Kameraeinstellung wird während des Films mehrmals wiederholt - allerdings aus etwas unterschiedlichen Perspektiven. Nachdem das Verbrechen verübt wurde, sind wir Zeuge, wie der Tatort abgeriegelt wird und der Ermittlungsbeamte der Polizei erscheint. Von demselben Ausgangspunkt verzweigt sich der Film dann, um die nachfolgenden Ereignisse vom Standpunkt der verschiedenen Charaktere zu zeigen. Zeugen enthält auch eine Reihe von Szenen, die darauf abzielen, die Sinnlosigkeit und den willkürlichen Charakter des Kriegs aufzuzeigen. Dem Regisseur ist es offensichtlich wichtig, allgemeine Themen wie die Passivität und Willfährigkeit der Bevölkerung anzusprechen, wenn sie im Verlauf eines Kriegs mit Verbrechen konfrontiert wird.

Während Bresan richtigerweise weder den kroatischen noch irgendeinen anderen nationalen Standpunkt gutheißt, ist der zugrunde liegende Leitgedanke dieses Films schwach - alle Standpunkte haben die gleiche Berechtigung, und man sollte keine voreiligen Schlüsse ziehen. Dem jüngstem katastrophalem Balkankrieg, angeheizt und in Gang gesetzt durch Großmachtinteressen, folgte ein katastrophaler Friede, gekennzeichnet von wirtschaftlichem Zusammenbruch, Massenarbeitslosigkeit und sozialem Elend. Die heutige Realität auf dem Balkan zu begreifen, verlangt mehr als nur demütige Appelle an die Bereitschaft, seinem Nachbarn zuzuhören; Bresans Film trägt wenig dazu bei, die Ursachen für das Wiedererstarken des Nationalismus und den Krieg zu verstehen.

Die amerikanischen Beiträge zur Berlinale waren im Allgemeinen enttäuschend. Cold Mountain eröffnete die Festspiele. Er wurde vom WSWS schon besprochen. The Missing ist ein berechenbares Werk des Regisseurs Ron Howard, dessen letzte Filme ein besonderes Talent an den Tag legen, konservative ideologische und moralische Werte zu unterstützen. Beworben wird der Film als Bestandteil einer Wiederbelebung des amerikanischen Westerns. The Missing erzählt von einer jungen Frau, die sich bewaffnet und mit ihrem bislang getrennt lebenden Vater zu einer blutigen Jagd quer durch den amerikanischen Westen zusammentut. The Missing glorifiziert die Unantastbarkeit der Familie und die Macht der Waffen und greift damit Themen auf, die der augenblicklichen Regierung in Washington am Herzen liegen.

The Final Cut zeigt Robin Williams in einem Science Fiction Thriller, der in der nahen Zukunft spielt. Die Handlung greift Themen und Leitmotive auf, mit denen sich schon andere Filme wie Blade Runner und die Matrix-Trilogie befasst haben - hier können künstliche Implantate im menschlichen Gehirn Gefühle und Erinnerungen aufzeichnen und werden dann missbraucht. Wie die Matrix-Trilogie versucht der Film, auf verschwommene Art und Weise heutige Ängste vor einem allgegenwärtigen Überwachungsstaat aufzugreifen, aber genau wie die Matrix-Trilogie entwickelt sich der unwahrscheinliche Anfang der Geschichte zu immer größerer Absurdität, und das anfängliche Interesse an dem Film schwindet sehr rasch. Der interessanteste Beitrag der USA auf dem Festival war der Debüt-Film Monster der Regisseurin Patty Jenkins .

Monster

Monster ist der fiktive Bericht über das Erwachsenenleben von Aileen Wuornos, die im Oktober 2002 in Florida hingerichtet wurde, nachdem sie 12 Jahre im Todestrakt zugebracht hatte. Wuornos wurde für schuldig befunden, sieben Männer im Verlauf ihrer Prostituierten-Laufbahn getötet zu haben. Nach ihrer Festnahme und während ihres Gerichtsverfahrens nutzten die Medien in Amerika jede Gelegenheit, um das Leben und den Werdegang dieses weiblichen "Serienkillers" für ihre Sensationsberichte auszuschlachten.

Die Autorin und Regisseurin von Monster, Patty Jenkins, nahm einen Briefwechsel mit Wuornos auf. Ihr Film versucht, die Erfahrungen im Leben von Wuornos nachzustellen, die maßgeblich dafür waren, dass sie von einer Prostituierten zur Mörderin wurde.

Jenkins Film macht sehr deutlich, dass viele von denen, die von den Gerichten (und den Medien) als unverbesserliche Mörder verurteilt und verdammt werden, in früher Kindheit selbst Opfer von Gewalt wurden. Wuornos wurde wiederholt vom besten Freund ihres Vaters vergewaltigt und dann von ihrem eigenen Vater geschlagen und dafür verantwortlich gemacht, als er es herausfand. Schon als junges Mädchen psychisch gestört, beginnt sie, kaum dass sie 13 Jahre alt ist, eine Laufbahn als Prostituierte.

Am Anfang des Films ist Wuornos, gespielt von der in Südafrika geborenen Schauspielerin Charlize Theron, ein physisches und psychisches Wrack - obdachlos, alkoholabhängig wühlt sie in Abfalltonnen nach Nahrung. Sie sieht hinter jeder Ecke Gefahr und in jeder Begegnung eine mögliche Bedrohung.

In einer Bar trifft sie die einsame Selby Wall (sehr gut gespielt von Christina Ricci), die aufgrund ihrer homosexuellen Neigungen in Konflikt mit ihrer gläubigen, konservativen Südstaaten-Familie geraten ist. Die beiden beginnen eine schwierige Beziehung, in der die völlig labile Wuornos die Rolle der Ernährerin spielt. Der Film zeigt anschaulich die entsetzlichen Erniedrigungen und die Gewalt, der Wuornos bei dem Versuch ausgesetzt ist, als Prostituierte zu überleben, indem sie ihre Dienste völlig Fremden auf der Autobahn anbietet. Nach einer solchen Begegnung und in einem Akt der Selbstverteidigung erschießt sie einen Kunden, der sich als Vergewaltiger herausstellt.

Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Angst und ihrem Hass auf geldgierige Männer, die ihre Lebensumstände bestimmt haben, wird Wuornos in eine Spirale der Gewalt hineingesogen, in der, an einem bestimmten Punkt, der Mord an ihren Kunden lohnender und für sie selbst weniger beschädigend wird als der Akt der Prostitution.

Der Film passt sich allerdings an das heutige politische Klima in Amerika an, in dem die Medien und das politische Establishment eine unerbittliche Offensive führen, große Teile der Armen in den Städten zu kriminalisieren, und dann meinen, sie dürften darüber entscheiden, wer hingerichtet wird. Monster hält sich zweifellos zurück. Sobald die Kamera nicht mehr auf die Beziehung zwischen Wuornos und Selby konzentriert ist und sich auf die amerikanische Gesellschaft im Allgemeinen richtet, wird das Bild ungenau und verschwommen. Die einzige Anspielung auf amerikanische Politik in diesem Film ist eine Szene, in der Wuornos von einem anderen Leben träumt, mit einem anständigen Beruf und sogar der Möglichkeit, "Präsident zu werden". In einer weiteren flüchtigen Szene, die sich mit dem allgemeinen sozialen Umfeld zu dieser Zeit beschäftigt, erleben wir eine weitere Erniedrigung, als die ungebildete und unqualifizierte Wuornos sich entsprechend zurechtmacht und dennoch nicht in der Lage ist, die Stelle als Sekretärin in einem Rechtsanwaltsbüro zu bekommen.

Theron, die sich einer beträchtlichen körperlichen Verwandlung unterzog, um die Rolle zu spielen, betont, dass der Film in erster Linie als Liebesgeschichte gesehen werden sollte. "Wir wollten eine wahre Geschichte erzählen und keinen,Lasst-uns-mit-dem-Serienmörder-Mitleid-haben'-Film machen." Aber genau genommen drückt sich Monster vor der Frage, was abscheulicher ist - die Verbrechen, die Wuornos begeht, oder ein System, das Millionen wie sie zu Not, Erniedrigung und Gewalt verurteilt.

Wuornos Verbrechen wurden Ende der 80er Jahre verübt, während der Präsidentschaft von Ronald Reagan, der eine Politik einleitete, die zu einem beispiellosen Anwachsen der sozialen Ungleichheit in der amerikanischen Gesellschaft führte. Diese Periode erlebte gewaltige Steuererleichterungen für die Reichen und die Abschaffung von Sozialhilfeprogrammen. Die Verherrlichung des individuellen Egoismus als oberstes gesellschaftliches Prinzip ging mit dem Aufstieg einer reichen Elite einher, die den sozialen Folgen ihrer Plünderung der Wirtschaft völlig gleichgültig gegenüberstand. Angesichts der wachsenden sozialen Ausgrenzung und Not war es kein Zufall, dass sich während der Präsidentschaft von Reagan die Zellen der Todestrakte bis zum Überlaufen füllten und die Zahl der Hinrichtungen dramatisch anstieg.

Monster meidet alle diese Fragen und geht nur im Abspann des Films auf die Hinrichtung ein. Dabei zeigt der Regisseur Nick Broomfield in seinem Dokumentarfilm Aileen: Life and Death of a Serial Killer, der sich mit dem Ausschlachten des Falls Wuornos durch die Medien beschäftigt, Filmmaterial, das deutlich macht, dass Wuornos zur Zeit ihrer Hinrichtung geisteskrank war. In der Zeit vor ihrer Hinrichtung behauptete die wiedergeborene Christin Wuornos, sie werde von den Wellen des Polizeisenders kontrolliert und nach ihrem Tod würde sie von Engeln in den Himmel begleitet, die in Raumfähren reisen.

Eine Reihe von Filmkritiken haben Monster wohlwollend mit anderen amerikanischen Filmen aus den späten 60er und frühen 70er Jahren verglichen, die den Antagonismus zwischen "Außenseitern/Ausgestoßenen" und der breiten konservativen Masse der Bevölkerung aufgegriffen haben - Filme wie Bonnie und Clyde und Badlands. Wenn Filmemacher tatsächlich solche Filme imitierten, würde ein solcher Versuch die zweifache Gefahr heraufbeschwören, einige der Schwächen dieser frühen Filme zu wiederholen und zweitens die enormen Veränderungen zu ignorieren, die im amerikanische Leben seit den 60er und 70er Jahren stattgefunden haben. Zweifellos können und müssen Filmemacher von den Filmen der Vergangenheit lernen, aber sie haben auch die wichtige Verantwortung, ihr eigenes Werk mit neuer, aus dem Verständnis des heutigen gesellschaftlichen Lebens geschöpfter Energie zu füllen.

Siehe auch:
Berichte zu früheren Berliner Filmfestspielen