Aus Liebe zum Volk - "exemplarische Gültigkeit" oder "historische Wahrheit"

Von Bernd Reinhardt
15. Mai 2004

Der in Frankreich lebende israelische Regisseur Eyal Sivan und die französische Filmemacherin Audrey Maurion drehten 1998 den Film Ein Spezialist, eine Dokumentation über den Eichmannprozess 1961 in Jerusalem. Ihr Film Aus Liebe zum Volk beschäftigt sich ebenfalls mit der deutschen Vergangenheit. Es geht um die Diktatur in der DDR.

Die Basis bilden die Aufzeichnungen eines Ex-Stasioffiziers vom Februar 1990, als das Ministerium für Staatssicherheit der DDR aufgelöst und Herr S. arbeitslos wurde. Eine Stimme aus dem Off gibt die ganze Zeit den inneren Monolog des Offiziers wieder. Jener war subjektiv davon überzeugt, dass er sein Bestes gab, die Sache des Sozialismus voranzubringen. Der Zuschauer gewinnt also einen authentischen Einblick in eine Gedankenwelt in und um die Stasi, die von persönlichen Motiven, wie etwa Karrierestreben, relativ ungetrübt ist.

Auf vollkommen freiwilliger Basis begann die Laufbahn des Herrn S., Sohn zweier SED-Funktionäre, allerdings nicht. Als der junge Schlosser während seines Armeedienstes bei den Grenztruppen in den Verdacht geriet Fahnenflucht zu begehen, ergriff er die ihm von den Genossen gegebene Chance der Wiedergutmachung. Er beschattet Kameraden, um Fahnenfluchten für die Zukunft zu verhindern. Später direkt im Dienst der Stasi wollte S. "Terroristen bekämpfen und die Volkswirtschaft vor Spionageakten schützen".

Die Selbsterfahrung bestätigt ihm: Jeder kann zum Klassenfeind werden, wenn vielleicht auch unbeabsichtigt und unbewusst. Bei der Stasi lernt er, dass Misstrauen eine Grundvoraussetzung für den erfolgreichen Aufbau des Sozialismus ist. Hinter jeder harmlosen Erscheinung kann sich eine feindliche Provokation verbergen, deshalb muss man überall sein. "Jeder kann Feind sein, der Kollege, der Nachbar und der zufällige Gesprächspartner."

Es frustriert ihn, dass die Stasi selbst voller Karrieristen steckt. Das bestärkt ihn in der Ansicht, jeder Bereich des Lebens müsse kontrolliert und überwacht werden.

Als er in einer schwachen Stunde zu Hause heimlich Westfernsehen schaute, wussten das innerhalb weniger Stunden seine Vorgesetzten und brachten ihn wieder auf den richtigen Weg. Nach dem stalinistischen Ritual der Selbstkritik schlussfolgert er: "Der beste Schutz besteht immer noch darin, die Versuchung auszuschließen." Zukünftig bewahrt ein Schloss an der Schrankwand seine Kinder davor, in eine ähnliche Situation zu geraten. Er betrachtet dies als unterstützende Maßnahme der "Erziehung der Kinder zu sozialistischen Persönlichkeiten".

Aus der Erkenntnis heraus, rundum von Feinden umgeben zu sein, lernt er sich als ein Auserwählter, als Zugehöriger einer patriotischen Elite in der DDR zu betrachten.

Er ist fest davon überzeugt, dass der Sozialismus nur gegen den Widerstand der Bevölkerung durchgesetzt werden könne, die man "zu ihrem Glück zwingen" müsse. S. beklagt ihre Gleichgültigkeit und äußert die Überzeugung, der Sozialismus hätte längst weltweit gesiegt, wäre das einfache Volk so motiviert, einsatzfreudig und kreativ wie die Geheimdienste. "Da sitzen sie auf den Parkbänken und reden die Instabilität des Staates herbei." Da säßen die Leute in der Kneipe und gäben dem Sozialismus die Schuld, dass sie saufen, erklärt er entrüstet. Als die Wende hereinbricht, ist für ihn klar, ohne staatliche Aufsicht, "werden sich die Menschen anderen Interessen zuwenden. Dann ist es endgültig aus mit der sozialistischen Idee."

S. schildert offen, wie sehr sich die herrschenden Kreise des tiefen Grabens gegenüber der Bevölkerung stets bewusst waren.

Obwohl die Textvorlage geradezu dazu herausfordert, bemühen sich die Filmemacher nicht, das historisch Besondere der stalinistischen Bürokratie speziell herauszuarbeiten.

So fällt zu Beginn des Films das populäre Lenin-Zitat: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Ein Leninportrait in der Arbeitsstelle des Stasioffiziers gerät mehrmals in die Kamera. Irgendwann besingt ein DDR-Jugendlied die Arbeit der "Tschekisten".

Die politischen Kräfte, die die Geheimpolizei Tscheka unter Felix E. Dserschinskij zur Zeit Lenins bekämpfte, waren vollkommen andere als die, welche später von der stalinistischen GPU, NKWD, MGB, KGB und der Stasi verfolgt wurden. Die politischen Ziele waren entgegengesetzt.

Bestrebt um "exemplarische Gültigkeit" betrachten die Filmemacher ihren Protagonisten als typischen Vertreter eines allgemeinen Überwachungsstaates, Produkt eines "reaktionären Apparats", der das Individuum abschafft. Doch die zentrale Lebensachse des Stasioffiziers dreht sich um den Schutz des "Sozialismus". Bereits das Schuldgefühl zu Beginn seiner Karriere ist das Schuldgefühl gegenüber einer vermeintlich sozialistischen Autorität.

Wie konnte S. seinen sozialistischen Idealismus problemlos mit bodenlosem Misstrauen und der Verteidigung einer brutalen Diktatur über die Masse der einfachen Bevölkerung vereinbaren?

Diese Frage schwebt über dem Film, ohne dass die Filmemacher ihr nachgehen.

Für Sivan ist S. ein "perfekter Machtmensch", der gleichzeitig "wahnsinnig" ist. Historisch betrachtet findet sich jedoch ein konkreter Zusammenhang zwischen dem paranoiden Verfolgungswahn des Offiziers, dem die Gesellschaft vom "Klassenfeind" durchsetzt schien, und der nationalistischen Perspektive des "DDR-Sozialismus".

Jahrzehnte vorher hatten Stalins Schwierigkeiten beim Aufbau eines nationalen Sozialismus in der Sowjetunion zum großen Terror der dreißiger Jahre geführt. Aus der zunehmenden Entfremdung zwischen Bevölkerung und Bürokratie erwuchs für die nationalen Verwalter der Mangelgesellschaft, die den politischen Ton angaben, eine ernsthafte Gefahr. Es bestand die Möglichkeit, dass der jahrelange politische Widerstand der alten, international ausgerichteten kommunistischen Generation auf fruchtbaren Boden fallen und sich zu einer Massenbewegung gegen Stalin entwickeln könnte.

Die alten Marxisten hatten eine nationale Bürokratie stets als ein Überbleibsel des Rückschritts, als Rest der alten Gesellschaft betrachtet. Für die Mitkämpfer Lenins war der Sozialismus eine internationale Angelegenheit und untrennbar mit der Einsicht verbunden, dass mit erfolgreichem Voranschreiten der internationalen Revolution die Bürokratie als Polizist, der den Mangel verwaltet, verschwinden würde. Im gleichen Maße, wie die breite Bevölkerung in die Lage gesetzt sei, selbst für die Weiterentwicklung der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen, würde auch der Staatsapparat seine Existenzgrundlage verlieren.

Im Gegensatz dazu wurde in der stalinistischen Sowjetunion wie in der DDR dem Ausbau des Staatsapparates große Aufmerksamkeit gewidmet. Alles, was die Machtstellung der SED-Bürokratie untergraben konnte, wurde als etwas bekämpft, was objektiv dem Erhalt des Kapitalismus nütze. So erfolgte eine Aufrüstung des DDR-Sicherheitsapparates nach der Niederschlagung des Aufstandes vom 17. Juni 1953. Die SED organisierte in den Betrieben Kampfgruppen, und der Ausbau der Stasi wurde weiter vorangetrieben. Den Arbeitern warf man Verantwortungslosigkeit vor. Ihr öffentliches Rebellieren würde objektiv rechte Kräfte stärken, hieß es.

Mit Hilfe ihrer nationalistischen Ideologie übte die SED auf die einfache DDR-Bevölkerung moralischen Druck aus und erzeugte Schuldgefühle. Politische Gleichgültigkeit, mangelnde Überzeugung für die Ideale des Sozialismus, Sabotage und Spione hielten als Begründung für soziale und ökonomische Probleme her, deren Haupthindernis die Existenz der Bürokratie selbst war.

Ein DDR-Bürger, der die SED akzeptierte, selbst wenn er ihr gegenüber kritisch eingestellt war, konnte nicht wirklich nein zur Stasi sagen, die als "Schild und Schwert der Partei" die Diktatur der SED schützte, deren Funktionäre sich als Kommunisten betrachteten, dabei jedoch der Bevölkerung aus tiefster politischer Überzeugung nicht die primitivsten demokratischen Rechte zugestanden.

Bis zum Schluss hatte es die SED nicht geschafft, die Bevölkerung für den "DDR-Sozialismus" zu begeistern. Die pessimistischen Äußerungen des Stasimanns und sein Katzenjammer von 1989 sind ein Hinweis auf die politische Demoralisierung innerhalb der SED, die sich hinter dem offiziellen "historischen" Optimismus zu verstecken suchte.

S. bereut nichts. Bis zum Schluss hält er an seinen Überzeugungen fest. Zu sozialistischer Politik gehörte für ihn völlig selbstverständlich, "das Land flächendeckend zu kontrollieren." Er verspürt auch im Nachhinein keinerlei Schuldbewusstsein gegenüber der DDR-Bevölkerung. Im Gegenteil. S. ist allen Ernstes der Auffassung, die Wende habe nur aus dem Grund stattgefunden, weil die 100prozentige Überwachung nicht gelang. Ansonsten wären die Gegner alle interniert geworden.

Auch jetzt ist S. noch entrüstet über die Leute, die in der DDR Unruhe in die Bevölkerung brachten, anstatt das interne Gespräch zu suchen und sich mit Kritik vertrauensvoll an die staatlichen Stellen zu wenden, wie z. B. an die Stasi. Man sei schließlich offen für konstruktive Vorschläge gewesen.

Eine Sequenz zeigt den Ersten Sekretär der Berliner SED, Günter Schabowski, in "vertrauensvollem" Gespräch mit Demonstranten während der Wende. Die Leute sind entrüstet über das Sicherheitsaufgebot. Der SED-Funktionär erläutert einer skeptisch schauenden jungen Frau, dass dies normal sei bei staatsfeindlichen Aktionen. Schließlich gebe es Gesetze, die von den Bürgern eingehalten werden müssten. Daher sei es so wichtig, jetzt den Dialog zu führen.

Es ärgert S., dass in der Zeit, in der alles von Reformen spricht, der Reformwille der Stasi von keiner Seite gewürdigt wird. Weil hochrangige SED-Funktionäre ihre Ideen verrieten, werde plötzlich die Stasi für alles verantwortlich gemacht. Er habe sich persönlich geärgert, so viele bekannte Gesichter, allesamt abtrünnige Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi (IM), in der Bürgerbewegung zu sehen, die ihn jetzt in die Arbeitslosigkeit schickten, als ob man sich vorher nie gekannt hätte. Deren hektisches Bestreben, die Kontrolle über die Stasiunterlagen zu bekommen, sei ihm völlig verständlich gewesen.

Die ganze Empörung über die Stasi hält S. für lächerlich. Jeder wisse schließlich, dass auch ein bürgerlicher Staat seinen Geheimdienst hat. Immer hätte die Stasi neidisch auf westliche Länder geschielt, wo die modernere Technik es ermöglichte, mit weniger Personal mehr Menschen zu überwachen, als in der DDR. Er ist davon überzeugt, dass Leute mit seinen Erfahrungen noch gebraucht würden. "Bald wird die neue Regierung, die gestern noch eine Untergrundorganisation war, nach einem Apparat rufen, der sie schützt vor Terroristen."

Eine Gesellschaft ohne Überwachung der Bevölkerung durch den Staat entzieht sich der Vorstellungskraft von S. Als die Mauer fällt, äußert er entgeistert: "Es ist unvorstellbar, dass es keine Sicherheit mehr geben soll. (...) nichts wird mehr kontrolliert."

Der Film verwendet sehr viel Archivmaterial, darunter Arbeitsaufnahmen der Stasi aus der ehemaligen Gauck-Behörde. Eine Weile ist da ein gewisser Kitzel, den verborgenen Stasifilmer noch zu spüren, die Welt durch sein Auge zu sehen, quasi in seinem Auto zu sitzen oder in seinem Dienstsessel. Das führt aber zu keinen neuen Erkenntnissen und ermüdet mit der Zeit.

Die Welt durch die Beobachtungskameras sieht sehr banal aus. Wir sehen alltägliche Straßenszenen, Passanten, die zufällig vorbeikommen. Eine alte Frau geht zum Briefkasten. Eine andere kommt offenbar vom Einkauf, wobei der anonyme Filmer den prallen Beutel heranzoomt. Man hat den Eindruck, da werden routinemäßig und wahllos ganz gewöhnliche Menschen beobachtet. Man verspürt Unbehagen, weil man es in dieser Situation auch selbst hätte sein können.

Einige Sequenzen im Film sind eindrucksvoll. Sie zeigen die kalte Verachtung des Regimes und die von ihm so selbstverständlich gehandhabte Bevormundung der Bevölkerung besonders deutlich. Es sind beklemmende Aufnahmen von Verhören, die sich im Gedächtnis festsetzen. Eine Archivaufnahme zeigt, wie Stasileute heimlich in eine Wohnung eindringen, eine Aktentasche durchsuchen. Schließlich steht der Filmer im Schlafzimmer vor dem ehelichen Bett.

Es war den Filmemachern ein Anliegen, eine Brücke zur Gegenwart zu schlagen. Ihr Film warnt vor heutigen diktatorischen Tendenzen. Der Beginn zeigt die Welt voller Überwachungskameras und Beobachtungsmonitore. Aus einem Gewirr von Stimmen hört man einige Politiker, wie Blair, Bush und Chirac heraus. "Die Welt wird dadurch sicherer", tönt eine deutsche Stimme.

Der "Totalitarismus" steckt "auch in der heutigen Welt, vielleicht sogar in der Demokratie" erklärt der Regisseur. "Krieg gegen den Terrorismus, Vernichtung des Feindes, Schutz der Heimat, Glück des Volkes..." - Alle diese Phrasen, die wir heute oft hören, finden sich original in den Stasi-Akten!"

Diese Hinweise auf einen heute sich entwickelnden "Überwachungsstaat" sind aber eher belanglos, wenn die sozialen, politischen und ökonomischen Kräfte nicht deutlich gemacht werden, die bei seiner Errichtung am Werk sind. Bürokratien und "irgendwelche totalitäre(n) Reden, die gegen das Menschliche sind", stellen Symptome dar, die sich recht unverbindlich auf vielerlei subjektive und abstrakte Art interpretieren lassen.

Sivans Film beinhaltet, wie schon Ein Spezialist, ein Bekenntnis zu Hannah Ahrendt. Eine Theorie des Totalitarismus, die einfach oberflächliche Erscheinungsformen einer Gesellschaft mit einer anderen vergleicht, ermöglicht jedoch kein Verständnis der gesellschaftlichen Entwicklung.