Michael Moores Beitrag

Fahrenheit 9/11, Drehbuch und Regie von Michael Moore

Von David Walsh
17. Juli 2004

Michael Moores Dokumentation Fahrenheit 9/11 ermöglichte vielen Menschen in den USA, ihrer Ablehnung des Irakkriegs und ihrer grundsätzlichen Verachtung für die Politik der Bush-Regierung und des Establishments sowie der Medien Ausdruck zu verleihen. Mehr als drei Millionen besuchten in den USA den Film während des ersten Wochenendes und überall hieß es, dass er überwältigend gut aufgenommen wurde.

Die Premiere des Films in Nordamerika war kein inszeniertes, sondern ein tatsächliches politisches Ereignis. Das ist außergewöhnlich für ein Land, in dem das offizielle politische Leben seit Jahrzehnten drehbuchartig und in den engsten Bahnen abläuft.

Der Kauf einer Kinokarte bot vielen Menschen unverhofft eine Möglichkeit, ihre Unzufriedenheit öffentlich zu demonstrieren. Sichtbar wurde, dass Millionen in den USA die kriminelle Politik der Regierung ablehnen, was in den öffentlichen Medien überhaupt nicht auftaucht.

Das ist sehr bedeutend: Die öffentliche Wirkung des Films demaskiert die amerikanischen Medien und ihre führenden Köpfe. Der große Andrang an den Kinokassen - völlig neu für Dokumentarfilme - zeigt die Verlogenheit, die in der Behauptung der Popularität des "Kriegspräsidenten" und seinem Regime liegt. Wie Abraham Lincoln sagte, ist es unmöglich, alle Menschen ewig zum Narren zu halten.

Wie konnte eine große Opposition gegen den Krieg existieren, die durch die Medien vollständig "übersehen" wurde? Warum wurde diese Opposition selbst nach den großen Demonstrationen im Februar 2003 totgeschwiegen bis das große Interesse an Fahrenheit 9/11 deutlich machte, dass diese Opposition ein wesentlicher Faktor des gesellschaftlichen Lebens in den USA ist? Wie war es möglich, dass die Medien, die "liberalen" eingeschlossen, völlig darüber hinweggehen, dass Bush eine reaktionäre Null ist, ein moralischer Eunuch, der mit jedem Wort und allem was er tut, der Unternehmenselite dient

Die große Resonanz auf Moores Film belegt, dass sich in den USA eine Radikalisierung entwickelt, die weit reichende Folgen hat.

Die Millionen Zuschauer in den Kinos wurden nicht getäuscht. Fahrenheit 9/11 ist ein bewundernswerter Film, außerordentlich in verschiedener Hinsicht. Er strahlt bemerkenswerte und von Herzen kommende Aufrichtigkeit aus. Moore ist ein begabter Filmproduzent mit Intuition, Kraft und Courage.

Auch wenn man die durchaus erkennbaren Schwächen des Films berücksichtigt, sollte man den Film in einen bestimmten Zusammenhang einordnen. Kann man Moore einen Vorwurf machen, wenn Fahrenheit 9/11 zu viele Fragen berührt und keine davon mit ausreichender Gründlichkeit beantwortet? Gäbe es einen solchen Mangel an ernsthafter Information, wenn die US-Medien mit ihren enormen technologischen Mitteln die Ereignisse mit etwas mehr Ehrlichkeit behandelt hätten? Bestünde Moores Versuch alles aufzudecken auch, wenn die offiziellen Medien wenigstens etwas untersucht und aufgedeckt hätten?

Moores rechte Kritiker werfen ihm "Egoismus" und einen Hang zur "Selbstüberschätzung" vor. Da er den Mut aufbringt, eben die Kräfte herauszufordern, die bereits so viele andere einschüchterten oder korrumpierten, ereifern die Rechten sich über seine "Dreistigkeit". Moores Werk trug dazu bei zu zeigen, dass eine breite soziale Schicht der Wählerschaft unterdrückt und zum Schweigen gebracht wurde.

Zahlreiche Journalisten, als Teil der amerikanischen Intelligenz, stecken im Pfuhl der Käuflichkeit und Korruption. Das zentrale Ziel der Medien in den letzten Jahren, auf das sie ihre Energie konzentrierten, war Mittel und Wege zu finden die Bevölkerung daran zu hindern, die Wahrheit über die Gesellschaft und die Regierung herauszufinden.

Dass ein Angriffskrieg mit Zehntausenden Toten und möglicherweise noch katastrophalen Nachwirkungen auf der Grundlage offensichtlicher Lügen so leicht durchgesetzt werden konnte, ohne dass sich in den amerikanischen Medien nicht eine einzige Stimme dagegen erhob, ist verbrecherisch. Dafür müssen die Medienmogule und ihre hoch bezahlten Helfershelfer in den Nachrichtenagenturen verantwortlich gemacht werden.

In diesem Zusammenhang muss man Moores politische Schwächen einordnen, seine Weigerung mit der Demokratischen Partei zu brechen, sein populistischer Appell und seine Fixierung auf Bush. Weite Teile des linksliberalen Milieu Amerikas sind in den letzten Jahren zusammengebrochen, bereicherten sich, wandten sich den Rechten zu und zeigten eine zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber den Nöten breiter Schichten der Bevölkerung. Moore ist hierin eine Ausnahmeerscheinung: Er besitzt echtes Mitgefühl für die Lage der Unterdrückten.

Die Wahlen 2000 und darüber hinaus

Moore (Roger&Me, Bowling for Columbine) eröffnet den Film mit einem Vorspann über die von der Bush-Clique gestohlene Wahl 2000 und die Weigerung des demokratischen Kandidaten Al Gore gegen diesen Raub anzugehen. Bush bezieht trotz aller Proteste das Oval Office und fährt als erstes unverzüglich in die Ferien.

Nach einigen Bildern von Beamten der neuen Regierung, die sich der Öffentlichkeit präsentieren, wird der Bildschirm schwarz und man hört Tonaufnahmen der Terroranschläge des 11. Septembers 2001. Anschließend werden Bilder von Menschen gezeigt, die mit erstarrten Gesichtern von den Straßen nach oben sehen. Es folgen außergewöhnliche Filmaufnahmen von George W. Bush. Nachdem er die Informationen über den zweiten Angriff auf das World Trade Center erhalten hat, sitzt der Präsident in einem Klassenzimmer und liest für etwa sieben Minuten weiter in einem Kinderbuch. Er sieht aus wie ein Mann, der nicht weiß was er tun soll.

Moore zeigt völlig richtig, wie die Bush-Regierung nach dem 11. September vorsätzlich den Eindruck vermittelte, dass Saddam Hussein in die Anschläge verwickelt sei, obwohl es dafür keinerlei Hinweise gab und der Irak die USA niemals angegriffen hatte.

Einen großen Teil des Films verwendet Moore auf die Darstellung der weitreichenden Verbindungen zwischen der Familie Bush und der herrschenden saudischen Elite. Diese Verbindungen existieren und sind bedeutsam. Das Argument, dass die Außenpolitik der USA durch handfeste Interessen - Öl, Profite und Gier - bestimmt wird, ist gewiss ein gutes Gegengift zum Gerede von der "Befreiung" des Irak und der "Demokratisierung" des Mittleren Ostens, die man in den Nahen Osten bringen möchte. Aber in diesem Teil des Films macht Moore auch seinen wirklich schwerwiegendsten Fehler.

Fahrenheit 9/11 stellt die saudischen Herrscher letztendlich als Meister der Manipulation, ja sogar als Kontrolleure der Bush-Regierung dar. Das verdreht die Tatsachen. Die Vorstellung, "reiche Araber" könnten in den USA die Macht übernehmen oder hätten zumindest einen ungebührlich hohen Einfluss auf die amerikanische Gesellschaft, wird wohl kaum dazu beitragen, das politische und kulturelle Bewusstsein der amerikanischen Bevölkerung anzuheben. Der amerikanische Imperialismus ist rücksichtslos, kriminell und raubgierig. Die Saudische Monarchie ist Teilhaber und Marionette der US-Interessen, kein unabhängiger Akteur - egal wie groß ihr Reichtum ist.

Hier wählte der Regisseur den Weg des geringsten Widerstandes. Er erlag der Verlockung der leichten Erklärung, statt eine gründliche Analyse anzubieten. Diese Schwäche tritt im Film noch häufiger zutage.

Nachdem er seine Version der Hintergründe des 11. September dargelegt hat, die entlarvende Bilder von offiziellen Vertretern der Taliban beinhaltet, wie sie in den USA über ein neues Pipeline-Geschäft verhandelten, stellt Moore dar, wie die Bush-Regierung die tragischen Tode von New York und Washington dazu benutzte, ihre eigenen, unheilvollen politischen Ziele durchzusetzen.

Der im Kongress verabschiedete Patriot Act beinhaltete viele repressive Gesetze, die von ultra-rechten Kräften und den Vollzugsbehörden schon lange gefordert wurden. Der demokratische Kongressabgeordnete Jim Mc Dermott (Washington) erklärte, der 11. September sei "die Chance etwas zu tun" und die Bush-Regierung nutzte die Gunst der Stunde um - mit der vollen Unterstützung der Demokraten - im Kongress einen beispiellosen Angriff auf demokratische Rechte in Gang zu setzen. Moore beleuchtet dann einige der eher absurden Aktionen des FBI gegen gänzlich gesetzestreue Bürger.

Fahrenheit 9/11 stellt die Folgen des aggressiven Kriegs gegen den Irak im Jahr 2003 anschaulich dar: er zeigt die Leichen kleiner irakischer Kinder (dazu hört man den unerträglichen Donald Rumsfeld über "die Vorsicht, die Humanität, die unsere Kriegführung begleitet" prahlen), zerstörte Familien, verstörte Frauen und Kinder in einem Haus, in das nachts US-Soldaten eingedrungen waren. Der Film stellt die Litanei der Lügen der Bush-Administration über "Massenvernichtungswaffen" und die "irakischen Verbindungen zu Al Quaida" prägnant dar. Ferner klagt er die Parteiführung der Demokraten für die Unterstützung des Kriegs und die Massenmedien für ihre völlig unkritische Verbreitung der Regierungs-Lügen an.

Die besten Teile des Films sind fraglos jene, die in Moores Heimatstadt, in Flint/Michigan, aufgenommen wurden. Der Filmemacher kommt hier auf das zurück, was er am besten kennt. Hier bekommt der Film einen anderen Charakter und zeigt mehr als das Niveau "linker" Mittelklasse-Dokumentationen. Hier kommen die kritischen sozialen und Klassenfragen in scharfer und überzeugender Weise auf.

Wir erfahren, dass Flint, einst die Stadt des Autoriesen General Motors, heute eine Arbeitslosenrate von etwa 50 Prozent hat. Ein junger Mann erklärt, die Bilder der bombardierten Städte des Irak erinnerten ihn an sein hiesiges Wohnviertel. Die Bilder von den mit Brettern vernagelten Häusern und den verwüsteten, verarmten Wohnvierteln geben ihm Recht.

Fahrenheit 9/ 11 macht den Punkt, dass diejenigen, die sich "freiwillig" zum Dienst in der US-Armee melden, eigentlich ökonomische Wehrpflichtige sind. Erschreckende Lebensumstände zwängen sie, ihr Leben in der Hoffnung auf irgendeine Berufsausbildung aufs Spiel zu setzen. Moore fragt eine Gruppe junger Schwarzer, wer von ihnen Familienangehörige beim Militär habe. Fast jeder hob die Hand.

In einer der aufschlussreichsten Szenen des Films werden zwei Rekrutenwerber der Marine gezeigt, wie sie in einem Einkaufszentrum in einer verarmten Wohngegend zynisch bemüht sind, brauchbare Rekruten zu werben oder zumindest irgendjemand übertölpeln zu können, um an seinen Namen und Adresse zu kommen.

Moore richtet die Aufmerksamkeit auch auf die moralische und gefühlsmäßige Situation der Soldaten, die in den Irak geschickt wurden. Sein Bild davon ist vielschichtig: wir sehen US-Soldaten die die irakische Bevölkerung terrorisieren, Gefangene beschimpfen und demütigen und ein psychisch gestörtes Verhalten an den Tag legen ("Es ist der ultimative Kick", wenn man während eines Überfalls heavy-metal-Musik hört, sagt ein Soldat). All das sind die unvermeidlichen Konsequenzen brutaler und brutalisierender kolonialer Kriegführung. Dann sehen wir Soldaten, die über ihre Situation und ihre eigenen Handlungen nachdenken, die Scham und Schuldgefühle äußern. Ein junger Soldat sagt in die Kamera: "Ein Teil unserer Seele ist gestorben, weil wir fremdes Leben auslöschten." Ein anderer sagte: "Wenn Rumsfeld hier wäre, würde ich ihn zum Rücktritt auffordern."

Grauenhafte Szenen von amerikanischen Kriegsveteranen aus der Walter-Reed-Klinik in Washington, überwiegend Jugendliche - fast noch Kinder - ohne Beine, Hände oder Arme, werden durch Bilder des strahlenden George W. Bush unterbrochen, der sich an einen bonzenhaften Fondsmanager wendet und unter donnerndem Applaus und Gelächter erklärt: "Dies hier ist eine Versammlung der Besitzenden und der viel Besitzenden. Es gibt Leute, die Euch als die Elite bezeichnen, ich jedoch sehe in Euch meine Basis."

Eine Konferenz über die aus dem Irakkrieg zu erwartenden Profite bringt die großen und kleinen Hyänen aus den Unternehmen zusammen. "Dort kann man Milliarden von Milliarden Dollars machen" wird ihnen vom Podium zugerufen. Der Krieg, stellt ein Teilnehmer fest, ist "gut für das Geschäft, schlecht für das Volk."

Fahrenheit 9/11 hält eine herzzerreißende Wirklichkeit fest. Als Teil seiner Untersuchung der ökonomischen Bedingungen in Flint interviewt Moore Lila Lipscomb von dem Berufsberatungszentrum Career Alliance. Lipscomb beschreibt sich selbst als "konservative Demokratin" und "fahnenschwenkende Patriotin". Ihr Sohn ist als Soldat im Irak stationiert. Beim ersten Besuch unterstützte sie den Irakkrieg vorbehaltlos.

Beim nächsten Besuch hatte sich eine Tragödie ereignet. Ihr Sohn war im Irak gefallen. In einer entschlossenen und aufrichtigen Art begann Lipscomb ihren früheren, undurchdachten Patriotismus und ihr Vertrauen in die Regierung zu hinterfragen. Zunehmend wurde sie sich über die Unehrlichkeit bewusst, mit der die Regierung das Land in den Krieg führte. Vor dem Weißen Haus tritt sie einem Kriegsbefürworter entgegen, der Moore beschuldigt, ihre Begegnung mit einer protestierenden irakischen Frau inszeniert zu haben.

Am Ende des Films liest Lipscomb aus dem letzten Brief ihres Sohnes vor. Er verurteilt den Krieg: "Was in aller Welt ist mit Bush los, versucht er genauso zu sein wie sein Vater?... Ich hoffe wirklich, dass sie den Kerl nicht wiederwählen werden." Ihr Ehemann fragt rhetorisch: "[er starb] wofür? wofür?" Es ist eine tiefe und bewegende Szene.

Im abschließenden Off-Text wendet sich Moore nachdrücklich den sozialen Fragen zu und wiederholt die Tatsache, dass es die Söhne und Töchter der Arbeiterklasse sind, die einen Krieg führen müssen, der den Reichen nützt. Er schließt mit einem Zitat des britischen Autoren George Orwell: "Der Zweck des Krieges ist nicht der Sieg, sondern der Krieg selbst...die Hierarchie der Gesellschaft ist nur auf der Grundlage von Armut und Unwissenheit aufrecht zu erhalten. Im Grunde ist der Krieg notwendig, um die Gesellschaft am Rand des Verhungerns zu halten. Der Krieg wird von der herrschenden Schicht gegen ihre eigenen Untertanen geführt und sein Zweck ist nicht der Sieg... sondern die Struktur der Gesellschaft aufrecht zu erhalten."

Fahrenheit 9/11 endet - auch wenn diese Worte nicht benutzt werden - mit einer leidenschaftlichen Anklage gegen das kapitalistische System und die Art und Weise, wie es die sozialen Spannungen insbesondere durch den imperialistischen Krieg reguliert. Das ist für einen Film mit Massenpublikum ein außergewöhnliches Material - tatsächlich sogar für jeden zeitgenössischen Film. Man erwartet einen Kassenrekord von etwa 100 Millionen Dollar. Diese Zahl kursiert inzwischen und wenn sie sich bestätigt, bedeutet es, dass etwa 15 Millionen Menschen in den USA oder, anders gesagt, eine von 15 Personen über dem 14. Lebensjahr den Film sehen werden. So gesehen darf es kaum wundern, dass einige rasende Rechte darauf drängen, dass die Kinos daran gehindert werden sollen den Film zu zeigen.

Das beste an Moores Film ist, dass er den Unmut über die soziale Lage in den USA artikuliert und vertieft, der letzten Endes einen politischen Ausdruck finden muss - wenn auch nicht nach den Vorstellungen des Filmemachers selbst.

Kunst und Politik

In Interviews betonte Moore immer wieder, dass er zuerst und vor allem ein Künstler und ein Filmemacher sei. Dies wird im allgemeinen als eine unaufrichtige und ausweichende Bemerkung dargestellt. Vielleicht steht dahinter auch der Versuch, Beschuldigungen der Parteinahme in der bevorstehenden Wahlkampagne aus dem Weg zu gehen und auf diese Weise ein breiteres Publikum für seinen Film zu erreichen. Der Dokumentarfilmer hat jedoch, beabsichtigt oder nicht, eine wichtige Frage angesprochen.

Für einen Politiker und Kommentator ist Moore beklagenswert inkonsequent. Beispielsweise schwankt er zwischen scharfer Anklage der Demokraten für ihre Rückgratlosigkeit und Appellen an ihre traditionellen Unterstützer, die Partei wieder zu übernehmen. Anfang dieses Jahres unterstützte Moore die Kandidatur des ehemaligen Generals Wesley Clark zum demokratischen Präsidentschaftsanwärter. Clark war während des brutalen Überfalls auf Serbien Kommandant der NATO-Streitkräfte. Hier zeigte sich deutlich die schwache, pragmatische und oberflächliche Seite Moores.

Als ehrlicher Künstler ist Moore jedoch gezwungen, die Grenzen seiner bewussten politischen Anschauungen zu überschreiten. Künstlerisches Schaffen hat einen solchen Charakter. Sein Film unterstützt keinesfalls die Führung der Demokratischen Partei. Untersucht man die Geschichte der vergangenen vier Jahre, so stellt man fest, dass Moore die Demokraten hauptsächlich als Teil der Zweiparteien-Strategie zeigt, die dem Bedürfnis der herrschenden amerikanischen Elite nach weltweiter Hegemonie dient.

Wenn sich Moore mit Städten wie Flint beschäftigt, muss er zugeben, dass es innerhalb der gegenwärtigen sozialen und ökonomischen Ordnung keine Zukunft für die jungen Menschen aus der Arbeiterklasse gibt. Gleichfalls argumentiert er überzeugend, dass der imperialistische Krieg die Armut ausnutzt, um Kanonenfutter zu finden, und gleichzeitig ein Sicherheitsventil für die Klassenkämpfe zu Haus darstellt. Die Implikationen solcher Einsichten sind revolutionär.

Bei der Schaffung eines Werks, das direkt historische und politische Fragen behandelt, kann natürlich auch der aufrichtigste Künstler seine eigenen Beschränkungen niemals vollständig überwinden. Ungeklärte Fragen werden sich unvermeidlich in seinem Werk widerspiegeln - und das zeigt sich in Moores Film.

In Fahrenheit 9/11 existiert eine Spannung zwischen der nüchternen und überlegten Art der Teile, die Flint behandeln, und der oberflächlichen, irritierend-witzigen, fast anmaßenden Momente. Es gibt eine Spannung zwischen der tiefen Sympathie für die arbeitende Bevölkerung in Amerika und einer angepassten Orientierung auf den kompromittierten Flügel der Demokraten, einer der Parteien der großen Geschäftswelt Amerikas. Es gibt eine Spannung zwischen sozialistischen Ansichten, die allen Formen des ethnischen und nationalen Chauvinismus feindlich gegenübersteht, und amerikanischer populistischer Demagogie, die sich auf engstirnige Vorurteile stützt.

Ein methodisches und ästhetisches Problem des Films ist, dass er dort endet, wo er beginnen sollte. Der Fokus liegt nicht auf Saudi Arabien und dem Vermögen der Familie Bush, sondern auf den Szenen in den USA, in Michigan. Die Gräuel im Irak sind nicht in erster Linie das Ergebnis der Gier und Dummheit Bushs. Sie sind vielmehr ein Produkt der sozialen Widersprüche der amerikanischen Gesellschaft als Ganzes.

Was in Moores Film gänzlich fehlt ist eine ernsthaftere und folgerichtige Analyse der Art von Gesellschaft, in der so etwas Monströses wie der Irakkrieg heranreifen konnte. Die politisch verantwortlichen Personen, die stets passende Lügen produzieren um imperialistische Invasionen zu rechtfertigen, sind nebensächlich. Ob Bush, Gore oder Kerry - der Drang der USA zur Weltherrschaft wird bleiben. Die Dämonisierung Bushs kann aber als Mittel missbraucht werden, um folgendem schwierigen Fakt auszuweichen: Dem historischen und gesellschaftlichen Bankrott des amerikanischen Kapitalismus, den der Film Moores offen andeutet.

Das Dilemma des Filmemachers ist nicht nur sein eigenes. Moore hat die bitteren Erfahrungen der arbeitenden Bevölkerung in Flint in den 70er und 80er Jahren durchlebt, die sich in den ganzen Vereinigten Staaten wiederholten: die um sich greifende Rationalisierung, der Verrat der Gewerkschaften, die die Arbeiter ihrem Schicksal überließen, der katastrophale Niedergang der Wirtschaft und alle mit diesen Prozessen verbundenen sozialen und moralischen Konsequenzen. Die Begrenztheit dieser Erfahrung und seine eigene Begrenztheit sind verbunden mit ungelösten politischen Problemen, denen die Arbeiterklasse Amerikas gegenübersteht. Dazu gehören der Charakter der Gewerkschaften, die Natur der Demokratischen Partei und die historische Rolle des Liberalismus.

Wohin wird sich Moore entwickeln? Unserer Meinung nach wird seine weitere Entwicklung als Künstler davon abhängen, wie er sich intellektuell und politisch weiterentwickelt. Zuallererst ist damit der bewusste Zugang zu seinen eigenen, tieferliegenden sozialistischen Einstellungen gemeint. Eine offene und tiefgehende Kritik des amerikanischen Kapitalismus ist unumgänglich, damit er nicht auf der Stelle tritt, oder im schlimmsten Fall zurückfällt und sein Werk für Zwecke missbraucht findet, die seinen tiefsten Überzeugungen widersprechen.

Moore hat offensichtlich einen beträchtlichen Umfang an Recherche- und Denkarbeit geleistet. Auf dieser Grundlage machte er mit seinem Film einen bedeutenden Schritt vorwärts. Er ist sehr weit gekommen. Man sollte hoffen, dass er die Widersprüche in seinem Denken und seinem künstlerischen Schaffen lösen wird.