Michael Moores Fahrenheit 9/11 erzielt Rekord-Besucherzahlen

Von David Walsh
17. Juli 2004

Bereits in den ersten Tagen nach seiner Premiere in den US-amerikanischen Kinos konnte Michael Moores Dokumentarfilm Fahrenheit 9/11, eine Anklage gegen die Bush-Regierung, Besucherrekorde verzeichnen. Der Film, gleichermaßen Gegenstand großer Erwartungen wie auch maßloser rechter Angriffe, spielte in den beiden New-Yorker-Premierekinos Tagesrekorde ein.

Die Einnahmen beliefen sich im Kino Loew' Village 7 in Manhattan auf 49.000$ und brachen damit den Rekord des Kassenschlagers Men in Black. Im Lincoln Plaza Theater waren es 30.000$ und Fahrenheit 9/11 lief dort Tiger and Dragon den Rang ab. Dieser Erfolg wiederholte sich landesweit, als der Film am folgenden Wochenende in den USA und Kanada startete. Fahrenheit 9/11 übertraf alle anderen anlaufenden Filme, und dass, obwohl er nur in der verhältnismäßig geringen Anzahl von 868 Kinos gezeigt wurde, von denen viele kleinere Programmkinos waren. Insgesamt beliefen sich die Einnahmen an den Kinokassen auf 21,8 Mio $. Der zweitbestbesuchte Film White Chicks lief in 2.726 Kinos an.

Damit hält Moores neuer Dokumentarfilm binnen drei Tagen den Einnahmenrekord in der Sparte der Dokumentationen, vor Bowling for Columbine, das die gleichen Zahlen erst nach 10 Monaten Laufzeit aufwies. Analysten rechnen mit etwas 100 Mio. $ Gesamteinnahmen, für Dokumentationen eine beträchtliche Summe.

Paul Dergarabedian, Präsident einer Institution, die Einspielsummen statistisch auswertet, zeigte sich besonders durch die Einnahmen pro Kino von 25.115 $ beeindruckt: "Diese Zahlen sind erstaunlich. Solche Größenordnungen erzielen sonst nur Kassenschlager." Fahrenheit 9/11 ist der besucherstärkste Film, der je in weniger als 1000 Kinos anlief.

Damit werden auch die Vorhersagen der Filmindustrie widerlegt. Es war die Rede von einer Zweit- oder Drittplazierung hinter den kommerziellen Komödien White Chicks oder Dodgeball (der in 3020 Kinos startete). Ein Angestellter der Produzenten von White Chicks äußerte gegenüber der New York Times : "Dieser Film kam aus dem Nichts."

Tom Ortenberg, Mitarbeiter bei Lions Gate, einer der Firmen, die den Verleih von Fahrenheit 9/11 übernahmen (nachdem sich Miramax auf Disneys Befehl zurückgezogen hatte), sagte in einer Pressekonferenz von Sonntag: "Wir liegen offenbar in jedem Kino, in dem der Film gezeigt wird, an erster Stelle."

"Der Film läuft sowohl in den roten als auch in den blauen Staaten (Anspielung auf die demokratisch oder republikanisch regierten Bundesstaaten der USA) sehr gut, unerheblich ob in kleinen oder großen Städten. Gleichgültig ob in Peoria, Illinois oder in Fayetteville, North Carolina. Ich ziehe meinen Hut vor Michael Moore."

Ortenberg führt an, dass sich in Fayetteville Fort Bragg befindet, und betont: "Sogar ausverkauft in Städten mit Armee-Stützpunkten. Dort erzielten wir sogar manche Hausrekorde der ansässigen Kinos oder Tageshöchsteinnahmen. In Greensboro, North Carolina, ernteten wir stehende Ovationen. Gerade republikanische Staaten begrüßen den Film. Er ist in traditionellen republikanischen Hochburgen ausverkauft.".

Moore äußerte sich über die Zahlen in den Medien: "Die Zahlen sind Wahnsinn. Die Prognosen, dass der Film nur die Gegner Bushs ansprechen werde, haben sich nicht bestätigt." Er stellt zu Recht fest, dass Fahrenheit teilweise die Gespräche am Premierenwochenende beherrschte.

Zuschauerbefragungen in 15 Städten ergaben, dass 91 % den Film "ausgezeichnet" fanden, 93 % würden den Film unbedingt weiterempfehlen. Diese Ergebnisse kommentierte Ortenberg als die "besten, die er je zu Gesicht bekommen" habe. Die Befragten gehörten der Altersgruppe zwischen 25 und 34 Jahren an.

Der Verleih wurde am kommenden Wochenende um einige hundert Kinos erweitert und stand somit in Konkurrenz zu Spiderman II. Moore witzelte: "Wir freuen uns, gemeinsam mit Spiderman Wahrheit und Gerechtigkeit über Amerika zu bringen."

Diese intensiven Reaktionen auf Fahrenheit 9/11 stellen ein politisches Phänomen dar, welches das Gerüst der Lügen und Unwahrheiten der US-Medien und des politischen Establishment, die Demokratische Partei inbegriffen, erschüttert. Ein für allemal werden die durch die Medien lancierten Behauptungen revidiert, dass Bush ein populäre Figur sei, der Irakkrieg die Unterstützung der amerikanischen Bevölkerung genieße und dass ein rechter politischer Konsens in den USA existiere. Solche Manipulationen wurden gebraucht, um die Opposition einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Die Anti-Kriegsbewegung war von den Medien und der Öffentlichkeit völlig abgeschnitten, was den Eindruck entstehen lassen sollte, dass es sich lediglich um kleine und isolierte Gruppen handele. Den Besuchern von Moores Film wird verdeutlicht, dass viele andere Menschen die Feindseligkeit gegenüber Krieg und der Politik der US-Regierung teilen. Die Kommentare in Zeitungen aus allen Teilen der USA vermitteln einen Eindruck über den Einfluss des Films und seiner Aufdeckung der US-Außenpolitik.

Ein Kinobesucher aus Alabama berichtete, dass das örtliche mobile Kino zum Bersten voll gewesen sei, obwohl er wie er sagte aus einer Gegend stamme, "in der sogar die Liberalen konservativ" seien. Er fügte hinzu: "Es geschah etwas, dass ich nie zuvor in einem mobilen Kino erlebt hatte: Als der Abspann lief, erhob sich begeisterter, lauter Applaus. Und ich dachte, ich würde das Kino für mich allein haben..."

In Texas war das Publikum zahlreich und begeistert. Ein texanischer Kinobesucher erzählte den Journalisten: "Ich komme aus Houston, einer Stadt im Herzen des Bush-Lands, und meine gesamte Familie quetschte sich in drei Autos und fuhr zur Premiere. Wir waren sehr überrascht, als das erste Kino ausverkauft war, doch im zweiten Kino fanden wir Platz." Und weiter: "Uns gefiel der Film sehr, denn er gab uns Hoffnung, dass Freiheit und Demokratie im November in dieses Land zurückkehren würden. Die Zuschauer spendeten lange Beifall, als die Vorstellung zu Ende war."

In Washington D.C. stürmten die Zuschauer förmlich die Kinos zur Premiere. In einem Multiplexkino in Georgetown, also im Zentrum der Hauptstadt, wurde der Film in drei Sälen gleichzeitig gezeigt. Die Tickets waren schon Tage zuvor ausverkauft und mancher Zuschauer musste auf dem Boden sitzen.

Anthony Branch, ein 29-jähriger Gastronom, sagte der Washington Post, der Film habe ihm geholfen "zu verstehen, was hier wirklich vorgeht. Mir scheint, er (Bush) lügt ununterbrochen."

Alan Wilenski, ein "glühender Anhänger von Bush und Cheney" erklärte dem New York Newsday gegenüber, dass ihn der Film dazu bewegt habe, "darüber nachzudenken, was hier passiert. Vieles muss überdacht werden."

"Der Film verspottet nicht die Regierung, sondern sagt die Wahrheit.", äußerte der 68-jährige Richard Arrucci aus Dix Hills im Newsday. "Ich hoffe, dass viele Leute den Film sehen, und dass er den Ausgang der Wahlen beeinflusst." Über Michael Moore äußerte Suzanne Defree, 26, aus East Northport: "Ich traue Michael Moore mehr als dem Präsidenten, obwohl er nicht für die Republikaner ist."

Der Journalist Eugene Hernandez von indieWIRE schrieb: "Wie in vielen Kinos im Lande sammelten sich auch am Times Square in New York die Menschenmengen am Freitagabend, um den Film anzusehen. Das Kinopersonal wirkte überwältigt von dem großen Andrang. Die Besucher kamen früh und sammelten sich vor den Kinos. Ein Filmvorführer erklärte gegenüber indieWIRE, dass das Kino zusätzliche Vorführungen nach Mitternacht anberaumte, um den Andrang gerecht werden zu können."

Die Lokalzeitung von Wise County im Südwesten von Virginia berichtete: "Die umstrittene Dokumentation Fahrenheit 9/11 von Michael Moore füllte das Cinemall Theater im ländlichen Südwesten. (...)Jede Vorführung im Abingdon Kino endete Berichten zufolge mit anhaltendem Applaus. (...) Das Publikum dort schien durchschnittlich zwischen 40 und 50 Jahren alt zu sein. Ein aufgeregter Besucher erklärte: "Jeder eigenständig denkende Amerikaner sollte diesen Film gesehen haben, bevor er zur Präsidentenwahl geht. Fahrenheit 9/11 stellt Ereignisse der letzten vier Jahre in einen Zusammenhang, vor dem viele Amerikaner bisher zurückschreckten."

Im Cincinnati Enquirer stand zu lesen: "Obwohl Sondervorstellungen an den hiesigen Kinos nicht eingeplant waren, meldeten die Manager der Showcase-Kinos in Western Hills, Kenwood Town Centre und AMC-Kinos in Newport einen großen Andrang."

"Der Film war definitiv die Nummer Eins." So Brandon Ferguson, der Manager von AMC. Das Publikum war gemischt zusammengesetzt, auch wenn die Besucher von Freitag und Samstagnacht ziemlich jung waren. Die Zuschauer lachten, seufzten, spotteten und brachen, als der Film zu Ende war, in begeisterten Applaus aus."

Der Journalist des Des Moines Iowa Register beschreibt eine Vorführung des Films in seiner Stadt folgendermaßen: "Die 500 Sitze des Kinos waren komplett ausverkauft, und nach dem Ende des Films brach die Menge in Applaus und Jubel aus. Eigentlich hatten sie nur den Film Michael Moores zusammen angeschaut und doch herrschte im Saal eine Atmosphäre der Einhelligkeit. So, als hätte jemand das ausgesprochen, was alle gedacht hatten."

Der Seattle Post-Intelligencer berichtete: "Vor dem Neptun-Kino im Universitätsviertel hielten Hunderte Besucher des Films eine Art Zusammenkunft ab. Die Aktivisten konnten ihre Anti-Bush-Buttons blendend absetzen, Unterschriften sammeln und zur Unterstützung ihrer Kampagne aufrufen. Lila Rapcewicz, die eine ausverkaufte Vorstellung am 25. Juni besuchte, sagte der Zeitung nach dem Film: "Es ist, als hätten sich meine Vorahnungen bestätigt. Wir leben wirklich in einer großen Lüge."" Die Zeitung fährt fort:

"Das ganze Neptun brach in schallenden Applaus aus, als nach dem Abspann die Lichter angingen. Es erinnerte an eine Kundgebung, es gab sogar einige Sprechchöre."