Reaktionen auf die französische Geiselkrise

Von Antoine Lerougetel
22. September 2004

Die Reaktion der Bevölkerung Frankreichs - von Nicht-Muslimen wie Muslimen - auf die Entführung der französischen Journalisten Georges Malbrunot und Christian Chesnot durch eine islamisch-fundamentalistische Gruppe im Irak beleuchtet den Gegensatz zwischen den sozialen und demokratischen Bestrebungen der Massen und der Perspektive von Terrorgruppen, die im Namen der "Verteidigung des Islam" mit reaktionären Methoden ihre eigenen Ziele verfolgen.

Malbrunot und Chesnot wurden am 20. August von der Islamischen Armee im Irak als Geiseln genommen. Diese dubiose Gruppe setzte der französischen Regierung eine Frist von 48 Stunden, das Gesetz zu widerrufen, das das Tragen des muslimischen Schleiers an den Schulen verbietet. Das Ultimatum wurde am 26. August um 6.30 Uhr mittels eines von dem arabischen Nachrichtensender Al-Jazeera ausgestrahlten Videos übermittelt. Dem war zu entnehmen, wenn auch nicht ausdrücklich ausgesprochen, dass die Geiseln exekutiert würden, wenn die französische Regierung nicht Folge leiste. Ein zweites Video vom 30. August sprach die Morddrohung gegen die beiden Journalisten unmissverständlich aus.

Die beiden Journalisten haben eine enge Beziehung zum Nahen Osten, haben Bücher zum Irak und zu Palästina geschrieben und genießen wegen ihrer Berichterstattung über die Probleme dieser Völker hohes Ansehen. Sie tragen absolut keine Verantwortung für das Gesetz der französischen Regierung, das den Schleier verbietet. Sie informieren die Menschen als Journalisten über das Geschehen, und in dieser Funktion stehen sie für das demokratische Recht auf Information. Ein Führer des irakischen Widerstands erklärte, ein möglicher Rückzug der ausländischen Medien aus dem Irak könne "nur in die Hände der Besatzer spielen und den Widerstand noch weiter isolieren".

Die französische Öffentlichkeit reagierte mit offener Abscheu. Sowohl Verteidiger wie Gegner des hart umstrittenen Gesetzes gegen das Kopftuch nahmen an Demonstrationen teil und forderten die sofortige Freilassung der beiden Journalisten. Die reaktionären Methoden der Islamischen Armee boten der diskreditierten französischen Regierung von Präsident Jacques Chirac und Premierminister Jean-Pierre Raffarin, wie auch anderen Vertretern des französischen Establishments eine willkommene Gelegenheit, sich als Verkörperung der allgemeinen Empörung über die Geiselnehmer und als Verteidiger demokratischer Rechte hinzustellen.

Am Montag, den 30. August, versammelten sich gegen Abend etwa 3.000 Menschen am Trocadéro in Paris zu einer Versammlung, zu der die Vorsitzenden von Nationalversammlung und Senat gemeinsam aufgerufen hatten. Vertreter aller parlamentarischen Parteien waren zur Stelle, wie auch Minister der Regierung, Führer der Sozialistischen und der Kommunistischen Partei, muslimische und jüdische Würdenträger, der römisch-katholische Kardinal von Paris, sowie zahlreiche Journalisten und auch ganz normale Menschen, unter ihnen muslimische Frauen mit Kopftuch.

Ein kleines Mädchen trug ein Plakat mit der Aufschrift: "Im Namen Gottes, im Namen aller französischen Mädchen mit Kopftuch, im Namen aller französischen Muslime: Setzt euch für die Freilassung der Journalisten, unserer unschuldigen Landsleute, ein." Eine Teilnehmerin namens Hela war mit einer Delegation kopftuchtragender Frauen aus Lille angereist; sie sind Mitglieder der islamischen Liga des Nordens. Sie sagte: "Einige sind der Meinung, unsere Anwesenheit hier sei eine Provokation. Es ist gerade das Gegenteil. Wir leiden, und es ist ein doppeltes Leiden. Erstens leiden wir, wie alle andern, weil zwei Franzosen in Gefahr sind, und zweitens leiden wir, weil man unser Anliegen manipuliert."

"Ich will nicht, dass das Blut unschuldiger Menschen an meinem Kopftuch klebt", so und so ähnlich lautete die allgemeine Stimmung, was deutlich zeigte, dass die französisch-muslimische Gemeinde die kriminellen Methoden der Islamischen Armee im Irak ablehnt.

Am 31. August veröffentlichte Le Monde eine Erklärung der Gruppe "Eine Schule für alle - Mädchen und Jungs", eines Zusammenschlusses von säkularen, muslimischen und feministischen Vereinigungen, die das Verbotsgesetz religiöser Symbole in den Schulen ablehnen. Die Erklärung ist charakteristisch für die allgemeine Stimmung. Es heißt darin: "Wir verurteilen mit allem Nachdruck die Geiselnahme und die im Namen der Opposition gegen dieses Gesetz erfolgte Drohung, französische Journalisten zu töten." Die Gruppe äußerte sich "besonders im Namen der Informationsfreiheit, die gerade während eines Besatzungskriegs außerordentlich wichtig ist". In der Erklärung heißt es auch, die Entführung und Todesdrohung dienten nur dazu, "das islamfeindliche Klima, das durch das Gesetz angefacht wurde, noch weiter zu schüren".

Im Figaro wird am 31. August eine muslimische Journalistin zitiert: "Im Namen von welchem Islam tun sie das? Wenn sie keine Demokratie mögen, sollten sie uns wenigstens unsere lassen."

Abdullah Thomas Millicent, ein Arzt aus Straßburg, Vorstandsmitglied des staatlich anerkannten Französischen Rats der Muslimischen Religion (FCMR), hatte sich als Verteidiger des Rechts von Mädchen, das Kopftuch zu tragen, einen Namen gemacht. Millicent erklärte: "Man kann die im Irak entführten französischen Journalisten nicht dafür verantwortlich machen. Ihre Exekution wäre ein Verbrechen in den Augen des internationalen Rechts und des Islam." In einem Kommuniqué vom 29. August forderte er die Kidnapper auf, "ihre Geiseln unverzüglich unverletzt freizulassen".

Während einer weiteren Demonstration von etwa 300 Menschen, die arabische Intellektuelle am Nachmittag des 30. August vor dem Rundfunkgebäude organisiert hatten, rief Thami Brèze von der Union der Islamischen Organisationen Frankreichs, die der Moslembruderschaft nahe steht, alle Franzosen zu Demonstrationen auf. "Die Entführer dienen weder der irakischen noch der muslimischen Sache", sagte Brèze. "Wir sind hierher gekommen, um unsere Solidarität und unsere Einheit zu demonstrieren. Wir haben auf allen Ebenen interveniert, um zu verhindern, dass sich eine Tragödie vollzieht. Wir weisen die verdrehte Darstellung zurück, die die Entführer vom Gesetz gegen den Schleier geben. Das Kopftuch wird in der arabischen Welt nicht wirklich verstanden." Er sagte, Diskussionen über das Kopftuch seien seiner Meinung nach nur im Rahmen des "Dialogs" möglich.

Das Gesetz gegen das Kopftuch

Die Reaktion der französischen Bevölkerung auf die Geiselnahme wirft ein bezeichnendes Licht auf die Diskussion über das Verbot des Kopftuchtragens an Schulen, die die öffentliche Debatte in Frankreich seit Monaten polarisiert.

Das Gesetz heißt offiziell "Gesetz vom 15. März über das Verbot, an öffentlichen Grund-, Mittel- und Oberschulen Symbole und Kleidungsstücke zu tragen, die in auffälliger Weise die Religionszugehörigkeit zur Schau stellen", wird jedoch generell als "Kopftuchverbot" bezeichnet. Es trat am 2. September mit Beginn des neuen Schuljahres in Kraft, kurz nachdem die zwei Journalisten als Geiseln genommen worden waren.

Es wird von allen großen Parteien unterstützt - von Chiracs UMP über die oppositionelle Sozialistische Partei bis hin zu Lutte Ouvrière auf der äußersten Linken. Sie alle argumentieren, ein Verbot religiöser Symbole an den Schulen trage zur Verteidigung demokratischer Grundrechte bei, insbesondere der Frauenrechte, und stärke die Trennung von Kirche und Staat. In Realität bewirkt das Gesetz genau das Gegenteil. Es beschneidet die religiöse Freiheit, führt somit an den Schulen zu einer Diskriminierung muslimischer Jugendlicher und fördert Spaltungen unter den Schülern und Arbeitern.

Die Tatsache, dass alle Gegner dieses Gesetzes jetzt fast einstimmig die zwei Journalisten verteidigen, beweist den grundlegend demokratischen Charakter dieser Opposition. Sie lehnen die Intervention der Islamischen Armee ab, deren zutiefst undemokratische und barbarische Methoden in die Hände der Reaktion sowohl in Frankreich als auch im Nahen Osten spielen.

Die Bürger- und Freiheitsrechte aller Staatsbürger, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Glauben, die in Frankreich durch jahrzehntelange Kämpfe errungen und verteidigt wurden, und die bei den heutigen, reaktionären Angriffen der Regierung auf Sozialstaat und Grundrechte zunehmend unter Druck geraten, sind Einwanderern wie Franzosen gleichermaßen teuer. Viele Immigranten kommen aus Ländern mit außerordentlich repressiven Regimes, wie z.B. Algerien. Viele Schülerinnen, die normalerweise ein Kopftuch getragen hätten, haben lieber darauf verzichtet, um ihre Ausbildung an einer staatlichen Schule nicht zu gefährden.

Die WSWS hat das Kopftuchverbot immer abgelehnt. Es muss jedoch gesagt werden, dass die Verteidigung demokratischer Rechte nicht auf die Frage beschränkt werden kann, ob man das muslimische Kopftuch an Schulen tragen darf. Hinter dem Staub, den die Frage aufgewirbelt hat, droht der Angriff der Regierung auf das Grundrecht auf Bildung für alle aus dem Blickfeld zu geraten. So hat das neue Schuljahr mit scharfen Kürzung bei den Lehrerstellen, dem Betreuungs- und technischen Personal und bei den allgemeinen Lehrmitteln begonnen. Anstatt sich über ethnische und religiöse Fragen zu spalten, muss die Arbeiterklasse eine Perspektive entwickeln, um einmütig für die Verteidigung und Erweiterung aller gesellschaftlichen und demokratischen Rechte zu kämpfen.

Chirac beutet die Krise aus

Wie reaktionär die Methoden der Islamischen Armee sind, zeigt sich auch an der Tatsache, dass Präsident Jacques Chirac das Ereignis benutzt, um die sinkende Popularität seiner rechten Regierung wieder aufzupolieren.

Der rechte gaullistische Vorsitzende der Nationalversammlung, Jean-Louis Debré, erklärte, er habe zu der Demonstration vom 30. August aufgerufen, um "zu zeigen, dass die Franzosen bei Bürgerrechtsfragen in der Lage sind, parteiische Differenzen zu überwinden und in der Verteidigung ihrer Überzeugung zusammenzustehen". Die Anwesenden sangen wiederholt die Marseillaise, die französische Nationalhymne.

In ihrem diplomatischen Bemühen um die Freilassung der Geiseln stärkt die Chirac-Regierung auch die Verbindungen der offiziellen Muslim-Organisationen zum französischen Staat; so hat sie eine Delegation von drei Führern der wichtigsten Organisationen des Französischen Rats der Muslimischen Religion nach Jordanien und in den Irak geschickt.

Außerdem zielt der Versuch darauf ab, die Beziehungen Frankreichs mit der arabischen Bourgeoisie im Nahen Osten zu stärken. Die arabischen Medien gaben ihre Kritik am Kopftuchverbot an Schulen auf und stellten sich auf die Seite der französischen diplomatischen Offensive zur Freilassung ihrer gefangenen Staatsangehörigen. Al-Jazeera verurteilte die Entführung der Journalisten. Der TV-Sender in Katar hatte sich wiederholt in der Kopftuchfrage kritisch über Frankreich geäußert. Die arabischen Medien heben jetzt eher die Opposition Frankreichs gegen den Krieg und seine Position im israelisch-palästinensischen Konflikt hervor.

Der libanesische Schiiten-Führer und Chef der Hisbollah, Scheich Fadlallah, hat die Kidnapper dringend aufgefordert, ihre Geiseln freizulassen. Arabische Führer, wie der fundamentalistische Prediger Youssef al-Qardwi, die Gegner des Schleierverbots sind, forderten bei einem Treffen mit dem französischen Außenminister Michel Barnier ebenfalls ihre Freilassung. Der Oberste Gelehrte der Ägyptischen Moslembruderschaft, Mohammed Mehdi Akef, rief zur Freilassung der Journalisten auf, die "nichts mit dem Gesetz über das Kopftuch in Frankreich zu tun haben".

Ahmed Abul Gheith, der ägyptische Außenminister, und Amre Mussa, der Generalsekretär der Arabischen Liga, versicherten Paris ihrer Unterstützung. Jassir Arafat, der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, forderte die "unverzügliche Freilassung" der Geiseln. Arafat erklärte in einem Kommuniqué: "Diese Journalisten unterstützen die irakische Sache und die palästinensische Sache."

Im Irak forderten muslimische Führer, die gegen die US-Besatzung ihres Landes kämpfen - unter ihnen auch Moqtada al-Sadr, der Führer des bewaffneten schiitischen Widerstandes gegen die Besatzungskräfte - ebenfalls die Freilassung der französischen Geiseln.

Die einzige nennenswerte Ausnahme von dieser allgemeinen Verurteilung der Geiselnahme bildete der Premierminister des Irak, die amerikanische Marionette Ayad Allawi, dessen Zeitung die französische Regierung für dieses Ereignis verantwortlich machte. Am 2. September veröffentlichte sie einen bissigen Leitartikel gegen die Politik von Jacques Chirac, in dem der französische Präsident beschuldigt wurde, "seinen Teil der Verantwortung" an der Entführung von Georges Malbrunot und Christian Chesnot zu tragen. Dieser Artikel beschuldigte Chirac, "alle internationalen Beschlüsse zur Wiederherstellung der Sicherheit im Irak" abgelehnt zu haben. Dies stimmt nicht einmal, da die französische Regierung für die UN-Resolutionen zur Unterstützung der Besetzung des Irak gestimmt hat. Der Leitartikel schlussfolgerte, dass die Franzosen nur erhielten, was sie verdienten, denn "all jene, die nicht gemeinsam mit uns kämpfen, werden sehr bald in ihrem eigenen Land mit Terroristen zu tun haben".

Die anfänglich hochrangigen diplomatischen Bemühungen der französischen Regierung im Irak und in der arabischen und muslimischen Welt, die Freilassung der Geiseln zu erwirken, wurden bald heruntergefahren, und auch der offizielle Optimismus erlahmte. Die Regierung verlässt sich nun auf Geheimverhandlungen. Obwohl man zum Zeitpunkt, zu dem dieser Artikel geschrieben wird, offiziell noch der Meinung ist, dass Georges Malbrunot und Christian Chesnot am Leben und wohlauf sind, schleppt sich die Affäre dahin, und die Geiseln sind nun schon drei Wochen gefangen.

Siehe auch:
Frankreich: Nationalversammlung verbietet das muslimische Kopftuch an Schulen
(24. Februar 2004)
Das Kopftuchverbot: Stellungnahme eines Lehrers aus Frankreich
( 1. April 2004)
Ein Briefwechsel zum Kopftuchverbot in Frankreich
( 17. April 2004)