Europaweiter Aktionstag der GM-Beschäftigten

Wütende Arbeiter, kompromissbereite Gewerkschaften

Von unserem Reporterteam
20. Oktober 2004

50 000 Beschäftigte an den 13 Standorten der europäischen Konzerntöchter von General Motors - Opel, Vauxhall und Saab - beteiligten sich gestern an Protestaktionen gegen den geplanten Abbau von 12 000 Arbeitsplätzen. Von Trollhättan in Schweden bis Azambuja in Portugal fanden Demonstrationen und Kundgebungen statt, allerdings von sehr unterschiedlicher Größe.

Der Schwerpunkt der Proteste lag an einigen deutschen Standorten, wo mit 10 000 Entlassungen auch die größten Angriffe geplant sind. Hier kamen viele Arbeiter mit ihren Familien und Freunden. Auch Rentner und Jugendliche schlossen sich den Protestmärschen an. Doch die Hoffnung vieler Arbeiter, alle Beschäftigten an allen GM-Standorten zu mobilisieren, um alle Arbeitsplätze zu verteidigen, stand in auffallendem Gegensatz zu den Sprechern der Gewerkschaften, die in ihren Reden der Konzernleitung Zugeständnisse anboten und von den Beschäftigten Kompromissbereitschaft forderten.

Rüsselsheim

Tausende Opelarbeiter und ihre Angehörigen protestierten in Rüsselsheim vor dem brandneuen Gebäude namens "Adam-Opel-Haus" an der B43. Nach Angaben der Gewerkschaft waren es 20.000, laut Polizeiangaben rund 12.000 Teilnehmer, die meisten aus dem Stammwerk in Rüsselsheim, aber auch Delegationen aus Eisenach, von der Opel-Teststrecke in Dudenhofen und von der Betriebskrankenkasse. Auch Schüler und Jugendliche, die bereits Ende vergangener Woche eine eigene Demonstration organisiert hatten, nahmen an der Kundgebung teil.

Auf Plakaten, Transparenten und T-Shirts stand: "Opel soll bleiben" und "Ja zum Opel-Standort Rüsselsheim & Saab Trollhättan". Die Eisenacher Delegation hatte ein Transparent mitgebracht, worauf stand: "Zurück in die Sklaverei? Nicht mit uns! Gegen Sozialraub und Erpressung". Kinder trugen Pappplakate mit Aufschriften wie: "Unsere Väter wollen die Arbeit behalten". In Anspielung an den spontanen Streik bei Opel-Bochum, der offiziell "Informationsveranstaltung" genannt wird, hatten Mitarbeiter der Hans-Böckler-Stiftung auf ihr Transparent geschrieben: "Mehr Informationsveranstaltungen! Jetzt Fakten statt Achsen schaffen".

Auch aus anderen Betrieben der Region waren Kollegen gekommen, zum Beispiel von Merck, Mercedes-Benz, Teves oder der Stadt Rüsselsheim. Arbeiter von Teves hatten auf ihr Transparent geschrieben: "Heute ihr, morgen wir, Jobexport ist Arbeitsmord, Profitgier vernichtet Arbeitsplätze!"

Der Beifall für alle Redner blieb auffällig verhalten, er kam vor allem aus den vordersten Reihen, wo sich Politiker wie die SPD-Bundesministerin Heidemarie Wieczoreck-Zeul und der Rüsselsheimer Oberbürgermeister sowie lokale Gewerkschaftsprominenz aufhielten. Die meisten Arbeiter verhielten sich skeptisch und abwartend.

Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Opel, Klaus Franz, warf sich in die Pose eines besseren Sachwalters der Marke Opel und empörte sich über die rüden "amerikanischen Methoden" der Konzernleitung von General Motors (GM): "Noch nie hat sich ein Manager erlaubt, so über seine eigene Marke herzuziehen wie die Bosse in Detroit und Zürich", rief er aus. Er forderte die Manager auf, anzuerkennen, dass "das ganze Volk mit dieser Marke Opel verwurzelt" sei.

Franz ließ keinen Zweifel an der Bereitschaft der Gewerkschaftsführung, bei dem bevorstehenden Kahlschlag mitzuwirken: "Ich warne vor der Illusion, dass der Kelch des Personalabbaus an uns vorübergeht", sagte er, "oder dass es mit ein paar hundert abgebauten Stellen getan wäre". GM sei seit fünf Jahren in der Verlustzone. "Wir waren und sind bereit, im Dialog eine Lösung zu suchen." Man sei auch zu Opfern bereit - "für die Zukunft unserer Kinder" - solange der Einkommensverlust nicht die zehn Prozent erreiche.

Offen wandte er sich gegen die Streikaktionen in Bochum: Er habe zwar Verständnis für eine "emotionale Reaktion", aber dieser Streik sei in Wirklichkeit nur durch eine absichtliche Manager-Indiskretion provoziert worden. Jetzt gehe es jedoch "nicht nur um Bochum". Er bestand darauf, dass "wir nur gemeinsam erfolgreich sein können". Es sei europaweit beschlossen worden, erst einmal zu verhandeln. Man dürfe "mit der Solidarität der Menschen nicht leichtfertig umgehen".

Er verunglimpfte auch die amerikanischen GM-Arbeiter, die 1998 in einem achtwöchigen Streik gegen die Schließung ihres Werks in Flint gekämpft hatten. Franz sagte: "Es war keine Rhetorik, als wir warnten, es dürfe nicht noch einmal zu einer Situation wie 1998 in Flint kommen, als ein sinnloser Arbeitskampf zu großen Verlusten führte. Die Aktie wurde durch diese Streikaktion nachhaltig geschädigt."

Udo Löwenbrück (Betriebsrat Opel-Rüsselsheim) kritisierte die "Managementfehler" der amerikanischen Direktion. Er warf der GM-Leitung ihre angebliche "Phantasielosigkeit" vor, denen er die "vernünftigen Lösungen" des deutschen Betriebsrats entgegensetzte.

Günther Lorenz, erster Bevollmächtigter der IG Metall in Darmstadt, machte deutlich, dass das neue Werk in Rüsselsheim durch deutliche Lohnsenkungen der Arbeiter bezahlt worden sei und bezeichnete das als Erfolg der Gewerkschaften. Es klang wie eine Drohung, als er die Verhandlungsziele der Gewerkschaft nannte: "Was bei Daimler und Karstadt geht, geht auch bei GM und Opel." Wie jeder weiß, wurden sowohl bei Daimler, als auch bei Karstadt den Belegschaften massive Zugeständnisse gegen völlig wertlose Standortzusagen abgepresst.

Im Gegensatz zu den Sprechern unterstützten viele Arbeiter die spontanen Streikaktionen der Bochumer Kollegen. Gegenüber unserem Reporterteam erklärte die Frau eines Opel-Arbeiters, die sich extra Urlaub genommen hatte, um an der Kundgebung teilzunehmen: "Viele hier finden es gut, dass sich die Bochumer wehren. Es gibt allerdings auch solche, die darauf spekulieren, dass die in Bochum als erste betroffen sind, wenn es darum geht, Arbeitsplätze zu zerstören. Das ist schlimm. Ich finde es gut, dass sie streiken, denn man kann sich ja nicht alles gefallen lassen."

Schlimm sei das Klima im Betrieb. Man müsse sich schon rechtfertigen, wenn man einmal krank ist. "Zum Beispiel war mein Mann vor ein oder zwei Jahren einen Tag krank. In zwanzig Jahren war er einen Tag krank! Deswegen wurde er zum Chef zitiert. Man kann’s auch übertreiben."

Ein Opel-Arbeiter erklärte: "In Rüsselsheim haben sie ja mit unserm Geld dieses neue Werk aufgebaut - es soll das modernste der Welt sein, mit lean field Produktion und just in time." Jetzt sei das Werk nur zu 53 Prozent ausgelastet und am Ende werde es "dicht gemacht", sagte der er bitter.

Ein weiterer Arbeiter, Manfred E., arbeitet seit 27 Jahren bei Opel-Rüsselsheim. Er bestätigte: "Seit zehn Jahren verzichten wir auf Geld, und vor sechs Jahren wurde ein Standortsicherungsvertrag abgeschlossen, für den wir ebenfalls Zugeständnisse machten. Zum Beispiel wurden die Tariflohnerhöhungen nicht ausgezahlt." Es werde immer schwieriger mit dem Lohn über die Runden zu kommen und der Lebensstandard sinke. "Der Nettolohn ist wohl in etwa der gleiche geblieben, aber die Preise sind ja ständig angestiegen."

"Meine Partei war immer die SPD", sagte Manfred abschließend, "und ich hätte nie geglaubt, dass sich meine politische Meinung mal verändern würde. Aber bei den Europawahlen habe ich gar nichts mehr gewählt."

Siehe auch:
Wie weiter nach der Niederlage bei General Motors? - Eine Bilanz des achtwöchigen Arbeitskampfs in den USA
(20. August 1998)
Streiks gegen Entlassungen bei General Motors in Europa
( 31. Januar 2001)
Opel-Arbeiter vor massivem Stellenabbau und Lohnsenkungen in ganz Europa
( 11. September 2001)
Der Kampf bei Opel wirft grundlegende politische Fragen auf
( 19. Oktober 2004)
Opel erpresst Belegschaft mit drohender Werksschließung
( 25. September 2004)