Stimmen von Opel-Arbeitern:

"Wir können nicht mit Löhnen von 3 bis 4 Euro konkurrieren"

Von unseren Reportern
16. Oktober 2004

Gestern sprachen Reporter der WSWS vor dem Werk in Bochum-Langendreer mit Opel-Arbeitern.

Eine Gruppe von älteren Arbeitern aus dem Achsenwerk berichtete, dass sie - wie viele andere auch - schon seit 40 Jahren hier in Bochum arbeiten.

"Wenn das so weitergeht, wo soll das noch hinführen?" fragte Franz A. "Erst war es Siemens, dann folgten andere Unternehmen. Was sie jetzt hier vorhaben, ist nur der erste Schritt. Bis 2009 oder 2010 wollen sie ganz dicht machen. Wo sollen die Leute dann arbeiten? Im Ruhrgebiet werden doch kaum neue Arbeitsplätze geschaffen. Die Osterweiterung wird genutzt, um hier die gut bezahlten Arbeitsplätze zu vernichten und das Lohnniveau radikal zu senken. Die Folge ist steigende Arbeitslosigkeit. Wir können nicht mit Löhnen von 3 bis 4 Euro konkurrieren, wir müssen unsere Mieten und Nebenkosten bezahlen. Und diese betragen nicht nur 100 Euro im Monat. Für die Lebensverhältnisse interessieren die sich da oben nicht, die haben ihre Millionen im Sack."

Zum geplanten Aktionstag am kommenden Dienstag sagte Horst: "Da wollen die schwedischen Kollegen auch teilnehmen. Man sieht ja, jeder wird gegen jeden ausgespielt. Unsere Gewerkschaften und Betriebsräte haben sich langsam aber sicher auseinander dividieren lassen. Die bekämpfen sich gegenseitig, anstand an einem Strang zu ziehen. Ich habe 1961 hier angefangen, als wir damals hier die Arbeit niedergelegt haben, haben das die Kollegen in Rüsselsheim auch gemacht. Das ist jetzt nicht so. Heute denkt jeder an sein eigenes Werk."

Horst war schockiert über die Angriffe und das Vorgehen der Opel-Manager. "Wir haben keine andere Möglichkeit, als hier stehen zu bleiben, bis die verhandlungsbereit sind. Was sollen wir machen? Wenn wir hier raus sind, dann stehen wir vor dem Nichts. Wir haben alle Familie, Häuser oder Wohnungen - die Kosten laufen doch weiter, das muss doch alles bezahlt werden. Von Hartz IV kann ich meine Familie nicht ernähren. Und dafür haben wir vierzig Jahre lang in die Arbeitslosen-, Rentenversicherung usw. eingezahlt. Jetzt bekommen wir vielleicht eine Abfindung, doch dann wird das Arbeitslosengeld gekürzt. Da müssen wir jetzt durch."

Stefan S, 29 Jahre, arbeitet in der Montage im Getriebebau. Er kritisierte vor allem die Informationspolitik von Gewerkschaft und Betriebsrat: "Von den Gewerkschaften und Betriebsräten haben wir keine Informationen erhalten, die Presse weiß mehr wie wir selbst. Wir erfahren definitiv als letzte, was los ist. Wir erhalten auch keine Informationen über die Situation in Schweden. Eine gemeinsame Strategie wäre besser, dann könnte man denen da oben mehr begreiflich machen. Auch die Rüsselsheimer Kollegen halten sich noch zurück, da erfahren wir auch nichts. Es bestehen keine direkten Verbindungen."

Sehr geärgert hat sich Stefan über die Äußerungen von Ministerpräsident Peer Steinbrück (SPD), die Opel-Arbeiter, die ihren Job verlieren, sollten die Hoffnung nicht aufgeben und sich einen neuen Arbeitsplatz suchen: "Das Management trägt hier die Verantwortung, nicht wir. Und außerdem: 5 Millionen andere suchen auch schon nach einem neuen Arbeitsplatz."

Peter Müller, 43 Jahre, arbeitet im Bereich Teile und Zubehör. "Ich bin seit 27 Jahren bei Opel", berichtete er. "Ich habe hier meine Lehre gemacht. Und seit zehn Jahren wird der Betrieb Stück für Stück abgebaut. Jetzt kommt der große Hammer, jetzt wird radikal abgebaut. In zehn Jahren gibt es Opel nicht mehr. Es werden nur noch Leute in die obersten Positionen gesetzt, die das Werk am besten und systematischsten kaputt machen. Alles wird zerschlagen und ausgegliedert. Es ist das reinste Chaos und die Qualität leidet enorm. Die Politiker sagen: Es ist alles halb so schlimm. Doch die Großen machen sich die Taschen voll und die Arbeiter dürfen zum Sozialamt. Aber wenn sich unsereins einmal wehrt und etwas Verkehrtes sagt, wird er sofort rausgeschmissen."

Peter Müller hat Angst davor, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. "In einen Beruf komme ich in meinem Alter nicht mehr rein. Das einzige, was einem dann noch bleibt, ist die Ich-AG. Was anderes wird einem ja nicht geboten."

Peter Müller äußerte sich auch zu der Verschärfung der Arbeitsbedingungen: "Es besteht ein enormer Druck von oben, bereits von der Schichtleitung: Leistung, Leistung, Leistung - und die Qualität sinkt. Wenn jemand krank war, muss er sich bei der Geschäftsleitung rechtfertigen. Wie früher in der Leibeigenschaft. So ist es heute überall. In Schweden werden die Leute ausgebeutet und kaputt gemacht. Die Leute in Polen können sich die Autos, die sie bauen, gar nicht leisten von vier Euro die Stunde. Wer soll sich bald hier noch die Autos kaufen? Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger können das nicht."

Auch er äußerte Zweifel an den Gewerkschaften. "Die Gewerkschaft müsste für die Mehrheit da sein, das ist sie aber nicht. Der Arbeitsplatzabbau hat immer mit der Zustimmung der Gewerkschaft und des Betriebsrates stattgefunden. Die Betriebsräte werden unter Druck gesetzt. Die können nur zustimmen, ob die ganze Belegschaft geht oder ein Teil. Würde die Gewerkschaft zu gemeinsamen Aktionen aufrufen, würde die Situation anders aussehen. Dann wären alle auf der Straße. Die letzten großen Streiks waren in den 70iger Jahren. Man müsste mit den Kollegen in Polen, Schweden und an anderen Standorten zusammen kämpfen. Aus der Konzernzentrale in Amerika kommt nur: Profit, Profit, Profit. Die sitzen in ihrem Sessel und gucken auf ihre Absätze und Gewinne. Dagegen muss man sich wehren."

Siehe auch:
Opel baut über 10.000 Arbeitsplätze ab
(16. Oktober 2004)
Opel erpresst Belegschaft mit drohender Werksschließung
( 25. September 2004)
Hartz-Reformen bei Volkswagen
( 24. September 2004)
DaimlerChrysler: Uneingeschränkte Kapitulation von IG Metall und Betriebsrat
( 27. Juli 2004)