Generation Hartz IV

Die fetten Jahre sind vorbei, Regie: Hans Weingartner

Von Bernd Reinhardt und Florian Linden
4. Februar 2005

Einer der bemerkenswerten deutschsprachigen Filme des letzten Jahres ist der Film Die fetten Jahre sind vorbei des österreichischen Filmemachers Hans Weingartner (Das weiße Rauschen, 2001). Im Sommer lief er erfolgreich auf dem Filmfestival in Cannes und ist mittlerweile in über vierzig Länder verkauft, darunter Japan, die USA, verschiedene lateinamerikanische Länder, etliche europäische Länder und Australien.

Der Streifen setzt eine ähnliche Zäsur, wie sechs Jahre zuvor der deutsche Film Nachtgestalten von Andreas Dresen. Zu dieser Zeit machte sich die Zerschlagung weiter Teile der Industrie in den ehemaligen Ostblockländern auch im Osten Deutschlands durch Massenarbeitslosigkeit und damit verbundenen sozialen Abstieg massiv bemerkbar.

Indem der Regisseur dies innerlich aufsog und weil es ihn wirklich berührte, konnte er einen Film schaffen, der nicht einfach plakativ moralisierte, sondern sehr plastische, lebensnahe Figuren schuf. Auffällig war, dass er jugendliche Obdachlose nicht länger als bemitleidenswert-passive oder exotische Randgestalten darstellte, die "anders" sind, sondern als lebendige junge Menschen, direkt aus unserer Mitte fallen.

Der Film Die fetten Jahre sind vorbei zeichnet sich durch ähnliche Lebendigkeit und Lebensechtheit aus. Seit Dresens Film ist der soziale Riss größer und deutlicher geworden. So steht im Zentrum von Weingartners Film ein unversöhnlicher Konflikt zwischen arm und reich. Die Auseinandersetzung damit gelingt den Filmemachern ohne jede Melodramatik, und kommt im Stil einer eher lockeren Jugendkomödie daher.

Der Titel des Films selbst entwickelte eine Eigendynamik. Im Internet äußerte ein deutscher Leser, er sei auf die Homepage des Films gestoßen, weil er dachte, bei dem Slogan Die fetten Jahre sind vorbei handele sich um das Motto einer Protestaktion gegen Sozialabbau.

Zu Beginn des Films steht die gewaltsame Auflösung einer Berliner Protestdemonstration gegen Kinderarbeit in Asien durch die behelmte und mit Schlagstöcken ausgerüstete Staatsmacht. Eine der Demonstranten ist Jule. Wild und frei will sie leben, mit einem offenen Blick für die Ungerechtigkeiten der Welt.

Jule ist Anfang zwanzig. Doch ihre Zukunft scheint besiegelt, seitdem ein Gericht sie zu rund 100.000 Euro Schadensersatz verurteilte, weil sie einem Manager aus Versehen von hinten in seinen Luxus-Mercedes fuhr. Sie hatte drei Monate ihre Autoversicherung nicht bezahlt. Wegen der hohen Raten kommt sie in Verzug mit der Miete und fliegt aus der Wohnung.

Sie hält das Gerichtsurteil zunächst für gerechtfertigt (sie hatte ja wirklich die Versicherung nicht bezahlt), bis Jan, der Mitbewohner ihres Freundes Peter, ihr klarmacht, dass dieser im hochgradigen Luxus lebende Typ nicht das Recht besitzt, einer jungen Frau das Leben kaputt zu machen. Das Gerichtsurteil, das dessen perverse Lebensweise decke, sei ungerecht. So herum hat Jule das bisher nie gesehen, aber der Standpunkt leuchtet ihr ein und beeindruckt sie.

Jan und Peter gehen nicht auf Protestdemos. Nachts brechen sie in Berliner Villen ein, verrücken die Möbel und hinterlassen Zettel mit Botschaften wie: "Sie haben zuviel Geld" oder der Drohung "Die fetten Jahre sind vorbei", meist unterschrieben mit: "Die Erziehungsberechtigten". Nach dem Motto: "Einen treffen, hundert erziehen" soll ihr Beispiel Schule machen und eine Massenbewegung des Widerstandes lostreten.

Als sie dabei erwischt werden und der Villeneigentümer Jule als seine Schuldnerin erkennt, sehen die drei sich gezwungen, ihn zu kidnappen. Auf einer einsamen Berghütte entpuppt sich der eiskalte Kapitalist durchaus als menschliches Wesen. Es stellt sich sogar heraus, der Manager Hardenberg war früher, wie sie, ein Kritiker des Kapitalismus. Als Student saß er im Vorstand des SDS und war miteiner der Ikonen der Studentenbewegung, Rudi Dutschke, befreundet. Bei einem gemeinsamen Joint am abendlichen Lagerfeuer gerät er ins genüssliche Schwelgen.

Wie andere ehemalige Revoluzzer hält er es inzwischen für so unmöglich wie unsinnig, den Kapitalismus fundamental abzulehnen, und belehrt in selbstzufriedenem Ton die neue Generation: Die Erfahrung habe gezeigt, in jeder Gruppe gäbe es irgendwann einen Anführer, damit begänne die Unterdrückung bereits. Die Realität sei: Jeder lebe im Kapitalismus, und werde daher durch dieses System korrumpiert. Es beginnt damit, dass man irgendwann ein Auto haben möchte, das zuverlässig funktioniert. Der Versuch, sich dem System zu entziehen, führe in die Sackgasse des Terrorismus.

Jule selbst spürt das frustrierende Gefühl, dem Kapitalismus ausgeliefert zu sein. Mit den gewaltigen Schulden ist sie plötzlich gezwungen, viel Geld zu verdienen. Jan dagegen sieht in den heutigen Formen des Widerstandes nur den Aufguss der erfolglosen Studentenaktionen von damals und erklärt, er fühle sich wie viele andere von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Hardenberg hat Recht, wenn er eine Parallele zwischen den Villen-Einbrüchen und den Aktionen der RAF seiner Zeit zieht, und die Perspektive, Angst und Schrecken zu verbreiten, ablehnt. Allerdings interessiert ihn das alles längst nicht mehr. Er hat sich vor langer Zeit entschieden. Sichtlich gut gelaunt bekocht er die Entführer, fühlt sich ihnen zunehmend überlegen und genießt die ganze Aktion wie einen Urlaub. Anfangs verzichtet er, nun wo er Jule persönlich kennen gelernt hat, auf seine Geldforderung.

Der Film zeigt Jugendliche, die stärker als in früheren Jahrzehnten mit sozialer Ungerechtigkeit konfrontiert sind. Diese Veränderung verleiht dem Prozess ihrer Selbstfindung, ihrem Rebellieren gegen alles mögliche Überkommene und Spießige eine neue Prägung. Sie wollen wie die Generationen vorher Romantik, Liebe, und anarchistischen Spaß. Aber da ist auch wirklicher sozialer Hass, der eine Figur wie Jan antreibt. Er nennt Luxus pervers, weil er diese Perversität vor der Haustüre erleben kann. Jan strahlt eine ehrliche Geradheit und Naivität aus, die ohne Zynismus ist.

Es ist konsequent von den Filmemachern und eine Stärke des Films, dass es nicht zur Versöhnung zwischen Hardenberg und seinen Entführern kommt, wie man zunächst vermuten könnte. Zwar entwickelt man ein gewisses menschliches Verständnis füreinander, aber er ist ein Typ, dem die Jugendlichen nichts mehr zutrauen. Und das zu Recht, wie sich zeigen wird, kaum dass Hardenberg wieder in Freiheit ist. Eine Antiterroreinheit stürmt die Wohnung von Jan und Peter mit Maschinenpistole im Anschlag.

Der Film zeigt eine neue Generation von Jugendlichen, deren Protest nicht mehr als ein Nachklang der 68er daherkommt, sondern aus den neuen sozialen Bedingungen erwächst. Hardenberg steht für eine ganze Gruppe, welche von einstigen Protestlern zu einer der wichtigsten Stützen des Systems geworden ist. Joschka Fischer ist da vielleicht das bekannteste Beispiel. Mit solchen 68ern sind die Jugendlichen im Film fertig.

Dennoch sind die Aktionen der jugendlichen Hauptfiguren von Vorstellungen geprägt, die schon zu Hardenbergs Studentenzeit populär waren, und heute unter anderem in anarchistischen Kreisen, wo der Regisseur selbst einige Zeit alsHausbesetzer verbracht hat, ungebrochen weiterleben, ohne dass sie einer Prüfung unterzogen werden.

Sie führen in dieselbe Sackgasse, in die damals ein Teil der 68er, wie die RAF, gegangen sind. Verzweifelte individuelle Aktionen gegen ein System, das unerschütterlich erscheint, dem es offenbar mit Hilfe der Massenmedien für ewig gelungen ist, die Bevölkerung an sich zu binden und in einen süßen Schlaf zu versetzen.

Das Ende des Films scheint daher auch eine Notlösung. Ohne Sicht eines gangbaren Weges, soll dennoch ein positives und gesundes Signal gesetzt werden. So ist der Schluss ein optimistischer Appell an die ungebrochene Tatkraft und Rastlosigkeit der Jugend - das Festhalten an der Möglichkeit einer Utopie. In ihrer nächsten Aktion wollen die Drei für kurze Zeit den Fernsehempfang für ganz Europa außer Kraft setzen.

In der Realität würden ihre Aktionen zu nichts führen. Die Drei würden vom Sicherheitsapparat des Staates geschnappt und weggeschlossen werden, ohne das Geringste erreicht zu haben.

Dass Die fetten Jahre sind vorbei solch durchschlagenden Erfolg bei einem internationalen, vorwiegend jugendlichen Massenpublikum hat, ist ein Hinweis darauf, dass viele junge Menschen sich mit den sozialen Erfahrungen und Gefühlen der Hauptfiguren identifizieren können und sich ähnliche Fragen stellen wie sie.

Siehe auch:
Amok in der Schule - Die Tat des Robert Steinhäuser
(29. April 2004)