55. Berlinale - Teil 3

Ein anderes Bild vom deutschen Antifaschismus

Die Filme Sophie Scholl - die letzten Tage, Regie: Marc Rothemund und Edelweißpiraten, Regie: Nico von Glasow

Von Bernd Reinhardt
17. März 2005

Dies ist der dritte Teil einer Artikelserie zur 55. Berlinale, die vom 10. bis zum 20. Februar stattfand.

Das Bemühen, alte Klischees in der filmischen Darstellung des Faschismus zu überwinden, führte im vergangenen Jahr mit Der Untergang zu einem Bild vom Ende des Dritten Reiches, welches der weit verbreiteten Kollektivschuldthese, wonach das gesamte deutsche Volk die Nazis unterstützte, widersprach. Mit den beiden Filmen Sophie Scholl - die letzten Tage und Edelweißpiraten setzt sich dieser begrüßenswerte Trend fort.

Sophie Scholl - die letzten Tage

Sophie Scholl - die letzten Tage, der auf dem Festival zwei Silberne Bären gewann, rekonstruiert die letzten sechs Lebenstage der Studentin Sophie Scholl, die im Februar 1943 beim Verteilen von Flugblättern in der Münchener Universität verhaftet und wenig später mit anderen Mitgliedern der studentischen Widerstandsgruppe Weiße Rose hingerichtet wurde.

Der Film stützt sich erstmals auf die Vernehmungsprotokolle und das Protokoll des Schauprozesses vor dem "Volksgerichtshof", die jahrzehntelang in der DDR für die Öffentlichkeit unzugänglich bei der Stasi lagerten. Die Filmemacher führten Interviews mit Zeitzeugen und befragten unter anderem den Sohn von Sophie Scholls damaligem Vernehmer und Sophies jüngere Schwester.

Die Verhöre und der Prozess stehen im Zentrum des Films. Sophie tritt sehr mutig und prinzipiell auf. Als sie die zurechtgelegte Geschichte, die ihre Unschuld beweisen soll, nicht mehr aufrechterhalten kann, beginnt sie mit dem Gestapobeamten, der die Ermittlung leitet, einen Disput über Freiheit, Staat, Gewissen und Verantwortung, der selbst ihn beeindruckt.

Der Film vermittelt nicht den Eindruck, dass es allein der christlich geprägte Humanismus war, der ihr die Kraft gab. Sie schöpfte auch aus der zunehmenden Antikriegsstimmung in der Bevölkerung. Die Weiße Rose war keine isolierte Minderheit einiger Aufrechter, die allein die Fahne des Humanismus hochhielt, während die Masse voll blinder Begeisterung in einem Meer brauner Demagogie schwamm.

Sie hätte einmal geglaubt, Hitler würde den Menschen zu Arbeit und Brot verhelfen und dafür sorgen, dass jeder frei und glücklich werden kann, erklärt Sophie. Daran glaube heute niemand mehr. Die Flugblätter würden aussprechen, was viele denken.

Studenten hatten zu Beginn des Jahres gegen eine Rede des Münchener Gauleiters revoltiert, der Studentinnen erklärte, sie sollten lieber Söhne zur Welt bringen, statt zu studieren. Dann, Anfang Februar, musste der Nazistaat die Niederlage in Stalingrad einräumen und mehrere Tage Trauer anordnen. Ein ehemaliges Mitglied der Weißen Rose, Susanne Zeller-Hirzel, erklärte im Interview: "Da wusste jeder, dass der Krieg verloren war."

Zeller-Hirzel erinnert sich, welch emotionale, mobilisierende Wirkung nur kurze Zeit später das sechste Flugblatt der Weißen Rose auf sie gehabt hatte. Wie überwältigend die Tatsache wirkte, dass man jetzt die Dinge aussprach, die Vorstellung, dass Tausende die Aufforderung lasen, Schluss zu machen, und dass Hitler ein Betrüger sei.

Der Film erinnert daran, dass Goebbels zur selben Zeit auf einer medienwirksamen Propagandaveranstaltung im Berliner Sportpalast, die noch heute als "Beweis" für die fanatische Kriegsbegeisterung der Bevölkerung herangezogen wird, den "totalen Krieg" erklärte.

Sophie Scholl und ihre Freunde waren dagegen überzeugt, dass Hitler sich nicht mehr lange halten würde. Sie wollten, dass ihre Aktionen eine breite Massenbewegung auslöst, die Hitler zu Fall bringt. Noch den öffentlichen Schauprozess benutzen Hans und Sophie Scholl als Plattform der Mobilisierung, darauf bauend, dass die öffentliche Empörung über die gerichtliche Farce die Rebellion auslöst.

Während der eigens aus Berlin angereiste oberste Richter des so genannten Volksgerichtshofs Roland Freisler den Angeklagten wütend "Verrat" vorhält und behauptet, das deutsche Volk stehe geschlossen hinter dem Führer und dem "totalen Krieg", hält Hans Scholl entgegen, das deutsche Volk wolle nur noch Frieden. Scholl, der die brutale Realität des Krieges an der Front kennen gelernt hatte, wendet sich gezielt an die anwesenden Frontsoldaten im Gerichtssaal, was seine Wirkung nicht verfehlt. Der Film zeigt betretene Gesichter und das "Heil Hitler!" am Ende des Prozesses ist wesentlich leiser als zu Beginn.

Ein Volksaufstand in Deutschland gegen Hitler, der die Gefahr der Unkontrollierbarkeit in sich barg, hätte weder im strategischen Interesse der Alliierten noch im wirklichen Interesse sowjetischer Außenpolitik gelegen. Was war daher nahe liegender, als das gesamte deutsche Volk kollektiv für die Verbrechen der Nazis verantwortlich zu machen.

Von Stalin wurden bereits seit Mitte der zwanziger Jahre revolutionäre Entwicklungen in anderen Ländern, wie in China 1927 oder Spanien 1936, sabotiert. Als Stalin 1939 mit Hitler, der nach seiner Machtergreifung die KPD brutal zerschlagen hatte, ein Bündnis schloss, führte das zur endgültigen Demoralisierung vieler KPD-Mitglieder.

Else Gebel, Sophies kommunistische Zellengenossin, sieht im Gegensatz zu Sophie die Situation in Deutschland als trostlos. Sie wartet auf die Befreiung durch die Alliierten und meint, man könne jetzt nichts tun, als versuchen zu überleben.

Das momentan starke Interesse an Filmen über die deutsche Nazivergangenheit hat einen aktuellen Bezug und ist sicher kein Zufall. Da ist zum einen die verbreitete Sorge über die gegenwärtigen Kriege, an denen viele Länder direkt oder indirekt beteiligt sind, und über rechte Tendenzen, wie die deutsche NPD. Da ist auch Empörung über die offene Propagierung gesellschaftlicher Eliten, während auf der anderen Seite immer mehr Menschen per Gesetz das Recht auf freie Entfaltung entzogen wird.

Der Film lässt Weltsichten als kompromisslose Gegensätze aufeinanderprallen. "Sie haben die falsche Weltanschauung, nicht ich," entgegnet Sophie ihrem Vernehmungsbeamten. Das ist ein anderer Ton, als die gegenwärtig weit verbreitete Neigung zu Rückgratlosigkeit und Opportunismus.

Produzent Sven Burgemeister betont: "In unserem Film geht es nicht in erster Linie um das Dritte Reich, sondern um Zivilcourage: ein Thema, das immer aktuell sein wird. Ich könnte mir vorstellen, dass man sich auch heute nach einer so klaren Figur wie Sophie Scholl sehnt, die mit unerbittlicher Konsequenz, ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben, für die Gemeinschaft eingetreten ist - und uns damit ein Beispiel gegeben hat, das es verdient, in unserem Bewusstsein zu bleiben."

Regisseur Rothemund erklärte, Filme wie Sophie Scholl - die letzten Tage seien wichtig, denn: "Es geht um Menschenwürde, um Mitgefühl und Gerechtigkeit, das muss man am Leben erhalten."

Nimmt man das fünfte Flugblatt der Weißen Rose zur Hand, wo es einen Abschnitt über die Perspektive eines vereinten Europas nach Hitler gibt, kann man lesen: "Die Arbeiterschaft muss durch einen vernünftigen Sozialismus aus ihrem Zustand niedrigster Sklaverei befreit werden. Das Truggebilde der autarken Wirtschaft muss in Europa verschwinden. Jedes Volk, jeder einzelne hat ein Recht auf die Güter der Welt!" In welch krassem Gegensatz dazu steht die heutige europäische Realität.

Edelweißpiraten

An ein anderes, bisher wenig ausgeleuchtetes Kapitel des deutschen Antifaschismus erinnert der Film Edelweißpiraten von Nico und Kiki von Glasow.

Die Edelweißpiraten waren zum Großteil unpolitische Jugendliche, vor allem aus dem Arbeitermilieu, die sich in den dreißiger Jahren zunächst dem organisierten Drill der Hitlerjugend entziehen wollten. Im Gegensatz zum Abzeichen der HJ trugen sie ein Edelweißabzeichen und sangen ihre eigenen respektlosen Lieder, oft Verballhornungen offizieller HJ-Lieder, deutscher Schlager oder patriotischer Hymnen.

Der Film, der eine wahre Begebenheit aus dem Köln der letzten Kriegsjahre erzählt, wird vom ehemaligen Edelweißpiraten Jean Jülich eingeleitet. Es sind Erinnerungen. Von seinen damaligen Jugendkameraden hat keiner den Krieg überlebt.

Unter dem ständigen Bombardement der Stadt führt eine Reihe Jugendlicher, unter ihnen Karl, einen eigenen Krieg gegen die Nazis. Sie retten dem KZ-Häftling Hans das Leben, den die Nazis zwingen, Bomben zu entschärfen, liefern sich Schlägereien mit der Hitlerjugend, schmieren Parolen, stehlen eine Wagenladung Butter, gehen mit Pistolen, die sie toten Soldaten abgenommen oder anderweitig "besorgt" haben, auf Jagd, "Nazis schießen". Einer von ihnen bringt einen SA-Mann um, den "Todesengel", der den Frauen die Nachricht vom "Heldentod" ihrer Männer überbringt, um ihnen dann nachzustellen. Sie sind keine Feinde des Alkohols und hören den Swing Django Reinhardts, des Verkünders des Jazz in Frankreich, wo dank der amerikanischen Armee der Krieg bereits zu Ende ist.

Es ist eine Zeit schwerer und schneller Entscheidungen. Um seinem jüngeren Bruder das Leben zu retten, aber auch, weil Hans’ Wut auf die Nazis stärker ist, als sein Verantwortungsgefühl gegenüber Cilly und ihren zwei Kindern, verrät ihn Karl. Bevor die Jugendlichen ihren Plan, das Gestapo-Hauptquartier in die Luft zu jagen, verwirklichen können, werden sie verhaftet und öffentlich aufgehängt. Karl überlebt wie durch ein Wunder.

Es ist ein Film darüber, wie einfache Menschen unter dem Druck der Diktatur, der ständigen Angst um die Angehörigen an der Front, der Angst um die Kinder beim Spielen in den Trümmern, den miserablen Wohnbedingungen in halb zerstörten Kellerwohnungen, angesichts der Bombenangriffe, nicht zu Tieren werden. Unter extremen Bedingungen werden im Gegenteil tief sitzende menschliche Gefühle und Bedürfnisse mobilisiert - Solidarität.

Sophie Scholl - die letzten Tage und Edelweißpiraten sind zwei beeindruckende Filme. Doch während Ersterer bereits in den großen deutschen Kinos läuft - parallel dazu erschien das Buch zum Film -, muss das Filmteam von Edelweißpiraten darum kämpfen, dass ihr Film überhaupt in irgendein Kino kommt. Bis jetzt gibt es keinen deutschen Verleih, der bereit wäre, ihren Film in Deutschland zu zeigen, einen Film, der beim Berlinale-Publikum großartig ankam, bereits auf internationalen Festivals lief und in mehrere Länder verkauft wurde.

Der Film über Sophie Scholl betont den Widerstand des Geistes: "Wir kämpfen mit dem Wort." Edelweißpiraten zeigt dagegen einen sehr elementaren Widerstand von unten, roh, unkultiviert und unkontrolliert. Die Edelweißpiraten waren keine Humanisten der Gewaltfreiheit, organisierten sich illegal Waffen und benutzten sie. Ihre Existenz und ihre Aktionen sind ein Indiz dafür, dass auch nach der Zerschlagung der deutschen Arbeiterbewegung durch die Nazis der soziale Riss in der Gesellschaft vorhanden und der Wille dagegen zu kämpfen lebendig geblieben war. In heutigen Zeiten scharfer sozialer Spannungen, kann so ein Film gewisse Kreise beunruhigen.

Bis heute ringen die Edelweißpiraten um ihre offizielle Anerkennung in Deutschland. Im Publikumsgespräch meinte Jean Jülich "Wir sind die Schmuddelkinder des Widerstandes", und erklärte, dass seine hingerichteten Kameraden von damals bis heute nicht rehabilitiert und in den Akten der Kölner Behörden immer noch als Kriminelle vermerkt sind.

Es ist zu wünschen, dass Edelweißpiraten ein breites Publikum findet.

Siehe auch:
55. Berlinale - Teil 1: Gesellschaftliches Leben und Geschichte melden sich zu Wort
(4. März 2005)
55. Berlinale - Teil 2: Vier Filme aus Afrika und Nahost
( 16. März 2005)
"Der Untergang": Der Fall eines kriminellen Regimes
( 11. November 2004)