Dreißig Jahre seit der Niederlage des US-Imperialismus in Vietnam

Von Bill Van Auken
11. Mai 2005

Am 30. April jährte sich zum dreißigsten Mal der Fall Saigons und damit das endgültige Scheitern der größten Militärintervention der Vereinigten Staaten seit dem Zweiten Weltkrieg, doch in den amerikanischen Medien gab es dazu so gut wie keine ernsthaften Kommentare.

Die Beiträge zum Jahrestag beschränkten sich auf Nachrichtenartikel, die mit zynischem Unterton auf das Wachstum des Kapitalismus in Vietnam hinwiesen, und auf Erinnerungen ehemaliger Korrespondenten, die miterlebt hatten, wie die verbliebenen Beamten der amerikanischen Botschaft und ihre Satrapen mit dem letzten Hubschrauber vom Dach der amerikanischen Botschaft hatten fliehen müssen.

Die New York Times würdigte dieses historische Datum, indem sie ihre Meinungsseite dem rechten Akademiker Stephen J. Morris öffnete. Morris hat sich im jüngsten Wahlkampf einen Namen damit gemacht, dass er den demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry als kommunistischen Sympathisanten beschimpfte. Er vertritt die These, die USA hätten den Vietnamkrieg gewinnen müssen und die Opfer der amerikanischen Soldaten seien aufgrund von innenpolitischem Druck "unnötig vergeudet" worden.

Die Washington Post drängte die Bush-Regierung, "eine Wiederholung der Fehler der Vietnam-Ära zu vermeiden" und die Stärke des Widerstands gegen die US-Besatzung im Irak nicht leichtsinnig zu unterschätzen. Dieser Ratschlag unterstellt, dass Washington ohne solche Fehler in dem seit zwei Jahren andauernden imperialistischen Krieg im Irak immer noch den Sieg davontragen könnte.

Die zentrale Bedeutung des dreißigsten Jahrestags, dass der US-Imperialismus in einem kriminellen Aggressionskrieg eine vernichtende Niederlage erlitten hatte, wurde allgemein verschleiert. Angesichts des unvermindert andauernden Kriegs im Irak ist die Aversion der bürgerlichen Medien gegen eine genauere Untersuchung verständlich - der aktuelle Bezug des Jahrestags ist allzu deutlich.

Die Niederlage in Vietnam hat der amerikanischen herrschenden Elite einen Schock versetzt, von dem sie sich bis heute nicht erholt hat. Für das US-Militär war das Erlebnis traumatisch. Die Kommandeure mussten zusehen, wie sich die Armee unter ihren Augen in einer Atmosphäre der Demoralisierung und des offenen Aufruhrs auflöste.

Das Debakel trug maßgeblich zur Herausbildung der vorherrschenden rechten Ideologie in der bürgerlichen amerikanischen Politik bei. Es erzeugte revanchistische Stimmungen und Dolchstoßlegenden, ähnlich den Konzepten der deutschen Rechten nach dem ersten Weltkrieg.

Seit den 1980er Jahren gibt es hartnäckige Versuche, Vietnam aus dem kollektiven Gedächtnis Amerikas zu tilgen. Diese Bemühungen haben sich vor allem auf die Überwindung des sogenannten Vietnam-Syndroms konzentriert - der tief verankerten Feindschaft der amerikanischen Bevölkerung gegen imperialistische Interventionen im Ausland, die durch die fast 60.000 amerikanischen Toten im Indochinakrieg deutlich verstärkt wurde.

Aber der Schatten des Vietnamkriegs hängt immer noch über den USA. Neben den Zehntausenden Toten kehrten viele weitere physisch und psychisch schwer geschädigt aus dem Krieg zurück. Die amerikanische herrschende Elite und alle ihre Institutionen waren wegen dieses Kriegs, der wie der jetzige im Irak auf Lug und Trug basierte, derart diskreditiert, dass sie sich bis heute nicht davon erholt haben.

Vertreter beider Parteien und des Pentagon, die in den Regierungen von John F. Kennedy, Lyndon Johnson und Richard Nixon hohe Ämter ausübten, machten sich massiver Kriegsverbrechen in Vietnam schuldig. Die Verantwortlichen für diese Gräueltaten verdienen die gleiche Behandlung, wie sie den Führern Nazi-Deutschlands nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg zuteil wurde. Aber bis heute ist niemand zur Verantwortung gezogen worden.

Das vietnamesische Volk hatte mehr als drei Millionen Tote zu beklagen. Millionen Waisen und Witwen blieben zurück, ebenso wie Millionen Verwundete und Verstümmelte. Die USA überzogen das ganze Land mit Bombenteppichen. Sie warfen fünfzehn Millionen Tonnen Bomben über Vietnam ab, mehr als im Zweiten Weltkrieg von allen kriegsführenden Parteien zusammen abgeworfen wurden.

Von 1961 bis 1971 vergiftete das US-Militär das südostasiatische Land mit über 75 Millionen Litern chemischen Giften und machte damit ein Drittel des Landes unbenutzbar. Es wird vermutet, das drei bis fünf Millionen Überlebende an den Folge dieses Chemiewaffenkriegs leiden. Noch heute werden Kinder mit schlimmen Missbildungen geboren oder leiden an geistigen Defekten, dem Down-Syndrom, Herzfehlern, Zwergenwuchs und anderen Gebrechen, weil ihre Eltern oder Großeltern vor dreißig Jahren vergiftet wurden.

Der kriminelle Angriffskrieg zog brutale Verbrechen nach sich. Ein Beispiel war die Operation Phönix, die massenhafte Ermordung von Dorfältesten und mutmaßlichen Sympathisanten der Nationalen Befreiungsfront, die mindestens 20.000 Menschen das Leben kostete. Dazu gehörten auch Massaker wie das im Dorf My Lai, wo amerikanische Soldaten 500 Männer, Frauen und Kinder in einem Graben zusammentrieben und liquidierten. Solche wahllosen Erschießungen waren keine Auswüchse, sondern das logische Ergebnis eines Kriegs, dessen Zweck darin bestand, ein ganzes Volk, das sich gegen den Imperialismus erhoben hatte, zu unterdrücken.

Die entsetzlichen Gräueltaten des Vietnamkriegs - wie das Hinausstoßen von Gefangenen aus Helikoptern, die Vergewaltigung und Verstümmelung von Frauen, Enthauptungen, das Abtrennen von Ohren als Trophäen etc. - waren Ausdruck des kriminellen Charakters des Krieges.

Die Niederlage des US-Imperialismus am 30. April 1975 war ein grandioser Sieg der Unterdrückten angesichts überwältigender Hindernisse - der Höhepunkt eines drei Jahrzehnte dauernden Kampfes.

Das vietnamesische Volk hatte die stärkste imperialistische Macht der Welt besiegt, die eine halbe Million Soldaten in sein Land geschickt hatte und über eine überwältigende Feuerkraft zu Luft und zu Wasser verfügte. Das korrupte und diktatorische Marionettenregime von General Nguyen van Thieu, das Washington zurückließ, brüstete sich mit einer 700.000 Mann starken Armee, brach aber dann fast kampflos in sich zusammen. Der Sieg des vietnamesischen Volks war der Höhepunkt eines dreißigjährigen Kampfes gegen die US-Intervention und gegen die vorangegangenen Interventionen des japanischen und des französischen Imperialismus.

Der Heroismus des vietnamesischen Volks inspirierte Millionen junger Menschen auf der ganzen Welt und auch in den USA selber, die in den 1960er und 1970er Jahren politisch aktiv wurden.

Er kennzeichnete auch den Höhepunkt einer Welle der Militanz, in deren Verlauf Industriearbeiter in einem Land nach dem anderen in aufstandsähnliche Kämpfe eintraten. Diese sozialen Kämpfe entwickelten sich vor dem Hintergrund einer historischen Krise des Weltkapitalismus. 1971 scheiterte die Dollar-Gold Konvertibilität im Rahmen des Bretton Woods Systems und zwei Jahre später löste die darauffolgende Ölkrise die schwerste Rezession seit den 1930er Jahren aus.

Aber der Kampf in Vietnam blieb im Wesentlichen von dieser globalen Offensive der Arbeiterklasse getrennt. Das lag zum Teil an der Perspektive der vietnamesischen Führung selbst, die den Kampf gegen den US-Imperialismus und zur Vereinigung ihres Landes unter nationalistischem Blickwinkel betrachtete.

Wichtiger aber war die Rolle der bestehenden Arbeiterorganisationen, besonders in den Vereinigten Staaten und Europa. In einem Land nach dem anderen - Frankreich 1968, Italien 1969, Chile 1973, Portugal und Griechenland 1974, Spanien 1975 - sorgten die stalinistischen Kommunistischen Parteien, die Sozialdemokraten und die Bürokratien der Gewerkschaften gezielt dafür, die Arbeiter von der sozialen Revolution abzuhalten und die kapitalistische Herrschaft zu stabilisieren.

In den USA selbst war der Vietnamkrieg von einer Welle großer Massenkämpfe, von Antikriegsprotesten und Aufständen der unterdrücktesten Schichten der Arbeiterklasse in den Städten und massiven Streiks von Millionen Arbeitern begleitet. Aber die Arbeiterklasse blieb unter der Kontrolle der antikommunistischen AFL-CIO Bürokratie, die den Krieg unterstützt hatte und jeden Arbeitskampf gnadenlos ihrem Bündnis mit der Demokratischen Partei unterordnete.

Die Demokratische Partei - die historische Partei des amerikanischen Liberalismus und des New Deal - war selbst für den Kriegsbeginn verantwortlich. Die "besten und hellsten Köpfe" der Kennedy-Regierung hatten die imperialistische Aggression geplant, und nicht die rechten Ideologen der Republikanischen Partei.

Als ein Teil der Demokratischen Parteiführung sich gegen den Krieg wandte, war das eine Anpassung an die massive Oppositionsbewegung, die sich im Land ausbreitete. Die Haltung der Partei zum Krieg blieb aber zwiespältig, und dies fand schließlich seinen klarsten Ausdruck 2004im Präsidentschaftswahlkampf von John Kerry, der seine politische Laufbahn als Anführer von Veteranen im Protest gegen den Vietnamkrieg begonnen hatte, aber drei Jahrzehnte später als Held einer Intervention posierte, die er früher als kriminell gebrandmarkt hatte.

Die Führer der massiven Proteste gegen den Vietnamkrieg in den USA - von der Kommunistischen Partei, der Socialist Workers Party bis hin zu verschiedenen kleinbürgerlich radikalen und pazifistischen Gruppen - sorgten dafür, dass die Proteste unter Kontrolle der Demokratischen Partei blieben und dass das Ansehen der Demokraten nach dem Zusammenbruch der Johnson-Regierung wieder aufpoliert wurde.

Die Führer der Protestaktionen verhinderten eine Abrechnung mit der Demokratischen Partei und der Gewerkschaftsbürokratie und spielten eine wichtige Rolle dabei, die amerikanische Arbeiterklasse angesichts der Offensive der herrschenden Elite in den folgenden Jahren zu entwaffnen. Diese Jahre waren von umfassenden Angriffen auf die Gewerkschaften, Kürzungen von Sozialprogrammen und der Vertiefung der Spaltung zwischen Reich und Arm geprägt.

Gleichzeitig bereitete die Unterordnung der Arbeiterklasse unter die Demokraten und das kapitalistische Zwei-Parteien-System den Weg für das Wiedererstehen des amerikanischen Militarismus und für den Krieg im Irak, der die Erinnerungen an den Horror von Vietnam vor dreißig Jahren erneut heraufbeschwört.

So wie der Vietnamkrieg durch Johnsons konstruierten Zwischenfall im Golf von Tonkin ausgelöst wurde, so wurde auch die Invasion im Irak mit nicht existierenden Massenvernichtungswaffen und Al-Qaida-Verbindungen begründet. Der berüchtigte Satz der Vietnam-Ära, dass "das Dorf zerstört werden muss, um es zu retten", fand seine Entsprechung in der Zerstörung der kompletten Stadt Falludscha durch die USA.

Dreißig Jahre nach dem Ende des Vietnamkriegs sind seine Lehren immer noch entscheidend, sowohl für den Kampf um die Beendigung der Irakbesatzung, als auch für den weltweiten Sieg über den amerikanischen Militarismus. Die wichtigste Lehre besteht darin, dass der Kampf gegen imperialistischen Krieg nur gewonnen werden kann, wenn sich die amerikanische Arbeiterklasse von beiden von der Wirtschaft kontrollierten Parteien loslöst und sich gegen sie wendet, um sich mit den breiten Arbeitermassen weltweit zusammenzuschließen.

Dreißig Jahre nach dem Ende des Vietnamkriegs sind seine Lehren immer noch maßgeblich für den Kampf um die Beendigung der Irakbesatzung und gegen den amerikanischen Militarismus weltweit. Die wichtigste dieser Lehren lautet, dass der Kampf gegen den imperialistischen Krieg nur durch die Mobilisierung der arbeitenden Bevölkerung Amerikas im Bündnis mit den breiten Arbeitermassen weltweit gewonnen werden kann. Dazu muss sie sich politisch von den beiden, von der Wirtschaft kontrollierten Parteien lösen. Die Schlüsselfrage ist der Aufbau einer sozialistischen Massenbewegung der Arbeiterklasse.

Siehe auch:
Vietnam 1968 - Irak 2005: Wenn Wahlen Kriege rechtfertigen sollen
(10. Februar 2005)