US-Defizit auf neuem Rekordstand

Von Nick Beams
23. Juni 2005

Das amerikanische Zahlungsbilanzdefizit hat im ersten Quartal dieses Jahres einen neuen Höchststand erreicht: Mit 195,1 Mrd. Dollar wurde der frühere Rekord von 188,4 Mrd. Dollar aus dem letzten Quartal 2004 noch um 3,6 Prozent übertroffen und lag damit deutlich über der Prognose von 190 Mrd. Dollar. Den jüngsten Zahlen zufolge beläuft sich das amerikanischen Zahlungsbilanzdefizit aufs Jahr hochgerechnet auf 780 Mrd. Dollar, was bedeutet, dass zu seiner Finanzierung jeden Tag zwei Mrd. Dollar aus dem Rest der Welt - hauptsächlich aus Japan, China und anderen asiatischen Ländern - zufließen müssen.

Das Leistungsbilanzdefizit für das Jahr 2004 erreichte die Rekordsumme von 668,1 Mrd. Dollar und lag somit um 28,6 Prozent höher als der bisherige Rekord aus dem Jahr 2003 (519,7 Mrd. Dollar). Setzt sich der heutige Trend fort, wird das Defizit dieses Jahr noch um einiges größer sein.

Das Rekordzahlungsbilanzdefizit wird den Druck auf die Bush-Regierung mit Sicherheit verstärken, Maßnahmen gegen die Handelsrivalen der USA zu ergreifen. Der Kongress hat bereits eine Resolution verabschiedet, die eine Neubewertung der chinesischen Währung innerhalb von sechs Monaten verlangt, und protektionistische Stimmen werden lauter.

Der demokratische Senator Byron Dorgan erklärte, die jüngsten Zahlen zeigten, dass das laufende Leistungsbilanzdefizit "gefährliche Höhen" erreicht habe und die Regierung in der Handelspolitik das Ruder herumreißen müsse.

Es scheint, dass die Wirtschaftsdaten den jüngsten Höhenflug des Dollars auf den internationalen Währungsmärkten beendet haben. Dieser hatte nach der Ablehnung der EU-Verfassung in Frankreich und Holland und dem Streit um den neuen Haushalt der Europäischen Union eingesetzt. Der Euro, der seit Anfang Mai um 6,7 Prozent abrutschte, legte letzte Woche, nach Bekanntwerden des US-Defizits, um 1,1 Prozent zu.

Die relativen Bewegungen von Euro und Dollar - ein Ausdruck der zunehmenden Wirtschaftsschwäche sowohl der Vereinigten Staaten als auch der Eurozone - sind Anzeichen von Problemen im Herzen des Weltfinanzsystems.

Zum einen wurde der allgemeine Anstieg des Euro in den letzten drei Jahren hauptsächlich durch die wachsenden Schulden der USA verursacht - durch das immer größere Loch in der Zahlungsbilanz und das Haushaltsdefizit. Mittlerweile übersteigen die US-Importe die Exporte um etwa die Hälfte, und kein ernsthafter Beobachter kann annehmen, es gebe dafür eine "schnelle Lösung", etwa in dem Sinn, dass die Neubewertung des chinesischen Yuan oder die Einführung protektionistischer Maßnahmen das US-Zahlungsbilanzdefizit reduzieren könnten. Der Dollar hat dem Euro gegenüber seit Anfang 2002 schon um über 25 Prozent nachgegeben, dennoch hat sich das Defizit ständig vergrößert. Seit Anfang 2003 ist es um 1,6 Prozent des Bruttosozialprodukts angestiegen.

Andererseits wurde die jüngste Euroschwäche und der Dollaraufschwung durch die Ablehnung der Europäischen Verfassung und die daraus resultierende Skepsis in die Zukunft des Euro und sogar der Europäischen Union verursacht. Mit anderen Worten: Die Stärke oder Schwäche jeder der zwei großen Währungen wird durch die relative Position der anderen bestimmt.

Im April bemerkte die Financial Times in einem Leitartikel, dass der Euro nicht eben besonders attraktiv sei, außer dadurch, dass er nicht der US-Dollar sei: "In Wirklichkeit gibt es gute Gründe dafür, alle drei großen Weltwährungen (Dollar, Euro und Yen) abzustoßen. Aber können sie denn alle scheitern? Ja, entweder dem Gold oder dem chinesischen Renminbi (Yuan) gegenüber."

Diese Schlussfolgerung weist auf schwerwiegende Probleme des globalen Währungssystems hin. Der Dollar hat in den letzten 34 Jahren, seit der Entscheidung des US-Präsidenten Nixon, die Golddeckung aufzuheben, als globale Leitwährung gedient. Seine Position auf den internationalen Märkten hing von der relativen Stärke der US-Wirtschaft gegenüber den anderen großen kapitalistischen Mächten ab.

Diese Position wurde während der letzten 15 Jahre systematisch untergraben. Bis Ende der achtziger Jahre profitierte die Position des Dollars von dem Umstand, dass trotz der zunehmenden Verschlechterung ihrer Handels- und Zahlungsbilanz die USA immer noch ein internationaler Netto-Gläubiger waren - eine Position, die sie seit der Zeit nach dem ersten Weltkrieg eingenommen hatten. Obwohl die internationalen Schulden der USA ständig wuchsen, wurde der "starke Dollar" dann von Mitte der neunziger Jahre an durch einen Kapitalzufluss in die USA gestützt, der von den höheren Renditen der Investitionen und dem Börsenboom angelockt wurde.

Aber seitdem im Jahre 2000 die Börsenblase platzte, gerieten die USA immer stärker in die Abhängigkeit von Kapitalzuflüssen aus den asiatischen Zentralbanken, um ihre Schulden zu bezahlen. Dies nahm solche Ausmaße an, dass heute über 75 Prozent aller Zahlungsbilanzüberschüsse im Rest der Welt darauf verwendet werden, um das US-Defizit zu finanzieren. Die Stabilität des globalen Finanzsystems ist durch die Gefahr bedroht, dass dieser Zufluss eines Tages versiegen könnte, was eine schnelle Entwertung des Dollars, einen Anstieg der Zinsraten und den Ausbruch einer Rezession in Amerika und weltweit verursachen würde.

Ein solches wirtschaftliches Szenario würde nicht notwendigerweise dazu führen, dass der Euro den Doller als internationale Leitwährung ablöst. Wegen der aktuellen Krise der Europäischen Union und der Zweifel, die sie in die längerfristige Zukunft des Euro weckt, hätte eine größere Dollarkrise eher eine Vertrauenskrise in sämtliche großen Währungen und eine Hinwendung zum Gold als einzig sichere Wertanlage zur Folge. Der ständige Anstieg des Goldpreises in den letzten vier Wochen inmitten der politischen Stürme um die Europäische Union könnte ein Hinweis auf eine solche Entwicklung sein.

Siehe auch:
Der Marxismus und die politische Ökonomie Paul Sweezys
(2.-11. Juni 2004)