Das Wesen der stalinistischen Säuberungen: Ein Brief an das Wall Street Journal

1. Juni 2005

Im Folgenden geben wir den Wortlaut eines Briefes wider, den David North, der nationale Sekretär der Socialist Equality Party in den Vereinigten Staaten, an das Wall Street Journal gesandt hat und der von der Tageszeitung am 25. Mai veröffentlicht wurde. Der Brief bezieht sich auf einen Kommentar mit dem Titel "What Gulag?", der am 6. Mai erschien und aus der Feder von David Satter stammt, einem Russland-Experten mit Verbindungen zum Hoover Institution, dem Hudson Institute und der John Hopkins University. Satter kritisiert Russland dafür, nicht vollständig mit dem stalinistischen Erbe der Sowjetunion gebrochen zu haben. Er argumentiert, Russland müsse "das kommunistische Regime als kriminell und die sowjetische Periode als illegitim definieren, die Archive öffnen, auch die Liste der Informanten, und alle Massengräber und Hinrichtungsstätten finden".

Ich als Sozialist wäre der Letzte, der Mr. Satters Forderung widersprechen würde, dass die Archive der ehemaligen Sowjetunion geöffnet und alle Aspekte der Verbrechen aufgedeckt werden sollen, die von Stalins Regime während der Periode des Terrors 1936-39 verübt wurden. Die Ergebnisse einer solchen Untersuchung hätten jedoch politische Konsequenzen, die Mr. Satter nicht unbedingt gefallen würden. Auch wenn Mr. Satter darauf besteht, dass die gesamte sowjetische Ära und die Revolution, aus der sie hervorging, als kriminell und illegitim zu definieren sind, ist es eine politische Tatsache, dass die große Mehrheit der Opfer von Stalins Terror die Führer und politischen Anhänger der Oktoberrevolution von 1917 waren.

Der Terror wurde verübt unter dem Banner des Kampfes gegen den politischen Einfluss von Leo Trotzki, dem bekanntesten und unnachgiebigsten Gegner von Stalins rechtem Bürokratenregime. Praktisch alle Angeklagten in den drei Schauprozessen, die in den Jahren 1936 bis 1938 in Moskau stattfanden - Leute wie Kamenew, Sinowjew, Bucharin und Rakowski - hatten eine bedeutende Rolle in der Entstehung des sowjetischen Staates und seinen frühen Jahren gespielt. Alle sowjetischen Generäle, die Stalin 1937 umbrachte, hatten ihr Ansehen im Verlauf des Bürgerkriegs erlangt, als Trotzki die Rote Armee kommandierte.

Die Säuberungen waren keineswegs willkürlich. Der Terror richtete sich nicht gegen die rechten Feinde der Sowjetunion, sondern gegen die linken Gegner von Stalins Verrat an der Oktoberrevolution. Die blutige Säuberung führte zur physischen Auslöschung einer ganzen Generation marxistischer Intellektueller und Arbeiter, die ihr Leben dem Ziel des sozialistischen Internationalismus und Egalitarismus gewidmet hatten. Sie setzte eine Entwicklung in Gang, die ihren Höhepunkt in der Auflösung der Sowjetunion, der endgültigen politischen Zurückweisung der sozialistischen Prinzipien der Oktoberrevolution und der Restauration des Kapitalismus fand.

Wenn der russischen Bevölkerung die politische Identität der Terroropfer bekannt wäre, die in den Massengräbern am Rande von St. Petersburg und Moskau begraben sind, würde sie besser die anhaltende Bedeutung ihres eigenen sozialistischen Erbes verstehen.

David North

Socialist Equality Party

Nationaler Sekretär

Detroit

Siehe auch:
"What Gulag?" - David Satters Kommentar im Wall Street Journal