Bush will Veto gegen Stammzellgesetz einlegen

Von Joseph Kay
2. Juni 2005

Die Bush-Administration hat vergangene Woche wieder einmal ihre Rückständigkeit und Ignoranz zu Schau gestellt. Der Präsident erklärte, er wolle sein Veto gegen ein neues Gesetz einlegen, das die staatlichen Zuschüsse für die Stammzellforschung aufstockt.

Mit der Ankündigung eines Vetos unterstrich Bush, dass er entschlossen ist, dem amerikanischen Volk die religiösen Standpunkte einer schmalen Minderheit aufzuzwingen - der rechten christlichen Fundamentalisten im Bunde mit der katholischen Hierarchie. Im republikanisch kontrollierten Repräsentantenhaus war das Gesetz angenommen worden, nachdem eine Gruppe von Republikanern, die sonst die Anti-Abtreibungslinie der Administration unterstützt, zur Gegenseite übergelaufen war. Bush nutzte die Gelegenheit, um der Lobby der christlichen Rechten, die in wachsendem Maße zur wichtigsten politischen Basis der Administration und der Republikanischen Partei wird, einen Gefallen zu tun.

Am vergangenen Dienstag inszenierte Bush auf einer Veranstaltung des Weißen Hauses öffentlich seine Entscheidung, das Gesetzes zu blockieren. Mit dieser Geste stellte er klar, dass er trotz der weit verbreiteten öffentlichen Ablehnung der republikanischen Eingreifens im Fall Terri Schiavo nicht beabsichtigt, seine Angriffe auf die säkularen Grundlagen der amerikanischen Verfassung einzustellen.

Da das Gesetz im Repräsentantenhaus die (zur Überwindung des Präsidentenvetos nötige) Zweidrittelmehrheit knapp verfehlt hat, wird davon ausgegangen, dass Bushs Eingreifen das Gesetz zu Fall bringen wird, selbst wenn der Senat es annehmen sollte. Dies würde die Entwicklung medizinischer Technologien empfindlich behindern, die das Leiden von Millionen Menschen lindern und möglicherweise bislang unheilbare Krankheiten heilen könnten.

Das Gesetz über die Erweiterung der Stammzellforschung lockert die Regeln etwas, die Bush im August 2001 erlassen hatte. Damals untersagte er den Einsatz staatlicher Fördergelder für die Forschung an Stammzelllinien. Ausgenommen waren lediglich eine geringe Zahl bereits bestehender Linien. Das neue Gesetz würde es der Regierung ermöglichen, Forschungen an neuen Stammzelllinien zu finanzieren. Dabei könnten Embryonen zur Anwendung kommen, die aus Kliniken zur künstlichen Befruchtung stammen. Das Gesetz enthält die Auflage, dass nur Zelllinien aus Embryonen verwendet werden dürfen, die als medizinischer Abfall vernichtet würden, sollten sie nicht Forschungszwecken zugeführt werden.

Das Gesetz wurde vom Repräsentantenhaus mit einer klaren Mehrheit angenommen - 50 Republikaner stimmten dafür -, verfehlte aber die Zweidrittelmehrheit deutlich. Mit überwältigender Mehrheit wurde ein zweites, von dem Kongressausschuss "Pro Life" eingebrachtes Gesetz verabschiedet. Dieses ermöglicht die Forschung an Stammzellen aus Nabelschnurblut, bei der keine Stammzellen aus Embryonen gewonnen werden. Stammzellen aus Nabelschnurblut sind für wissenschaftliche Forschungszwecke jedoch weit weniger wertvoll als embryonale Stammzellen.

Das Gesetz wurde von der Mehrheit der Demokraten sowie einer bedeutenden Zahl von Republikanern unterstützt, weil Teile der herrschenden Elite befürchten, die USA könnten auf diesem wichtigen Feld medizinischer Forschung zurückfallen. Darüber hinaus sind sich die Kongressabgeordneten bewusst, dass eine große Mehrheit der Bevölkerung die Stammzellforschung befürwortet - darunter auch die Mehrheit der republikanischen Wähler, die hoffen, auf diese Weise könnten Mittel entwickelt werden, die ihnen selbst oder ihnen nahestehenden Menschen ein besseres Leben ermöglichen.

Stammzellen können sich zu anderen Zelltypen entwickeln. Die wandlungsfähigsten Zellen sind hierbei die sogenannten embryonale Stammzellen. Diese Zellen existieren in den ersten Stadien der embryonalen Entwicklung und reifen später zu allen Zellen des menschlichen Körpers heran.

Andere, weniger wandlungsfähige Stammzellen finden sich auch im Körper des Erwachsenen. Hierunter zählen Stammzellen des Knochenmarks, aus denen während des gesamten Lebens unterschiedliche Typen von Blutzellen hervorgehen.

Viele Wissenschaftler glauben, dass Stammzellen, besonders solche embryonaler Herkunft, zur Wiederherstellung verlorengegangener oder in ihrer Funktion beeinträchtigter Gewebe und Organe herangezogen werden könnten (z.B. Nervenzellen bei Patienten mit der Alzheimer-Erkrankung oder insulinbildende Zellen bei Patienten mit Diabetes). Die volle Entfaltung der therapeutischen Stammzellnutzung hätte wahrhaft revolutionäre Bedeutung für die medizinische Forschung.

Es kann daher kaum überraschen, dass die christlich-fundamentalistische Rechte, die mit untrüglichem Riecher alles verdammt, was an moderner Wissenschaft und Technik fortschrittlich ist, sich auch mit Leidenschaft gegen die Stammzellforschung wendet. Bush rechtfertigte das Vorhaben, sein Veto gegen das Gesetz einzulegen, mit der Begründung, es würde "eine kritische ethische Grenze überschreiten und neue Anreize schaffen, entstehendes menschliches Leben zu zerstören". Er fuhr fort: "Es wäre ein großer Fehler, diese Grenze zu überqueren." Schon früher hatte Bush gesagt, er werde keinen Einsatz staatlicher Geldmittel zur Förderung einer Wissenschaft gestatten, die "Leben zerstört, um Leben zu retten".

Derartige Stellungnahmen werfen eine Reihe von Fragen auf. Es ist aber kaum zu erwarten, dass sie dem Präsidenten von den unterwürfigen US-Medien oder seinen vermeintlichen Opponenten in der Demokratischen Partei gestellt werden.

Was ermächtigt Bush, die "ethische Grenze" festzulegen, die das amerikanische Volk nicht überqueren darf? Was weiß dieser halbe Analphabet über die wissenschaftliche Stammzellforschung?

Dass sich eine solche Person anmaßt, seine eigenen religiösen Überzeugungen - die allesamt den rückständigsten und bigottesten Spielarten der Religion zuzurechnen sind - der gesamten Bevölkerung aufzuzwingen, ist kennzeichnend für eine Regierung, die dem demokratischen Prinzip der Trennung von Kirche und Staat mit Verachtung begegnet.

Die Ablehnung der Stammzellforschung durch die Administration stützt sich ausschließlich auf die religiöse Vorstellung, menschliches Leben sei durch die Existenz einer unsterblichen Seele definiert. Der Versuch, dem Volk eine solche Sichtweise aufzuerlegen und sie zur Grundlage öffentlicher Politik zu machen, steht daher in unvereinbarem Widerspruch zu dem im ersten Verfassungszusatz enthaltenen Verbot der Verordnung einer Religion durch den Staat.

Um nicht vom Präsidenten übertroffen zu werden, erklärte der Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus Tom DeLay während der Debatte über das Gesetz am vergangenen Montag, die Entscheidung zugunsten des Gesetzes sei "eine Entscheidung, mit Steuergeldern die Zerstückelung lebendigen, individuellen menschlichen Lebens zu medizinischen Zwecken zu finanzieren... Das beste, was man über die Forschung an embryonalen Stammzellen sagen kann, ist: Sie ist die wissenschaftliche Untersuchung des Nutzens, menschliche Wesen zu töten."

Das ist eine besonders groteske Verzerrung der Wahrheit, mit deren Hilfe Bilder blutrünstiger Wissenschaftler heraufbeschworen werden, die kleinen Kindern die Glieder ausreißen.

Worum geht es bei der wissenschaftlichen Forschung wirklich, die durch das Gesetz mit staatlichen Geldern gefördert würde? Selbst die Anwendung des Begriffs "Embryo" auf die biologischen Formen, um die es geht, ist etwas irreführend, da sich die wissenschaftliche Definition des Begriffs lediglich auf die Periode zwischen der zweiten und siebten oder achten Woche nach der Befruchtung bezieht. Die Embryonen bzw. Vor-Embryonen in Befruchtungskliniken werden zwei bis fünf Tage nach der Befruchtung eingefroren. An diesem Punkt bestehen sie aus nicht mehr als einer Handvoll Zellen, die nur wenige Zellteilungen durchlaufen haben. Auf diese "individuellen menschlichen Wesen" bezieht sich der gelehrte Mr. DeLay!

Künstliche Befruchtung wird jedes Jahr von Tausenden von Paaren genutzt, die aus unterschiedlichen Gründen Schwierigkeiten haben, auf natürlichem, sexuellem Wege Kinder zu zeugen. Das Vorgehen beinhaltet die Entnahme einer Vielzahl von Eizellen der Frau, die dann außerhalb des Körpers mit den männlichen Samenzellen befruchtet werden. Einige dieser befruchteten Eizellen werden daraufhin in die Frau eingebracht, in der Erwartung, dass eine von ihnen zu einer erfolgreichen Schwangerschaft führt. Oft besteht ein Überschuss an Embryonen, die dann für wissenschaftliche Zwecke gespendet, für eine spätere Verwendung eingefroren oder aber als medizinischer Abfall entsorgt werden.

Tausende solcher Embryonen werden jedes Jahr entsorgt, die Schätzungen über die Zahl "aufgegebener" Embryonen, die in Befruchtungskliniken aufbewahrt werden, belaufen sich auf nicht weniger als 100.000. Aus vielen oder gar allen von ihnen könnten Stammzellen gewonnen werden. Diese könnten sich dann zu Stammzelllinien weiterentwickeln, d.h. zu sich selbst vermehrenden Gruppen von Stammzellen, die unbegrenzt für wissenschaftliche Untersuchungen gezüchtet und weiterverwendet werden können.

Ohne die Entwicklung neuer Stammzelllinien stagniert die staatlich finanzierte Stammzellforschung in den USA - besonders, da die kleine Anzahl von Zelllinien, die von der Bush-Administration im Jahr 2001 zugelassen wurden, von schlechter Qualität oder durch tierisches Material verunreinigt sind. Da staatliche Zuschüsse den Grossteil der wissenschaftlichen Forschungsgelder ausmachen, ist die Stammzellforschung in den USA insgesamt schwer beeinträchtigt.

Neue Fortschritte der Stammzelltechnologie

Zeitgleich mit den Debatten um das neue Gesetz gaben Forscher aus Südkorea einen bedeutenden Durchbruch bekannt, den sie beim Kerntransfer somatischer Zellen gemacht hatten, auch bekannt als therapeutisches Klonen. Die Forschungsgruppe um Woo Suk Hwang von der Nationalen Universität Seoul berichtet in der jüngsten Ausgabe von Science, sie hätte erfolgreich Stammzelllinien mit der DNA von neun verschiedenen Patienten hergestellt.

Die neue von der Gruppen entwickelte Vorgehensweise besteht darin, eine Eizelle einer weiblichen Spenderin zu nehmen, deren Zellkern zu entfernen (in dem sich der größte Teil der DNA der Zelle befindet), und ihr stattdessen den Kern einer anderen, somatischen Zelle eines Patienten zu implantieren. Die Zelle darf danach frühe Teilungsstadien durchlaufen, bis sie das sogenannte Blastozystenstadium erreicht hat. In diesem Stadium, etwa fünf Tage nach der Befruchtung, besteht die Blastozyste aus etwa 150 Zellen. Ihr können nun embryonale Stammzellen entnommen werden, die sich nach ihrer Isolierung weiter teilen und so neue Stammzelllinien bilden.

Die Technik des Kerntransfers eröffnet die Möglichkeit, neue embryonale Stammzellen so zu manipulieren, dass sie die DNA eines beliebigen Patienten enthalten. Dadurch sinkt die Wahrscheinlichkeit dramatisch, dass die Zellen nach ihrem Transfer in einen Patienten, der wegen einer Krankheit behandelt wird, abgestoßen werden. Damit fällt eine der bedeutendsten Hürden, welche die Stammzelltechnologie zu nehmen hat. Die koreanischen Wissenschaftler haben berichtet, die von ihnen hergestellten Zellen besäßen die gleichen äußeren Merkmale wie die körpereigenen Zellen der Patienten. Das bedeutet, sie würden vom Immunsystem des Patienten, für den sie hergestellt wurden, nicht als fremd erkannt werden.

Es handelt sich um die erste Demonstration der praktischen Durchführbarkeit der Entwicklung von Stammzelllinien durch Kerntransfer. Vor fünfzehn Monaten war dem gleichen Team die erste Isolation einer Stammzelllinie mittels dieser Technik gelungen. Damals hatten die Forscher jedoch Eizelle und somatische Zelle der gleichen jungen Frau verwendet. Dies hatte zu Spekulationen Anlass gegeben, die Prozedur könnte bei Patienten im Allgemeinen nicht anwendbar sein.

Bei der neuen Studie wurden elf Patienten einbezogen, männlich und weiblich, im Alter von zwei bis 56 Jahren. Von ihnen wurden in neun Fällen erfolgreich Stammzelllinien gezüchtet.

Das Team konnte auch demonstrieren, dass man die Zellen dazu veranlassen kann, sich zu unterschiedlichen Körperzellen zu entwickeln. Damit zeigten sie die Möglichkeit auf, beispielsweise Nervenzellen mit der DNA von Patienten mit Alzheimer-Erkrankung herzustellen.

Das potenzielle Nutzen dieser Technologie ist praktisch unbegrenzt. Das revolutionäre an der Stammzellforschung ist, dass sie eine völlig neue Methode zur Behandlung von Krankheiten beinhaltet. Anstatt ein Symptom zu behandeln oder eine Folge der eigentlichen Krankheit (wie z.B. durch Insulinspritzen bei Kindern mit der Zuckerkrankheit), werden grundlegendere Ursachen behandelt - beispielsweise durch die Herstellung insulinproduzierender Zellen oder einer ganzen Bauchspeicheldrüse, die den Patienten eintransplantiert werden kann. Andere Anwendungen sind ebenso möglich. So gibt es die Hoffnung, Krebspatienten zu helfen, sich von dem Schaden zu erholen, der ihrem Immunsystem durch eine Chemotherapie zugefügt wurde.

Zusätzlich zu den therapeutischen Anwendungsmöglichkeiten würde das Studium der Stammzellen Forschern ein besseres Verständnis der embryonalen Entwicklung des Menschen eröffnen. Unter anderem geht man davon aus, dass dies Einsichten in die Mechanismen verschiedener Erbkrankheiten gestatten würde.

Bush reagierte auf die Fortschritte in Südkorea mit typischer Ignoranz: "Ich bin sehr besorgt über das Klonen. Ich bin besorgt über eine Welt, in der das Klonen akzeptabel wird."

Damit sollte Verwirrung über das Wesen des therapeutischen Klonens gestiftet werden, das von Bush mit der Herstellung genetisch identischer Menschen durcheinandergebracht wird. Leon Kass, Vorsitzender des Bioethikbeirats des Präsidenten und Abtreibungsgegner, reagierte auf die Fortschritte der südkoreanischen Wissenschaftler, indem abermals zu einem vollständigen Aussetzen des therapeutischen Klonens aufrief.

Siehe auch:
Welchen Standpunkt sollten Sozialisten zur Frage der Stammzellenforschung einnehmen?
(1. September 2001)
Der Fall Terri Schiavo und die Krise der Politik und Kultur in den Vereinigten Staaten
( 9. April 2005)