Die Schließung des AEG-Werks in Nürnberg und die Rolle der Gewerkschaften

Von Markus Salzmann
11. Januar 2006

Mitte Dezember kündigte die Unternehmensleitung des schwedischen Elektrokonzerns Elektrolux die Schließung des traditionsreichen AEG-Werks in Nürnberg an. Darauf kam es im Werk zu Arbeitsniederlegungen und Protestaktionen. 1.750 Arbeitsplätze sind unmittelbar von dem Stilllegungsbeschluss bedroht. Dazu kommen noch viele in den vor- und nachgelagerten Bereichen.

Nach Bekanntgabe der Konzernentscheidung haben die Beschäftigten die Bänder immer wieder abgestellt oder gezielt sehr langsam gearbeitet. Während der Arbeitszeit wurden Betrieb- und Informationsversammlungen abgehalten, auf der Arbeiter weiterreichende Kampfmaßnahmen und einen unbefristeten Streik forderten, während Vertreter des Betriebsrats und der Industriegewerkschaft Metall die Geschäftsleitung in markigen Worten anklagten, aber gleichzeitig zur Besonnenheit aufriefen.

Die Arbeiter bekamen breite Unterstützung aus der Bevölkerung. Eine Woche nach dem Schließungsbeschluss demonstrierten 6.000 Menschen für den Erhalt des Werkes und der Arbeitsplätze. Nach einer Kundgebung bildeten die Teilnehmer eine Lichterkette um das Werksgelände im Nürnberger Stadtteil Muggenhof. Auf Transparenten und Spruchtafeln wandten sie sich gegen die Pläne des Konzerns und warfen ihm "soziale Kälte" und "Missbrauch der unternehmerischen Macht" vor.

Bereits im Juli und Oktober des vergangenen Jahres war es zu Protesten der Belegschaft gekommen, nachdem die Konzernleitung wiederholt mit der Schließung des Werks gedroht hatte.

Als die Aktionen der Belegschaft in den Tagen vor Weihnachten heftiger wurden, versuchte der Betriebsrat einer spontanen Werksbesetzung zuvorzukommen und handelte in einer vertraulichen Vereinbarung mit der Geschäftsleitung Betriebsferien bis zum 4. Januar aus. Die Beschäftigten mussten Überstunden abbauen oder Urlaub nehmen. Dem Unternehmen entstand daraus kaum finanzieller Schaden, während auf der anderen Seite Betriebsrat und Gewerkschaft die Zeit nutzten, um Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag vorzubereiten, die gegenwärtig in München stattfinden.

Der schwedische Elektolux-Konzern, der in den vergangenen Jahren zum Markführer bei der Fertigung von Haushaltsgeräten aufgestiegen ist, begründet seine Stilllegungsentscheidung damit, dass die Produktion von Waschmaschinen, Geschirrspülern und Trocknern im Nürnberger Werk im internationalen Vergleich nicht mehr wettbewerbsfähig sei. Konzernvorstand Johan Bygge erklärte unumwunden, dass jedes in Nürnberg produzierte Gerät den Gewinn des Unternehmens schmälere. Mit jedem in Deutschland produzierten Geschirrspüler und jeder Waschmaschine mache das Unternehmen 45 bzw. 60 Euro Verlust. Zugleich kündigte er eine Verlagerung der Produktion, größtenteils nach Polen, an.

Die Verlagerung der Produktion wurde bereits von langer Hand geplant und soll nun unter allen Umständen und gegen jeden Widerstand durchgesetzt werden. Seit mehreren Jahren errichtet der schwedische Konzern Fertigungsstellen in Osteuropa, die nun zum Einsatz kommen. Bereits zu Beginn des Jahres hatte der Elektolux-Vorstand massive Stellenstreichungen in "Hochlohnländern" angekündigt.

Zwar wurde die AEG als selbstständiges Unternehmen bereits vor zehn Jahren aufgelöst, aber ihre Marken und Namen wurden ebenso weitergeführt, wie die Produktion in einzelnen Bereichen. Von vielen Beschäftigten wird die Schließung des Nürnberger Werks als endgültiges Aus des traditionsreichen Elektro-Konzerns empfunden, der im vergangenen Jahrhundert die Industriegeschichte in Deutschland stark geprägt hatte.

Mit dem Erwerb der Edison-Patente hatte Emil Rathenau bereits 1883 die Deutsche Edison Gesellschaft gegründet, die er 1897 in Allgemeine Eletricitätsgesellschaft (AEG) umbenannte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die AEG dann zu einem der größten Konzerne weltweit. 1922 wurde das Werk in Nürnberg gegründet. Ende der vierziger Jahre beschäftigte das Unternehmen über 200.000 Mitarbeiter. In den fünfziger und sechziger Jahren entstanden deutschlandweit neue Produktionsstandorte, und nach dem Zusammenschluss mit Telefunken stand das Unternehmen an 12. Stelle der Weltrangliste.

Mit der Krise der Weltwirtschaft in den siebziger Jahren verschlechtert sich auch die Situation der AEG. Erstmals wurden einige Firmenteile ausgegliedert oder verkauft. Der Niedergang begann schließlich mit der Übernahme der Aktienmehrheit durch Daimler-Benz 1985. Deren Strategie, einen globalen Technologiekonzern zu bilden, war nicht von Dauer. In den folgenden Jahren wurde das Unternehmen grundlegend umstrukturiert. Profitable Teile werden ausgegliedert oder gewinnbringend verscherbelt. Anfang der achtziger Jahre waren in Nürnberg noch gut 6.000 Arbeiter beschäftigt. 1994 übernahm dann Electrolux die AEG Haushaltsgeräte GmbH, die ihren Sitz in Nürnberg hatte.

Bereits drei Jahre später kündigte die Geschäftsleitung in Schweden Entlassungen an deutschen Standorten an. Im fränkischen Rothenburg ob der Tauber wurden 400 Arbeitsplätze abgebaut, und die hessischen Standorte in Kassel und Herborn-Burg wurden geschlossen. Presseberichten zufolge plant der Konzern insgesamt 13 der 20 westeuropäischen Standorte aufzulösen und nach Polen zu verlagern.

Ähnlich wie der AEG erging es mehreren Unternehmen in der Region Nürnberg, die mittlerweile eine der höchsten Arbeitslosenquoten in Bayern aufweist. Waren 1989 noch 89.000 Beschäftigte in den Industriebetrieben tätig, so sind es heute gerade mal noch 52.000. Bekannte Firmen wie Grundig, Phillips oder Triumph-Adler, die jeweils einige Tausend Arbeiter beschäftigten, sind mittlerweile verschwunden. Das Schicksal des Schienenfahrzeughersteller Adtranz ist beispielhaft. Das Unternehmen wurde von MAN, AEG und Daimler-Benz systematisch ausgeschlachtet. Im vergangenen Jahr wurden die letzten der ehemals über 1.000 Beschäftigten abgewickelt.

Die Entscheidung von Electrolux, das AEG-Werk zu schließen, fällt mit einer Vielzahl von geplanten oder bereits umgesetzten Betriebsschließungen und Massenentlassungen in Deutschland zusammen. Allein die Telekom plant 32.000 Entlassungen, jeweils etwa 8.000 kündigten die Automobilhersteller VW und Daimler-Chrysler an. Ebenso viele Stellen sollen bei Siemens wegfallen. Der Karstadt-Quelle Konzern kündigte 5.700 und die HypoVereinsbank 2.400 Entlassungen an. Jede Woche kommen neue Ankündigungen von Massenentlassungen hinzu.

Wie in einem Brennglas zeigen sich bei der Auseinandersetzung um das AEG-Werk in Nürnberg die grundlegenden Probleme, mit denen Arbeiter gegenwärtig überall konfrontiert sind.

Dieselben Betriebsräte und Gewerkschaftsfunktionäre, die sich gegenwärtig auf Protestkundgebungen über das "menschenverachtende Verhalten" der schwedischen Geschäftsleitung ereifern, sitzen seit Jahr und Tag im Aufsichtsrat des Konzerns und haben die Vorstandspolitik mitgetragen. Der Betriebsratsvorsitzende Harald Dix und sein Stellvertreter Roland Weiß gehören ebenso dem Aufsichtsrat an, wie der örtliche IG Metall-Vize Jürgen Wechsler, der als zuständiger Gewerkschaftssekretär sowohl bei den offiziellen Protesten, als auch bei den Sozialplanverhandlungen die Fäden zieht.

Als gewerkschaftliche Co-Manager antworteten sie im Herbst auf die geplante Werksschließung, indem sie ein eigenes Gutachten in Auftrag gaben. Das Institut für Organisationsentwicklung und Unternehmenspolitik (INFO) unter Leitung von Heinz Bierbaum an der Hochschule Saarbrücken wurde beauftragt die Unternehmenssituation zu prüfen. Bierbaum war früher hauptamtlich bei der IG Metall beschäftigt (zunächst in der Wirtschaftsabteilung beim Vorstand und danach als 1. Bevollmächtigter der Verwaltungsstelle Frankfurt am Main).

Wie erwartet, kam das Gutachten zu dem Ergebnis, dass 70 Prozent der in Nürnberg hergestellten Geräte in den Export gingen und damit die von Electrolux vorgetragenen Verluste aus dem Deutschland-Geschäft "mehr als kompensiert" würden. Der Betrieb arbeite rentabel und die als Stilllegungsgründe genannten Berechnungen seien "nicht nachvollziehbar".

Als die Geschäftsleitung dem Gewerkschaftsgutachten keinerlei Beachtung schenkte, legte der Betriebsrat in Zusammenarbeit mit der örtlichen IG Metall im November ein eigenes, so genanntes "Zukunftskonzept" vor. Um den Standort die nächsten vier Jahre zu erhalten, boten Betriebsrat und Gewerkschaft weitreichende Zugeständnisse an. Sie erklärten sich bereit, dem Abbau von 700 der 1.750 Arbeitsplätze zuzustimmen und für die verbleibenden Mitarbeiter Lohneinbußen in Höhe von 16 Prozent in Kauf zu nehmen.

Selbst in einem Gewerkschaftsaufruf zu einer Protestkundgebung vor Weihnachten heißt es: "Die Entscheidung der Konzernspitze fiel, obwohl die Beschäftigten zu erheblichen Einkommenseinbußen bereit waren, um so die Produktionskosten für das Unternehmen zu senken. Die Mitarbeiter wissen um ihre Verantwortung. Sie sind bereit zu weit reichenden Einschnitten. Das Werk Nürnberg kann dann auch im Wettbewerb mit anderen westeuropäischen Fertigungsstätten sehr wohl bestehen. Doch offensichtlich haben die Manager in Stockholm das gar nicht mehr ernsthaft geprüft."

Diese feige Kompromissbereitschaft, die jedem ernsthaften Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze in den Rücken fiel, stieß innerhalb der Belegschaft auf Ablehnung und Empörung. Gleichzeitig signalisierte sie der Geschäftleitung, dass Betriebsrat und Gewerkschaft bereit waren, den Abbau der Arbeitsplätze mit zu organisieren. Das stärkte und ermutigte die Hardliner im Management.

Siehe auch:
Samsung Berlin: Proteste gegen Werksschließung
(29. November 2005)
Deutsche Telekom will 32.000 Arbeitsplätze abbauen
( 25. November 2005)