Das Leben ist ein Karussell

Sommer vorm Balkon, Regie: Andreas Dresen, Buch: Wolfgang Kohlhaase

Von Bernd Reinhardt
7. Februar 2006

In seinem neuesten Film stellt Andreas Dresen die Fähigkeit, Menschen sensibel zu beobachten, erneut unter Beweis. Wie immer liegen Komik und Tragik dicht beieinander, und wie in Nachtgestalten (1998/99) oder Die Polizistin (2000) gelten seine Sympathien kleinen Leuten, die sich in einem Umfeld behaupten müssen, das nicht für sie gemacht scheint.

Nike und Katrin wohnen im gleichen Haus. Katrin, die gelernte Werbegestalterin, inzwischen Ende dreißig, von Westdeutschland nach Berlin gezogen, hat hier keine Arbeit gefunden. Die jüngere Nike, eine schlagfertige Berlinerin, im Osten aufgewachsen, arbeitet als Altenpflegerin. Katrin lebt ohne Mann mit ihrem 13-jährigen Sohn. Auch Nike hat Pech mit Männern, obwohl sie eigentlich "ganz normal" ist, wie sie meint.

Beide sind keine starken Single-Frauen, haben weder den Ehrgeiz "etwas aus sich zu machen", noch träumen sie von Emanzipation. Ihr schlichter Traum ist eine Familie mit einem richtigen Mann. Leider sind "die Richtigen immer die Falschen", weiß Nike. Das ehemalige Heimkind, das ständig andere umsorgt, zieht Männer an, deren Bedürfnis, sich bemuttern zu lassen, so ins Maßlose geht, dass Nike sie irgendwann vor die Tür setzt.

Dann sitzen die beiden Frauen, wie auch zu Beginn des Films, auf Nikes Balkon, trinken Wein oder Cola Wodka, blicken über den Prenzlauer Berg, genießen die abendlichen Geräusche und das vertraute Beieinander, mitunter bis es wieder hell wird.

Als Ronald, der wortkarge, schlaksige Fernfahrer auftaucht, sind die Balkonsitzungen mit Katrin erst einmal vorbei. Nach der Arbeit ist Nike für Roland da, der sich so schnell wie selbstverständlich bei Nike eingenistet hat, obwohl er Frau und Kinder in Eberswalde hat. Ronald hätte nichts dagegen, Katrin auch noch um sich zu haben, während Nike arbeiten geht.

Katrin ist seit drei Jahren arbeitslos. Seitdem: Pauschaljobs, unzählige erfolglose schriftliche Bewerbungen. Der Anfang des Films zeigt sie beim Bewerbungstraining. Es ist skurril, was man alles beachten soll, damit, wie der Ausbilder erklärt, nicht schon "in der ersten Sekunde" alles vermasselt wird. Natürlich hat Katrin im Ernstfall dann doch etwas falsch gemacht. Auf ihrer Bewerbung kürzt sie das Wort "Straße" ab, und damit ist bereits alles gelaufen. Wer so etwas tut, sei auch sonst faul, bekommt sie zu hören. Eine Agenturchefin, bei der Katrin vorspricht, reagiert menschlich. Aber sie kann Katrin nur in die Kartei aufnehmen. Eine Chance hat die knapp Vierzigjährige auch bei ihr nicht. Niemand braucht sie.

Die anhaltende Arbeitslosigkeit unterhöhlt Katrins Persönlichkeit. Sie ist resigniert und leicht zu verunsichern. Auch als Mutter fühlt sie sich minderwertig. "Mit mir kommst du nicht weit", erklärt sie ihrem Sohn mutlos. Nach einem verzweifelten Alkoholexzess erwacht Katrin in einer psychiatrischen Klinik.

Der Film betont das elementare menschliche Bedürfnis, füreinander da zu sein, ein Impuls, der, wie Dresen zeigt, jede Generation aufs Neue antreibt. Das kindlich Maß- und Grenzenlose darin schimmert in den Figuren immer wieder durch, und berührt nicht zuletzt deshalb, weil die aufblitzende kindliche Hilf- und Schutzbedürftigkeit in so starken Kontrast zum Umfeld steht, in dem die Figuren leben.

"Jeder ist irgendwie auf der Suche nach jemandem, bei dem man sich anlehnen könnte. Insofern ist es auch ein Film über das ‚Überleben’ in einem Alltag, der es einem nicht unbedingt einfach macht," erklärt Dresen.

Wo die Marktwirtschaft direkt die Spielregeln des Lebens bestimmt, werden Menschen und Institutionen starr, stumpf und unsensibel gegenüber diesen Gefühlen. Da ist der Schuhverkäufer, der in Katrin allein die potentielle Konsumentin sieht und an ihren Wünschen vorbei seinen Text runterrasselt, und da ist das unpersönlich-freundliche Krankenhaus-Personal, das darauf achtet, dass Katrin wieder "auf Null" kommt. (Dresen hat für diese Rollen, wie auch für den Bewerbungstrainer Laien besetzt, die diese Berufe wirklich ausüben.)

Gegen diese Angepasstheit wirkt Ronalds Macke fast sympathisch. Es ist menschlich, wie er da als Pascha auf der Couch sitzt und es wie ein kleiner Junge genießt, wie sich beide Frauen um ihn bemühen. Noch sympathischer ist allerdings, dass Nike irgendwann der Geduldsfaden reißt und sie ihn hinauswirft. Das bedeutet keinen wirklichen Schnitt. Man weiß, Nikes Beziehungen enden immer so. Der nächste Mann ist vermutlich vom gleichen Kaliber.

Dresen zeigt das Leben gern in dieser Kreisbewegung. Die passenden Figuren: einfache Menschen, ohne große Pläne, ohne großen Weitblick, die einfach täglich aufs Neue Kraft für den nächsten Tag finden und sich im Laufrad des Lebens abstrampeln, ohne je vom Fleck zu kommen. Diese Tendenz zeigt bereits Dresens erster und vielleicht schönster Film: Stilles Land (1991/92, Drehbuch: Laila Stieler/Andreas Dresen).

Herbst 1989: Die Schauspieler einer kleinen DDR-Provinzbühne proben "Warten auf Godot". So empfinden sie die Stimmung im Land. Plötzlich bricht die Wende über sie herein. Auch im Ort gibt es eine Demonstration. Unter dem Eindruck der Ereignisse wird die Konzeption des Stückes geändert. Plötzlich ist klar, wer Godot ist: Godot, das sind sie selbst. Es liegt an ihnen allein, etwas zu ändern. Dann legt sich der aufgewühlte Staub der Ereignisse, der Alltag kehrt ein. Einzig sichtbare Änderung: eine Kollegin verlässt das Theater und zieht in den Westen. Der Schluss ist wie der Anfang: Warten, und keiner weiß genau worauf.

Der Film brachte ein in der DDR sehr ausgeprägtes Gefühl zum Ausdruck, Ergebnis eines jahrzehntelang stetigen Wechselns illusionärer Hoffnungen mit regelmäßig folgender Enttäuschung. Da waren Hoffnungen auf ein "besseres Deutschland" nach 1949, auf ein "Tauwetter" nach 1956, sogar auf die Mauer 1961, auf einen SED-Generationswechsel in den Sechzigern, den Führungswechsel nach Ulbrichts Tod, und zuletzt auf Gorbatschow. Natürlich wurden diese oberflächlichen Hoffnungen immer wieder enttäuscht.

Nike und Katrin haben große Enttäuschungen im wiedervereinigten Deutschland hinter sich, sind ähnlich den Schauspielern aus Stilles Land ohne große Erwartungen. Wurden diese vom beginnenden Zusammenbruch der DDR aus dem Kreislauf gerissen, rechnet Sonne vorm Balkon nicht mit größeren Veränderungen in der Zukunft. Irgendwann erscheint der Schriftzug: "und so weiter".

Das Drehbuch zum Film schrieb Wolfgang Kohlhaase, etwa dreißig Jahre älter als der Regisseur und ebenfalls aus der DDR. Die Liste seiner Drehbücher fällt durch ihre enorme Vielseitigkeit auf: Berlin - Ecke Schönhauser (1956/57), ein Film über das in Sektoren geteilte Berlin der fünfziger Jahre, ist noch stark vom italienischen Neorealismus geprägt. Für Der schweigende Stern (1959) nach Stanislaw Lem, arbeiteten insgesamt acht Autoren an einer Zukunftsvision des Jahres 1970. Sonntagsfahrer (1963) ist der Versuch einer Komödie über den Tag des Mauerbaus. Berlin um die Ecke (1965) wird von der SED verboten, weil er die alte Generation als Hemmschuh des Fortschritts zeigt.

Und immer wieder ist da die Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus. Der Fall Gleiwitz (1960/61) oder Ich war Neunzehn (1967/68). Der Film Solo Sunny (1978/80) setzt den Schlusspunkt der intensiven Zusammenarbeit mit Konrad Wolf. Noch zu DDR-Zeiten arbeitet Kohlhaase mit dem westdeutschen Regisseur Bernhard Wicki - Die Grünstein Variante (1984), und Das Spinnennetz (1986/89) - zusammen. In Die Stille nach dem Schuss (1999/2000) erzählt Kohlhaase eine Geschichte um in der DDR untergetauchte RAF-Terroristen, die nach der Wende nicht mehr gebraucht und von den einstigen Gegnern des kalten Krieg nun gemeinsam gejagt werden.

Sommer vorm Balkon ist kein spektakulärer Film. Es geht um ganz einfache Dinge. Aber dem Streifen gelingt eine Intimität und Zartheit, die von der großen Achtung und dem Respekt zeugen, die Dresen und Kohlhaase Leuten wie Nike und Katrin entgegenbringen, einfachen Menschen, die sich immer wieder aufrappeln, in schwierigen Situationen zusammenrücken und auf ihre Weise unfähig sind, sich mit dem Lauf Dinge zufrieden zu geben.

Siehe auch:
"Herr Wichmann von der CDU" von Andreas Dresen
(24. April 2003)
Nachtgestalten - ein neuer Film von Andreas Dresen
( 2. September 1999 )