"Heute ist es viel ernster als beim letzten Streik vor 14 Jahren"

Ein Gespräch mit streikenden Arbeitern in Hamburg

Von einem WSWS-Reporterteam
21. Februar 2006

"Die Situation hat sich hier in den vergangenen Jahren sehr stark verändert", erklärt Holger Linné gegenüber der WSWS. Der 46-jährige arbeitet seit elf Jahren bei der Stadtreinigung in Hamburg. Die Arbeit habe deutlich zugenommen. Als er anfing habe ein Arbeitsteam der Müllabfuhr aus fünf Personen bestanden, einem Fahrer und vier weiteren Kollegen, die die Abfalltonnen aus den Häusern holen, leeren und zurückbringen. "Heute sind es nur noch drei Personen - ein Fahrer und zwei Kollegen, die holen, leeren und zurückbringen."

Holger Linnè steht gemeinsam mit etwa zwei hundert Kollegen vor dem Stadtreinigungsamt am Bullerdeich, einem Industriegebiet nicht weit von der Hamburger Innenstadt entfernt. Eine Woche lang streiken die 2500 Beschäftigten der Müllabfuhr nun. An diesem Morgen soll der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Verdi, Wolfgang Rose, kommen und zu den Streikenden sprechen. Es ist kalt und nieselt. Holger Linnè wärmt sich an einem Holzfeuer, das in einem Eisenkorb brennt.

Er hat drei Kinder zu versorgen und berichtet, dass er nicht lange überlegen musste, ob er bei der Urabstimmung für oder gegen Streik stimmen werde. "Ich glaube es gibt hier niemanden der dagegen gestimmt hat. Im Gegenteil, wenn es nach uns ginge sollten noch viel mehr Bereiche des öffentlichen Dienstes in den Streik gerufen werden." Während die Arbeitsbelastung zunehme, würden Zulagen und Sozialleistungen immer weiter abgebaut.

"Für die jüngeren ist es noch schlimmer. Soweit es überhaupt noch Neueinstellungen gibt, bekommen die nur noch Zeitverträge, immer wieder befristete Arbeitsverhältnisse, mit weitaus niedrigeren Löhnen als die Festeingestellten."

Sven Meyer, der neben ihm steht ist 42 Jahre alt und arbeitet schon 15 Jahre bei der Müllabfuhr. Kurz nachdem er angefangen hatte, begann 1992 der letzte große Streik. "Wenn ich daran denke und den Streik damals mit heute vergleiche, bin ich eher skeptisch", sagt er. "Damals waren einige Hunderttausend im Streik und trotzdem wurden wir mit einem ziemlich miesen Kompromiss abgespeist. Seitdem wurden viele feste Arbeitsplätze abgebaut. Ich glaube es sind mindestens ein Drittel der Arbeitsplätze bei uns."

Auch er gibt ein Beispiel für die Zunahme des Arbeitsdrucks. "Früher gab es hier sieben große Straßenkehrmaschinen und eine kleine. Jetzt gibt es noch zwei große und eine kleine. Mit den Kehrmaschinen wurden natürlich auch die entsprechenden Arbeitsplätze abgebaut. Anstatt Leute einzustellen werden von uns Überstunden gefordert und das Arbeitstempo hat stark zugenommen. Nach einem neuen Schichtsystem sind die wenigen Maschinen voll ausgelastet."

Dann betont Sven Meyer: "Ich will aber vor allem eines sagen. Wir streiken hier nicht nur für uns. Es geht hier nicht nur um die 18 Minuten am Tag, von denen täglich in den Medien gesprochen wird. Es geht um viel mehr. Wenn die EU-Richtlinie über die Dienstleistungsregelung durchgesetzt wird, dann wird die Privatisierung in fast allen Bereichen des öffentlichen Dienstes rasant zunehmen. Dann kann jeder hier her kommen und mit Dumpinglöhnen und ohne Arbeitsschutz oder Sicherheit Dienstleistungen anbieten. Dann wird es richtig schlimm.

Das trifft dann nicht nur den öffentlichen Dienst, sondern auch viele Handwerker, die jetzt schon Schwierigkeiten haben über die Runden zu kommen. Jeder Klempner oder Elektroinstallateur braucht doch Arbeit und steht heute schon stark unter Druck."

Daher habe ihr Streik auch große Unterstützung in der Bevölkerung. Meyer berichtet von einer Delegation aus einem nahe gelegenen Motorenwerk die zu ihnen an die Streikposten gekommen seien und ihre Solidarität erklärten. Auch unter Bekannten und Freunden sei die Zustimmung zu diesem Arbeitskampf groß. "Es gibt hier eine weit verbreitete Stimmung, dass man sich nicht mehr alles gefallen lassen kann." Noch vor einigen Jahren sei das anders gewesen. Da habe die Skepsis und auch die Angst um den eigenen Arbeitsplatz überwogen. "Jetzt ist die Bereitschaft zum Streik wieder sehr groß."

Diese Unterstützung für den Streik hänge auch damit zusammen, dass überall von Entlassungen und von Abbau der sozialen Leistungen gesprochen werde. "Früher haben die meisten Unternehmer und auch die großen Betriebe einen Teil der Gewinne wieder in die Firma gesteckt, um die Produktion zu entwickeln und auch annehmbare Verhältnisse für die Beschäftigten zu schaffen. Heute ist es ganz anders. Heute wird nur noch Geld raus gezogen. Als vor ein paar Tagen bei VW der Abbau von 20 000 Arbeitsplätzen angekündigt wurden, schnellten die Aktien in die Höhe, das ist doch total unnormal. Aber bei Telekom, Opel, AEG in Nürnberg ist es ähnlich. Wer soll denn dann die Autos, oder Waschmaschinen kaufen, wenn immer mehr Leute arbeitslos sind und die Löhne immer weiter gesenkt werden?"

Auf die Frage, wie er die Streiktaktik der Gewerkschaft einschätze, die nur 60 000 ihrer mehr als zwei Millionen Mitglieder zur Urabstimmung aufgerufen habe und den Streik auf dezentralisierte Schwerpunkte beschränke, antwortet Meyer: "Ich will mir da nicht unbedingt ein Urteil erlauben. Ich weiß nicht genau welche Taktik von der zentralen Streikleitung verfolgt wird, aber im Grunde wäre es natürlich viel besser eine sehr breite Bewegung aufzubauen. Wenn die uns in die Knie zwingen, hat das böse Folgen. Dann wird nicht nur die Arbeitszeit wieder deutlich steigen und zwar weit über 40 Stunden, dann wird es auch für die Gewerkschaft viel schwerer werden."

Ein kroatischer Arbeiter mischt sich in das Gespräch ein und sagt lautstark: "Das ist alles viel zu schwach und zu harmlos hier! Wir müssten mit Knüppeln in der Hand zum Rathaus ziehen." Auf die Antwort, dass der Senat, beziehungsweise seine Polizei, auch Knüppel hätten und ein Knüppel in der Hand die Probleme noch nicht löse, beginnt eine Diskussion über politische Fragen. Die Regierung beobachte den Streik sehr genau, erklärt Sven Meyer, aber er sei sich ziemlich sicher, dass sie nicht nachgeben werden.

Ausnahmslos alle Parteien hätten sich vollständig von der Bevölkerung gelöst. "Die interessieren unsere Probleme nicht. Die haben völlig andere Interessen und hören nur noch auf die Vorstände in der Wirtschaft." Das gelte auch für die SPD.

Die Frage, wie er, oder die Umstehenden die enge Verbindung der Gewerkschaften zur SPD einschätzten, bleibt unbeantwortet. Doch das Argument, die wichtigste Schlussfolgerung daraus, dass alle Parteien und die Gewerkschaften eine Rechtswende vollzogen haben, bestehe darin, dass eine neue Partei aufgebaut werden müsse, die uneingeschränkt und konsequent die Interessen der Arbeiter vertrete, wird mit nachdenklichem Kopfnicken beantwortet.

Frank Fischer, (42) arbeitet schon seit 24 Jahren bei der Stadtreinigung. Er vergleicht die heutige Situation mit dem Streik vor 14 Jahren und sagt: "Heute ist die Situation viel ernster. Es geht um viel mehr als damals. Vielleicht kann man sagen, wir stehen hier stellvertretend für viele andere."

"Wenn es so weiter geht, haben wir in einigen Jahr Bürgerkrieg!"

Mit diesen Worten mischt sich Frank Jung (39) ins Gespräch ein. Es werde von Politikern immer wieder gesagt, man solle eine Familie gründen und Kinder in die Welt setzen. "Ich habe einen 18-jährigen Sohn und eine 15-jährige Tochter. Ich kann nur sagen, wenn ich vor zwanzig Jahren gewusst hätte was auf uns zukommt, hätte ich keine Kinder. Es ist kaum möglich eine Familie zu finanzieren. Von weiterführenden Schulausbildung ganz zu schweigen.

Wenn Sie mich nach der Regierung fragen, dann sage ich nur ein Wort: ‚Verbrecher’. Und das gilt für alle - egal von welcher Partei. Ich kann diese Reden schon nicht mehr hören. Es werden mehr Lehrstellen, bessere Ausbildung und was sonst noch alles versprochen. Und was tut die Regierung? - genau das Gegenteil. Es wird immer wieder von Verantwortung - Eigenverantwortung - gesprochen. Aber das, was die Regierung macht ist völlig verantwortungslos. Sie können die größte Misere anrichten, aber sind für nichts verantwortlich, genau wie die Unternehmer. Nur für sich selbst, da kümmern sie sich, da kennt die Vorsorge keine Grenzen."

Margarete Hagemeister (36) ist allein erziehende Mutter einer elfjährigen Tochter. "Als ich hier Ende 1999 anfing, habe ich vier Stunden gearbeitet, jetzt arbeite ich sechs. Doch wer Teilzeit arbeitet, muss meistens in weniger Stunden einen vollen Job machen. Früher war ich in der freien Wirtschaft tätig und habe knapp doppelt so viel verdient. Jetzt müssen wir uns mit diesem Mini-Einkommen durchschlagen. Größere Anschaffungen und Urlaub sind da nicht drin. Wir duschen schon lange nicht mehr jeden Tag.

Ich finde alle sollten streiken. Alle im öffentlichen Dienst und auch in der freien Wirtschaft. Die Regierung versteht keine andere Sprache. Die sind völlig abgehoben und wirtschaften nur in die eigene Tasche. Die SPD bildet da keine Ausnahme. Wenn ich Ole von Beust (Erster Bürgermeister, CDU) sehe, dann sehe ich sie alle. Er kommt immer im Nobelzwirn daher und hat von den Problemen und Nöten einer Familie nicht die geringste Ahnung.

Neben meiner Arbeit hier bei den Stadtwerken bin ich ja auch noch Lehrerin, denn die Schulen haben ja kein Geld mehr und immer mehr Schulstunden fallen aus. Vor kurzem wurde auf einem Elternabend entschieden, dass die Eltern sich in bestimmte Unterrichtsfächer einarbeiten sollen. Dazu wurden sogar Arbeitsmappen zusammengestellt. Ich bin aber auch noch Putzfrau, Waschfrau, Köchin und so weiter. Davon hat Ole von Beust und auch die anderen Politiker nicht die geringste Ahnung."

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(12. November 2005)