Heinrich Heine 1797 - 1856

Teil 1

Von Sybille Fuchs
24. Februar 2006

"Eine Revolution ist ein Unglück, aber ein noch größeres Unglück ist eine verunglückte Revolution." (Heinrich Heine: in Ludwig Börne)

Der deutsche Dichter und Schriftsteller Heinrich Heine wurde am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geboren und starb am 17. Februar 1856 in Paris. Sein Leben fiel in eine höchst unruhige, politisch zerrissene Epoche Europas, die ebenso von revolutionären Kämpfen als auch Zeiten tiefster politischer Reaktion und kleinbürgerlicher Resignation und Beschränktheit beherrscht war wie von dem ersten Siegeszug der Industrialisierung und der beginnenden Arbeiterbewegung.

Was macht diesen Dichter, der Zeit seines Lebens in Deutschland mehr verboten als erlaubt war, aber es dennoch zu Weltruhm brachte, heute so anziehend? Sind es die Widersprüche seines Lebens und seiner Zeit, die bis heute ungelöst sind? Ist es die Schönheit seiner Verse, seiner geschliffenen Prosa, die uns weit über alle aktuellen Bezüge hinaus heute besonders anspricht, weil diese Art des Umgangs mit der Sprache so selten geworden ist?

Auf diese Fragen versuchte ein Artikel Antwort zu geben, der anlässlich des 200. Geburtstages von Heinrich Heine 1998 im Januarheft der Zeitschrift gleichheit erschien und den wir hier in zwei Teilen veröffentlichen. Er setzt sich vor allem mit dem Dichter Heine auseinander, dessen Gedichte und Prosaschriften, auch wenn sie unmittelbar und pointiert auf die politischen Umstände seiner Zeit Bezug nahmen, niemals "gereimte Zeitungsartikel" sein wollten. Gerade deshalb atmen seine Werke einen rebellischen Geist, der heute so notwendig wäre, den man aber in der Gegenwartsliteratur ziemlich vergeblich sucht.

* * *

Heinrich Heine und der "wunderbare Prozess der Weltergänzung"

Eine Nachlese zum 200. Geburtstag

"Ach teurer Leser, wenn du über die Zerrissenheit klagen willst, so beklage lieber, dass die Welt selbst mitten entzweigerissen ist. Denn da das Herz des Dichters der Mittelpunkt der Welt ist, so musste es wohl in jetziger Zeit jämmerlich zerrissen werden. Wer von seinem Herzen rühmt, es sei ganz geblieben, der gesteht nur, dass er ein prosaisches, weitabgelegenes Winkelherz hat. Durch das meinige ging aber der große Weltriß..." (1)

"Nicht die Moralbedürfnisse irgendeines verheurateten Bürgers in einem Winkel Deutschlands, sondern die Autonomie der Kunst kommt hier in Frage. Mein Wahlspruch bleibt: Kunst ist der Zweck der Kunst, wie Liebe der Zweck der Liebe, und gar das Leben selbst, der Zweck des Lebens ist."... "Die großen Interessen des europäischen Lebens interessieren mich noch immer weit mehr als meine Bücher." (2)

"Oh, deutsches Vaterland! Teures deutsches Volk... Wenn ich dich nicht befreien kann, so will ich dich wenigstens trösten, und du sollst jemanden um dir haben, der mit dir schwatzt über die bedränglichste Labsal und dir Mut einspricht und dich liebhat und dessen bester Spaß und bestes Blut zu deinen Diensten steht." (3)

Der 13. Dezember 1797 gilt als Geburtstag Heinrich Heines. (4) 1997 wurde daher der 200. Geburtstag Heinrich Heines auf vielfältigste Weise gefeiert. Eine große Heine-Ausstellung, die vom 11. Mai bis zum 20. Juli in Düsseldorf zu sehen war, ging an schließend nach Paris, wo Heine von 1831 bis 1856 lebte und schließlich in seiner "Matratzengruft" gestorben ist. Der umfangreiche Katalog dazu mit seinen Bildern und wissenschaftlichen Aufsätzen bringt uns Heine auf vielfältige Weise nahe. (5)

Ende Mai fand in Düsseldorf ein einwöchiger Kongress statt, dessen wissenschaftliche Beiträge ein repräsentatives Bild der gegenwärtigen Heine-Forschung lieferten. Die Zahl der Veranstaltungen, Lesungen, Inszenierungen etc. war groß und ging weit über ihr Zentrum Düsseldorf, Heines Geburtsort und Sitz des Heinrich-Heine-Instituts, hinaus. Selbst in kleinsten Orten in Deutschland, aber auch im Ausland wurden aus diesem Anlass Lyrik und Prosa Heines rezitiert. Allein fünf neue Biographien sind 1997 erschienen. Tageszeitungen und Wochenmagazine fühlten sich, berufen sich zu Heine zu äußern. Auch im modernsten Medium, dem Internet, häufen sich die Heine-Seiten. Zahlreiche Rundfunk- und Fernsehsendungen, ja selbst Talkshows griffen die Heine-Begeisterung auf.

Es ist zu hoffen, dass die vielfältigen Ehrungen Heines auch dazu geführt haben, dass möglichst viele Menschen unserer Zeit dazu angeregt wurden, Heines Verse und Prosa zu lesen. Dem Direktor des Heine-Instituts, Joseph A. Kruse, ist zuzustimmen, wenn er im Katalog zur Heine-Ausstellung schreibt: "Gegen den Verlust von unseres Erachtens lebensnotwendigen Lesegewohnheiten hilft nur die offensive Werbung für Dichtung, ihre Erfinder und Leser. Insofern ist jede Heine-Ehrung eine stellvertretende Würdigung wie Verteidigung der Poesie überhaupt, ein Eintreten für die kulturelle Qualität unseres Alltags und eine Gewissenserforschung mit Blick auf Sinn und Unsinn unserer Existenz." (6)

Das Heine-Jahr hat mit seinen bunten und vielfältigen Veranstaltungen zweifellos einen wichtigen Anstoß gegeben, Heine zu lesen, ihn sich anzueignen und erneut seinen und unseren politischen und kulturellen Standort zu bestimmen, denn seine Verse, aber auch seine provokative Prosa sind so lebendig wie zu seiner Zeit.

Was aber ist es, das diesen Autor, der Zeit seines Lebens in Deutschland mehr verboten als erlaubt war, aber es dennoch zu Weltruhm brachte, heute so anziehend macht? Ist es der rebellische Geist, den sein ganzes Werk atmet, der uns heute so nötig wäre? Sind es die Widersprüche seines Lebens und seiner Zeit, die bis heute ungelöst sind? Ist es die Schönheit seiner Verse, seiner geschliffenen Prosa, die uns weit über alle aktuellen Bezüge hinaus heute besonders anspricht, weil diese Art des Umgangs mit der Sprache so selten geworden ist?

Zwei neue Heine-Biographien

Die Antwort ist sicher nicht einfach. Suchen wir sie zunächst in zwei Heine- Biographien, die in diesem Jahr erschienen sind, von Fritz J. Raddatz und Jochanan Trilse-Finkelstein. (7)

Die beiden Biographien vermitteln ein recht unterschiedliches Heine-Bild. Die Autoren zitieren gelegentlich dieselben Texte, Briefe und Zeugnisse, aber sie kommen oft zu entgegengesetzten Einschätzungen und Schlussfolgerungen.

Raddatz gibt vor, Ziel seiner Biographie sei es, den Dichter Heine ins Zentrum zu stellen und der Poesie zu ihrem Recht zu verhelfen. "Ein Schöpfer steht außerhalb der Ordnung" überschreibt er sein erstes Kapitel. "Nichts stimmt - alles ist wahr, Heinrich Heine ist sein eigenes Sonnensystem", lautet der erste Satz. (8) Raddatz geht es darum, die "Kunstfigur" Heine aufzuspüren und sichtbar zu machen, aber im Verlauf der Lektüre kommen erhebliche Zweifel auf, ob ihm das gelungen ist.

Er beginnt sein Buch mit langen Erörterungen darüber, warum Heine dieses oder jenes Datum seiner Lebensgeschichte, darunter das seines Geburtsjahres, nicht korrekt angegeben hat. Er kommt zu dem Schluss, dass es für Heine zwei Elemente des Handelns gegeben habe: Auf der einen Seite habe Heine als politisches Wesen, als ein Sohn der Französischen Revolution gehandelt, der es Napoleon dankte, dass dieser den Code Civil nach Deutschland brachte und die Emanzipation der Juden weitgehend durchsetzte, auf der anderen Seite als Dichter, als Träumer, der sich seine Welt schaffte, als "bindungsloses Subjekt". (9)

"Der Gesetzgeber des Individuums Heinrich Heine heißt Heinrich Heine, und dem verdankt er die Kunstfreiheit, mit der er sein Leben besingt. Nur wenn es schön ist, ist es wahr; es muss nicht stimmen, es muss nicht gerecht sein - anderen gegenüber schon gar nicht." (10)

Was Raddatz hier als Freiheit der Kunst behauptet, widerspricht meines Erachtens vollkommen dem Heineschen Begriff davon. Weder Lüge noch Verunglimpfung Anderer war Heines dichterische Absicht. In seiner Kunst ging es ihm nicht nur um Schönheit, sondern gerade auch um Wahrheit, um historische Wahrheit, auch wenn er nicht buchstabengetreu und trocken die Zeitereignisse nacherzählte, sondern sie in poetische Bilder und Metaphern kleidete oder sie durch das Mittel der Ironie oder Satire verfremdete. Genauso wahr sind die Gefühle, denen er in seinen Liebesgedichten Form und Ausdruck gibt, auch wenn es "die" Geliebte, von der er gerade spricht, vielleicht nie gegeben hat. Raddatz folgt in seinem Buch Heines Lebenslauf, indem er immer aufs Neue versucht, die historisch bezeugten Ereignisse in dessen Leben seinen Äußerungen als Autor entgegenzusetzen. Er bezichtigt ihn schlicht der Unwahrheit.

Der Ansatz, den Künstler Heine ins Zentrum einer Biographie zu stellen, wäre natürlich legitim, denn was Heine uns hinterlassen hat und was uns bis heute an ihm fasziniert, sind seine Werke. Raddatz tut aber alles andere, als den Dichter Heine aufzuspüren und ihn den heutigen Lesern nahezubringen. Weite Passagen des Buches lesen sich vielmehr wie eine skandalöse Enthüllungsgeschichte der Yellow Press.

Seine wirkliche Intention verrät sich zum Beispiel, wenn er die Emanzipationsversuche des Juden Heine durch Anpassung und ein gewisses Maß an Assimilation zum Beispiel mit Michael Jacksons Bemühungen, ein "weißer Neger" zu werden, vergleicht und diesen Martin Luther King entgegensetzt. Seitenweise rechnet er vor, wie wohlhabend und verschwenderisch Heine trotz all seiner Bettelbriefe an den reichen Onkel eigentlich war. Großen Raum nimmt bei Raddatz auch die Erpressung der reichen Verwandtschaft durch die (nach Raddatz) nie geschriebenen Memoiren ein. Ein weiteres Indiz, das die moralische Verurteilung Heines rechtfertigen soll. All dies hat wenig damit zu tun, den Dichter Heine und den Grund seiner Kunst auszuloten.

"Heines Welt ist eine ästhetische Konstruktion"

"Heines Welt ist eine ästhetische Konstruktion" (11) heißt es bei Raddatz. Wenn man darunter die "Welt" versteht, die der Dichter in seinen Werken geschaffen hat, ist dies sicher richtig, aber was soll dann der Vorwurf der "Lüge"? Was sollen die seitenweisen Aufrechnungen aller Einkünfte und Pensionen beweisen, die Heine angeblich zu einem wohlhabenden Bourgeois machten, der seiner Lebensgefährtin und späteren Frau Mathilde luxoriöse Kleider, Hüte und die kostspieligen Vergnügungen der europäischen Metropole Paris finanzieren konnte?

Zweifellos ist das "Ich" im Buch der Lieder, in den Reisebildern, ja, selbst in seinen journalistischen Arbeiten nicht die historische Person Heine, aber ist er deshalb ein "Lügner von Geblüt", (12) wie Raddatz meint? Oder wie es an anderer Stelle heißt: "Heinrich Heine lügt nicht. Heinrich Heine ist Lüge." (13)

Wenn Heine sich eine Kunstfigur, den Autor der Reisebilder oder den Dichter des Buchs der Lieder oder den Beobachter des Pariser Lebens in seinen Korrespondentenberichten für die Augsburger Allgemeine Zeitung schafft, die nicht identisch ist mit seinem historischen "Ich", dann lügt er nicht, sondern sucht eine künstlerische Form, in der er die Wahrheit so ausdrücken kann, wie er sie empfindet und dem Publikum mitteilen möchte.

Diese Kunstfigur des "Autors" ist genau so ein ästhetisches Gebilde, wie z. B. die fiktive Madame, an die er seine Geständnisse richtet. Dennoch kann man sicher nicht behaupten, fiktiver Leser und fiktiver Autor hätten nichts mit der Realität, dem wirklichen Heine oder seinem wirklichen Publikum zu tun. Sie entstammen genauso der realen Welt und ihren Konflikten wie die historischen Personen und Umstände, die er aufs Korn nimmt oder gegen die er rebelliert oder die Frauenbilder, die er anbetet. Aber Heine hat sich vehement dagegen gewehrt, die dichterische Wahrheit der politischen unterzuordnen.

Wie steht es eigentlich mit der Wahrheit bei Heinrich Heine? Das ist eine sehr komplexe Frage, denn schon früh hat sich dieser Autor die Narrenkappe aufgesetzt. Sie ist für ihn nicht nur die Maskerade, unter der er seinen Lesern bittere Wahrheiten über Zeit und Gesellschaft sagen und gegen Unterdrückung rebellieren kann. Das Narrengewand ist für ihn gleichzeitig eine Ritterrüstung, mit der er die verletzbare und früh verletzte Seele schützt.

Dieses Bild des Narren zeichnet Heine selbst im Schlusswort zum vierten Teil seiner Reisebilder in der Person des Kunz von der Rosen und seines Dialogs mit dem gefangenen Karl V., dem er Trost und Rat bringt, ihm zur Freiheit verhilft, indem er "so wütend ernsthaft den Kopf" schüttelte, "dass die närrischen Schellen abfielen von der Mütze; sie ist aber darum nicht schlechter geworden." Auf die Frage des Kaisers, wie er die Treue des Narren belohnen könne, antwortet dieser "Ach, lieber Herr, lasst mich nicht umbringen." (14)

Dieses Schlusswort beginnt Heine mit den Worten: "Es war eine niedergedrückte, arretierte Zeit in Deutschland" und dass ihm Gerüchte zu Ohren gekommen seien, der zweite Band der Reisebilder solle, kaum gedruckt, schon wieder verboten werden. Er beschwört dann den Freiheitsmut der Franzosen von 1930, "der von dort herüberwehte nach Deutschland", aber nur dazu führte, dass sich eine "noch dichtere Kerkermauer um das deutsche Volk" wölbte. (15)

Der Dichter präsentiert sich dann als Kunz von der Rosen für das Deutsche Volk "dessen eigentliches Amt die Kurzweil" sein sollte, der ihm aber gern die Freiheit bringen möchte. Aber wenn ihm dies nicht gelänge, so wolle er es "wenigstens trösten, und du sollst jemanden um dir haben, der mit dir schwatzt über die bedränglichste Labsal und dir Mut einspricht und dich liebhat und dessen bester Spaß und bestes Blut zu deinen Diensten steht." (16)

Dieses Verhältnis von Kunst und Leben, das Heine in der Figur des Narren andeutet, versucht Raddatz auf den Kopf zu stellen: "Kunst ist das Höchste, das Leben nur eine minder organisierte Vorform; je kunstvoller - gelegentlich auch je künstlicher - desto wertvoller. Kunst ist Religion". (17) Aber gerade für Heine war die Kunst alles andere als Religion. Sie war für ihn niemals "Opium". Im Gegenteil, sie war zugleich Zeichen seiner Verwundung und seine Waffe. Er schuf sich und seinem Publikum eine neue, eine Kunst-Welt gegen die, die ihn verletzte und zurückstieß. Für die Kunst der Romantiker gebraucht Heine das Bild von der "verletzten Auster", deren Arbeit die Perle hervorbringt, dieses Bild lässt sich durchaus auch auf Heine und seine Kunst beziehen.

Der Dichter "bringt gleichsam die Welt mit zur Welt"

Heine selbst hat den künstlerischen Schaffensprozess sehr oft zum Thema gemacht wie zum Beispiel in seinem Essay über Shakespeares Mädchen und Frauen, wo er erklärt, der Dichter "bringt gleichsam die Welt mit zur Welt", aber damit er dies tun könne, müsse ihm ein "Bruchstück der Erscheinungswelt" von außen geboten werden, "ehe jener wunderbare Prozess der Weltergänzung in ihm stattfinden kann". (18)

In seinen Schöpfungsliedern benutzt er für den Künstler gar die Metapher von Gottvater:

"Der Stoff, das Material des Gedichts,
Das saugt sich nicht aus dem Finger;
Kein Gott erschafft die Welt aus nichts,
Sowenig wie irdische Singer....

Warum ich eigentlich erschuf
Die Welt, ich will es gern bekennen:
Ich fühlte in der Seele brennen
Wie Flammenwahnsinn, den Beruf.
Krankheit ist wohl der letzte Grund
des ganzen Schöpferdrangs gewesen;
Erschaffend konnte ich genesen,
Erschaffend wurde ich gesund."
(19)

Diese stärkste aller Metaphern macht unmissverständlich klar, dass Kunst für Heine kein Mittel zum Zweck war, auch wenn er sich als Fechter und Soldaten für die Emanzipation des Menschen verstand und seine Dichtung den Geist der Rebellion atmet, der ihn durchdrungen hat, der sich immer wieder trotz aller Rückschläge, die er einstecken musste, Bahn gebrochen hat.

Wenn die Kunst für Heine auch eine Waffe in Kampf ums eigene überleben und für die Befreiung der Menschheit war, dann heißt das natürlich nicht, dass er "politische Kunst" im Sinne von "Agitprop" machen wollte. Nichts hat er so scharf kritisiert und in satirischen Versen verhöhnt wie die seichten "politischen Gedichte" gewisser zeitgenössischer Kollegen, auch wenn sie sich ungeheuer revolutionär und martialisch gebärdeten. Er hatte ein sehr feines Gespür für die Hohlheit dieses Pathos.

"Sei des Vaterlands Posaune,
Sei Kanone, sei Kartaune,
Blase, schmettre, donnre, töte!

Blase, schmettre, donnre täglich,
Bis der letzte Dränger flieht -
Singe nur in diese Richtung,
Aber halte Deine Dichtung
Nur so allgemein als möglich."
(20)

Die Rolle dieser deutschen "Helden" in der Revolution von 1848 gab ihm Recht.

"Ein Talent, doch kein Charakter"

Wie den bramabarsierenden Heldendichtern, besonders den teutonischen Franzosenhassern, mit denen er schon während seines Studiums aneinander geraten war, misstraute Heine auch dem Typus des kleinbürgerlichen, revolutionären Republikaners. Vor allem aber lehnte er es ab, einer der ihren zu werden. Dies ist das Thema seiner Denkschrift zu dem deutschen Publizisten und Mitexilanten in Paris, Ludwig Börne. Diese umstrittene Denkschrift ist von ihrem Erscheinen bis heute nur von sehr wenigen Menschen verstanden und geschätzt worden. Zu diesen wenigen gehörten aber immerhin Karl Marx und Thomas Mann.

Raddatz stellt sich trotz aller Beteuerungen, dass er den Dichter Heine verteidigen wolle, in diesem Streit auf die Seite Börnes und unterschreibt letztlich dessen Schlussfolgerung, Heine sei zwar ein großer Dichter, "ein Talent, doch kein Charakter" (21) gewesen. Er greift Börnes Argument auf, Heine sei ein Fürstenknecht, weil er der Monarchie des Bürgerkönigs Louis Philippe I. - in der er immerhin unbehelligt leben und schreiben konnte - wohlwollend gegenüberstand. Auch habe er sich von Rothschild aushalten lassen. Er unterstellt Heine die "tief im deutschen Intellektuellen wurzelnde Sehnsucht nach Teilhabe an der Macht", nur weil dieser einen Brief an Metternich schrieb, durch den er vergeblich versuchte, eine Aufhebung des für ihn existentiell bedrohlichen Verbots seiner Schriften zu erreichen.

Raddatz versucht, um jede fortschrittliche Interpretation von vornherein in Misskredit zu bringen, Heine zu einem "reinen" Dichter zu machen, der sich letztlich um niemanden auf der Welt außer sich selbst gekümmert und schamlos das Geld Rothschilds oder des Onkels Salomon verprasst hat. Heines halb ironische, halb anerkennende Schilderungen von Rothschild und der Macht des Finanzkapitals zeugen aber von viel tieferer Einsicht in ökonomische und gesellschaftliche Zusammenhänge als alle eindimensionalen Verteufelungen der Reichen durch Börne und seine Anhänger.

Es geht Heine nicht darum, den Kampf für eine deutsche Republik herabzuwürdigen und ihre Vorkämpfer lächerlich zu machen. Heines Denkschrift, so sehr sie auch eine Streitschrift ist, stellt Börne keineswegs als jämmerliche Figur oder Versager dar. Im Gegenteil, er hebt dessen schriftstellerische Qualitäten hervor und ist immer wieder um höchste Objektivität bemüht, obwohl Börne selbst alles andere als zimperlich in seinen Verunglimpfungen Heines gewesen war.

Heine zitiert in seiner Denkschrift Börnes Angriffe auf ihn seitenweise mit einer geradezu frappierenden Ausführlichkeit. Diese Zitate dienen ihm dazu, Börne sich selbst entlarven zu lassen. Seine Schrift ist bemüht - ausgenommen die Stellen, wo er die Beziehung Börnes zu Frau Wohl-Strauß angreift - die positiven Seiten Börnes herauszuarbeiten und ihn möglichst objektiv darzustellen. Ausdrücklich weist Heine den Gedanken zurück, seine Schrift sei eine Verteidigung seiner Person gegen die Beleidigungen, mit denen ihn Börne überhäuft habe.

Börne war in seinen Pariser Briefen und im Kreise seiner Anhänger übel über Heine hergezogen. Als intriganten, feigen, wetterwendischen, eitlen Journalisten stellt er ihn dar, der heute dies und morgen das Gegenteil schreibe. Raddatz sieht den Hauptzweck der Denkschrift Heines, die er erst geraume Zeit nach Börnes Tod veröffentlichte, darin, dass er Rache üben wollte und es ihm vor allem darum gegangen sei, "die Plätze im Olymp richtig - was für ihn hieß: gerecht, nämlich Heine ‘über Börne’" zu verteilen.

Dieses Urteil, das sich höchstens auf eine ironische Nebenbemerkung Heines stützen kann (Heine gebraucht für sich das Bild des Tambourmajors mit dem schönen Federbusch auf dem Kopf und für Börne das des neidischen "kleinen Tambour-Maitre"), geht so gezielt an der Sache selbst vorbei, dass man nicht umhin kann, Raddatz dieselbe "nazarenische Beschränktheit" (22) zu unterstellen, die schon Heine an Börne so aufgeregt hat.

Raddatz kann deshalb auch nicht viel anfangen mit den "Helgoländer Briefen", die Heine in seine Börneschrift einbaut. Diese Briefe drücken in geradezu euphorischer Weise die Hoffnung aus, die der Dichter in die Julirevolution 1830 setzte:

"Fort ist meine Sehnsucht nach Ruhe. Ich weiß jetzt wieder, was ich will, was ich soll, was ich muss... Ich bin der Sohn der Revolution und greife wieder zu den gefeiten Waffen... Ich bin ganz Freude und Gesang, ganz Schwert und Flamme!... Sogar die armen Helgoländer jubeln vor Freude, obgleich sie die Ereignisse nur instinktmäßig begreifen. Der Fischer, welcher mich gestern nach der kleinen Sandinsel, wo man badet hinüberfuhr, lachte mich an mit den Worten: "Die armen Leute haben gesiegt!" Ja mit seinem Instinkt begreift das Volk die Ereignisse vielleicht besser als wir mit allen unseren Hülfskenntnissen." (23)

Heine ist sich sehr wohl bewusst, dass diese Revolution letztlich nicht dem Volk genützt hat, sondern mit der Herrschaft Louis Philippes I. die Herrschaft der Finanzbourgeoisie befestigte, auch wenn er selbst unter diesem Regime relativ frei atmen und arbeiten konnte. Am Schluss dieser Helgoländer Briefe findet sich die berühmte Stelle, wo Heine beklagt, dass das Volk sich einmal wieder für die Falschen geopfert habe:

"Es ist schon eine ältliche Geschichte. Nicht für sich hat das Volk geblutet und gelitten, sondern für andre. Im Juli 1930 erfocht es den Sieg für jene Bourgeoisie, die ebensowenig taugt wie jene Noblesse, an deren Stelle sie trat, mit demselben Egoismus... Das Volk hat nichts gewonnen durch seinen Sieg als Reue und größere Not. Aber seid überzeugt, wenn wieder die Sturmglocke geläutet wird und das Volk zur Flinte greift, diesmal kämpft es für sich selber und verlangt den verdienten Lohn." (24)

Diese nach Raddatz "leicht dubiosen" (25) Briefe, dienen ihm lediglich dazu, aus Heine einen "verspäteten" Mirabeau zu machen, einen Royalisten, der sich mit der Revolution nur eingelassen habe, um das Schlimmste für das Ancien Regime zu verhindern, einen "IM", wie Raddatz absurderweise bemerkt. Heines Journalismus ist alles andere als wetterwendisch im Dienste der Aristokratie oder Finanzbourgeoisie. Genauso wenig ist es ein Rückzug des Künstlers ins ästhetische "Schneckenhaus", wie Raddatz unterstellt. (26) Heine selbst sieht die Sache so:

"Welche Ironie des Geschickes, dass ich, der ich mich so gerne auf die Pfühle des stillen beschaulichen Gemütslebens bette, dass eben ich dazu bestimmt war, meine armen Mitdeutschen aus ihrer Behaglichkeit hervorzugeißeln und in die Bewegung hineinzuhetzen! Ich, der ich mich am liebsten damit beschäftige Wolkenzüge zu beobachten, metrische Wortzauber zu erklügeln, die Geheimnisse der Elementargeister zu erlauschen und mich in die Wunderwelt alter Märchen zu versenken... ich musste politische Annalen herausgeben, Zeitinteressen vortragen, revolutionäre Wünsche anzetteln, die Leidenschaften aufstacheln, den armen deutschen Michel beständig an der Nase zupfen, dass er aus seinem Riesenschlaf erwache... Freilich ich konnte dadurch bei dem schnarchenden Giganten nur ein sanftes Niesen, keineswegs aber ein Erwachen bewirken.... Ich selber bin dieses Guerillakrieges müde und sehne mich nach Ruhe, wenigstens nach einem Zustand, wo ich mich meinen natürlichen Neigungen, meiner träumerischen Art und Weise, meinem phantastischen Sinnen und Grübeln ganz fessellos hingeben kann." (27)

Die Börne-Schrift ist kein politisches Pamphlet. Es ist Heines Versuch, seinen unabhängigen Standpunkt als Dichter zu bestimmen. Seine Auseinandersetzung mit Börne - sosehr ihn dieser auch geärgert hat, ist mehr der Anlass dazu als der Grund. Dies wird deutlich, wenn er auf Börnes politische Rolle zu sprechen kommt.

"Und dennoch beurkundete das Fest von Hambach (bei dem Börne eine wichtige Rolle spielte, Anm.d. Autorin) einen großen Forschritt, zumal wenn man es mit jenem anderen Feste vergleicht, das einst ebenfalls zur Verherrlichung gemeinsamer Volksinteressen auf der Wartburg stattfand... Der Geist, der sich auf Hambach aussprach, ist grundverschieden von jenem Gespenste, das auf der Wartburg seinen Spuk trieb. Dort auf Hambach jubelte die moderne Zeit ihre Sonnenaufgangslieder, und mit der ganzen Menschheit wurde Brüderschaft getrunken; hier aber, auf der Wartburg krächzte die Vergangenheit ihren obskuren Rabengesang, und bei Fackellicht wurden Dummheiten gesagt und getan, die des blödsinnigsten Mittelalters würdig waren! Auf Hambach hielt der französische Liberalismus seine trunkensten Bergpredigten und sprach man auch viel Unvernünftiges, so ward doch die Vernunft selber anerkannt als jene höchste Autorität, die da bindet und löset und den Gesetzen ihre Gesetze vorschreibt; auf der Wartburg hingegen herrschte jener beschränkte Teutomanismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts anderes war als Hass des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wusste, als Bücher zu verbrennen!" (28)

Diese Stellen zeigen ebenso wie die Helgoländer Briefe, dass Heine weder den Kampf für eine deutsche Republik noch für die Emanzipation der Menschen ablehnt, dass es ihm als Dichter aber um etwas anderes geht. Für ihn kann dieses Ziel nicht ohne die Kunst erreicht werden.

"Wann wird die Harmonie wieder eintreten, wann wird die Welt wieder gesunden von dem einseitigen Streben nach Vergeistigung, dem tollen Irrtume, wodurch sowohl Seele, wie Körper erkrankten! Ein großes Heilmittel liegt in der politischen Bewegung und in der Kunst. Napoleon und Goethe haben trefflich gewirkt. Jener indem er die Völker zwang, sich allerlei gesunde Körperbewegung zu gestatten; dieser, indem er uns wieder für griechische Kunst empfänglich machte und solide Werke schuf, woran wir uns, wie an marmornen Götterbildern, festklammern können, um nicht unterzugehen im Nebelmeer des absoluten Geistes." (29)

Heines Charakterisierung der beiden Antipoden "Nazarener" und "Hellenen", in die er die Menschen in der Börneschrift einteilt, dient ihm dazu, nicht den Revolutionär, sondern den Typus des spießigen, missionarischen, kunst- und lebensfeindlichen Puritaners mit all seiner selbstzufriedenen "political correctness" herauszuarbeiten und in allen Facetten zu beleuchten. Ihm setzt er den "Hellenen", ein harmonisches, "lebensheiteres" Menschenbild entgegen, wie es gerade in Zeiten verschärfter politischer Unterdrückung und gesellschaftlicher Spaltung nur die Kunst zu vermitteln oder als Utopie aufrecht zu erhalten vermag.

Heine, der seinem Hass auf die reaktionären Zustände in Deutschland immer wieder auf die vielfältigste Art Ausdruck gegeben hatte, hatte einen sicheren Instinkt für die armselige Rolle, die die kleinbürgerlich radikalen Vorkämpfer für die deutsche Republik spielen sollten. Schon ihr äußeres Gehabe stieß ihn ab.

"Ich kann den Tabaksqualm nicht vertragen, und ich merkte, dass in einer deutschen Revolution die Rolle eines Großsprechers in der Weise Börnes und Konsorten nicht für mich passte. Ich merkte überhaupt, dass die deutsche Tribunalkarriere nicht eben mit Rosen und am allerwenigsten mit reinlichen Rosen bedeckt". (30)

Für sich sieht er auch in der wirklichen Revolution eine andere Rolle, auch wenn diese sogleich wieder ironisiert.

"Solange wir die Revolution in den Büchern lesen, sieht alles sehr schön aus, und es ist damit wie mit jenen Landschaften, die kunstreich gestochen auf weißem Velinpapier, die so rein, so freundlich aussehen, aber nachher, wenn man sie in Natura betrachtet, vielleicht an Grandiosität gewinnen, doch einen sehr schmutzigen und schäbigen Anblick in den Einzelheiten gewähren; die in Kupfer gestochenen Misthaufen riechen nicht, und der in Kupfer gestochene Morast ist leicht mit den Augen zu durchwaten!" (31)

Für Trilse-Finkelstein ist die Börne-Denkschrift alles andere als eine verunglimpfende Polemik gegen einen politischen Gegner. Er sieht darin "eines der wundersamsten und tiefsten Bücher" in der Geschichte der deutschsprachigen Literatur. (32) Statt sich wie Raddatz in langen Passagen über die schwächsten Stellen der Schrift zu ergehen, konzentriert sich Trilse-Finkelstein darauf, den philosophisch-ästhetischen Standort Heines herauszuarbeiten.

"Das arme Volk ist nicht schön"

Heine selbst hoffte immerhin (wenn auch vergebens), seine Börne-Schrift würde "als das beste Werk, das ich geschrieben, anerkannt werden". (33) Sein Thema ist das Verhältnis von Kunst und Politik, eine Verteidigung der Freiheit der Kunst und des Künstlers, die nichts zu tun hat mit einer Ablehnung der sozialen Umwälzung der Gesellschaft, sondern im Gegenteil ein Teil von ihr sein muss.

"Heines Ästhetik mochte angesichts der politisch notwendigen Tagesforderungen elitär-aristokratisch erscheinen - ein gewisser Adel des Geistes war ihm eigen, der einzige Aristokratismus seiner Persönlichkeit... In Zeiten revolutionärer Aktion kann es schwerste Folgen haben, sich auf Schönheit und Genuss zurückziehen zu wollen. Doch keine Revolution (nicht als Aufstand, sondern als grundlegende Umwälzung) kann auf langfristige Strategien und philosophisch-ästhetische Konzepte verzichten, die auf individuelle Verwirklichung zielen, nicht auf Vermassung. In der angestrebten Synthese liegt wohl die größte geistige Leistung dieses Buches und seines Verfassers." (34)

Trilse-Finkelstein, verwendet in seiner Biographie im Gegensatz zu Raddatz große Sorgfalt darauf, dem Leser die aufregenden, gesellschaftlichen und politischen Umstände zu schildern, unter denen Heine lebte und schrieb. Er erklärt, wer die Menschen waren, die ihm nahestanden oder seine Gegner waren. Er widmet einige Kapitel Heines Beziehungen zu den frühen Sozialisten und Kommunisten, seinem Verhältnis zu Hegel und den Junghegelianern und eines dem Verhältnis von Heine zu Marx. Vieles wird darin gestreift und regt zu eigenem Nachlesen und Nachdenken an.

Noch ein anderes Verdienst hat Trilse-Finkelstein. Er verweist in seiner eigenen auf eine andere, ältere Heinebiographie, die er sehr schätzt, auf die von Lew Kopelew. Seiner Empfehlung können wir uns nur anschließen. (35)

Trilse-Finkelstein schildert die Freundschaft zwischen Heine und Karl Marx, der als einer der wenigen dieses Buch über Börne verstand und eine - leider nie zustande gekommene - Rezension darüber zu schreiben beabsichtigte.

Marx und Engels haben den Typus des kleinbürgerlichen Demokraten, die "liberalen Advokaten und doktrinären Professoren" mit ihrer wortreichen Impotenz in ihren Schriften immer wieder aufs Korn genommen, und mit Sicherheit ist auch Heines Vorbild nicht unschuldig daran. (36)

Der große Vorteil der Biographie Trilse-Finkelsteins ist, dass er im Gegensatz zu Raddatz die Widersprüche sichtbar und begreifbar macht, von denen Heine zerrissen war, die er nicht zu lösen vermochte, denen wir aber sein großartiges Werk zu verdanken haben. Er möchte dem Phänomen Heine auf die Spur kommen, indem er die äußeren, die politisch-gesellschaftlichen und die "Widersprüche des Künstlers" zu erfassen versucht. Zu den letzteren erklärt er:

"Nicht der äußere Raum ist hier gemeint, sondern die inneren Bezirke, zum Beispiel die Konstellation des Genies, das immer ein Kind geblieben ist. Heine hatte stets den etwas staunend naiven Blick des Kindes, der sich jedoch in Reflexion wandelte, und zwar auf höchstem intellektuellem Niveau. Damit ist zugleich das Verhältnis von Realität und Fantasie angesprochen, das sich am Falle Deutschlands exemplifizieren läßt: Er kannte das Deutschland der Realität und eines seiner Fantasie. Aus dieser Konstellation ergab sich auch der Widerspruch zwischen Poesie und Prosa bzw. Publizistik. Die Poesie wandte sich dem Inneren oder den Geschichtsvisionen zu, konnte indes ebenso im weitesten Sinne Spiegel sein, wie Contra-Entwurf, ob im Buch der Lieder oder in den beiden Verspoemen;... Heine dichtete in klassischen Formen (Lied, Romanze der Sefarden) und schrieb als Publizist modernste Prosa. Mit seinem Lebensgefühl leitete er die Moderne ein, von Goethe widerspruchsvoll sich ableitend, die Romantik differenzierend und ihr am Ende entlaufend in Richtung Baudelaire, zwischen Entfremdung und Heimat... zwischen Gebrochenheit und Ganzheit. Dieser Schriftsteller ganz homme de lettres, stellte sich den Spannungen des Ancien Regime wie eben dieser beginnenden Moderne, während andere Zeitgenossen sich mehr oder weniger in ästhetisch reine Räume oder in die Vergangenheit zurückzogen. Das wiederum macht ihn so unglaublich heutig, just zu einem Zeitpunkt gegen Ende der Moderne, so man das überhaupt sagen kann, da Rückzug und Selbstreflexion des Individuums, geistige Nabelschau oder gar ‘neue Bocksgesänge’ uns in den Ohren liegen, lähmend."(37)

In einigen Punkten allerdings ist Trilse-Finkelstein wohl auch von der Stimmung nicht ganz verschont geblieben, die die "neuen Bocksgesänge" hervorgebracht hat. So ist seine Einschätzung meines Erachtens nicht richtig, wenn er zu Heines Hunde-Metapher (38) für das Volk bemerkt, dieser habe einen "anderen Entwurf von Volk, als der Marxens, der auf ein organisiertes und diszipliniertes Proletariat, auf eine kämpfende Avantgarde setzte und damit Schiffbruch erlitt". Oder etwas später: "Heute hätte Heine sicher eine Bananen-Metapher gewählt." (39) Die Differenzen zwischen Marx und Heine betrafen nicht den realen Charakter der unterdrückten Klasse. Marx war sich wie Heine dessen sehr wohl bewusst, dass das Proletariat abgeschnitten war von Kultur und Bildung und keineswegs von sich aus gleich in der Lage war, organisiert und diszipliniert zu handeln. Es dazu in die Lage zu versetzen, darin sah er die Aufgabe der Kommunisten.

Er war sicher einer Meinung mit Heine, wenn dieser den "Schmeichlern" und "Hoflakaien des Volkes" widerspricht, die beständig dessen "Vortrefflichkeiten und Tugenden" rühmen und begeistert ausrufen:

"‘Wie schön ist das Volk! Wie gut ist das Volk!’... Nein Ihr lügt, Das arme Volk ist nicht schön; in Gegenteil, es ist sehr hässlich. Aber diese Hässlichkeit entstand durch den Schmutz und wird mit demselben schwinden, wenn wir öffentliche Bäder bauen, wo seine Majestät das Volk sich unentgeltlich baden kann... Liebe und Vertrauen schenkt es nur denjenigen, die den Jargon seiner Leidenschaft reden oder heulen, während es jeden braven Mann hasst, der die Sprache der Vernunft mit ihm spricht, um es zu erleuchten und zu veredeln. Der Grund für diese Verkehrtheit ist die Unwissenheit; dieses Nationalübel müssen wir zu tilgen suchen durch öffentliche Schulen für das Volk, wo ihm der Unterricht auch mit den dazugehörigen Butterbrötchen und sonstigen Nahrungsmitteln unentgeltlich erteilt werde. - Und wenn jeder im Volke in den Stand gesetzt ist, sich alle beliebigen Kenntnisse zu erwerben, werdet ihr bald auch ein intelligentes Volk sehen." (40)

Von Schönfärberei und heuchlerischer Idealisierung des Proletariats war Marx genauso weit entfernt wie Heine. Eine solche entstand erst als wichtiger Bestandteil der Rechtfertigungsideologie der stalinistischen Bürokratie. Ihr "Sozialistischer Realismus" sollte davon ablenken, dass diese Schmarotzerclique die Arbeiter in der Sowjetunion systematisch daran hinderte, die Macht in ihrem Staat auszuüben. Wer für Freiheit der Kunst und Emanzipation der Arbeiterklasse eintrat, dem drohte Verfolgung, Lagerhaft und Ermordung.

Als Revolutionär sah Marx seine Hauptaufgabe darin, "bei den Arbeitern ein möglichst klares Bewußtsein" über ihre historischen Aufgaben in der Revolution zu erzeugen. Die politischen Niederlagen der Arbeiter waren für ihn Ansporn, ihre Analyse sollte den Grundstein für künftige Siege legen.

Heine, dessen sozialistische Träume aus derselben Epoche stammten wie die Utopien der Saint-Simonisten und anderen Frühsozialisten, sah in seiner Zeit der politischen Rückschläge immer weniger Möglichkeiten, sie zu verwirklichen. Die Theorien der utopischen Sozialisten entstanden in einer Zeit, in der die Arbeiterklasse noch eine gesellschaftliche Minderheit darstellte und ihre selbständigen Kämpfe noch wenig entwickelt waren. Daher gingen sie davon aus, dass die Utopien gleichsam von oben durchgesetzt werden müssten. Heine stand in seinen politischen Einsichten zwischen Marx und den utopischen Sozialisten.

Dazu kam, dass gerade die revolutionären Ereignisse 1848 zusammentrafen mit einer tiefen persönlichen Krise Heines. Seine Krankheit verschlimmerte sich zusehends und zwang ihn immer mehr dazu, jede Teilnahme am öffentlichen Leben aufzugeben. Heine war kein Kommunist, aber er blieb selbst aus seiner "Matratzengruft" heraus nicht nur ein hellwacher kritischer Beobachter der gesellschaftlichen Entwicklungen, sondern auch bis in seine letzten Lebenstage ein großer Dichter, der an die Möglichkeit glaubte, eine bessere Welt auf Erden zu verwirklichen.

Wird fortgesetzt

Anmerkungen

1. Heinrich Heine: Sämtliche Werke. Herausgegeben von Karl Kaufmann, München 1964, Band. V, S. 254. (Im Folgenden zitiert als SW)

2. Heine an Karl Gutzkow, 23. 08.1838 (Zitiert bei Trilse-Finkelstein, S. 200)

3. Heine: Reisebilder. Vierter Teil, SW, Bd. VI, S. 133

4. Dokumente, die dies belegen würden, gibt es allerdings nicht. Die Heine-Forschung hat sich darauf "geeinigt", das Jahr 1797 als das Geburtsjahr Heinrich Heines anzusehen. Die Gründe dafür sind einleuchtend und sollen hier nicht länger hinterfragt werden, auch wenn nichts dagegen spricht, es bei der Unklarheit zu lassen, die Heine selbst über seinen Geburtstag und sein Geburtsjahr zu verbreiten beliebte.

5. "Ich Narr des Glücks", Heinrich Heine 1797-1856. Bilder einer Ausstellung. Stuttgart, 1997

6. Joseph A. Kruse: 200 Jahre Heinrich Heine: Wirkung, Ruhm, Kontroversen, in Ich Narr des Glücks, S. 4

7. Fritz J. Raddatz: Taubenherz und Geierschnabel. Heinrich Heine. Eine Biographie, Weinheim, 1997 und Jochanan Trilse-Finkelstein: Gelebter Widerspruch. Heinrich Heine Biographie. - Berlin, Aufbau-Verlag, 1997

8. Raddatz, a. a. O. S. 7

9. ebd., S. 68

10. ebd., S. 10f

11. ebd. S. 217

12. ebd. S. 109

13. ebd. S. 181

14. Heine: SW, Bd. VI, S. 134

15. ebd. S. 132

16. ebd. S. 133

17. Raddatz, a. a. O., S. 67

18. Heine: Shakespeares Mädchen und Frauen, SW, Bd. X, S. 152f

19. SW, Bd. I, S. 254f -

20. SW, Bd. II, S. 54 -

21. Heine: Ludwig Börne. Eine Denkschrift, SW, Bd. XI, S. 122f -

22. ebd., S. 15

23. ebd., S. 49f

24. ebd., S. 56

25. Raddatz, a.a.O., S. 219

26. ebd., S. 35

27. SW, Bd. XI, S. 33

28. ebd., S. 83

29. ebd., S. 38

30. ebd., S. 70

31. ebd., S. 70f

32. Trilse-Finkelstein: a. a. O., S. 199

33. Heine an seinen Verleger Campe, 1840, zitiert bei Raddatz, S. 203

34. Trilse-Finkelstein, a. a. O.,S. 205

35. Lew Kopelew: Ein Dichter kam vom Rhein. Heinrich Heines Leben und Leiden. Berlin 1981 (1997 als Taschenbuchausgabe bei Goldmann zum Preis von 22.- DM neu herausgegeben)

36. Z. B. Friedrich Engels: in Revolution und Konterrevolution in Deutschland, Berlin 1972, S. 80

37. Trise-Finkelstein, S. 11f

38. Heine erzählt in der Börne-Schrift die Geschichte vom treuen Hund Medor, der nicht vom Grab seines im Kampfe gefallenen Herren wich. In "Wirklichkeit" jedoch war es ein ganz anderer Hund, der sich an dessen Stelle gesetzt hatte. "Er ward gehätschelt, gefördert, vielleicht zu den höchten Ehrenstellen erhoben, während der wahre Medor, einige Tage nach dem Siege, bescheiden davongeschliche war, wie das wahre Volk, das die Revolution gemacht... Armes Volk, armer Hund!" SW, Bd. XI., S. 56

39. Trilse-Finkelstein: a. a. O., S. 250f

40. Heine: Geständnisse, SW, Bd. XIII, S. 113f