Heinrich Heine 1797 - 1856

Teil 2

Von Sybille Fuchs
25. Februar 2006

Der deutsche Dichter und Schriftsteller Heinrich Heine wurde am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geboren und starb am 17. Februar 1856 in Paris. Wir veröffentlichen hier den zweiten Teil des Artikels "Heinrich Heine und der ‚wunderbare Prozess der Weltergänzung’", der anlässlich des 200. Geburtstages von Heinrich Heine 1998 im Januarheft der Zeitschrift gleichheit erschien.

"...dass die Zukunft den Kommunisten gehört"

Heine begrüßte die Kommunisten als die politische Kraft der Zukunft, auch wenn er für sich selbst keine Neigung verspürte, an ihrem Kampf teilzunehmen. Das hielt ihn aber nicht ab, die falschen Freunde der Revolution zu geißeln. Die politischen Ergebnisse von 1848 haben seine Einschätzung vollauf bestätigt. Heines skeptische Einschätzung der Situation war wesentlich komplexer als die Schwarzweißmalerei der Republikaner vom Schlage Börnes.

Wie nur wenige seiner Zeitgenossen hat Heine nicht nur die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit durchlebt und scharfsichtig analysiert, sondern sich trotz aller Skepsis und Ängste über die Rolle des Proletariats, immer wieder zur sozialen Revolution und diesem als der kommenden gesellschaftlichen Kraft darin bekannt. Sein Bekenntnis, "dass die Zukunft den Kommunisten gehört", hat er nicht allzulange vor seinem Tode (am 30. März 1855) im Vorwort zur französischen Ausgabe seiner Korrespondentenberichte von 1840 bis 1843 für die Augsburgische Allgemeine Zeitung noch einmal bekräftigt:

"Ich malte den Teufel an die Wand meiner Zeitung, oder, wie eine geistreiche Persönlichkeit sich ausdrückte: Ich machte ihm eine gute Reklame. Die Kommunisten, die vereinzelt in allen Landen verbreitet, ohne bestimmtes Bewusstsein ihrer gemeinsamen Bestrebungen, erfuhren durch die ‘Allgemeine Zeitung’, dass sie wirklich existierten... Durch die ‘Allgemeine Zeitung’, erhielten die verstreuten Kommunistengemeinden authentische Nachrichten über die unaufhörlichen Fortschritte ihrer Sache; sie vernahmen zu ihrer großen Verwunderung, dass sie keineswegs ein schwaches Häuflein, sondern die stärkste aller Parteien waren; dass ihr Tag zwar noch nicht gekommen, dass aber ruhiges Warten kein Zeitverlust sei für Leute, denen die Zukunft gehört. Dieses Geständnis, dass den Kommunisten die Zukunft gehört, machte ich im Tone der größten Besorgnis, und ach! Das war keineswegs eine Maske! In der Tat, nur mit Grauen und Schrecken denke ich an die Zeit, wo jene dunklen Bilderstürmer zur Herrschaft gelangen werden: mit ihren rohen Fäusten zerschlagen sie alsdann erbarmungslos die Marmorbilder der Schönheit, die meinem Herzen so teuer sind. Sie zertrümmern all jene Spielzeuge und phantastischen Schnurrpfeifereien der Kunst, die dem Poeten so lieb waren; sie hacken meine Lorbeerwälder um und pflanzen darauf Kartoffeln;... und ach! Mein "Buch der Lieder" wird der Krautkrämer zu Tüten verwenden, um Kaffee und Schnupftabak darin zu schütten für die alten Weiber der Zukunft. Ach! Das sehe ich alles voraus, und eine unsägliche Betrübnis ergreift mich, wenn ich an den Untergang denke, womit das siegreiche Proletariat meine Gedichte bedroht, die mit der ganzen romantischen Weltordnung untergehen werden. Und dennoch, ich gestehe es freimütig, übt ebendieser Kommunismus, so feindlich er allen meinen Neigungen ist, auf mein Gemüt einen Zauber, dessen ich mich nicht erwehren kann; in meiner Brust sprechen zwei Stimmen, die sich nicht zum Schweigen bringen lassen, die vielleicht nur diabolische Einflüsterungen sind - aber ich bin nun einmal davon besessen, und keine exorzierende Gewalt kann sie bezwingen.

Denn die erste dieser Stimmen ist die der Logik... Ein schrecklicher Syllogismus behext mich, und kann ich der Prämisse nicht widersprechen: "dass alle Menschen das Recht haben zu essen", so muss ich mich auch allen Folgerungen fügen... Sie ist seit langem gerichtet diese alte Gesellschaft. Mag geschehen, was recht ist! Mag sie zerbrochen werden, diese alte Welt, wo die Unschuld zugrunde ging, wo die Selbstsucht gedieh, wo der Mensch vom Menschen ausgebeutet wurde... Und gesegnet sei der Krautkrämer, der einst aus meinen Gedichten Tüten verfertigt, worin er Kaffe und Schnupftabak schüttet für die armen alten Mütterchen, die in unserer heutigen Welt der Ungerechtigkeit vielleicht eine solche Labung entbehren mussten - fiat iustitia, pereat mundus!" (41)

Die zweite Stimme, die für Heine zugunsten des Kommunismus spricht, ist die der reaktionären "sogenannten Vertreter der deutschen Nationalität".

"Ja die Überreste oder Nachkömmlinge der Teutomanen von 1815, die bloß das altdeutsche Narrenkostüm gewechselt und sich die Ohren etwas verkürzen ließen - ich hasste und bekämpfte sie zeit meines Lebens. Und jetzt, wo das Schwert der Hand des Sterbenden entsinkt, fühle ich mich durch die Überzeugung getröstet, dass der Kommunismus, der sie als erste auf dem Wege finden wird; ihnen den Gnadenstoß versetzten wird... Aus Hass gegen die Anhänger des Nationalismus könnte ich schier die Kommunisten lieben. Wenigstens sind sie keine Heuchler, die immer die Religion und das Christentum im Munde führen." (42)

Heines (Selbst)Ironie in diesem Abschnitt, der immer wieder zitiert wurde, um ihm echte Angst vor der Kunstfeindlichkeit der Kommunisten zu unterstellen, ist unüberhörbar. Vom Kunstverständnis seines Freundes, Karl Marx, jedoch hatte er ausgiebig Gelegenheit, sich zu überzeugen. Es ist eine Schilderung von Eleanor Marx überliefert, die Raddatz zitiert: "Es gab eine Zeit, wo Heine tagaus, tagein bei Marxens vorsprach, um ihnen seine Verse vorzulesen und das Urteil der beiden jungen Leute einzuholen. Ein Gedichtchen von acht Zeilen konnten Heine und Marx zusammen unzählige Male durchgehen, beständig das eine oder andere Wort diskutierend und so lange arbeitend und feilend, bis alles glatt und jede Spur von Arbeit und Feile aus dem Gedicht beseitigt war." (43)

Heine und Marx waren im gemeinsamen Pariser Exil befreundet. Auch ihre politischen Ansichten stimmten vor allem in der ersten Hälfte der vierziger Jahre in der Grundrichtung überein. So manche treffende Formulierung übernahm Marx von Heine, wie zum Beispiel die, dass Religion Opium fürs Volk sei. Aber ihre Intentionen waren sehr unterschiedlich, auch wenn sie zeitweilig für die gleichen Zeitungen schrieben: der eine war Revolutionär, der andere Dichter. Heine drückt sein Anliegen in einem Brief 1837 so aus: "...mein Streben (ist) kein politisch revoluzionäres, sondern mehr ein philosophisches,... wo nicht die Form der Gesellschaft sondern ihre Tendenz beleuchtet wird." (44)

Scharf geißelt Heine auch die Heuchelei der bürgerlichen Wohltätigkeit wie in dem Gedicht Erinnerung an Hammonia, die nur dazu dient, sich in der guten Gesellschaft ein Ansehen und ein gutes Gewissen zu verschaffen, aber das Elend in der Welt zu lassen, wie es ist.

Waisenkinder, zwei und zwei,
Wallen fromm und froh vorbei
Tragen alle blaue Röckchen,
Haben alle rote Bäckchen -
Oh, die hübschen Waisenkinder!

Jeder sieht sie an gerührt,
Und die Büchse klingeliert;
Von geheimen Vaterhänden
Fließen ihnen reiche Spenden -
Oh, die hübschen Waisenkinder!...

Sitzen dort in langer Reih’,
Schmausen gütlich süßen Brei,
Torten, Kuchen, leckere Speischen;
Und sie knuspern wie die Mäuschen,
Diese hübschen Waisenkinder.

Leider kommt mir in den Sinn
Jetzt ein Waisenhaus, worin
Kein so fröhliches Gastieren;
Gar elendig lamentieren
Dort Millionen Waisenkinder.

Die Montur ist nicht egal,
Manchem fehlt das Mittagsmahl;
Keiner geht dort mit dem andern,
Einsam, kummervoll dort wandern
Viel Millionen Waisenkinder.
(45)

"Armut, Körperschmerz und Judentume!"

Dass Heine sich immer wieder so entschlossen auf die Seite der Unterdrückten stellte, hatte seinen Grund natürlich auch in seiner eigenen Biographie. Es standen ihm in seiner Jugend in Düsseldorf als Mitglied einer wohlhabenden und angesehenen jüdischen Familie alle Einrichtungen der Bildung offen. Auch war Heine der Neffe eines der reichsten Männer Europas seiner Zeit. Er selbst verkehrte mit Rothschilds und hatte Freunde und Verehrer in allen gesellschaftlichen Kreisen. Aber nach der Niederlage Napoleons waren in Deutschland alle Verordnungen zur Gleichstellung der Juden wieder aufgehoben worden. Zwar konnte Heine die Universität besuchen, aber er erlebte dort bereits verletzende Zurückweisungen wie den Ausschluss aus der Burschenschaft in Göttingen.

Er erlebte als Jude all die Kränkungen des von der guten Gesellschaft Ausgeschlossenen, des Angehörigen einer unterdrückten Minderheit. Ein öffentliches Amt in Preußen, wie in Bayern blieb ihm verschlossen. Er wurde immer wieder Opfer antisemitischer Beleidigungen. Auch sein Übertritt zur christlichen Religion änderte nichts daran.

Er hat diesen Widerspruch, das Leiden an seinem Judentum, häufig formuliert und sich dazu bekannt. Er war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, angesehen zu werden wie jeder andere Bürger auch und dem Wunsch, sein Judesein nicht verleugnen oder verstecken zu müssen. Immer wieder wendet er sich im Laufe seines Lebens Themen aus der Geschichte und Gegenwart des jüdischen Volkes zu. Am Rabbi von Bacharach arbeitet er Jahrzehnte, er bleibt unvollendet. In vielen seiner Romanzen greift er Motive aus der Geschichte der sephardischen Juden auf, von denen seine Familie abstammt, oder er bearbeitet biblische Stoffe.

1842 schreibt er ein Gedicht über Das neue israelitische Hospital zu Hamburg:

Ein Hospital für arme, kranke Juden,
Für Menschenkinder, welche dreifach elend,
Behaftet mit den bösen drei Gebresten,
Mit Armut, Körperschmerz und Judentume!

Das Schlimmste von den dreien ist das letzte,
Das tausendjährige Familienübel,
Die aus dem Niltal mitgeschleppte Plage,
Der altägyptisch ungesunde Glauben.

Unheilbar tiefes Leid! Dagegen helfen
Nicht Dampfbad, Dusche, nicht die Apparate
Der Chirurgie, noch all die Arzneien,
Die dieses Haus den siechen Gästen bietet.

Wird einst die Zeit, die ew’ge Göttin, tilgen
Das dunkle Weh, das sich vererbt vom Vater
Herunter auf den Sohn - wird einst der Enkel
Genesen und vernünftig sein und glücklich?

Ich weiß es nicht! Doch mittlerweile wollen
Wir preisen jenes Herz, das klug und liebreich
Zu lindern suchte, was der Lindrung fähig,
Zeitlichen Balsam träufelnd in die Wunden..."
(46)

Hier wird sein Mitleiden mit den doppelt Unterdrückten deutlich. Zwar gehört er selbst nicht zu den Armen. Aber er ist einer der Unterdrückten. Er ist ein jüdischer, politisch verfolgter Schriftsteller. Er empfindet tief die Ohmmacht des Almosens, das nur Linderung, nicht Heilung bringt, dennoch begrüßt er, dass es gegeben wird.

Es ist ein besonderes Anliegen des Biographen Trilse-Finkelstein, gerade die jüdischen Aspekte in Heines Leben und Werk hervorzuheben. Dabei macht er auf Besonderheiten aufmerksam, die einem nicht jüdischen Leser nicht so ohne weiteres auffallen, aber viel zum Verständnis der Texte beitragen können. Auch wenn in solchen "jüdischen" Passagen gelegentlich der Kosmopolit und Internationalist, der Heine in erster Linie war, etwas zu sehr in den Hintergrund gedrängt wird, liegt hier mit Sicherheit einer der "gelebten Widersprüche" Heines.

Aber das ist nur eine der vielen Facetten seines Werks, seiner Poesie und seiner Prosa, die die Widersprüche und Verwerfungen seiner Zeit - und die seines persönlichen Lebens in ihr - in einer bis dahin unbekannten Weise ausdrücken.

"Ich hatte einst ein schönes Vaterland"

Meist ging mit den reaktionären Angriffen auf den "Juden" Heine eine Verunglimpfung seiner Dichtung als "undeutsch" einher. Man verzieh ihm weder seinen - vor allem in seinem publizistischen Werk - gelegentlich respektlosen Umgang mit der Sprache Goethes und Eichendorffs, noch die Tatsache, dass er die schönsten Natur- und Liebesgedichte schreiben konnte, aber gleichzeitig z. B. die spießige Schwärmerei für die Natur aufs Korn nahm.

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang

"Mein Fräulein! Sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück."
(47)

Immer wieder wurden Heines Sprache, sein Witz, sein respektloser Humor von seinen Kritikern angegriffen. Sie sprachen ihm die Tiefe des Gedankens ab, weil er ihn so gut und treffend auszudrücken verstand. "Undeutsch, französisierend" waren die Attribute, mit denen man ihn belegte. Auch diese Kritik, die häufig genug mit antisemitischen Untertönen versehen war, begann bereits zu Lebzeiten Heines. Sie wirkte fort über den Verriss von Karl Kraus bis hin zu Adorno. Karl Kraus wirft Heine den von ihm entwickelten Feuilletonstil vor, "der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert zu haben, dass heute alle Kommis an ihren Brüsten herumfingern können". (48)

Auch Adorno sieht in Heines " von der kommunikativen Sprache erborgten Geläufigkeit und Selbstverständlichkeit" das "Gegenteil von heimatlicher Geborgenheit in der Sprache. Nur der verfügt über die Sprache wie über ein Instrument, der in Wahrheit nicht in ihr ist." (49) Ein ebenso tiefsinniges wie unhaltbares Urteil, ist doch gerade die Sprache Heines in seinen Versen und seiner Prosa bei aller Geschliffenheit voller Widerhaken und Fallen für den unbedarften, oberflächlichen Leser.

Heine selbst hat immer wieder deutlich gemacht, dass er die deutsche Sprache liebte, dass sie seine "Heimat" war:

Ich hatte einst ein schönes Vaterland.
Der Eichenbaum
Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.
Es war ein Traum.

Das küßte mich auf deutsch, und sprach auf deutsch
(Man glaubt es kaum
Wie gut das klang) das Wort: "Ich liebe dich!"
Es war ein Traum.
(50)

Selbst in diesem Gedicht von 1834, das, wie Walter Hinck in seinem Aufsatz über Heinrich Heines Deutschlandsliebe erklärt, ein "erotisches und ein Deutschlandgedicht in einem" ist, drückt sich der Zwiespalt aus, in dem sich der Exilant Heine zu Deutschland befindet: "Es war ein Traum". (51) Seine Liebe zu Deutschland ist gebrochen, am deutschen Leben nimmt er nur aus der Ferne als Ausgeschlossener teil. Ausdruck gibt er seiner Liebe vor allem, indem er Kritik an Deutschland übt.

Die deutsche Sprache ist sein Instrument dazu, das er virtuos handhabt. Heines Sprache ist voller ungewöhnlicher Bilder, Metaphern, Vergleiche, Assoziationen und vor allem voller Witz und frecher Anspielungen. Sogar wenn er über so schwierige und komplizierte Themen wie die deutsche Philosophie schreibt, sind seine Texte selbst für heutige Leser kein bisschen langweilig.

Heines Verse waren so "deutsch", dass selbst die Nazis sie nicht alle verbieten konnten. "Dichter unbekannt" stand in ihren Liedersammlungen unter dem "Volkslied" Die Lorelei. Aber gerade auch diese Verse sind in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. Der Dichter Heine verstand sich bei aller Liebe zur deutschen Sprache als Weltbürger.

Lessing, "derjenige Schriftsteller, den ich am meisten liebe"

Heine sieht sich in der Tradition der Aufklärung und ist mitten in eine Epoche hineingeboren worden, in der Revolution und Konterrevolution in Europa einander abwechselten. Seine Heimatstadt Düsseldorf gehörte zur Zeit seiner Kindheit zu Frankreich. Dort galten die von der Französischen Revolution durchgesetzten demokratischen Rechte des Code civil. Immer wieder bekennt sich Heine zu Napoleon. Seine Verehrung für Napoleon geht vor allem auf die bürgerlichen Freiheiten der Französischen Revolution - nicht zuletzt die Emanzipation der Juden - zurück, die seine Truppen nach Deutschland brachten.

In seinem Essay Die Romantische Schule, durch den er einen deutlichen Akzent gegen das von der reaktionären Seite der Romantik geprägte Deutschlandbild der Madame de Stael setzen will, beginnt Heine die Darstellung der neueren deutschen Dichter ausdrücklich mit Lessing. Er bekennt, "dass er in der ganzen Literaturgeschichte, derjenige Schriftsteller ist, den ich am meisten liebe". (52) Er schätzt an Lessing vor allem dessen mutiges Eintreten für sozialen Fortschritt und Humanität, obwohl er "den größten Teil seines Lebens in Armut und Drangsal" verbrachte. "Das ist ein Fluch, der auf fast allen großen Geistern der Deutschen lastet und vielleicht erst durch die politische Befreiung getilgt wird. Mehr, als man ahnte, war Lessing auch politisch bewegt, eine Eigenschaft, die wir bei seinen Zeitgenossen gar nicht finden." (53)

Hier knüpft Heine selbst an, aber er lebt nicht, wie Lessing in der Zeit der Aufklärung, vor der Französischen Revolution, er ist ein Mensch des 19. Jahrhunderts. In seiner Jugend faszinieren ihn die Romantiker, vor allem die Sammlung Des Knaben Wunderhorn hat es ihm angetan. Seine ästhetische Erziehung verdankt er zu einem großen Teil August Wilhelm Schlegel, dessen Vorlesungen er hörte. Schlegel las seine ersten Gedichte und gab ihm Ratschläge, um Form und Stil zu entwickeln.

Seine Abneigung gegen die Romantiker, deren poetische Qualitäten er durchaus schätzte, ging vor allem auf deren Hinwendung zum mittelalterlich Mystischen und politisch Reaktionären zurück, der Beschwörung der ständischen Ordnung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation als Vorbild für die zukünftige Verfassung eines geeinten Deutschlands. Diese politisch-gesellschaftliche Ausprägung der Romantik lehnte Heine ab.

Dennoch war er sich seiner Wurzeln in der Romantik immer bewusst. Er akzeptierte für sich die ihm von einem französischen Kollegen verliehene Bezeichnung "entlaufener Romantiker". Er war Erbe der Romantiker, wenn er das Recht auf Poesie, auf Schönheit, Geschliffenheit und Eleganz der Sprache verteidigte gegen eine Literatur und Dichtung, die sich in erster Linie als "politisch" verstand, als die Musen die "strenge Weisung" bekamen, "sich hinfüro nicht mehr müßig und leichtfertig herumzutreiben, sondern in vaterländischen Dienst zu treten, etwa als Marketenderinnen der Freiheit oder als Wächterinnen der christlich-germanischen Nationalität". (54) Aber für Heine bedeutete Poesie niemals Flucht aus der Wirklichkeit oder Ablehnung eines politisch-sozialen Engagements.

Im Atta Troll macht Heine sein Verhältnis zur Romantik zum Thema. Er erklärt in der Vorrede:

"...und in der Tat, schon die ersten Fragmente, die vom Atta Troll gedruckt wurden, erregten die Galle meiner Charakterhelden, meiner Römer, die mich nicht bloß der gesellschaftlichen Reaktion, ja sogar der Verhöhnung heiligster Menschheitsideen beschuldigten. Was den poetischen Wert meines Poems betrifft, so gab ich ihn gern preis, wie ich es auch heute noch tue; ich schrieb dasselbe zu meiner eigenen Lust und Freude, in der grillenhaften Traumweise jener romantischen Schule, wo ich meine angenehmsten Jugendjahre verlebt und zuletzt den Schulmeister geprügelt habe."

Weit von sich weist er den Verdacht, sein "Spott träfe jene Ideen, die eine kostbare Errungenschaft der Menschheit sind und für die ich selbst soviel gestritten und gelitten habe." (55)

"Es beginnt ein neuer Abschnitt in der Weltgeschichte."

Der "entlaufene Romantiker" Heine bejaht die neue Zeit mit ihren technischen Errungenschaften, wenn auch nicht ohne ein gewisses Unbehagen. So schreibt er 1843 anlässlich der Eröffnung der beiden Eisenbahnlinien von Paris:

"Die Eröffnung der beiden Eisenbahnen, wovon die eine nach Orléans, die andere nach Rouen führt, verursacht hier eine Erschütterung, die jeder mitempfindet, wenn er nicht etwa auf einem sozialen Isolierschemel steht. Die ganze Bevölkerung von Paris bildet in diesem Augenblick gleichsam eine Kette, wo einer dem andern den elektrischen Schlag mitteilt. Während aber die große Menge verdutzt und betäubt die äußere Erscheinung anstarrt, erfasst den Denker ein unheimliches Grauen, wie wir es immer empfinden, wenn das Ungeheuerste, das Unerhörteste geschieht, dessen Folgen unabsehbar und unberechenbar sind. Wir merken bloß, dass unsre ganze Existenz in neue Gleise fortgerissen, fortgeschleudert wird, dass neue Verhältnisse, Freuden und Drangsale uns erwarten, und das Unbekannte übt seinen schauerlichen Reiz, verlockend und zugleich beängstigend. So muss unsern Vätern zumut gewesen sein, als Amerika entdeckt wurde, als die Erfindung des Pulvers sich durch ihre ersten Schüsse ankündigte, als die Buchdruckerei die ersten Aushängebogen des göttlichen Wortes in die Welt schickte. Die Eisenbahnen sind wieder ein solches providentielles Ereignis, das der Menschheit einen neuen Umschwung gibt, das die Farbe und Gestalt des Lebens verändert; es beginnt ein neuer Abschnitt in der Weltgeschichte, und unsere Generation darf sich rühmen, dass sie dabeigewesen. Welche Veränderungen müssen jetzt eintreten in unserer Anschauungsweise und in unsern Vorstellungen! Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden. Durch die Eisenbahnen wird der Raum getötet, und es bleibt uns nur noch die Zeit übrig. Hätten wir nur Geld genug, um auch letztere anständig zu töten! In vierthalb Stunden reist man nun nach Orléans, in ebensoviel Stunden nach Rouen. Was wird das erst geben, wenn die Linien nach Belgien und Deutschland ausgeführt und mit den dortigen Bahnen verbunden sein werden! Mir ist, als kämen die Berge und Wälder aller Länder auf Paris angerückt. Ich rieche schon den Duft deutscher Linden; vor meiner Türe brandet die Nordsee." (56)

Durch die Spekulation mit Eisenbahnaktien war Heine, auch wenn er sich ab und zu gewaltig verspekulierte, in der Lage, sein Dichtereinkommen gelegentlich etwas aufzurunden. Rothschild griff ihm dabei unter die Arme. Eine Tatsache, die ihm manche Moralapostel - darunter sein Biograph Fritz Raddatz - bis heute übelnehmen. Ihren strengen moralischen Anschauungen nach hätte die Lebensführung des Dichters der Schlesischen Weber mehr denen des armen Poeten von Spitzweg ähneln müssen. Doch was unterscheidet das Mäzenatentum Rothschilds von dem Nobelpreis für z.B. Dario Fo? Heines Texte sind ein bleibendes Zeugnis dafür, dass er nicht korrumpierbar war. (57)

In gewisser Weise setzte der Dichter Heine mit seinen Angriffen auf die deutsche Rückständigkeit und Fürstenherrschaft eine deutsche Tradition fort, die mit dem Sturm und Drang begonnen hatte. Aber Heine war nicht einfach Feind der Aristokratie und der absolutistischen Unterdrückung in den deutschen Duodezfürstentümern. Er befand sich bereits mitten in den sozialen Auseinandersetzungen zwischen Bourgeoisie und dem allmählich zum Selbstbewusstsein gelangenden Proletariat. Die Errungenschaften der französischen Revolution, die Beseitigung der Fürstenherrschaft, die in Deutschland immer noch auf der Tagesordnung stand, waren bereits überlagert von dem immer deutlicher aufbrechenden Konflikt zwischen Kapitalisten und Arbeitern. Für Heine, der seit 1830 in Paris im Exil lebte, war dieser Konflikt mehr als deutlich.

Was Heine in der Romantischen Schule über Jean Paul und das Junge Deutschland sagt, trifft auch in hohem Maße auf ihn selbst zu:

"Sein Herz und seine Schriften waren eins und dasselbe. Diese Eigenschaft, diese Ganzheit finden wir auch bei den Schriftstellern des heutigen Jungen Deutschlands, die ebenfalls keinen Unterschied machen wollen zwischen Leben und Schreiben, die nimmermehr die Politik trennen von Wissenschaft, Kunst und Religion und die zu gleicher Zeit Künstler, Tribune und Apostel sind. Ja, ich wiederhole das Wort Apostel, denn ich weiß kein bezeichnenderes Wort. Ein neuer Glaube an den Fortschritt, ein Glaube, der aus dem Wissen entsprang. Wir haben die Lande gemessen, die Naturkräfte gewogen, die Mittel der Industrie berechnet, und siehe, wir haben ausgefunden, dass diese Erde groß genug ist; dass sie jedem hinlänglichen Raum bietet, die Hütte seines Glücks darauf zu bauen; dass diese Erde uns alle anständig genug ernähren kann, wenn wir alle arbeiten und nicht einer auf Kosten des andren leben will; und dass wir nicht nötig haben, die ärmere Klasse an den Himmel zu verweisen. - Die Zahl dieser Wissenden und Gläubigen ist freilich noch gering. Aber die Zeit ist gekommen, wo die Völker nicht mehr nach Köpfen gezählt werden, sondern nach Herzen." (58)

Ende

Anmerkungen

41. SW, Bd. XI, S. 337f (übersetzung des lat. Zitats: Gerechtigkeit muss sein, und wenn die Welt darüber zugrunde geht.)

42. ebd. S. 338

43. Zitiert bei Raddatz: a. a. O., S. 250

44. ebd. S. 224

45. Heine: Gedichte 1853 und 1854, SW, Bd. III, S. 215

46. Heine: Neue Gedichte, SW, Bd. II, S. 51f

47. Heine: Neue Gedichte, SW, Bd. I, S. 227

48. Karl Kraus: Heine und die Folgen, in : Die Fackel, Wien 1910, S. 1-33

49. Theodor W. Adorno: Die Wunde Heine, in: Noten zur Literatur I, Frankfurt 1963, S. 146

50. Heine: Neue Gedichte I, SW, Bd. I, S. 264

51. "Ich Narr des Glücks", S. 37)

52. Heine: Die Romantische Schule, SW, IX, S. 25

53. ebd.: S. 24

54. ebd., S. 69

55. Heine: Vorrede zu Atta Troll, SW, Bd. II, S. 68

56. Heine: Lutetia (II), SW, Bd. XII, S. 65

57. Dies wird übrigens auch nachgewiesen von Jan-Christoph Hauschild und Michael Werner: "Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst". Heinrich Heine. Eine Biographie. Köln, 1997, S. 75)

58. Heine: SW, Bd. IX, S. 118