Schiller und die Geschichte

Von Sybille Fuchs
1. Februar 2006

Im Jahr 2005, 200 Jahre nach seinem Tod, ist Friedrich Schiller vielfach gewürdigt worden. Im Gegensatz zu vielen derartigen Jubiläumsjahren stand aber nicht nur die Vermarktung der berühmten Persönlichkeit im Vordergrund. Vielmehr wurden dem Publikum die Biographie, vor allem die Geschichte seiner Jugend im Fernsehen, in Spielfilmen und Dokumentationen nahe gebracht. Schiller wurde als rebellischer Dramatiker seiner Jugenddramen gepriesen und auch etliche seiner Theaterstücke wurden wieder einmal gespielt und trafen durchaus auf Interesse gerade bei Jugendlichen. Relativ wenig Beachtung fand jedoch Schillers bemerkenswerte Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Don Karlos  und der Abfall der Niederlande

Angesichts der Beliebigkeit, mit der die Geschichte heute in den "Diskursen" der postmodernistischen Denker behandelt und geleugnet wird, lohnt es sich, einen genaueren Blick auf Schillers Auseinandersetzung mit dieser Wissenschaft zu werfen. Im Gegensatz zu den Postmodernisten, die die Bedeutung der Geschichte für das Verständnis der gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart leugnen, hat sich Schiller gerade aus diesem Grund ihr zugewandt.

Mit Sicherheit war Geschichtsprofessor zu werden nicht Schillers Traumberuf, dennoch war seine Beschäftigung mit der Geschichte mehr als eine lästige Pflichtübung, der er sich zum Zweck des Geldverdienens unterzog. Am 15. April 1786 schrieb er nach der Lektüre einer Geschichte des Dreißigjährigen Krieges an seinen Freund Körner: "Täglich wird mir die Geschichte teurer....Ich wollte dass ich zehn Jahre hintereinander nichts als Geschichte studiert hätte. Ich glaube, ich würde ein ganz anderer Kerl sein." Er fühlt sich durch die lange Arbeit am Don Karlos und seine Arbeit für Zeitschriften und Kalender "ausgeschrieben" und sucht nach einer neuen Form der schriftstellerischen Arbeit, die ihm nicht soviel abverlangt wie die Dichtung, Geld einbringt und ihm trotzdem auch für seine Dichtung als nützlich erscheint.

Schiller führt mehrere Gründe dafür an, dass er sich der Geschichte zugewandt hatte. Am 18. Januar 1788 schreibt er an Körner: "Es gibt Arbeiten, bei denen das Lernen die Hälfte, das Denken die andere Hälfte tut - zu einem Schauspiel brauche ich kein Buch, aber meine ganze Seele und alle meine Zeit. Zu einer historischen Arbeit tragen mir die Bücher die Hälfte bei. Die Zeit, welche ich für beide verwende, ist ungefähr gleichgroß. Aber am Ende eines historischen Buchs habe ich Ideen erweitert, neue empfangen, am Ende eines Schauspiels vielmehr verloren." Körner hatte versucht, ihm die akademische Laufbahn auszureden, weil er befürchtete, das dichterische Werk des Freundes könnte darunter leiden.

Zwar war die Hoffnung auf eine gesicherte Existenz ein wichtiger Grund dafür, dass Schiller sich 1789 bereit erklärte, eine Professur für Philosophie der Geschichte in Jena anzunehmen, obwohl ihm zunächst kein festes Gehalt zugesagt wurde, er sich vielmehr mit den Hörergeldern, die die Studenten ihm bezahlten, begnügen musste. Der relativ angesehene bürgerliche Beruf ermöglichte ihm immerhin die Heirat mit seiner Verlobten Charlotte von Lengefeld. Aber ihm ist die Geschichte durchaus mehr als ein Brotberuf.

Da er Geschichte nie studiert hatte, verfuhr er nach dem Grundsatz "docendo discitur", als Lehrender zu lernen. (Brief an Körner 15. Dezember 1788) Er orientiert sich in seiner Geschichtsauffassung an Immanuel Kant, für den die Geschichte ein Prozess der Selbstbefreiung des Menschen ist, der allerdings höchst widersprüchlich und keineswegs geradlinig verläuft. Der frisch gebackene Professor sieht eine Herausforderung darin, diesen Prozess zu studieren und zu verstehen und den Studenten nahe zu bringen. Wobei er zugleich darauf spekuliert, das neue Wissen auch für seine Dichtung fruchtbar zu machen.

Waren die Räuber eigentlich als Gegenwartsdrama konzipiert und vom Mainzer Theaterintendanten gegen den Willen des Autors in das 16. Jahrhundert verlegt worden, hatte Schiller mit Kabale und Liebe erneut einen Stoff aus der unmittelbaren Gegenwart gewählt. Er war damit fast Gefahr gelaufen, als Aufrührer verhaftet zu werden. So hatte er sich mit dem Fiesco bewusst einen historischen und damit etwas unverfänglicheren Stoff ausgesucht. Allerdings war es einer, von dem der Bezug zur Gegenwart leicht herzustellen war, ein Stoff "von dem ich nichts Empfehlenderes weiß, als dass ihn J. J. Rousseau im Herzen trug," erklärte Schiller.

Bei diesem Stoff aus dem 15. Jahrhundert kümmerten ihn die spärlich bekannten historischen Fakten auch so wenig, dass es ihm möglich war, für die verschiedenen Bühnenfassungen verschiedene, ja entgegengesetzte Fassungen des letzten Aktes auszuarbeiten. Dieser Stoff ließ ihm große Freiheit in der Gestaltung. Denn die Figur des Fiesco war historisch von der Quellenlage her nicht eindeutig zu fassen. Worum es dem Dichter wirklich ging, teilt er in der Erinnerung an das Publikum mit: "Mit der Historie getraue ich mir bald fertig zu werden, denn ich bin nicht sein (Fiescos) Geschichtsschreiber, und eine einzige große Aufwallung, die ich durch die gewagte Erdichtung in der Brust meiner Zuschauer bewirke, wiegt bei mir die strengste historische Genauigkeit auf."

Für den nächsten historischen Stoff, den Don Karlos, hatte der Intendant des Mannheimer Theaters, von Dahlberg, Schiller das Buch des Abbé de Saint-Réal empfohlen und sich eine dramatische Liebes- und Familiengeschichte gewünscht, wie sie damals auf dem Theater beliebt war. Aber Schiller war nicht bereit, dem Publikum ein oberflächliches Werk vorzusetzen. Er wollte Genaueres über diesen Stoff herausfinden. Vielleicht gerade weil seine ursprüngliche Quelle alles andere als faktisch genau war - die gesamte Liebesgeschichte zwischen Karlos und Elisabeth ist historisch nicht nachgewiesen - und es ihm zunächst tatsächlich "um ein Familiengemälde aus einem fürstlichen Hause" ging, begann er 1786 sich in historische Quellen und Darstellungen zu vertiefen.

Aber es war ihm nicht um mehr historische Faktengenauigkeit bei der Entwicklung der Handlung zu tun, sondern darum, seine Charaktere historisch ebenso stimmig zu machen wie psychologisch. Das heißt ihr Handeln, ihr Charakter und ihre Motivation sollten den konkreten historischen Zeitumständen entsprechen.

Die lange Entstehungszeit des Don Karlos - mehr als vier Jahre hat er daran gearbeitet - und die Verwerfungen in der dramatischen Handlung waren nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass er versuchte, sein Wissen über das bewegte 16. Jahrhundert beständig zu erweitern und alle greifbaren historischen Werke einzubeziehen, die sich mit dem Abfall der Niederlande, der Reformation und der Rolle der Inquisition im Reich Philipps II. befassten.

Immer mehr verschob sich dabei die dramatische Fabel vom "Familiengemälde" hin zu einem politischen Drama, das exemplarisch den Kampf für bürgerliche Freiheit und Menschenrecht gegen den feudalen Absolutismus zum Inhalt hatte und damit von höchster Aktualität war. Dieser Freiheitskampf stand ihm für einen "enthusiastischen Entwurf", dass der glücklichste Zustand der menschlichen Gesellschaft erreichbar wäre. (Achter Brief über Don Karlos)

Dieser "Entwurf" ist Schiller so wichtig, dass er ihm die Einheit der Handlung opfert und mitten im Drama einen Bruch vollzieht. Plötzlich wird statt des liebeskranken, unglücklichen Prinzen ein politischer Kopf, der Marquis Posa, zum eigentlichen Helden, der tief in den Freiheitskampf der Niederlande verwickelt ist. Über diese Verschiebung des Schwerpunkts legt der Dichter in den Briefen über Don Karlos in seiner Zeitschrift Thalia Rechenschaft ab. Don Karlos wird dadurch zu einem Drama, in dem die großen humanitären Ideen "in ihrer menschlichen, politischen und geschichtlichen Verflochtenheit sichtbar" werden, wie Benno von Wiese feststellt.(1)

Wie sehr ihn dieses Studium des niederländischen Freiheitskampfs begeistert hat, beschreibt Schiller selber in der Vorrede zur ersten Ausgabe seiner Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung:

"Als ich vor einigen Jahren die Geschichte der niederländischen Revolution unter Philipp II. in Watsons vortrefflicher Beschreibung las, fühlte ich mich dadurch in eine Begeisterung gesetzt, zu welcher Staatsaktionen nur selten erheben. Bei genauerer Prüfung glaubte ich zu finden, dass das, was mich in diese Begeisterung gesetzt hatte, nicht sowohl aus dem Buche in mich übergegangen, als vielmehr eine schnelle Wirkung meiner eigenen Vorstellungskraft gewesen war, die dem empfangenen Stoffe gerade die Gestalt gegeben, worin er mich so vorzüglich reizte. Diese Wirkung wünschte ich bleibend zu machen, zu vervielfältigen, zu verstärken; diese erhebenden Empfindungen wünschte ich weiter zu verbreiten und auch Andere Anteil daran nehmen zu lassen."

Schillers Begeisterung für diesen historischen Stoff, die Geschichte der Befreiung eines Volkes, fällt in eine vorrevolutionäre Zeit. Dass ihn diese Geschichte so gefangen nimmt, hängt zweifellos damit zusammen, dass er darin ein Beispiel oder einen Vorläufer für die seiner eigenen Zeit bevorstehenden Kämpfe ahnt. So schreibt er zwei Jahre vor dem Ausbruch der Französischen Revolution:

"Groß und beruhigend ist der Gedanke, dass gegen die trotzigen Anmaßungen der Fürstengewalt endlich noch eine Hilfe vorhanden ist, dass ihre berechnetsten Plane an der menschlichen Freiheit zu Schanden werden, dass ein herzhafter Widerstand auch den gestreckten Arm eines Despoten beugen, heldenmütige Beharrung seine schrecklichen Hilfsquellen endlich erschöpfen kann. Nirgends durchdrang mich diese Wahrheit so lebhaft, als bei der Geschichte jenes denkwürdigen Aufruhrs, der die vereinigten Niederlande auf immer von der spanischen Krone trennte - und darum achtete ich es des Versuchs nicht unwert, dieses schöne Denkmal bürgerlicher Stärke vor der Welt aufzustellen, in der Brust meines Lesers ein fröhliches Gefühl seiner selbst zu erwecken und ein neues unverwerfliches Beispiel zu geben, was Menschen wagen dürfen für die gute Sache und ausrichten mögen durch Vereinigung." (Einleitung zu Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung)

An anderer Stelle erklärt er, die Kraft, mit der das niederländische Volk handelte, "ist unter uns nicht geschwunden; der glückliche Erfolg, der sein Wagestück krönte, ist auch uns nicht versagt, wenn die Zeitläufte wiederkehren und ähnliche Anlässe uns zu ähnlichen Taten rufen." Diesen Satz streicht Schiller allerdings in der Ausgabe von 1801, vermutlich weil er über den Verlauf der Französischen Revolution vor allem nach den blutigen Ereignissen des Jahres 1793 zunehmend enttäuscht ist.

In der Geschichte des Abfalls der Niederlande untersucht er die widerstreitenden gesellschaftlichen Kräfte sowohl auf Seiten der katholischen Reaktion und der spanischen Krone als auch der revolutionären Akteure. Genaues Quellenstudium, soweit ihm diese zugänglich waren, versetzt ihn in die Lage abzuwägen, welche Rolle die beteiligten Individuen und gesellschaftlichen Gruppen gespielt haben. Auch wenn er sich bemüht, den Kampf der Niederländer keineswegs zu idealisieren, sieht er ihn als beispielhaft an.

Besonderes Augenmerk richtet er dabei auf die Rolle der herausragenden Individuen und die Fragen der Macht (die ihn auch als Dramatiker interessieren), wie Wilhelm von Oranien, Egmont und ihre Gegenspieler Phillip II. und Herzog Alba. Diese großen Individuen, die Geschichte machen, sind es, die ihn zunächst an der Geschichte faszinieren. Die Schilderungen ihrer Charaktere sind auch aus heutiger Sicht spannend zu lesen.

Aber höchst bemerkenswert ist auch seine Feststellung, dass die historischen Akteure offenbar weniger auf Grund idealistischer Überzeugungen als vielmehr aus Eigennutz gehandelt haben. "Adel und Volk, Laien und Priester treten gegen diese gemeinschaftlichen Feinde zusammen, und indem alles für einen kleinen Eigennutz kämpft, scheint eine furchtbare Stimme des Patriotismus zu schallen." Das heißt, es ist ihm klar, dass nicht allein das subjektive Handeln und Wollen der historischen Subjekte den Gang der Geschichte bestimmt, sondern dass diese ebenso als Agenten historischer Prozesse handeln, die sie selbst keineswegs vollständig übersehen oder bestimmen können. In seiner Antrittsvorlesung in Jena drückt er diese Erkenntnis so aus: "Dass der selbstsüchtige Mensch niedrige Zwecke zwar verfolgen kann, aber unbewusst vortreffliche befördert."

Geschichtsprofessor in Jena

Schiller eignet sich durch die Beschäftigung mit den historischen Darstellungen und Quellen und nicht zuletzt mit der Philosophie Kants schließlich ein so umfangreiches geschichtliches und geschichtsphilosophisches Wissen an, dass er sich trotz seiner ursprünglich eher naturwissenschaftlichen medizinischen Ausbildung dazu befähigt hält, dem Ruf an die Universität Jena zu folgen und dort Geschichte zu lehren. Zu keinem Zeitpunkt war die Beschäftigung mit der Geschichte für ihn nur ein Eintauchen in ferne Zeiten. Vielmehr ging Schiller offenbar mit dem dringenden Bedürfnis ans Werk, durch die Beschäftigung mit dem Geschichtsprozess ein Verständnis über das Wirken der politischen und gesellschaftlichen Triebkräfte seiner eigenen Zeit zu gewinnen.

Dies wird vom ersten Tage seines Wirkens in Jena deutlich. Seine Antrittsvorlesung in der Universitätsstadt Jena ist ein wahrhaft historisches Ereignis. Das hat zweifellos sowohl mit der damaligen politischen Aufbruchsstimmung, kurz vor dem Sturm auf die Bastille, als auch mit dem Ruf zu tun, der dem Dichter von Theaterstücken wie Die Räuber und Kabale und Liebe vorauseilte.

Schillers eigene Darstellung des Trubels um seinen ersten Auftritt als Professor ist äußerst amüsant zu lesen: In einem Brief vom 28. Mai 1789 an seinen Freund Körner beschreibt er nicht ohne Stolz, wie der ursprünglich gemietete Hörsaal nicht ausreicht und das Auditorium schließlich in den größten Hörsaal in Jena umziehen muss: "Nun gab es das lustigste Schauspiel. Alles stürzte hinaus und in einem hellen Zug die Johannisstraße hinunter, die, eine der längsten in Jena, von Studenten ganz besät war. Weil sie liefen, was sie konnten, um in Griesbachs Auditorium einen guten Platz zu bekommen, so kam die Straße in Alarm und alles an den Fenstern in Bewegung. Man glaubte anfangs, es wäre Feueralarm und am Schloss kam die Wache in Bewegung."

Das Auditorium, das zwischen 300 oder 400 Plätze hatte, war ebenfalls zu klein, so dass sich die Zuhörer noch im Flur und im Vorsaal bis an die Haustür zusammendrängen mussten. "Meine Vorlesung machte Eindruck, den ganzen Abend hörte man in der Stadt davon reden und mir widerfuhr eine Aufmerksamkeit von den Studenten, die bei einem neuen Professor das erste Beispiel war. Ich bekam eine Nachtmusik und Vivat wurde dreimal gerufen."

Ob aber das, was er seinen Zuhörern vermitteln wollte, auch bei diesen auf volles Verständnis stieß, darüber ist sich der Professor Schiller nicht so sicher. Sein Thema war auch recht anspruchsvoll: Was ist und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte.

Schiller beginnt zunächst damit, seinen Zuhörern den Unterschied zwischen einem "Brotgelehrten", dem Karrieristen und Opportunisten, der "nur darum die Kräfte seines Geistes in Bewegung setzt, um dadurch seinen sinnlichen Zustand zu verbessern und eine kleinliche Ruhmsucht zu befriedigen", der "seine Wissenschaft von allen übrigen absondert", und dem über den Tellerrand hinausblickenden "philosophischen Kopf" klarzumachen.

Ersterer bemühe sich, sein "Lehrgebäude gegen jede Erweiterung des Wissens abzuschotten". Der "philosophische Kopf" dagegen ist im Gegensatz zum Brotgelehrten bestrebt, das Gebiet seiner Wissenschaft "zu erweitern und ihren Bund mit den übrigen wiederherzustellen,... denn nur der abstrahierende Verstand hat jene Grenzen gemacht, hat jene Wissenschaften voneinander geschieden." Nach der heutigen Terminologie würde man sagen, der Naturwissenschaftler und Dichter Schiller machte sich für ein interdisziplinäres, ganzheitliches Wissenschaftsverständnis stark.

Schiller geht es darum, die Geschichtswissenschaft in den Zusammenhang aller Wissenschaften zu stellen und die Menschheitsgeschichte als Teil der "Naturgeschichte" der menschlichen Gesellschaft zu verstehen oder, wie er es formuliert, um die Frage: "Welche Zustände durchwanderte der Mensch, bis er von jenem Äußersten zu diesem Äußersten, vom ungeselligen Höhlenbewohner - zum geistreichen Denker, zum gebildeten Weltmann hinaufstieg?"

Schiller geht wie Kant von einem philosophischen, teleologischen Ansatz aus, d.h. die Menschen agieren in der Geschichte auf ein Ziel hin, sie befinden sich in einem Prozess der Vervollkommnung ihrer Existenz, und die Geschichtswissenschaft reflektiert und erklärt diesen. Sie macht sich somit zu einem notwendigen Bestandteil des gesellschaftlichen Fortschritts. Der Universalhistoriker steige rückwärts entgegen der wirklichen "Folge der Begebenheiten... von der neuesten Weltlage aufwärts dem Ursprung der Dinge entgegen". Und dann, an Hand des Studiums der "Denkmäler", der Quellen, wie man heute sagen würde, müsse er am "Leitfaden dieser bezeichneten Fakten, ungehindert und leicht, vom Anfang der Denkmäler bis zu dem neuesten Zeitalter heruntersteigen."

Da aber die historische Überlieferung lückenhaft sei, "so würde denn unsre Weltgeschichte nie etwas anders als ein Aggregat von Bruchstücken werden, und nie den Namen einer Wissenschaft verdienen." Daher müsse ihr der philosophische Verstand zu Hilfe kommen und diese Bruchstücke zu einem "vernunftmäßig zusammenhängenden Ganzen" verketten. Dazu sei er auf Grund der "Gleichförmigkeit und unveränderlichen Einheit der Naturgesetze und des menschlichen Gemüts" in der Lage, denn diese Einheit sei die Ursache dafür, "dass die Ereignisse des entferntesten Altertums, unter dem Zusammenfluss ähnlicher Umstände von außen, in den neuesten Zeitläuften wiederkehren; dass also von den neuesten Erscheinungen, die im Kreis unsrer Beobachtung liegen, auf diejenigen, welche sich in geschichtlosen Zeiten verlieren, rückwärts ein Schluss gezogen und einiges Licht verbreitet werden kann."...

Aber der philosophische Geist könne bei dem "Stoffe der Weltgeschichte" nicht bleiben, es reize ihn, "alles um sich herum seiner eigenen vernünftigen Natur zu assimilieren, und jede ihm vorkommende Erscheinung zu der höchsten Wirkung, die er erkannt, zum Gedanken zu erheben". Je öfter und erfolgreicher er versuche, "das Vergangene mit dem Gegenwärtigen zu verknüpfen: desto mehr wird er geneigt, was er als Ursache und Wirkung ineinandergreifen sieht, als Mittel und Absicht zu verbinden.... Er nimmt also diese Harmonie aus sich selbst heraus, und verpflanzt sie außer sich in die Ordnung der Dinge, d. i. er bringt einen vernünftigen Zweck in den Gang der Welt, und ein teleologisches Prinzip in die Weltgeschichte. Mit diesem durchwandert er sie noch einmal, und hält es prüfend gegen jede Erscheinung, welche dieser große Schauplatz ihm darbietet."

Seinen Zuhörern gibt er schließlich als Handlungsmaxime auf den Weg: "Wie verschieden auch die Bestimmung sei, die in der bürgerlichen Gesellschaft Sie erwartet - etwas dazusteuern können Sie alle! Jedem Verdienst ist eine Bahn zur Unsterblichkeit aufgetan, zu der wahren Unsterblichkeit meine ich, wo die Tat lebt und weitereilt, wenn auch der Name ihres Urhebers hinter ihr zurückbleiben sollte."

Schillers Interesse für die Geschichte und die großen Charaktere, die sie hervorbrachte, ist eng verbunden mit einer Hoffnung, die er für die eigene Zeit hegt, einen internationalen Zustand des Friedens zu erreichen. Er lehnt in einem Brief an Körner am 13. Oktober 1789 einen "vaterländischen", nationalistischen Blickwinkel ausdrücklich ab: "Es ist ein armseliges kleines Ideal für eine Nation zu schreiben; einem philosophischen Geist ist diese Grenze durchaus unerträglich." (2) So arbeitet er an der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges heraus, wie dieser gerade durch das blutige Gemetzel und die Feindseligkeiten der europäischen Mächte schließlich dazu führte, dass in Europa eine moderne Staatengemeinschaft entstand.

Für Schiller war das Geschichtsstudium daher kein Selbstzweck, sondern ein wichtiges Instrument gesellschaftlicher Erkenntnis. Als Dramatiker faszinieren ihn natürlich vor allem große historische Umbrüche und das Wirken bedeutender Persönlichkeiten darin. Bevor er aber wieder zum Drama zurückkehrt, handelt er eine ganz Reihe bedeutender historischer Epochen ab, darunter das Mittelalter und die Kreuzzüge, die Antike (Lykurg) und die Geschichte der Israeliten. Besonders aber beschäftigen ihn die Zeit der Gegenreformation, die Rolle der Jesuiten, die Inquisition und der Dreißigjährige Krieg, weil er darin wichtige Erkenntnisse für das Verständnis seiner eigenen Epoche findet. Der Abschluss seiner Geschichte desselben erscheint im Historischen Kalender für Damen auf das Jahr 1793.

Zu dieser Zeit ist Schiller allerdings bereits zu der Erkenntnis gekommen, dass die Französische Revolution den selbst bestimmten, aufgeklärten und reifen Menschen noch nicht vorgefunden hatte, der notwendig gewesen wäre, um die von ihr propagierten Ideale zu verwirklichen. Seine philosophischen Überlegungen wandten sich darum den Fragen der Ästhetik zu. In seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen schreibt er der Kunst die entscheidende Bedeutung dafür zu, ihn zu Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu befähigen. Oder mit seinen Worten ausgedrückt: "dass man, um jenes politische Problem in der Erfahrung zu lösen, durch das ästhetische den Weg nehmen muss, weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert." [ Über die ästhetische Erziehung des enschen in einer Reihe von Briefen ].

Wallenstein

Schiller beendet seine wissenschaftliche Laufbahn nach wenigen Jahren. Vorlesungen zu halten, wird ihm immer mühseliger. Auch ist die Anzahl seiner Zuhörer merklich zurückgegangen. Seine bereits seit der Mannheimer Zeit nicht sehr stabile Gesundheit, die sich in Jena weiter verschlechtert, obwohl er erstmals nicht mehr unter materieller Not zu leiden hat und sich eines glücklichen Familienlebens erfreut, erlaubt es ihm schließlich nicht länger, seinen Verpflichtungen als Professor nachzukommen.

Neben den philosophischen Schriften, mit denen er sich um diese Zeit hauptsächlich befasst, drängt es ihn wieder zur Dichtung. Aber auch als Dramatiker kann er nur mühsam, unter größter Selbstdisziplin und mit vielen krankheitsbedingten Unterbrechungen arbeiten. Große Anregung und neue Inspiration zur Dichtung verleiht ihm in dieser Zeit die Freundschaft mit Goethe, die sich nach einem gemeinsamen Besuch einer Veranstaltung der Naturforschenden Gesellschaft in Jena angebahnt hatte.

Sein nächstes dramatisches Projekt ist nach intensiver Beratung mit Goethe der Wallenstein, ein Thema aus der Epoche des Dreißigjährigen Krieges, das ihn schon seit geraumer Zeit interessierte. Bereits am 15. April 1786 hat er nach der Lektüre eines Buchs darüber an seinen Freund Körner geschrieben: "Dass doch die Epoche des höchsten Nationenelends auch zugleich die glänzendste Epoche menschlicher Kraft ist! Wie viele große Männer gingen aus dieser Nacht hervor!" Jetzt aber ging es ihm darum, die neu gewonnenen philosophischen Erkenntnisse für die Dichtung fruchtbar zu machen. Er wollte einen Beweis liefern, dass der Mensch nur durch das "Morgentor des Schönen" in das Land der Erkenntnis dringen könne.(3)

Als Schiller anfängt, sich mit der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges und den großen Charakteren die er hervorbrachte, zu befassen, spürt er offensichtlich, dass sich darin deutliche Parallelen zu seiner eigenen Zeit abzeichnen, auch wenn er den Aufstieg einer Persönlichkeit wie Napoleon damals noch nicht ahnen kann.

Nach der Erfahrung der Französischen Revolution und vor allem dem Umschlag der großen historischen Befreiungstat zur Schreckensherrschaft und der Septemberpogrome von 1793, die er heftig ablehnt, ist sein optimistisches Geschichtsbild offenbar einer gewissen Resignation gewichen. Schiller ist von der französischen Nationalversammlung 1792 das Ehrenbürgerrecht verliehen worden. Die Urkunde erreicht ihn jedoch wegen falscher Adressierung, sie ist an einen "Le sieur Gille, Publiciste allemand" ausgestellt, erst etliche Jahre später. Viele der Unterzeichner, darunter Danton, sind inzwischen hingerichtet worden. Die Ereignisse haben Schiller so erregt, dass er beabsichtigt, sich mit einer Denkschrift selbst in die französische Politik einzumischen. Aber nach dem für ihn so enttäuschenden Verlauf der Ereignisse nimmt er davon Abstand und greift politisch historische Gegenstände schließlich nur noch als Dramatiker auf.

Bereits seit einem Jahrzehnt hat ihn der Plan beschäftigt, den Dreißigjährigen Krieg und einen seiner Hauptakteure in einem Drama zu verarbeiten, als er gegen Ende des 18. Jahrhunderts an die Ausarbeitung des Wallenstein geht. Wie wichtig ihm dabei der Bezug zur Gegenwart ist, ist unübersehbar.

So schreibt er im Prolog zur Wallenstein -Trilogie, der 1798 zur Neueröffnung des Weimarer Theaters gesprochen wurde:

"Und jetzt an des Jahrhunderts ernstem Ende,

Wo selbst die Wirklichkeit zur Dichtung wird,

Wo wir den Kampf gewaltiger Naturen

Und ein bedeutend Ziel vor Augen sehn,

Und um der Menschheit große Gegenstände,

Um Herrschaft und um Freiheit wird gerungen,

Jetzt darf die Kunst auf ihrer Schattenbühne

Auch höhern Flug versuchen, ja sie muss,

Soll nicht des Lebens Bühne sie beschämen.

Zerfallen sehen wir in diesen Tagen

Die alte feste Form, die einst vor hundert

Und funfzig Jahren ein willkommner Friede

Europens Reichen gab, die teure Frucht

Von dreißig jammervollen Kriegesjahren.

Noch einmal lasst des Dichters Phantasie

Die düstre Zeit an euch vorüberführen,

Und blicket froher in die Gegenwart

Und in der Zukunft hoffnungsreiche Ferne..."

Der Wallenstein ist wohl Schillers historisch getreustes Drama. Gleichzeitig hat er den historischen Stoff formal, nicht zuletzt durch die Versfassung, höchst kunstvoll gestaltet und dadurch bewusst eine Distanz hergestellt. Alle Charaktere im Wallenstein sind jedoch bis auf die "Lieblinge" des Autors, Max Piccolomini und Thekla - das Liebespaar, das in den tragischen Verquickungen der Politik geopfert wird -, in ihren Motivationen streng aus den Zeitumständen abgeleitet. Das gilt natürlich vor allem für den Protagonisten Wallenstein selbst, der im Prolog schon charakterisiert wird:

"Auf diesem finstern Zeitgrund malet sich

Ein Unternehmen kühnen Übermuts

Ihr kennet ihn - den Schöpfer kühner Heere,

Des Lagers Abgott und der Länder Geißel,

Die Stütze und den Schrecken seines Kaisers,

Des Glückes abenteuerlichen Sohn,

Der von der Zeiten Gunst emporgetragen,

Da Ehre höchste Staffeln rasch erstieg,

Und ungesättigt immer weiter strebend,

Der unbezähmten Ehrsucht Opfer fiel.

Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt

Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte,

Doch euren Augen soll ihn jetzt die Kunst,

Auch eurem Herzen, menschlich näherbringen.

Denn jedes Äußerste führt sie, die alles

Begrenzt und bindet, zur Natur zurück,

Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang

Und wälzt die größre Hälfte seiner Schuld

Den unglückseligen Gestirnen zu."

Der Prolog gibt dem Zuschauer eine Art Leitfaden, eine Interpretationshilfe zum Verständnis des umfangreichen Werks an die Hand, das Schiller schließlich in drei Teile spalten muss, weil es einen Bühnenabend sprengen würde.

Die gewaltige militärische Macht, die Wallenstein mit dem von ihm geschaffenen Heer befehligt, und sein Ehrgeiz verführen ihn, dem Kaiser untreu zu werden und eigene machtpolitische Ziele zu verfolgen. Diese Umstände werden im ersten Teil der Trilogie, der Exposition Wallensteins Lager dem Zuschauer bildlich vor Augen geführt. Im zweiten Teil Die Piccolomini spitzt sich die Situation zu, als auf Seiten des Hofes Intrigen gegen ihn gesponnen werden und Wallenstein seine Pläne konkretisiert.

Wallensteins endgültiger Abfall vom Kaiser, sein gescheiterter Versuch zu den Schweden überzulaufen und sein Ende, sind der Gegenstand des dritten Teils Wallensteins Tod. Schiller reizt vor allem die Aufgabe, einen Mann ins Zentrum des Geschehens zu stellen, der "nichts Edles" hat, wie er in einem Brief an seinen Freund Wilhelm von Humboldt schreibt. (21. März 1796) "Er scheint in keinem einzelnen Lebensakte groß, er hat wenig Würde und dergleichen. Ich hoffe aber nichtsdestoweniger, auf rein realistischem Wege einen dramatisch großen Charakter in ihm aufzustellen, der ein echtes Lebensprinzip in sich hat. Vordem habe ich wie im Posa und im Karlos die fehlende Wahrheit durch schöne Idealität zu ersetzen gesucht, hier im Wallenstein will ich es probieren und durch die bloße Wahrheit für die fehlende Idealität... entschädigen."

Wenn Wallenstein von Idealen redet und damit Max Piccolomini und andere an sich und seine Pläne binden will, so ist dabei mehr Berechnung als eigene Überzeugung im Spiel. Da aber auch die Gegenspieler, die Kaiserlichen und Octavio Piccolomini im Grunde aus rein machtpolitischen Gesichtspunkten handeln, kommt keiner der beiden Seiten ein moralisches Verdienst zu. Das gibt dem Dramatiker Gelegenheit zu zeigen, wie im Grunde zwei blinde "Naturkräfte" aufeinanderstoßen.

Interessant im Wallenstein ist auch die moralische Mehrdeutigkeit der meisten Charaktere, es bleibt gewissermaßen offen, ob sie und ihr Handeln gut oder schlecht oder beides sind. Die intrigante Gräfin Tertzky drückt es aus, wenn sie Pflicht und Ehre "vielseitig doppelsinnige Namen" nennt. Es ist nicht auszumachen, wer mehr Recht hat, der Kaiser, der die alte angestammte Ordnung vertritt, die

"in verjährt geheiligtem Besitz

In der Gewohnheit festgegründet ruht

Die an der Völker frommem Kinderglauben

Mit Tausend zähen Wurzeln sich befestigt"

oder Wallenstein, der selbst in die Enge gedrängt, sich entschließt, sie in Frage zu stellen und zur Gegenseite überzulaufen.

Nur wenige Personen des Dramas werden als absolut ehrlich und treu dargestellt. Selbst die Wallenstein ergebensten Soldaten fallen aus eigenem Interesse von ihm ab. Einer seiner treusten Anhänger, Oberst Buttler, wird von seinem Idol getäuscht, desillusioniert schließlich zu seinem Mörder. Nur wo es um Liebe geht, bei Thekla und Max, den Kindern der feindlichen Protagonisten Wallenstein und Oktavio Piccolomini, sind Treue und Verlässlichkeit die bestimmenden Eigenschaften. Aber sie sind umgeben von politischer Berechnung, Lüge und Verrat und stehen zwischen den Fronten der Parteien. Ihre Liebe muss scheitern und endet mit ihrer Verzweiflung im selbstgewählten Tod.

Das Stück, das vollendet wird, noch bevor sich Napoleon, der militärische Verteidiger der Französischen Revolution, zum Kaiser krönen lässt, wirft Fragen auf, die die Gegenwart offenbar gerade stellt und die sich Schiller bereits durch sein Studium der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges aufdrängten. Dabei geht es ihm keineswegs um politische Aktualität oder gar Agitation, sondern sein Bestreben ist, eine künstlerische Form zu finden, in der er mit einem politischen, d. h. in diesem Fall historischen Stoff eine Wirkung erzeugt, die der des antiken Dramas entsprach, ohne dessen Mittel zu kopieren.

In seinen Briefen an Goethe reflektiert er sein Vorgehen dabei in allen Einzelheiten. Nicht ein übermächtiges von Göttern verhängtes Schicksal spielt die Rolle des sich entfaltenden Verhängnisses wie bei Sophokles, den Schiller studiert hat, sondern die Umstände, in denen die Akteure ihrem Charakter gemäß handeln und dadurch ihr Schicksal selbst besiegeln.

Am Schluss des Prologs stellt Schiller den Gegensatz zwischen Kunst und Leben scharf und unmissverständlich heraus und umreißt die Aufgabe, die er sich als Künstler stellt.

"Und wenn die Muse heut,

Des Tanzes freie Göttin und Gesangs,

Ihr altes deutsches Recht, des Reimes Spiel,

Bescheiden wieder fordert - tadelts nicht!

Ja danket ihrs, dass sie das düstre Bild

Der Wahrheit in das heitre Reich der Kunst

Hinüberspielt, die Täuschung, die sie schafft,

Aufrichtig selbst zerstört und ihren Schein

Der Wahrheit nicht betrüglich unterschiebt,

Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst."

In Schillers späteren Dramen treten die historischen Umstände nicht mehr in der gleichen Weise in den Vordergrund wie im Wallenstein. Im Wilhelm Tell, in Maria Stuart und der Jungfrau von Orleans werden die historischen Charaktere viel stärker nach den Bedürfnissen des Dramatikers und der künstlerischen Wirkung neu erschaffen und umgestaltet. Die Geschichte wird dem Dichter darin erneut zum "Magazin" für seine "Phantasie, und die Gegenständen müssen sich gefallen lassen, was sie unter meinen Händen werden," wie er schon am 10. Dezember 1788 an seine spätere Schwägerin, Caroline von Beulwitz geschrieben hatte. Ihm ginge es in seiner Dichtung nicht um historische, sondern um "innere Wahrheit, die ich philosophische und Kunstwahrheit nennen will".

Über die Bedeutung von Schillers Beschäftigung mit der Geschichte zitiert Franz Mehring zustimmend das Urteil des Dramatikers Friedrich Hebbel: "Der Dichter, wenn er anders als solcher nicht bloß in Kommersbüchern und Vergissmeinnicht-Almanachen (die Vorgänger der heutigen "Poesiealben", Anm. d. Verf.) prangen will, hat gar nichts Wichtigeres zu tun, als sich des ganzen Gehaltes der Welt und der Zeit nach Kräften zu bemächtigen, denn dieser ist es ja, dem er eine neue Form aufdrücken soll. Er wagt weit weniger, wenn er das, was vor ihm gedichtet wurde auf sich beruhen lässt, als wenn er sich träge an einer der großen Schatzkammern vorbeischleicht, in denen die Menschheit ihre Schätze aufbewahrt, und zu diesen gehört ja auch wohl die Geschichte." (4)

Anmerkungen:

1) Benno von Wiese: Idee und Geschichte in ihrer Entwicklung vom Don Carlos zum Wallenstein, in: Die deutsche Tragödie von Lessing bis Hebbel, Hamburg 1958, S. 192.

2) Rüdiger Safranski: Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus, München 2004, S. 339f

3) Schiller, Friedrich: Die Künstler : "Nur durch das Morgentor des Schönen / Drangst du in der Erkenntnis Land".

4) Franz Mehring: Schiller. Ein Lebensbild für deutsche Arbeiter. Gesammelte Schriften, Band 10. Berlin 1982, S. 172

Siehe auch:
Schiller und seine Zeit
(10. Mai 2005)