Schiller und die Geschichte

Erster Teil: Don Karlos und der Abfall der Niederlande

Von Sybille Fuchs
1. Februar 2006

Im letzten Jahr, 200 Jahre nach seinem Tod, ist Friedrich Schiller vielfach gewürdigt worden. Im Gegensatz zu vielen derartigen Jubiläumsjahren stand aber nicht nur die Vermarktung der berühmten Persönlichkeit im Vordergrund. Vielmehr wurden dem Publikum die Biographie, vor allem die Geschichte seiner Jugend im Fernsehen, in Spielfilmen und Dokumentationen nahe gebracht. Schiller wurde als rebellischer Dramatiker seiner Jugenddramen gepriesen und auch etliche seiner Theaterstücke wurden wieder einmal gespielt und trafen durchaus auf Interesse gerade bei Jugendlichen. Relativ wenig Beachtung fand jedoch Schillers bemerkenswerte Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Angesichts der Beliebigkeit, mit der die Geschichte heute in den "Diskursen" der postmodernistischen Denker behandelt und geleugnet wird, lohnt es sich, einen genaueren Blick auf Schillers Auseinandersetzung mit dieser Wissenschaft zu werfen. Im Gegensatz zu den Postmodernisten, die die Bedeutung der Geschichte für das Verständnis der gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart leugnen, hat sich Schiller gerade aus diesem Grund ihr zugewandt.

Mit Sicherheit war Geschichtsprofessor zu werden nicht Schillers Traumberuf, dennoch war seine Beschäftigung mit der Geschichte mehr als eine lästige Pflichtübung, der er sich zum Zweck des Geldverdienens unterzog. Am 15. April 1786 schrieb er nach der Lektüre einer Geschichte des Dreißigjährigen Krieges an seinen Freund Körner: "Täglich wird mir die Geschichte teurer....Ich wollte dass ich zehn Jahre hintereinander nichts als Geschichte studiert hätte. Ich glaube, ich würde ein ganz anderer Kerl sein." Er fühlt sich durch die lange Arbeit am Don Karlos und seine Arbeit für Zeitschriften und Kalender "ausgeschrieben" und sucht nach einer neuen Form der schriftstellerischen Arbeit, die ihm nicht soviel abverlangt wie die Dichtung, Geld einbringt und ihm trotzdem auch für seine Dichtung als nützlich erscheint.

Schiller führt mehrere Gründe dafür an, dass er sich der Geschichte zugewandt hatte. Am 18. Januar 1788 schreibt er an Körner: "Es gibt Arbeiten, bei denen das Lernen die Hälfte, das Denken die andere Hälfte tut - zu einem Schauspiel brauche ich kein Buch, aber meine ganze Seele und alle meine Zeit. Zu einer historischen Arbeit tragen mir die Bücher die Hälfte bei. Die Zeit, welche ich für beide verwende, ist ungefähr gleichgroß. Aber am Ende eines historischen Buchs habe ich Ideen erweitert, neue empfangen, am Ende eines Schauspiels vielmehr verloren." Körner hatte versucht, ihm die akademische Laufbahn auszureden, weil er befürchtete, das dichterische Werk des Freundes könnte darunter leiden.

Zwar war die Hoffnung auf eine gesicherte Existenz ein wichtiger Grund dafür, dass Schiller sich 1789 bereit erklärte, eine Professur für Philosophie der Geschichte in Jena anzunehmen, obwohl ihm zunächst kein festes Gehalt zugesagt wurde, er sich vielmehr mit den Hörergeldern, die die Studenten ihm bezahlten, begnügen musste. Der relativ angesehene bürgerliche Beruf ermöglichte ihm immerhin die Heirat mit seiner Verlobten Charlotte von Lengefeld. Aber ihm ist die Geschichte durchaus mehr als ein Brotberuf.

Da er Geschichte nie studiert hatte, verfuhr er nach dem Grundsatz "docendo discitur", als Lehrender zu lernen. (Brief an Körner 15. Dezember 1788) Er orientiert sich in seiner Geschichtsauffassung an Immanuel Kant, für den die Geschichte ein Prozess der Selbstbefreiung des Menschen ist, der allerdings höchst widersprüchlich und keineswegs geradlinig verläuft. Der frisch gebackene Professor sieht eine Herausforderung darin, diesen Prozess zu studieren und zu verstehen und den Studenten nahe zu bringen. Wobei er zugleich darauf spekuliert, das neue Wissen auch für seine Dichtung fruchtbar zu machen.

Waren die Räuber eigentlich als Gegenwartsdrama konzipiert und vom Mainzer Theaterintendanten gegen den Willen des Autors in das 16. Jahrhundert verlegt worden, hatte Schiller mit Kabale und Liebe erneut einen Stoff aus der unmittelbaren Gegenwart gewählt. Er war damit fast Gefahr gelaufen, als Aufrührer verhaftet zu werden. So hatte er sich mit dem Fiesco bewusst einen historischen und damit etwas unverfänglicheren Stoff ausgesucht. Allerdings war es einer, von dem der Bezug zur Gegenwart leicht herzustellen war, ein Stoff "von dem ich nichts Empfehlenderes weiß, als dass ihn J. J. Rousseau im Herzen trug," erklärte Schiller.

Bei diesem Stoff aus dem 15. Jahrhundert kümmerten ihn die spärlich bekannten historischen Fakten auch so wenig, dass es ihm möglich war, für die verschiedenen Bühnenfassungen verschiedene, ja entgegengesetzte Fassungen des letzten Aktes auszuarbeiten. Dieser Stoff ließ ihm große Freiheit in der Gestaltung. Denn die Figur des Fiesco war historisch von der Quellenlage her nicht eindeutig zu fassen. Worum es dem Dichter wirklich ging, teilt er in der Erinnerung an das Publikum mit: "Mit der Historie getraue ich mir bald fertig zu werden, denn ich bin nicht sein (Fiescos) Geschichtsschreiber, und eine einzige große Aufwallung, die ich durch die gewagte Erdichtung in der Brust meiner Zuschauer bewirke, wiegt bei mir die strengste historische Genauigkeit auf."

Für den nächsten historischen Stoff, den Don Karlos, hatte der Intendant des Mannheimer Theaters, von Dahlberg, Schiller das Buch des Abbé de Saint-Réal empfohlen und sich eine dramatische Liebes- und Familiengeschichte gewünscht, wie sie damals auf dem Theater beliebt war. Aber Schiller war nicht bereit, dem Publikum ein oberflächliches Werk vorzusetzen. Er wollte Genaueres über diesen Stoff herausfinden. Vielleicht gerade weil seine ursprüngliche Quelle alles andere als faktisch genau war - die gesamte Liebesgeschichte zwischen Karlos und Elisabeth ist historisch nicht nachgewiesen - und es ihm zunächst tatsächlich "um ein Familiengemälde aus einem fürstlichen Hause" ging, begann er 1786 sich in historische Quellen und Darstellungen zu vertiefen.

Aber es war ihm nicht um mehr historische Faktengenauigkeit bei der Entwicklung der Handlung zu tun, sondern darum, seine Charaktere historisch ebenso stimmig zu machen wie psychologisch. Das heißt ihr Handeln, ihr Charakter und ihre Motivation sollten den konkreten historischen Zeitumständen entsprechen.

Die lange Entstehungszeit des Don Karlos - mehr als vier Jahre hat er daran gearbeitet - und die Verwerfungen in der dramatischen Handlung waren nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass er versuchte, sein Wissen über das bewegte 16. Jahrhundert beständig zu erweitern und alle greifbaren historischen Werke einzubeziehen, die sich mit dem Abfall der Niederlande, der Reformation und der Rolle der Inquisition im Reich Philipps II. befassten.

Immer mehr verschob sich dabei die dramatische Fabel vom "Familiengemälde" hin zu einem politischen Drama, das exemplarisch den Kampf für bürgerliche Freiheit und Menschenrecht gegen den feudalen Absolutismus zum Inhalt hatte und damit von höchster Aktualität war. Dieser Freiheitskampf stand ihm für einen "enthusiastischen Entwurf", dass der glücklichste Zustand der menschlichen Gesellschaft erreichbar wäre. (Achter Brief über Don Karlos)

Dieser "Entwurf" ist Schiller so wichtig, dass er ihm die Einheit der Handlung opfert und mitten im Drama einen Bruch vollzieht. Plötzlich wird statt des liebeskranken, unglücklichen Prinzen ein politischer Kopf, der Marquis Posa, zum eigentlichen Helden, der tief in den Freiheitskampf der Niederlande verwickelt ist. Über diese Verschiebung des Schwerpunkts legt der Dichter in den Briefen über Don Karlos in seiner Zeitschrift Thalia Rechenschaft ab. Don Karlos wird dadurch zu einem Drama, in dem die großen humanitären Ideen "in ihrer menschlichen, politischen und geschichtlichen Verflochtenheit sichtbar" werden, wie Benno von Wiese feststellt.(1)

Wie sehr ihn dieses Studium des niederländischen Freiheitskampfs begeistert hat, beschreibt Schiller selber in der Vorrede zur ersten Ausgabe seiner Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung:

"Als ich vor einigen Jahren die Geschichte der niederländischen Revolution unter Philipp II. in Watsons vortrefflicher Beschreibung las, fühlte ich mich dadurch in eine Begeisterung gesetzt, zu welcher Staatsaktionen nur selten erheben. Bei genauerer Prüfung glaubte ich zu finden, dass das, was mich in diese Begeisterung gesetzt hatte, nicht sowohl aus dem Buche in mich übergegangen, als vielmehr eine schnelle Wirkung meiner eigenen Vorstellungskraft gewesen war, die dem empfangenen Stoffe gerade die Gestalt gegeben, worin er mich so vorzüglich reizte. Diese Wirkung wünschte ich bleibend zu machen, zu vervielfältigen, zu verstärken; diese erhebenden Empfindungen wünschte ich weiter zu verbreiten und auch Andere Anteil daran nehmen zu lassen."

Schillers Begeisterung für diesen historischen Stoff, die Geschichte der Befreiung eines Volkes, fällt in eine vorrevolutionäre Zeit. Dass ihn diese Geschichte so gefangen nimmt, hängt zweifellos damit zusammen, dass er darin ein Beispiel oder einen Vorläufer für die seiner eigenen Zeit bevorstehenden Kämpfe ahnt. So schreibt er zwei Jahre vor dem Ausbruch der Französischen Revolution:

"Groß und beruhigend ist der Gedanke, dass gegen die trotzigen Anmaßungen der Fürstengewalt endlich noch eine Hilfe vorhanden ist, dass ihre berechnetsten Plane an der menschlichen Freiheit zu Schanden werden, dass ein herzhafter Widerstand auch den gestreckten Arm eines Despoten beugen, heldenmütige Beharrung seine schrecklichen Hilfsquellen endlich erschöpfen kann. Nirgends durchdrang mich diese Wahrheit so lebhaft, als bei der Geschichte jenes denkwürdigen Aufruhrs, der die vereinigten Niederlande auf immer von der spanischen Krone trennte - und darum achtete ich es des Versuchs nicht unwert, dieses schöne Denkmal bürgerlicher Stärke vor der Welt aufzustellen, in der Brust meines Lesers ein fröhliches Gefühl seiner selbst zu erwecken und ein neues unverwerfliches Beispiel zu geben, was Menschen wagen dürfen für die gute Sache und ausrichten mögen durch Vereinigung." (Einleitung zu Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung)

An anderer Stelle erklärt er, die Kraft, mit der das niederländische Volk handelte, "ist unter uns nicht geschwunden; der glückliche Erfolg, der sein Wagestück krönte, ist auch uns nicht versagt, wenn die Zeitläufte wiederkehren und ähnliche Anlässe uns zu ähnlichen Taten rufen." Diesen Satz streicht Schiller allerdings in der Ausgabe von 1801, vermutlich weil er über den Verlauf der Französischen Revolution vor allem nach den blutigen Ereignissen des Jahres 1793 zunehmend enttäuscht ist.

In der Geschichte des Abfalls der Niederlande untersucht er die widerstreitenden gesellschaftlichen Kräfte sowohl auf Seiten der katholischen Reaktion und der spanischen Krone als auch der revolutionären Akteure. Genaues Quellenstudium, soweit ihm diese zugänglich waren, versetzt ihn in die Lage abzuwägen, welche Rolle die beteiligten Individuen und gesellschaftlichen Gruppen gespielt haben. Auch wenn er sich bemüht, den Kampf der Niederländer keineswegs zu idealisieren, sieht er ihn als beispielhaft an.

Besonderes Augenmerk richtet er dabei auf die Rolle der herausragenden Individuen und die Fragen der Macht (die ihn auch als Dramatiker interessieren), wie Wilhelm von Oranien, Egmont und ihre Gegenspieler Phillip II. und Herzog Alba. Diese großen Individuen, die Geschichte machen, sind es, die ihn zunächst an der Geschichte faszinieren. Die Schilderungen ihrer Charaktere sind auch aus heutiger Sicht spannend zu lesen.

Aber höchst bemerkenswert ist auch seine Feststellung, dass die historischen Akteure offenbar weniger auf Grund idealistischer Überzeugungen als vielmehr aus Eigennutz gehandelt haben. "Adel und Volk, Laien und Priester treten gegen diese gemeinschaftlichen Feinde zusammen, und indem alles für einen kleinen Eigennutz kämpft, scheint eine furchtbare Stimme des Patriotismus zu schallen." Das heißt, es ist ihm klar, dass nicht allein das subjektive Handeln und Wollen der historischen Subjekte den Gang der Geschichte bestimmt, sondern dass diese ebenso als Agenten historischer Prozesse handeln, die sie selbst keineswegs vollständig übersehen oder bestimmen können. In seiner Antrittsvorlesung in Jena drückt er diese Erkenntnis so aus: "Dass der selbstsüchtige Mensch niedrige Zwecke zwar verfolgen kann, aber unbewusst vortreffliche befördert."

Teil 2

Teil 3

Anmerkungen:

1) Benno von Wiese: Idee und Geschichte in ihrer Entwicklung vom Don Carlos zum Wallenstein, in: Die deutsche Tragödie von Lessing bis Hebbel, Hamburg 1958, S. 192.

Siehe auch:
Schiller und seine Zeit
(10. Mai 2005)