Schiller und die Geschichte

Dritter Teil: Wallenstein

Von Sybille Fuchs
3. Februar 2006

Schiller beendet seine wissenschaftliche Laufbahn nach wenigen Jahren. Vorlesungen zu halten, wird ihm immer mühseliger. Auch ist die Anzahl seiner Zuhörer merklich zurückgegangen. Seine bereits seit der Mannheimer Zeit nicht sehr stabile Gesundheit, die sich in Jena weiter verschlechtert, obwohl er erstmals nicht mehr unter materieller Not zu leiden hat und sich eines glücklichen Familienlebens erfreut, erlaubt es ihm schließlich nicht länger, seinen Verpflichtungen als Professor nachzukommen.

Neben den philosophischen Schriften, mit denen er sich um diese Zeit hauptsächlich befasst, drängt es ihn wieder zur Dichtung. Aber auch als Dramatiker kann er nur mühsam, unter größter Selbstdisziplin und mit vielen krankheitsbedingten Unterbrechungen arbeiten. Große Anregung und neue Inspiration zur Dichtung verleiht ihm in dieser Zeit die Freundschaft mit Goethe, die sich nach einem gemeinsamen Besuch einer Veranstaltung der Naturforschenden Gesellschaft in Jena angebahnt hatte.

Sein nächstes dramatisches Projekt ist nach intensiver Beratung mit Goethe der Wallenstein, ein Thema aus der Epoche des Dreißigjährigen Krieges, das ihn schon seit geraumer Zeit interessierte. Bereits am 15. April 1786 hat er nach der Lektüre eines Buchs darüber an seinen Freund Körner geschrieben: "Dass doch die Epoche des höchsten Nationenelends auch zugleich die glänzendste Epoche menschlicher Kraft ist! Wie viele große Männer gingen aus dieser Nacht hervor!" Jetzt aber ging es ihm darum, die neu gewonnenen philosophischen Erkenntnisse für die Dichtung fruchtbar zu machen. Er wollte einen Beweis liefern, dass der Mensch nur durch das "Morgentor des Schönen" in das Land der Erkenntnis dringen könne.(3)

Als Schiller anfängt, sich mit der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges und den großen Charakteren die er hervorbrachte, zu befassen, spürt er offensichtlich, dass sich darin deutliche Parallelen zu seiner eigenen Zeit abzeichnen, auch wenn er den Aufstieg einer Persönlichkeit wie Napoleon damals noch nicht ahnen kann.

Nach der Erfahrung der Französischen Revolution und vor allem dem Umschlag der großen historischen Befreiungstat zur Schreckensherrschaft und der Septemberpogrome von 1793, die er heftig ablehnt, ist sein optimistisches Geschichtsbild offenbar einer gewissen Resignation gewichen. Schiller ist von der französischen Nationalversammlung 1792 das Ehrenbürgerrecht verliehen worden. Die Urkunde erreicht ihn jedoch wegen falscher Adressierung, sie ist an einen "Le sieur Gille, Publiciste allemand" ausgestellt, erst etliche Jahre später. Viele der Unterzeichner, darunter Danton, sind inzwischen hingerichtet worden. Die Ereignisse haben Schiller so erregt, dass er beabsichtigt, sich mit einer Denkschrift selbst in die französische Politik einzumischen. Aber nach dem für ihn so enttäuschenden Verlauf der Ereignisse nimmt er davon Abstand und greift politisch historische Gegenstände schließlich nur noch als Dramatiker auf.

Bereits seit einem Jahrzehnt hat ihn der Plan beschäftigt, den Dreißigjährigen Krieg und einen seiner Hauptakteure in einem Drama zu verarbeiten, als er gegen Ende des 18. Jahrhunderts an die Ausarbeitung des Wallenstein geht. Wie wichtig ihm dabei der Bezug zur Gegenwart ist, ist unübersehbar.

So schreibt er im Prolog zur Wallenstein -Trilogie, der 1798 zur Neueröffnung des Weimarer Theaters gesprochen wurde:

"Und jetzt an des Jahrhunderts ernstem Ende,

Wo selbst die Wirklichkeit zur Dichtung wird,

Wo wir den Kampf gewaltiger Naturen

Und ein bedeutend Ziel vor Augen sehn,

Und um der Menschheit große Gegenstände,

Um Herrschaft und um Freiheit wird gerungen,

Jetzt darf die Kunst auf ihrer Schattenbühne

Auch höhern Flug versuchen, ja sie muss,

Soll nicht des Lebens Bühne sie beschämen.

Zerfallen sehen wir in diesen Tagen

Die alte feste Form, die einst vor hundert

Und funfzig Jahren ein willkommner Friede

Europens Reichen gab, die teure Frucht

Von dreißig jammervollen Kriegesjahren.

Noch einmal lasst des Dichters Phantasie

Die düstre Zeit an euch vorüberführen,

Und blicket froher in die Gegenwart

Und in der Zukunft hoffnungsreiche Ferne..."

Der Wallenstein ist wohl Schillers historisch getreustes Drama. Gleichzeitig hat er den historischen Stoff formal, nicht zuletzt durch die Versfassung, höchst kunstvoll gestaltet und dadurch bewusst eine Distanz hergestellt. Alle Charaktere im Wallenstein sind jedoch bis auf die "Lieblinge" des Autors, Max Piccolomini und Thekla - das Liebespaar, das in den tragischen Verquickungen der Politik geopfert wird -, in ihren Motivationen streng aus den Zeitumständen abgeleitet. Das gilt natürlich vor allem für den Protagonisten Wallenstein selbst, der im Prolog schon charakterisiert wird:

"Auf diesem finstern Zeitgrund malet sich

Ein Unternehmen kühnen Übermuts

Ihr kennet ihn - den Schöpfer kühner Heere,

Des Lagers Abgott und der Länder Geißel,

Die Stütze und den Schrecken seines Kaisers,

Des Glückes abenteuerlichen Sohn,

Der von der Zeiten Gunst emporgetragen,

Da Ehre höchste Staffeln rasch erstieg,

Und ungesättigt immer weiter strebend,

Der unbezähmten Ehrsucht Opfer fiel.

Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt

Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte,

Doch euren Augen soll ihn jetzt die Kunst,

Auch eurem Herzen, menschlich näherbringen.

Denn jedes Äußerste führt sie, die alles

Begrenzt und bindet, zur Natur zurück,

Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang

Und wälzt die größre Hälfte seiner Schuld

Den unglückseligen Gestirnen zu."

Der Prolog gibt dem Zuschauer eine Art Leitfaden, eine Interpretationshilfe zum Verständnis des umfangreichen Werks an die Hand, das Schiller schließlich in drei Teile spalten muss, weil es einen Bühnenabend sprengen würde.

Die gewaltige militärische Macht, die Wallenstein mit dem von ihm geschaffenen Heer befehligt, und sein Ehrgeiz verführen ihn, dem Kaiser untreu zu werden und eigene machtpolitische Ziele zu verfolgen. Diese Umstände werden im ersten Teil der Trilogie, der Exposition Wallensteins Lager dem Zuschauer bildlich vor Augen geführt. Im zweiten Teil Die Piccolomini spitzt sich die Situation zu, als auf Seiten des Hofes Intrigen gegen ihn gesponnen werden und Wallenstein seine Pläne konkretisiert.

Wallensteins endgültiger Abfall vom Kaiser, sein gescheiterter Versuch zu den Schweden überzulaufen und sein Ende, sind der Gegenstand des dritten Teils Wallensteins Tod. Schiller reizt vor allem die Aufgabe, einen Mann ins Zentrum des Geschehens zu stellen, der "nichts Edles" hat, wie er in einem Brief an seinen Freund Wilhelm von Humboldt schreibt. (21. März 1796) "Er scheint in keinem einzelnen Lebensakte groß, er hat wenig Würde und dergleichen. Ich hoffe aber nichtsdestoweniger, auf rein realistischem Wege einen dramatisch großen Charakter in ihm aufzustellen, der ein echtes Lebensprinzip in sich hat. Vordem habe ich wie im Posa und im Karlos die fehlende Wahrheit durch schöne Idealität zu ersetzen gesucht, hier im Wallenstein will ich es probieren und durch die bloße Wahrheit für die fehlende Idealität... entschädigen."

Wenn Wallenstein von Idealen redet und damit Max Piccolomini und andere an sich und seine Pläne binden will, so ist dabei mehr Berechnung als eigene Überzeugung im Spiel. Da aber auch die Gegenspieler, die Kaiserlichen und Octavio Piccolomini im Grunde aus rein machtpolitischen Gesichtspunkten handeln, kommt keiner der beiden Seiten ein moralisches Verdienst zu. Das gibt dem Dramatiker Gelegenheit zu zeigen, wie im Grunde zwei blinde "Naturkräfte" aufeinanderstoßen.

Interessant im Wallenstein ist auch die moralische Mehrdeutigkeit der meisten Charaktere, es bleibt gewissermaßen offen, ob sie und ihr Handeln gut oder schlecht oder beides sind. Die intrigante Gräfin Tertzky drückt es aus, wenn sie Pflicht und Ehre "vielseitig doppelsinnige Namen" nennt. Es ist nicht auszumachen, wer mehr Recht hat, der Kaiser, der die alte angestammte Ordnung vertritt, die

"in verjährt geheiligtem Besitz

In der Gewohnheit festgegründet ruht

Die an der Völker frommem Kinderglauben

Mit Tausend zähen Wurzeln sich befestigt"

oder Wallenstein, der selbst in die Enge gedrängt, sich entschließt, sie in Frage zu stellen und zur Gegenseite überzulaufen.

Nur wenige Personen des Dramas werden als absolut ehrlich und treu dargestellt. Selbst die Wallenstein ergebensten Soldaten fallen aus eigenem Interesse von ihm ab. Einer seiner treusten Anhänger, Oberst Buttler, wird von seinem Idol getäuscht, desillusioniert schließlich zu seinem Mörder. Nur wo es um Liebe geht, bei Thekla und Max, den Kindern der feindlichen Protagonisten Wallenstein und Oktavio Piccolomini, sind Treue und Verlässlichkeit die bestimmenden Eigenschaften. Aber sie sind umgeben von politischer Berechnung, Lüge und Verrat und stehen zwischen den Fronten der Parteien. Ihre Liebe muss scheitern und endet mit ihrer Verzweiflung im selbstgewählten Tod.

Das Stück, das vollendet wird, noch bevor sich Napoleon, der militärische Verteidiger der Französischen Revolution, zum Kaiser krönen lässt, wirft Fragen auf, die die Gegenwart offenbar gerade stellt und die sich Schiller bereits durch sein Studium der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges aufdrängten. Dabei geht es ihm keineswegs um politische Aktualität oder gar Agitation, sondern sein Bestreben ist, eine künstlerische Form zu finden, in der er mit einem politischen, d. h. in diesem Fall historischen Stoff eine Wirkung erzeugt, die der des antiken Dramas entsprach, ohne dessen Mittel zu kopieren.

In seinen Briefen an Goethe reflektiert er sein Vorgehen dabei in allen Einzelheiten. Nicht ein übermächtiges von Göttern verhängtes Schicksal spielt die Rolle des sich entfaltenden Verhängnisses wie bei Sophokles, den Schiller studiert hat, sondern die Umstände, in denen die Akteure ihrem Charakter gemäß handeln und dadurch ihr Schicksal selbst besiegeln.

Am Schluss des Prologs stellt Schiller den Gegensatz zwischen Kunst und Leben scharf und unmissverständlich heraus und umreißt die Aufgabe, die er sich als Künstler stellt.

"Und wenn die Muse heut,

Des Tanzes freie Göttin und Gesangs,

Ihr altes deutsches Recht, des Reimes Spiel,

Bescheiden wieder fordert - tadelts nicht!

Ja danket ihrs, dass sie das düstre Bild

Der Wahrheit in das heitre Reich der Kunst

Hinüberspielt, die Täuschung, die sie schafft,

Aufrichtig selbst zerstört und ihren Schein

Der Wahrheit nicht betrüglich unterschiebt,

Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst."

In Schillers späteren Dramen treten die historischen Umstände nicht mehr in der gleichen Weise in den Vordergrund wie im Wallenstein. Im Wilhelm Tell, in Maria Stuart und der Jungfrau von Orleans werden die historischen Charaktere viel stärker nach den Bedürfnissen des Dramatikers und der künstlerischen Wirkung neu erschaffen und umgestaltet. Die Geschichte wird dem Dichter darin erneut zum "Magazin" für seine "Phantasie, und die Gegenständen müssen sich gefallen lassen, was sie unter meinen Händen werden," wie er schon am 10. Dezember 1788 an seine spätere Schwägerin, Caroline von Beulwitz geschrieben hatte. Ihm ginge es in seiner Dichtung nicht um historische, sondern um "innere Wahrheit, die ich philosophische und Kunstwahrheit nennen will".

Über die Bedeutung von Schillers Beschäftigung mit der Geschichte zitiert Franz Mehring zustimmend das Urteil des Dramatikers Friedrich Hebbel: "Der Dichter, wenn er anders als solcher nicht bloß in Kommersbüchern und Vergissmeinnicht-Almanachen (die Vorgänger der heutigen "Poesiealben", Anm. d. Verf.) prangen will, hat gar nichts Wichtigeres zu tun, als sich des ganzen Gehaltes der Welt und der Zeit nach Kräften zu bemächtigen, denn dieser ist es ja, dem er eine neue Form aufdrücken soll. Er wagt weit weniger, wenn er das, was vor ihm gedichtet wurde auf sich beruhen lässt, als wenn er sich träge an einer der großen Schatzkammern vorbeischleicht, in denen die Menschheit ihre Schätze aufbewahrt, und zu diesen gehört ja auch wohl die Geschichte." (4)

Siehe auch:


Erster Teil: Don Karlos und der Abfall der Niederlande

Zweiter Teil: Geschichtsprofessor in Jena

Schiller und seine Zeit

 

Anmerkungen:

3) Schiller, Friedrich: Die Künstler : "Nur durch das Morgentor des Schönen / Drangst du in der Erkenntnis Land".

4) Franz Mehring: Schiller. Ein Lebensbild für deutsche Arbeiter. Gesammelte Schriften, Band 10. Berlin 1982, S. 172

Siehe auch:
Erster Teil: Don Karlos und der Abfall der Niederlande
(31. Januar 2005) Zweiter Teil: Geschichtsprofessor in Jena
( 10. Mai 2005) Schiller und seine Zeit
( 10. Mai 2005)