56. Berlinale - Teil 4

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Elementarteilchen von Oskar Roehler

Von Bernd Reinhard
29. März 2006

Einer der vier deutschen Wettbewerbsfilme auf der Berlinale war Elementarteilchen von Oskar Roehler, nach dem gleichnamigen Roman des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq von 1998.

Roehlers Filme weisen eine Faszination für sehr labile Charaktere, und unreife Seitenhiebe auf die 68er auf. Ein Motiv für die Verfilmung des kulturpessimistischen Romans sei die Erkenntnis gewesen, dass seine Generation für die Ideale der 68er hätte bezahlen müssen. Ein Journalist der Zeitung Die ZEIT fragte ihn: "(...) genau wie Houellebecq machen Sie den libertinären Lebensstil Ihrer Mutter für Ihre Beziehungs- und Liebesunfähigkeit verantwortlich? Roehler: Absolut. Genau das werfe ich meiner Mutter vor. Diese Jahre des Gefühlsentzuges wird man nie wieder los."

Roehlers Mutter war die Schriftstellerin Gisela Elsner, die aus wohlhabenden Verhältnissen stammte. Ihr Vater hatte eine wichtige Position bei Siemens. Sie wollte radikal anders leben, reiste in der Welt umher, trat der stalinistischen DKP bei, und schrieb kapitalismuskritische Bücher. Ihr Sohn kam mit 4Jahren zu den Großeltern, später ins Internat, wie auch Houellebecq. 1992 zwei Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR, nahm sich Gisela Elsner das Leben.

In Elementarteilchen wachsen die Halbbrüder Bruno und Michael bei unterschiedlichen Großeltern auf, weil sie dem persönlichen Egotrip ihrer Hippie-Mutter im Wege waren. Das Ergebnis des emotionalen Entzugs der Mutter, zwei seelische Wracks, die unfähig sind, ernsthafte soziale Bindungen einzugehen. Dieses Defizit drückt sich zum einen aus in Brunos maßloser Gier nach Sex.

Bruno, von Beruf Lehrer, verliert schließlich die Kontrolle, und belästigt eine seiner Schülerinnen. Er endet als Dauerpatient in einer psychiatrischen Klinik. Nachdem sich schon seine Frau von ihm scheiden ließ, versagt er auch in der Beziehung mit Christiane, die er auf einem Camp kennen lernt, einem Treff frustrierter, ehemaliger Emanzen mit spirituellen Workshops. Als Christiane unheilbar krank wird, lässt Bruno sie im Stich. In der Klinik findet er schließlich die Erfüllung seiner egoistischen, infantilen Wünsche: Er wird rund um die Uhr von mütterlichen Schwestern versorgt und behütet, während Medikamente sein aggressives sexuelles Verlangen beseitigen.

Im Gegensatz zu Bruno dominiert in Michaels Leben die Gefühlskontrolle, was sich in seinem überproportionalen Drang nach rationaler Erkenntnis ausdrückt. Bezeichnenderweise forscht der talentierte Molekularbiologe an den Grundlagen einer künftig vollkommen kontrollierten Nachkommenserzeugung der Gesellschaft ohne sexuellen Kontakt. Die auf Fortpflanzung gerichtete Aggressivität sexueller Trieben kann so entschärft werden. Zusätzlich soll eine genetische Manipulation für eine starke Erweiterung des erotischen Empfindens sorgen - auf diese Weise könnten Menschen ständig in einem Glücksrausch sein.

Seit seiner Jugend fasziniert Michael Aldous Huxleys Buch Schöne neue Welt. Er ist überzeugt davon, dass die Gesellschaft genau diese Welt anstrebt. Anders als Huxley, der, wenn auch aus antikommunistischer Sicht, vor dieser Welt warnte, will Michael helfen, sie zu verwirklichen. Der Zuschauer erfährt am Ende des Films, dass ihm für seine erfolgreiche Arbeit Jahrzehnte später der Nobelpreis verliehen wurde. Denn Wissenschaftler stellten fest, dass es wirklich einen Zusammenhang gäbe zwischen Monopolbildung, dem Streben nach Dominanz, Ausbrechen von Kriegen und aggressiven sexuellen Trieben.

Elementarteilchen, so Roehler, sei ein großes Geschenk für ihn gewesen, ein Roman, den er gern selbst geschrieben hätte, es gehe um 200 Jahre westeuropäische Sittengeschichte. Roehler teilt dessen Auffassung, "dass die zwischenmenschlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen allmählich verfallen, weil sich die Menschen für Wissensdrang und Forschung entschieden und sich sehr weit von der Religion entfernt haben."

Roehlers offensichtliche Abneigung gegenüber dem wesentlichen Kern der Ideale der europäischen Aufklärung, den Dingen systematisch auf den Grund zu gehen, mag mit eine Erklärung sein für sein spezielles filmisches Werk. Was schon früheren Arbeiten fehlt, sind ehrliche Bemühungen, Gefühle und Motive seiner Figuren in ihrer Vielfalt und Tiefe zu ergründen. Die Handlungsmuster seiner Akteure sind banal und laufen immer nach demselben Schema ab. Im Zentrum steht oft eine gestörte Sexualität. Dem entspricht auch eine Vorliebe für konstruierte Situationen und plakative Provokationen.

In Elementarteilchen ist Jane, die Mutter der Halbbrüder nur selbstherrlich und hohl. Sie wirkt in ihrer maskenhaften Ausstrahlung wie von einem anderen Planeten. Als sie Michael umarmen will, weicht er auf eine Art aus, dass auch der letzte Zuschauer begreift, dass das Verhältnis zwischen beiden stark gestört ist. Aber selbst im hohlsten Menschen verbergen sich widersprüchliche Gefühle und Motivationen.

In einem früheren Film Die Unberührbare (2000) stellt Roehler mit der linksradikalen, tablettensüchtigen Schriftstellerin Hanna Flanders seine eigene Mutter dar, die mit dem Zusammenbruch der DDR ihren persönlichen Zusammenbruch erlebt.

Hinter ihrer mondänen, von einer Perücke eingerahmten Erscheinung, die sie mehrmals symbolträchtig abnimmt und aufsetzt, betont Roehler eine unreife Frau, die stets egoistisch auf sich selbst fixiert war, ihr Kind im Stich ließ, nicht in der Lage, selbständig zu leben und für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Bei finanziellen Schwierigkeiten holte sie sich Geld von den Eltern, und ließ sich nicht einmal Krankenversichern, die Eltern bezahlten stets die hohen Arztrechnungen.

Mehrere Figuren im Film werfen ihr vor, sie hätte sich immer nur ihre eigene Welt erschaffen, sich nie mit der Realität konfrontiert: die reichen Eltern, der alkoholkranke Exmann, der immer noch den toten Mädchen der RAF hinterher trauert, ein zynischer Ostberliner Geschichtslehrer, ehemalige "Genossen" aus dem Ostberliner Verlag.

In dem Interview erklärt Roehler, die Radikalität und den Egoismus seiner eigenen Mutter als Ergebnis ihres psychischen Zustandes. "Sie war völlig labil mit einer Neigung zur Hysterie." Die verallgemeinernde Schlussfolgerung, die der Film dem Zuschauer anbietet, ist die Erkenntnis, dass Vorstellungen von einer besseren Welt ein Ergebnis von Realitätsängsten sind.

In Agnes und ihre Brüder (2004), zeigt Roehler einen Grünenpolitiker, der an Umweltminister Jürgen Trittin erinnernd, für die europaweite Einführung des Dosenpfands kämpft. Der Kleinkariertheit des Ziels, entspricht der Kleinkariertheit seines egoistischen Wesens. Natürlich gibt es zu Hause einen vernachlässigten Sohn, der dann seinen Vater ständig aggressiv mit einer Filmkamera verfolgt.

Damit von vornherein das zwiespältige Verhältnis des Vaters zu Joschka Fischer, wieder ein 68er, klargestellt ist, heißt Vaters Schäferhund Joschka. Roehler liebt solche Verkürzungen, die ihm Raum geben, sich auf andere Dinge zu konzentrieren, die ihm wichtiger sind. So kann der Zuschauer beobachten, wie der Vater während einer ihn frustrierenden Telefondiskussion mit Joschka Fischer über das Dosenpfand, plötzlich in einen infantilen Zustand zurückfallend, auf ein Stück Papier kotet, was der Sohn dann noch heimlich filmt.

Alle, die in irgendeiner Form Ideale vertreten, die mit Fragen, des gesellschaftlichen Miteinanders zu tun haben, werden zu Neurotikern erklärt. Auch Michaels starker Drang nach wissenschaftlicher Erkenntnis ist krankhaft, und die rassistischen Pamphlete Brunos, die er einem Verlag vorstellt, sind Ausdruck von Minderwertigkeitskomplexen und Sexualneid. " (...) was uns letztlich antreibt, ist eine Aggressivität im Leben, die sehr viel mit Sex zu tun hat", so Produzent Eichinger.

Solche Betonungen der Rolle von Trieben und Aggressionen erinnern an das "Gott ist tot" von Friedrich Nietzsche, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Er hielt jede Vorstellung göttlicher, aber auch menschlicher Vernunft für Heuchelei, hinter der sich als wahre Triebkraft des Lebens, der von Natur aus egoistische Mensch verbarg. Menschen, die die Notwendigkeit einer sozialeren Welt propagierten, betrachtete Nietzsche als Kranke, unfähig ihren rein ichbezogenen Wert zu erkennen, und von daher zu schwach, die Realität auszuhalten. Jeder Mensch, so Nietzsche, müsse seinen eigenen kategorischen Imperativ entwickeln.

Man kann einem großen Teil der 68er Generation eine Menge vorwerfen, die oft sehr oberflächliche Art der Aufarbeitung des Faschismus, die Blauäugigkeit gegenüber dem Stalinismus. Roehler kann seiner Mutter auch ihren Egoismus vorwerfen. Aber in der engstirnigen Art, wie er das bisher tut, wird er ihr Verhalten nur bruchstückhaft verstehen Auf welche Art Menschen subjektiv handeln, seien sie neurotisch oder nicht, warum sie welche Lebensideale vertreten, ist stark beeinflusst von den vielfältigen Realitäten, ökonomischer, kultureller oder ideologischer Natur ihrer Zeit, und der Zeit davor. Das gilt auch für den Regisseur selbst. Solche Fragen blenden seine Filme aus.

Man kann die 68er Generation kritisieren für die Unzulänglichkeit oder Unaufrichtigkeit ihrer Ideen und Ideale, aber nicht für die Tatsache dass sie überhaupt Ideale vertraten. Houellebecq, dessen Großmutter Mitglied der stalinistischen Partei Frankreichs war, geht in seiner Verachtung dafür so weit, den Massenmord Stalins gutzuheißen, da er auch viele Anarchisten umgebracht hätte.

Roehlers neuer Film beginnt mit einer für ihn typischen Provokation, einem Albert Einstein-Zitat, nach dem es wichtiger sei, sich in der Welt zu orientieren, als sie zu erkennen. Der Schluss des Films kommt darauf wieder zurück. Michael und Bruno sitzen mit ihren beiden Frauen am Strand und schauen von ihren Liegestühlen beschaulich auf das Meer. In der Realität ist ein Liegestuhl leer, denn Christiane hat Selbstmord begangen. Aber für den verrückten Bruno existiert sie.

Es ist unwichtig, was in der Welt real ist und ob man die Realität versteht, wichtiger ist, sich irgendwie durchzuwursteln. Das ist eine beunruhigend verantwortungslose und spießige Perspektive.

Siehe auch:
56. Berlinale - Teil 1
(22. März 2006)
56. Berlinale - Teil 2
( 23. März 2006)
56. Berlinale - Teil 3
( 28. März 2006)