56. Berlinale - Teil 6

Reaktionen auf eine härtere soziale Realität

Von Bernd Reinhardt
4. Mai 2006

Sehnsucht nach Geborgenheit in der Familie war eins der zentralen Themen deutscher Filme auf der Berlinale. Es reflektiert ein seit längerem bestehendes gesellschaftliches Defizit. Die Arbeitslosigkeit, die auch das Familienleben negativ beeinflusst, liegt in Berlin bei rund 20 Prozent, die Zahl der Single-Haushalte laut Bildungssenator Klaus Böger bei 51 Prozent. Viele Eltern sind besorgt über die unsichere Zukunft ihrer Kinder. Erst vor kurzem ist eine "Elternpartei" gegründet worden.

Die Art und Weise der künstlerischen Auseinandersetzung ist unterschiedlich. Im schlimmsten Fall, Vier Fenster von Christian Moris Müller, wird eine Familie vorgestellt, in der jeder einsam ist, der Vater, von Beruf Polizist, die Mutter, eine Hausfrau, Sohn und Tochter. Den jungen Regisseurs scheint in seinem ersten Film vor allem zu interessieren, wie sich diese Einsamkeit bei den einzelnen Familienmitgliedern sexuell ausdrückt. Bestimmt ein Drittel des Films spielt sich auf der Herrentoilette ab. Auf die Frage, warum die Figuren einsam sind, gibt es keine Antwort.

Enttäuschend war der Film eines Regisseurs, der sich auf die Fahne geschrieben hat, das Leben konkret zu zeigen, Ulrich Köhler. Schon in dem langweiligen, naturalistischen Debütfilm Bungalow (2002) zeigte der Regisseur eine Faszination für in jeder Beziehung träge Figuren, was sich in seinem neuen Film Montag kommen die Fenster fortsetzt.

Nina, eine junge Ärztin, die es in die hessische Provinz verschlagen hat, versucht vergeblich aus dem Alltag auszubrechen. Das Ehepaar ist mitten in den Renovierungsarbeiten ihres Einfamilienhauses, als Nina, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, die Familie verlässt und in eine einsame Waldhütte flüchtet. Auf ihrer Tour gerät sie inmitten einer einsamen Landschaft in ein großes Hotel, wo eine skurrile Gesellschaft degenerierter Neureicher eine merkwürdige Party feiert.

Die Dialoge in dem Film sind spärlich, nur die Bilder sollen erzählen. Die junge Frau schleppt sich, ohne dass man je erfährt, was in ihrem Kopf vor sich geht, phlegmatisch durch den Film und schweigt meist. Für ihre Ehe- und Sinnkrise gibt es vage Andeutungen. So sagt ein alternder Tennisstar auf der Hotelparty zu ihr den bedeutungsschweren Satz: "Ihr habt verlernt zu essen, zu trinken und nehmt Tennis viel zu wichtig."

Dieser Satz ist einer der wenigen konkreten Aussagen des Films und zielt offenbar auf das materielle Wohlstandsstreben des ewig unzufriedenen Mittelstandsbürgers ab, der vor lauter "Schaffen" die sinnlichen Seiten des Lebens zu genießen verlernt hat. Auch die junge Ärztin werkelt mit ihrem müden Mann am eigenen Haus, ohne dabei glücklich zu werden. Ihre Flucht kann nur ins Nirgendwohin führen.

Wendet man die Kritik auf das konkrete Leben an, ergibt sich eine recht fragwürdige Aussage. Die seit Jahren zunehmende soziale Unsicherheit der Mittelschicht wäre dann eher etwas Positives, Entkrampfendes. Und die anhaltenden Streiks der Ärzte seit letztem Jahr stellten sich aus dieser Sicht als hartnäckiges Festhalten an altem Besitzstandsdenken dar, dem man keine Sympathie entgegenbringen braucht.

Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass sich das Augenmerk dieses und ähnlicher Filme nicht auf konkrete Ereignisse richtet. Es ist für sie eher unwichtig, ob vielleicht gerade eine soziale Katastrophe stattgefunden oder der Wind nur eine Tür zugeknallt hat. Wichtiger ist in diesen langatmigen Streifen die winzigste Reaktion, das kleinste Mienenspiel des Gesichts der Hauptfiguren, die unscheinbarste Körperbewegung mit der Kamera peinlich genau einzufangen.

Dem Desinteresse für die Ereignisse, die etwas in Gang setzen, kommen Charaktere entgegen, die die Ereignisse, von denen sie getrieben werden, nicht verstehen. In einem inneren Gefühlszustand gefangen, sind sie unfähig, über ihre Konflikte in Familie und Umwelt zu reflektieren. Solche Figuren sind nicht uninteressant. Es ist aber unbefriedigend, wenn sich ein Film darauf beschränkt seine Akteure vorzuführen, sie leidend durchs Leben tappen zu lassen, ohne zu ergründen, was sich hinter ihrer inneren Abgeschlossenheit konkret verbirgt. Es ist als schaue man fasziniert auf das Zappeln einer Fliege im Spinnenetz, verfolge mitleidslos und ein wenig von oben herab ihre Unfähigkeit, sich zu befreien.

Die stilisierte Kargheit, die Formstrenge dieser Filme erinnert an etwas, was man in den krisengeschüttelten zwanziger Jahren der Weimarer Republik "Neue Sachlichkeit" nannte. Wie damals scheint der Hang zu einem sehr überschaubaren Realismus mit einem gewissen Ausweichen vor der Kompliziertheit der Realität, sozialer Distanziertheit und, damit verbunden, der Furcht vor Ideologielastigkeit zusammen zu hängen.

Es gibt andere Filme, die sich von dieser Tendenz abheben. Sie erzählen schnörkellose Gegenwartsgeschichten mit eher aktiven Figuren. Diese sind in der Regel sozial benachteiligt, versuchen aber im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Leben anzugehen, wie in Knallhart von Detlev Buck, einem Film über einen 15-Jährigen, den es aus einem Berliner Villenviertel plötzlich in das Armenviertel Neukölln verschlägt.

Zu diesen erfreulicheren Filmen gehört auch Lucy von Henner Winckler, ein berührender Film über eine sehr junge Mutter und ihren Konflikt zwischen dem Drang nach Freiheit und Selbständigkeit und der Notwendigkeit, Verantwortung für ihr Baby zu übernehmen inmitten eines Klimas sozialer Unbeständigkeit. Auch Wholetrain von Florian Gaag, ein Film über jugendliche Graffiti-Sprayer, schneidet dieses Thema an.

Der Lebensversicherer von Bülent Akinci, ein Erstlingsfilm der den "Dialogue perspective" der deutsch-französischen Jugendjury erhielt, weist einige Passagen auf, die glaubwürdig den einsamen Alltag eines verbitterten, zynischen Mannes zeigen, der Lebensversicherungen verkauft. Er ist wochenlang auf der Autobahn unterwegs. Getrennt von der Familie, für die er sich abrackert, ist sein einziger Kontakt ein Anrufbeantworter, der nie abgehört wird. Zum Schluss stellt sich heraus, dass ihn Frau und Kind längst verlassen haben.

Diese Filme bemühen sich um einen direkteren Zugang zum realen Leben. Auffällig ist aber etwas, das auch Montag kommen die Fenster aufweist. Positive Einflüsse geistig-kultureller Art gibt es in keinem Film. Die Filmemacher sehen in der heutigen Welt offenbar nichts Anregendes, woraus die Figuren neue Energie und Lebenssinn schöpfen könnten. Nina, eine Akademikerin, die man überhaupt nicht als solche wahrnimmt, ist in jeder Beziehung müde und dicht davor, sich dem abgehalfterten Tennisspieler und Lebemann hinzugeben.

Auch der Lebensversicherer ist seiner Einsamkeit hilflos ausgeliefert. Kulturträger wie Fernseher oder PC spielen in vielen Filmen nur eine negative Rolle, dienen wie in Lucy der billigen Zerstreuung. Bücher sind bedeutungslos. Es scheint, als hätte ein Nachdenken über die eigene Situation und darüber hinaus angesichts der Existenz übermächtiger, feindlicher Kräfte von vornherein keinen Sinn.

Zwei Dokumentarfilme über die Türkei

Nach mehreren Spielfilmen zeigt Thomas Arslan (Der schöne Tag, 2001) mit Aus der Ferne dokumentarische Impressionen einer Reise durch die Türkei. In Braunschweig geboren, ging er in der Türkei mehrere Jahre zur Schule, bevor die Familie endgültig nach Deutschland zog.

Die Route geht von Istanbul und Ankara bis in die Gebiete, wo 80 Prozent der Bevölkerung Kurden sind. Stationen sind Gaziantep im Südosten, nahe der syrischen Grenze, Diyarbakir und Van weiter im Osten schon fast am Iran, bis nach Dogubayazit nahe der Grenze zu Armenien. Zum Schluss sehen wir den Ararat. Der Film zeigt unspektakuläre, im Wesentlichen absichtslose Bilder, die jeder zu Gesicht bekommt, würde er durch das Land reisen. Immer wieder Straßenszenen in den verschiedenen Städten, und immer wieder die Landstraße und die angrenzende Landschaft, die karger wird, je weiter man nach Osten kommt.

Die Reise führt nicht in die Dörfer. Der Film zeigt Städte, auch in den kurdischen Gebieten, wo die türkische Armee auch nach Ende des Bürgerkriegs präsent ist. Überall wohnen ganz normale Menschen, und im fernsten Osten der Türkei, wo man es vielleicht nicht vermutet, sieht der Regisseur Kindern zu, die Völkerball spielen, wie Kinder hierzulande. An einer Stelle marschiert ein Zug Jugendlicher hinter Trommeln her - ebenso lustlos wie Jugendliche bei uns, wenn es darum geht, an irgendwelchen offiziellen Feiern teilzunehmen. Alles wirkt vertraut.

Ohne bestimmte Vorstellungen sei er ans Filmen herangegangen, so der Regisseur. Er wollte nicht, wie bei einer journalistischen Reportage, dem Zuschauer etwas Bestimmtes erklären, sondern die Dinge unbeeinflusst von bereits im Kopf existierenden Bildern zeigen. Bilder über die Türkei seien in Deutschland auf wenige Klischees reduziert, deshalb die Konzentration auf das sehr konkrete Sehen. Wie zur Bekräftigung verharrt die Kamera lange auf jedem Bild, und tatsächlich: Dieser Blick auf die Straße ... ist wirklich nur ein Blick auf die Straße. Der Film zielt auf eine physische Erfahrung, man spürt die Hitze, die Monotonie der Landstraße und, je länger der Film geht, die Langeweile.

Am Rande der Städte von Aysun Bademsoy (Deutsche Polizisten, 2000) beschäftigt sich mit Heimkehrern, ehemaligen türkischen Gastarbeitern, die teilweise 30 Jahre in Deutschland gelebt haben und in die Türkei zurückgekehrt sind. Sie waren Schneiderinnen oder Fabrikarbeiter. Jetzt sind sie für türkische Verhältnisse recht wohlhabend. Sie sind nicht in ihre ursprünglichen Heimatorte zurückgekehrt, sondern zogen in neu hochgezogene Neubauviertel, wo hauptsächlich "Deutschländer" wohnen. Die Siedlung gleicht einem Ferienort am Meer, von einem Sicherheitsdienst streng bewacht, isoliert von der einfachen Bevölkerung.

Auch in diesem Film wird rückständigen Klischees entgegengetreten und ein betont modernes Leben gezeigt. Da sind moderne Häuser und Menschen, die wollen, dass ihre Kinder studieren. Die Universität von Mersin, wo die Regisseurin geboren ist, Familien, die an der Straße auf ihre Kinder warten, die Prüfung hatten. Eine ältere Frau muslimischen Glaubens lässt sich beim Gebet in der Wohnung filmen. Damit fertig, rollt sie schnell und routiniert den Teppich zusammen, streift schnell den über die bequemen Hosen gezogenen vorschriftsmäßigen Rock ab, das Kopftuch. Das ist keine fanatische Frau, deren Leben vordergründig nur vom Islam bestimmt wird. Er gehört dazu, aber ist nur ein Bestandteil von anderen.

Wie bei Arslan gibt es fast keine Kommentare. "Heute wird fast jeder Dokumentarfilm mit Kommentaren überfrachtet, so dass die Bilder nur noch hinterherhinken. Ich möchte jedoch, dass die Bilder nicht nur dazu da sind, etwas zu beweisen, sondern dass sie alles Nötige über die Menschen in diesen Siedlungen sagen ..."

Das Ausloten des Raums, in dem sich die Figuren bewegen, wirkt wie bei Arslan angesichts der vielen zu Tage tretenden Alltagsbanalitäten mit der Zeit schnell ermüdend. Zum Beispiel wenn wir eine ganze Weile dabei zusehen, wie in einer Wäscherei der Luftzug des Ventilators in regelmäßigem Zeitrhythmus Zettel auf dem Schreibtisch aufrichtet. Oder die endlos scheinende Fahrt im Auto entlang der bewachten Umzäunung der Siedlung. Durch diese physische Erfahrung des Gigantischen soll wohl das Ausmaß des Eingesperrtseins und die Isolation der Insassen emotional nachvollziehbar gemacht werden. Immer wieder geht die Kamera über die monströsen Neubaublöcke dieses Wohnghettos.

Dem ideellen, geistigen Raum der Figuren wird diese Aufmerksamkeit nicht gewidmet. Gespräche plätschern über lange Strecken hin.

Beide Filme hinterlassen einen zwiespältigen Eindruck. Auf der einen Seite sind sie offenkundig Reaktionen sensibler Filmemacher auf die Debatte über eine EU-Mitgliedschaft der Türkei und eine zunehmende Dämonisierung von Menschen aus dem Osten, besonders Muslimen. Die Filme sollen den Lügen und Verfälschungen der Wahrheit über das "Abendland" reale Bilder, Normalität entgegensetzen. Auch der deutsch-türkische Filmemacher Fatih Akin überraschte im letzten Sommer mit einem Dokumentarfilm über das vielseitige Musikleben Istanbuls.

Doch das Beharren auf einer scheinbar verlässlichen aber banalen Realität wirkt in beiden Filmen gewollt und künstlich. Was für eine wertvolle Erkenntnis beinhaltete die Wahrheit, dass eine Strasse eine Strasse ist? Ist der Film nicht das ideale Medium, das Komplizierte und Versteckte im Leben sehr konkret zu zeigen? Wenn alles im Grunde genommen banal und einfach ist und alle Menschen nur einfach leben wollen, wie konnte es dann zum Krieg gegen die kurdische Bevölkerung oder dem Massaker an den Armeniern kommen, auf das Arslans Film hinweist.

Wie in Montag kommen die Fenster schwingt in Am Rande der Städte eine Kritik am satten Spießer mit: Die in Deutschland einst das Glück suchten, sind wohlhabend und von der deutschen Wohlstandsgesellschaft geprägt zurückgekehrt. Aber sind sie glücklich? Der Preis war hoch.

Man erfährt: Familien wurden auseinander gerissen. Kinder, die in Deutschland aufwuchsen und jetzt in der Türkei leben, sehnen sich nach der deutschen Heimat. Zwei solch junger Männer, die sich in der Türkei nur schwer einleben, haben psychische Probleme. Ein Vater macht sich Vorwürfe, damals seine Kinder in der Türkei allein gelassen zu haben. Was nützt das viele Geld, wenn zu Hause die Familie wartet - heißt es an einer Stelle Eine Familie kann heute ihren Enkel in Deutschland nicht sehen, weil sei kein Visum bekommt.

Diese wichtigen Informationen werden dem Zuschauer mehr zufällig hingeworfen und nicht weiter vertieft. Dafür streift die Kamera fast genüsslich immer wieder über die gigantische Betonanlage, die so ohne Leben ist.

Während beide Filme von nüchternen, naturalistischen Szenen beherrscht werden, ist da gleichzeitig eine Faszination für das Ungewisse, Unklare, für das Schweben in Zwischenzuständen. Menschen, die mehrere Heimaten bzw. keine haben, die in mehreren Welten lebten, in keiner richtig, um schließlich im Nirgendwo anzukommen. Um nicht missverstanden zu werden: Das sind eigentlich interessante Themen im Zeitalter der Globalisierung.

Doch das Leben zu betrachten, als schaue man von der Brücke auf einen Fluss, um sich seinem ewigen Fließen hinzugeben oder zu untersuchen, was denn da fließt und warum, sind zwei verschiedene Dinge.

Siehe auch:
56. Berlinale - Teil 1
(22. März 2006)
56. Berlinale - Teil 2
( 23. März 2006)
56. Berlinale - Teil 3
( 28. März 2006)
56. Berlinale - Teil 4
( 29. März 2006)
56. Berlinale - Teil 5
( 22. April 2006)