The Da Vinci Code - Sakrileg

Der Roman, der Film und der Mythos einer "Gegenkultur"

Von David Walsh
6. Juni 2006

Dan Brown, "Sakrileg", Bastei Lübbe 2006, 607 S.

"The Da Vinci Code - Sakrileg", Regie Ron Howard, Drehbuch Akiva Goldsman, Romanvorlage von Dan Brown.

Über ein Buch von Edgar Wallace, Bestseller-Autor einer andern Zeit, schrieb Leo Trotzki 1935 in sein Tagebuch: "Etwas Kläglicheres, Plumperes und Unbegabteres kann man sich schwerlich vorstellen. Keine Spur von Beobachtungsgabe, Talent und Phantasie. Die abenteuerlichen Ereignisse sind ohne die geringste Andeutung von Kunst wie ein Haufen Polizeiberichte übereinandergestapelt. In keinem Augenblick bin ich von der Handlung gepackt worden und habe weder Interesse noch schlichte Neugier verspürt. Beim Lesen des Buches hatte ich das Gefühl, wie wenn einer aus purer Langeweile im Zustand seelischer Depression mit den Fingern auf einer fliegenbefleckten Fensterscheibe herumtrommelt..." (Leo Trotzki, Tagebuch im Exil, München 1962, S. 119 f.)

Nicht ganz so schlimm ist Dan Browns Thriller Sakrileg, der seit seinem Erscheinen 2003 weltweit in mehrfacher Millionenauflage verkauft worden ist, aber auch nicht viel besser. Er gewinnt auch nicht wesentlich durch die filmische Bearbeitung des Drehbuchautors Akiva Goldsman und des Regisseurs Ron Howard.

Buch und Film verfolgen die letztlich erfolgreichen Nachforschungen eines Harvard-Professors für "Symbologie" und einer französischen Codeknackerin, die sich auf der Flucht vor der Polizei befinden. Sie versuchen Geheimnisse zu entschlüsseln, die das orthodoxe Christentum untergraben könnten. Und das alles im Verlauf von vielleicht vierundzwanzig höchst turbulenten Stunden.

Professor Robert Langdon (im Film von Tom Hanks dargestellt) und Sophie Neveu (Audrey Tautou), Kryptologin bei der französischen Polizei, gehen nach dem Mord an Sophies Großvater, dem leitenden Kurator am Louvre in Paris, und nachdem Langdon selbst des Mordes verdächtigt wird, Hinweisen auf das Versteck des Heiligen Grals nach (und versuchen gleichzeitig, ihrer Gefangennahme durch die Behörden zu entgehen). Eine altehrwürdige Geheimgesellschaft, deren führendes Mitglied Neveus Großvater war, ist darin verwickelt. Zahlreiche Puzzleteile ergeben nach und nach die Antwort auf ihre Suche.

Die grandiose Schnitzeljagd führt Langdon und Neveu in eine noble Schweizer Bank, in ein Schloss außerhalb Paris, in die Westminster Abbey in London und schließlich in eine alte Kapelle in Schottland. Ihre Widersacher sind im Wesentlichen ein energischer französischer Polizeihauptmann, ein mörderischer Albino-Mönch, ein Erzbischof von der katholischen Sekte Opus Dei und "Der Lehrer", eine schemenhafte Figur, die offenbar über jeden Einzelnen genau Bescheid weiß.

Der Film von Howard-Goldsman versucht, das Buch getreulich umzusetzen, aber das Resultat ist nicht besonders glücklich. Der überfrachtete Roman ist im Verlauf von 600 Seiten immerhin in der Lage, die zahllosen Einzelepisoden der Reihe nach abzuwickeln. Von Zeit zu Zeit hält er inne und schiebt ein Gespräch ein. Obwohl im Film die Ereignisse gekürzt werden, brechen sie trotz zweieinhalbstündiger Dauer viel zu schnell und ungestüm über den Zuschauer herein. Zu viel Verwirrendes passiert, das nicht oder nur unzureichend erklärt wird. Die erstaunliche Enthüllung von Neveus Identität ist nicht plausibel und ergibt sich aus keinem Zusammenhang. Die letzten zwei Sequenzen kommen schlichtweg aus heiterem Himmel. Im Film ist es am Ende nicht klar - zumindest wurde es mir nicht klar - warum wir uns immer noch in Großbritannien befinden.

Schon im Roman werden die wichtigen Themen in Form von Vorträgen abgehandelt, die Langdon und ein weiterer Gral-Besessener, der milliardenschwere Gelehrte Sir Leigh Teabing, halten, während Langdon und Neveu auf Teabings weitläufigem, fünfundsiebzig Hektar großen Landsitz Château Villette Zuflucht suchen. Die gleiche Form wird mehr oder weniger auf den Film angewandt.

Brown präsentiert uns durch Vermittlung seiner Protagonisten eine Art neo-heidnischen Feminismus als Alternative zur offiziellen christlichen Theologie. Laut Langdon und Teabing (im Film von Ian McKellen dargestellt) war Jesus kein göttliches Geschöpf, sondern ein durchaus sterblicher, wenn auch "großartiger und mächtiger Mann". Er heiratete Maria Magdalena, und sie hatten zusammen eine Tochter. (Und in weiser Voraussicht führte Maria Magdalena Teabing zufolge sogar ein Tagebuch!)

Außerdem wollte Christus eigentlich, dass Maria - und nicht sein Jünger Petrus - die auf seinen Lehren beruhende Kirche leiten solle. Was nun den "Heiligen Gral" betrifft, so war Maria Magdalena selbst der "heilige Kelch". Wenn in der Legende von diesem Kelch die Rede ist, dann "ist in Wahrheit von Maria Magdalena die Rede, von dem weiblichen Schoß, der das Geblüt Christi getragen hat". Jahrhunderte später wurde sie Opfer "einer bewussten Verleumdungskampagne der Kirche, die Maria Magdalena in den Schmutz ziehen musste, um das gefährliche Geheimnis dieser Frau unter den Teppich zu kehren - ihre Funktion als Heiliger Gral".

Die frühe Kirche unterdrückte die wahren Fakten; so wurde auf dem Konzil von Nicäa, 325 nach Christus, unter Vorsitz von Kaiser Konstantin "die größte Verschleierungsaktion in der Geschichte der Menschheit" begangen, wie Teabing erklärt. "Die offizielle Version der Christus-Geschichte ist unzutreffend... Die größte Geschichte, die man uns je erzählt hat, ist in Wirklichkeit die größte jemals verkaufte Geschichte."

Der Heilige Gral "ist das alte Symbol für das Weibliche, und als Heiliger Gral repräsentiert er das göttlich Weibliche und die Heiligkeit der göttlichen Urmutter - Vorstellungen, die inzwischen natürlich untergegangen sind. Sie wurden von der katholischen Kirche nachhaltig eliminiert. Die Fähigkeit der Frau, Leben hervorzubringen, hat in früheren Zeiten tiefe Verehrung gefunden, stellte jedoch eine Bedrohung der vorwiegend männlichen Kirchenhierarchie dar. Deshalb wurde das Weibliche dämonisiert und für unrein erklärt. ... Die Frau, einst die Lebensspenderin, war zur Widersacherin geworden."

Eine Geheimgesellschaft, die Bruderschaft vom Berg Zion, ist beauftragt worden, die Wahrheit über Christus und Maria Magdalena und ihr "königliches Geblüt" viele Jahrhunderte lang zu bewahren. Der Grund, warum Neveus Großvater ermordet wurde, war seine führende Rolle in dieser Bruderschaft.

Langdon und seine Begleiterin setzen die Suche nach den sterblichen Überresten von Maria Magdalena fort, und dabei bringen sie bemerkenswerte Fakten über Neveus Familie und ihr Erbe ans Licht. Kurz, mit der Albernheit hat es kein Ende bis zum Schluss des Romans und des Films.

Brown, früher Dozent an der Phillips Exeter Akademie in New Hampshire und erfolgloser Hollywood-Komponist, schreibt eine Art "Bestseller"-Englisch, eine funktionale Sprache ohne wirkliche Tiefe oder Struktur. In einem Interview erklärte Brown, er sei 1994 im Urlaub auf einen alten Schundroman von Sidney Sheldon gestoßen, "und da dachte ich, hey, das kann ich auch". Sein erster Roman, Digital Fortress, erschien 1996.

Der Stil von Sakrileg ist typisch für jemanden, der sich bemüht, kulturell gebildet zu erscheinen, aber über das Bemühen nicht hinauskommt. Sogar der Titel des Romans ist sonderbar, wie zahlreiche Kommentatoren bemerkten, so als ob "da Vinci" Leonardos Familienname gewesen wäre, und nicht einfach ein Hinweis auf die Stadt, aus der sein Vater stammte.

Browns Bemühungen, literarisch zu wirken, fällt ins Auge und ist oft peinlich. Ein Polizeihauptmann wird als "untersetzter, dunkelhaariger Mann", als "stämmig" und "neandertalerartig" beschrieben. Über den Geruch im Innern des Château Villette heißt es: "Es roch nach guter alter Zeit", was auch immer das heißen mag. Als sich der riesenhafte Albino-Mönch, dieser Hüne (nicht weniger als das!), dem Opus-Dei -Zentrum in London nähert, wächst "seine Vorfreude auf den Schutz und die Geborgenheit, die ihn dort erwarteten". Es ist eine Sprache, die vergeblich versucht, bedeutungsvoll zu sein.

Die Menschen handeln und sehen meist genauso aus, wie wir es in einem Bestseller von ihnen erwarten. Langdon, ein Harvard-Dozent auf einem obskuren (in Realität nicht existenten) Gebiet, wurde von einer populären Zeitschrift in Boston als "einer der faszinierendsten Menschen dieser Stadt" angeführt. In körperlicher Hinsicht? "Ein dunkler Stoppelbart umwölkte sein ausgeprägtes Kinn mit dem Grübchen. Die grauen Strähnen an den Schläfen waren auf einem unaufhaltsamen Vormarsch in sein dichtes, gewelltes schwarzes Haar."

Sophie Neveu kommt, wenn wir sie zum ersten Mal sehen, "mit langen, geschmeidigen Schritten den Flur herunter... Die Selbstsicherheit, mir der sie sich bewegte, hatte etwas Berückendes." Was ist eine "berückende" Selbstsicherheit beim Gehen? Wie dem auch sei, Brown fährt fort: "Das schulterlange, burgunderrote Haar, das keinen Friseur zu brauchen schien, umrahmte ein offenes, freundliches Gesicht. Ganz anders als die künstlichen Hochglanz-Blondinen an den Wänden der Studentenbuden von Harvard [?] war diese Frau von einer gesunden, unaufdringlichen Schönheit und strahlte beträchtliches Selbstbewusstsein aus."

Zweckmäßigerweise sprechen die Menschen sogar genau so, wie sie sollen. Wenn Langdon im Roman Teabings Stimme zum ersten Mal hört, heißt es: "Langdon grinste. Er hatte den unüberhörbaren britischen Akzent sofort erkannt." Kurze Zeit später begrüßt Teabings Butler unsere Helden: "’Sir Leigh wird sich sogleich herunterbemühen’, sagte er mit starkem französischen Akzent." In Schottland treffen wir auf einen "gutaussehenden jungen Mann Ende zwanzig mit strohblondem Haar und ausgeprägtem schottischen Akzent". Und so geht’s weiter, eine durch und durch billige Masche.

In dem Buch, das angeblich den tiefsten moralischen und theologischen Fragen gewidmet ist, sind einige Stellen grotesk und lächerlich unangemessen. Zum Beispiel heißt es, Jacques Saunière, den Louvre-Kurator, um eine Empfehlung für ein Buch über weibliche Götterverehrung zu bitten, sei genauso selbstverständlich, "als würde man von Tiger Woods einen freundschaftlichen Kommentar zu einem Buch über den Golfsport" erbitten.

Oder wenn sich Langdon über die Erörterung des "heiligen Weiblichen" im Werk Walt Disneys auslässt: Langdon "hielt seine Mickymaus-Uhr hoch und erklärte Sophie, dass Walt Disney, der schon zu Lebzeiten als ‚moderner da Vinci’ gepriesen wurde, es sich zur heimlichen Lebensaufgabe gemacht hatte, die Gralsgeschichte an die kommenden Generationen weiterzugeben. ... Wie Leonardo hatte auch Walt Disney seinen Werken ... versteckte Botschaften und Symbole beigefügt. Kenner der Symbolik wurden in frühen Disney-Filmen mit Anspielungen und Methaphern förmlich zugeschüttet." Herrlich!

Trotz (oder gerade wegen) der vielen Drehungen und Wendungen bleibt das Buch durchgehend dumpf. Das saloppe Gespräch dient vor allem als Bindeglied zwischen den verschiedenen "atemberaubenden Überraschungen". Trotz der angeblich unaufhörlichen Ereignisse geht in den Protagonisten keine nennenswerte Veränderung vor, auch nicht in ihren Wortgeplänkeln. Der Kontrast zwischen den erschütternden Geschehnissen - zum Beispiel der Enthüllung der Identität von Jesus’ und Maria Magdalenas Nachkommen - und dem leichtfertigen Gesprächston der Hauptpersonen von Anfang bis Ende des Romans wirkt einfach absurd. Der Verfasser nimmt seine eigene These nicht ernst, warum sollten wir das also tun?

Man wird einwenden, es sei ja "nur ein Thriller", und man dürfe ihn nicht allzu kritisch beurteilen. Aber in jedem literarischen Genre hat der Autor die Verantwortung, seine Personen und Konstellationen glaubwürdig darzustellen und das Verhältnis zwischen der Intensität der Handlung und der Reaktion der menschlichen Beteiligten zu wahren. Eric Ambler hat das in seinen aufregenden Romanen vor dem zweiten Weltkrieg (Ungewöhnliche Gefahr, Anlass zur Unruhe, Die Maske des Dimitrios und Die Angst reist mit) geschafft, auch John Le Carré in einigen seiner Werke aus dem Kalten Krieg, wie andere auch.

Langdon und Neveu machen die erstaunlichsten Entdeckungen über eine zentrale Persönlichkeit in der Geschichte der westlichen Zivilisation, aber ihrer Reaktion nach zu schließen, könnten sie ebenso gut die Vetternwirtschaft im Elternverein einer Schule aufgedeckt haben. Als sie nach einem Tag voller schockierender Tragödien und umwerfender Enthüllungen auseinandergehen, kommt von Neveu der abgedroschene Satz: "Wann sehe ich dich wieder?"

Über die Verfilmung seines Werks kann sich Brown nicht beschweren. In Howard und Goldsman (Drehbuchautor von Genie und Wahnsinn, I, Robot, Das Comeback), findet er - mehr oder weniger - seine kinematographische und intellektuelle Entsprechung. Howard ist ein zutiefst mittelmäßiger Regisseur; er meint es gut, aber bisher hat er keinen einzigen Film und kein Thema von bleibender Bedeutung hervorgebracht. Seine Filme zeigen eine verschwommene Vorliebe für den einfachen Mann. Über seine Weltanschauung schreibt die New York Times in einer Filmkritik über Das Comeback (Cinderella Man, die Geschichte eines Boxers zur Zeit der großen Rezession), die ziele "auf eine idealisierte Mitte der amerikanischen Gesellschaft".

Wir würden eher von einer "zusammen fantasierten" Mitte sprechen. "In Howards Film", kommentierten wir damals, "stellt sich Hollywood das Amerika der dreißiger Jahre als altväterliches und pittoresk verarmtes Land vor, größtenteils bevölkert von mutigen Underdogs und ihren ergebenen Anhängern".

Auch in Hinsicht auf die künstlerische Abgedroschenheit bleibt der Filmemacher Brown nichts schuldig. "Wie in den meisten Howard-Filmen (Backdraft, In einem fernen Land, Apollo 13, Genie und Wahnsinn) muss sich der Zuschauer die Augen zuhalten oder sich, Gesicht nach unten, auf den Kinoboden legen, um nicht zu sehen, was als nächstes kommt", schrieben wir über Das Comeback. Und das gleiche trifft hier zu.

Sakrileg springt von einem bedeutenden Schauplatz zum nächsten, ohne auch nur einmal markante Bilder oder wirklich dramatische Momente zu erzeugen. Es bleibt alles verwaschen. Innerhalb des vorgegebenen Klischees geben die Schauspieler ihr Bestes. Aber - wir sagten es schon - die Kluft zwischen dem angeblichen Thema, Enthüllungen, die zur Überwindung einer zweitausendjährigen Kirchenlehre führen, und den banalen menschlichen Reaktionen darauf ist auf der Leinwand so groß, dass der Zuschauer das Interesse verliert. Man erinnert sich unwillkürlich an das Trommeln der Finger auf der Fensterscheibe. Gewisse Merkwürdigkeiten bringen einen wieder zurück. Wenn "Christus’ einziger lebender Nachkomme" scherzhaft einen Fuß aufs Wasser setzt, um zu testen, ob es sein Gewicht trägt (eine Idee von Goldsman), ist Sakrileg nur noch lächerlich.

Geschichte ist eine Fabel

Im Mittelpunkt des Romans steht eine Weltanschauung, die vielleicht rechtfertigt, dass wir soviel Zeit auf seine Kritik verwenden: Sein leichtfertiger Umgang mit der Wahrheit oder Unwahrheit seiner Vermutungen. Hier zeigt sich Dan Brown als vehementer "Post-Modernist".

Wenn Neveu erfährt, dass es unter den Dokumenten, die sie und ihr Begleiter suchen, "eine vollständige Genealogie der frühen Nachkommen Christi" gebe, bemerkt sie, selbst wenn das wahr wäre, könnten Historiker möglicherweise deren Authentizität nicht beweisen. Teabing antwortet: "Genau so wenig, wie man die Echtheit der Heiligen Schrift nachweisen kann." - "Und das bedeutet?" - "Es bedeutet, dass die Geschichte immer von den Siegern geschrieben wird. Wenn zwei Kulturen aufeinander prallen, verschwindet der Verlierer von der Bildfläche, und der Sieger schreibt die Geschichtsbücher, in denen er sich selbst im vorteilhaftesten Licht zeichnet und den besiegten Feind als Halunken darstellt. Wie hat Napoleon so treffend gesagt: ‚Was ist die Geschichte anderes als eine Lüge, über die alle sich einig sind?’ ... Die Sangreal -Dokumente [die Heiligen-Grals-Behauptungen über Maria Magdalena] erzählen nichts anderes als die andere Seite der Geschichte Jesu Christi. Was man letzten Endes für wahr hält, ist eine Frage des Glaubens beziehungsweise der persönlichen Neugier..."

Diese Szene wird im Film grob "paraphrasiert", wenn Langdon/Hanks Neveu/Tautou gegen den Schluss erzählt, dass alles, was an der Geschichte Maria Magdalenas wirklich zähle, das sei, was sie als wahr annehme.

Wie weit Dan Brown selbst die Theorien vertritt, die er in seinem Buch vorbringt, ist unklar. Er wollte als Autor einen Bestseller "im Genre der großangelegten, internationalen Thriller" hervorbringen, wie er in einem Interview erklärte. Und was könnte unter den heutigen kulturellen Umständen besser dafür geeignet sein, als der fiktive Umsturz der etablierten Christus-Vorstellung. Er hat Anleihen bei einer Reihe von Büchern gemacht, seine eigene Interpretation und Schreibweise hinzugefügt und damit den Jackpot geknackt. Die Angriffe der katholischen Hierarchie und der christlichen Fundamentalisten werden wahrscheinlich dazu beitragen, dass sich Buch und Film noch besser verkaufen.

Auf jeden Fall ist Brown kein anti-klerikaler Kreuzritter. Auf seiner offiziellen Website antwortet der Autor in der Rubrik "meistgestellte Fragen" auf "Sind Sie ein Christ?": "Ja. Es ist interessant, aber wenn man drei Menschen fragt, was es heißt, Christ zu sein, erhält man drei verschiedene Antworten. ... Ich betrachte mich als Schüler vieler Religionen. Je mehr ich lerne, desto mehr Fragen habe ich. Für mich bedeutet die spirituelle Suche eine lebenslange, nicht endende Arbeit." Vollkommen vorhersehbar und konformistisch.

Brown hat in seinem Roman alles in einen Topf geworfen - New Age -Kauderwelsch, "Wohlfühl"-Feminismus, Verschwörungstheorien, eine unterschwellige Anglophilie, billige antikatholische Klischees von zweifelhafter Herkunft, König Artus und seine Tafelrunde, Leonardos Malerei, antike ägyptische Religionspraktiken, Tarot-Spielkarten und vieles mehr. Auf seiner Website schreibt er ausweichend: "Während ich überzeugt bin, dass einige der Theorien, die diese Personen diskutieren, nicht unvernünftig sind, muss jeder einzelne Leser selbst die Ansichten dieser Personen prüfen und zu seiner oder ihrer eigenen Interpretation kommen. Ich hoffte beim Schreiben dieses Romans, die Geschichte würde als Katalysator und Sprungbrett dienen, damit die Menschen wichtige Fragen von Glauben, Religion und Geschichte diskutierten."

Und weiter: "Vor zweitausend Jahren lebten wir in einer Welt von Göttern und Göttinnen. Heute leben wir nur noch in einer Welt der Götter. Die Frauen sind in den meisten Kulturen ihrer spirituellen Macht beraubt worden. Der Roman berührt die Frage, wie und warum diese Veränderung vor sich ging ... und welche Lehren wir daraus für unsere Zukunft ziehen können."

Browns Konzept der antiken Welt und des Übergangs zur Moderne ist ahistorischer Unsinn. Es ist bezeichnend, dass bei der Diskussion über die Evangelien und das frühe Christentum die gesellschaftliche Dimension vollkommen fehlt. Wo bleibt der Christus - mit oder ohne Maria Magdalena an seiner Seite - der die Geldverleiher aus dem Tempel jagte? Oder der Christus, der erklärte, eher gehe ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in Gottes Himmelreich gelange? Engels schrieb vor vielen Jahren: "[D]as Christentum [war] im Ursprung eine Bewegung Unterdrückter: es trat zuerst auf als Religion der Sklaven und Freigelassenen, der Armen und Rechtlosen, der von Rom unterjochten oder zersprengten Völker." (MEW, Berlin 1972, Bd.22, S. 447) All das fehlt, und nicht überraschend, in einem Roman über Gelehrte, die im Privatjet herum fliegen. Der Schwerpunkt hat sich bezeichnenderweise vollkommen auf Fragen des Geschlechts verschoben.

Wie seine Protagonisten zeigen, beschäftigt sich Brown nicht in erster Linie mit den Umständen von Christus’ Leben oder der frühen christlichen Kirche, sondern mit der Schaffung eines Mythos’, des Mythos’ des von männlichen Ekklesiasten verdrängten "heiligen Weiblichen", der unter heutigen Bedingungen einen gewissen gesellschaftlichen und politischen Nutzen hat. Ob Browns Version der Dinge historisch standhält oder nicht, kümmert seine zahlreichen Bewunderer kaum.

Zum Beispiel schreiben Laura-Lea Cannon und David Tresemer, die offensichtlich die Verteidigung der Sache der Maria Magdalena übernommen haben, zustimmend über "Browns revisionistische Mythenbildung". Sie bemerken: "Obwohl seine Geschichte ein Mix aus Fakten und Fiktion ist, wollen wir daran erinnern, dass so wichtige Werke wie [John Miltons] Paradise Lost ebenso gemacht sind; sie nutzen die Bibel, um Frauen den Beschränkungen des Patriarchats zu unterwerfen. Wenn Dan Brown einen Bestseller-Roman schafft, der den patriarchalischen Mythos zurückweist, arbeitet er daran, die hundertjährige frauenfeindliche Propaganda zu kontern." Man muss kaum hervorheben, wie kindisch dieses Argument ist. "Jahrhunderte lang hat man Dinge fabriziert, also machen wir es heute genauso."

Harvey Wasserman wird auf der linken Website CounterPunch noch deutlicher: "Fragen über Christus’ Liebesleben werden die Debatte über den Da Vinci Code, der dieses Wochenende in die Kinos kommt, beherrschen. Die Antworten sind wichtig. Aber was wirklich zählt, ist der heidnisch/feministische Kern der Geschichte und seine Rolle im Kulturkrieg. ... Es geht nicht um die Feinheiten der Dokumentation und das Detail, sondern um die Auseinandersetzung mit dem männlich dominierten, christlich/katholischen Fundamentalismus als repressiver Diktatur, die die Sexualität aus dem Gleichgewicht geworfen hat. Es mag Fiktion sein. Aber mit 45 Millionen gedruckter Exemplare ist Dan Browns Da Vinci Code eine Naturgewalt. ... Die Dokumentation, die ihr Gerüst bildet, ist so originell wie irrelevant. Denn der spirituelle Kern des Buchs - und seine populäre Anziehungskraft - beruhen auf seiner Beschwörung und Bewunderung der feministischen Spiritualität und des heidnischen Naturalismus."

Anders ausgedrückt, für eine angeblich gute Sache ist alles erlaubt. Das Argument, Fakten und die historische Wahrheit seien für die Motivierung der Bevölkerung weit weniger geeignet als Mythen, hat eine abstoßende Herkunft. Es wird in der modernen Zeit Georges Sorel (1847-1922) zugeschrieben. Dieser kam ursprünglich aus der Gewerkschaftsbewegung. Doch "seine Leidenschaft für revolutionäre Aktivität an Stelle vernünftiger Argumente" machte ihn, wie es ein rechtsextremer Kommentator ausdrückte, "zu einer einflussreichen Figur bei der Gestaltung der Ziele des Faschismus, besonders in Mussolinis Italien". Mythen, schrieb Sorel, "sind nicht Beschreibungen der Dinge, sondern Ausdruck eines Willens zu Handeln". Ein Mythos könne "nicht angefochten werden, denn er ist im Grunde identisch mit der Überzeugung einer Gruppe".

Die amerikanische Filmindustrie betreibt natürlich seit ihrer Gründung ihre eigene, minderwertige Mythenbildung. Es ist nicht unpassend, dass ausgerechnet Ron Howard bei der Filmversion von Sakrileg Regie geführt hat. Howard wuchs in der abgeschlossenen Welt von Hollywood auf. Als Kinder- und Teenagerdarsteller in Film und Fernsehen wird er vor allem mit drei mythologisierten Schauplätzen in Verbindung gebracht: Einer idealisierten Stadt im Süden, einem herzigen, nostalgisch verklärten Amerika der späten fünfziger Jahre und einer kalifornischen Stadt in einer fiktiven Unschuldsära.

Das Argument, "was wirklich zählt" sei die öffentliche Meinung und nicht vernünftige Argumentation, ist verheerend. Die Mythen einer "Gegenkultur" sind keinen Deut besser als rechtsgerichtete Mythen. Browns Anhänger geben sich einem Wunschdenken hin. "So hätten wir es gerne, also lasst uns eine Fabel erfinden, die unsern Wünschen entspricht." Das ist erbärmlich. Eine solche Haltung ermutigt Bequemlichkeit und Faulheit und verhindert ein wirkliches Verständnis der Geschichte als gesetzmäßigen Prozess.

Sie entspricht jedoch dem verkommen Zustand großer Teile der akademischen und literarischen Welt, die kein Interesse an der objektiven Wahrheit und an der Überprüfung des wirklichen Verlaufs historischer Ereignisse haben oder diese sogar als nutzlos verspotten. Brown mag in "höheren" links-intellektuellen Kreisen als Person vielleicht nicht "in" sein, aber seine Methode unterscheidet sich nicht wesentlich von der ihren.