Mein Führer: Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler

Unkenntnis der Materie ist kein guter Ausgangspunkt

Von Stefan Steinberg
30. Januar 2007

Mein Führer: Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler, Buch und Regie Dani Levy

2004 erreichte der schweizerische Filmemacher Dani Levy mit seinem Film Alles auf Zucker! im deutschen Sprachraum ein breites Publikum. In dem Film nutzte er seine eigene jüdische Herkunft als Hintergrund für eine Komödie, die zeitgenössische Klischees der Deutschen über Juden und umgekehrt zum Thema hatte. Alles auf Zucker! erreichte in Deutschland zwar viele Zuschauer, zog sich jedoch aus gewissen Ecken auch völlig ungerechtfertigt scharfe Kritik zu. Als der Film in Jerusalem gezeigt wurde, reagierten Teile des Publikums auf Levys wohlwollenden, aber kritischen Blick auf das Judentum mit dem Vorwurf, es handle sich um antisemitische Propaganda im Göbbels-Stil.

Nach dem Aufsehen erregenden und erfolgreichen Film Alles für Zucker! hat sich Levy nun dem noch umstritteneren Thema des Nationalsozialismus zugewandt und die erste Komödie in deutscher Sprache produziert, die sich um die Gestalt Adolf Hitler dreht. Das Ergebnis ist ein Film, der über weite Strecken nicht lustig ist und darüber hinaus trotz aller möglichen guten Absichten des Drehbuchautors und Regisseurs die Verbrechen des deutschen Diktators relativiert.

Deutsche Künstler und Filmemacher enthielten sich in der Nachkriegszeit weitgehend jeder künstlerischen Darstellung Hitlers. Die Zurückhaltung der Künstler, sich mit Hitler und seinen Verbrechen zu beschäftigen, wurde jedoch noch durch die Feigheit des offiziellen Kultur- und Politikbetriebs übertroffen. Chaplins meisterhafte Komödie Der große Diktator (1939) lief erstmals 1958 in einigen westdeutschen Kinos, und Ernst Lubitschs Parodie über die Naziherrschaft in Polen Sein oder Nicht Sein (1942) kam in Westdeutschland erst 1960 in die Kinos. Jetzt hat Levy es gewagt, Hitler und den Nationalsozialismus in einem Film zu porträtieren, aber seine Herangehensweise weist, wie wir sehen werden, grundlegende Schwächen auf.

Mein Führer spielt Ende 1944, also zu einer Zeit, als die deutschen Armeen an der Ostfront mehrere schwere militärische Rückschläge erlitten hatten. Die Auseinandersetzungen in der herrschenden Elite Deutschlands über die Zukunft des Kriegs hatten in dem erfolglosen Attentatsversuch führender Nazioffiziere und -politiker im Juli 1944 einen buchstäblich explosiven Ausdruck gefunden. Zu Beginn des Films erleben wir einen niedergeschlagenen und pessimistischen Hitler (dargestellt von dem anarchischen deutschen Komiker Helge Schneider). Dabei bräuchten die Nazi-Führer und insbesondere Propagandaminister Joseph Göbbels gerade jetzt den Führer für eine begeisternde Neujahrsrede, um das Volk noch einmal für die schon verlorene Sache zu mobilisieren.

Deswegen lässt Göbbels den talentierten jüdischen Schauspieler Adolf Grünbaum (gespielt von dem hervorragenden deutschen Schauspieler Ulrich Mühe) aus dem Konzentrationslager holen, um den Diktator in kürzester Zeit für eine Ansprache an die Massen fit zu machen. Grünbaum gibt aber nicht nur Schauspielstunden - er interessiert sich auch für Hitlers seelische Probleme und taucht in seine Vergangenheit ein, wo er die unglückliche Kindheit des faschistischen Diktators entdeckt, die von den Schlägen des gewalttätigen Vaters geprägt wurde. Die Schlussszene zeigt Grünbaums tragisches Ende nach dem Versuch, Hitlers Rede zu unterlaufen.

Der Humor des Films ist meistens platt und kindisch. Nazi-Adjutanten haben Namen wie Rattenhuber oder Puffke und heben alle paar Sekunden ihren Arm zum Hitlergruß. Himmler hat im Film seinen Arm in einer Schlinge, wir sollen wohl annehmen aufgrund von Muskelschwäche wegen zu vieler Hitlergrüße.

Grünbaum besteht darauf, dass Hitler bei der Vorbereitung auf seine Rede die Militäruniform gegen einen schäbigen Trainingsanzug tauscht und auf allen Vieren im Raum herumkriecht. Bei dieser Übung wird Hitler von seinem Hund Blondi besprungen, der in einer anderen Szene seine eigene Naziuniform trägt. In einer späteren Szene kann Hitler seine Geliebte Eva Braun im Bett nicht befriedigen. Als er auf ihr liegt, sagt sie: "Ich spür Sie nicht, Mein Führer." Er antwortet schlaff: "Dann werde ich mich vergrößern."

In einem der seltenen wirklich komischen Momente des Films rasiert Hitlers Barbierin kurz vor Beginn der Rede versehentlich seinen halben Bart ab. Der Diktator beginnt derart zu toben, dass er nur wenige Minuten vor der Kundgebung seine Stimme verliert.

Neben den psychologischen Problemen des Diktators beschäftigt sich der Film noch mit dem Konflikt, in dem Grünbaum und seine Familie stecken. Einmal versucht Hitler Grünbaum zu beruhigen, die Vernichtung der Juden durch die Nazis sei "nicht persönlich gemeint". Grünbaum hat mehrmals Gelegenheit, den Diktator zu töten, tut es aber nicht, weil, wie er seiner Frau anvertraut, "wir dann nicht besser wären als Hitler selbst". Gegen Ende des Films plädiert Grünbaum für eine nachsichtige Haltung gegenüber Hitler, der schließlich wegen der "Schläge, die er in seiner Kindheit erhalten hat", ein gebrochener Mann sei.

Es war abzusehen, dass sich Levys neuster Film die Kritik verschiedener Interessengruppen zuziehen würde. Für sie ist es grundsätzlich unzulässig, die Aktivitäten der Nazis und die Folgen des Holocaust künstlerisch aufzuarbeiten, weder in einer Komödie noch auf andere Art. Diese Reaktionen erinnern an ähnliche Kritik in Hinblick auf den Film Der Untergang, der von Hitlers letzten Tagen im Führerbunker handelt. Folgt man diesen Kritikern, zu denen auch prominente Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Deutschland zählen, so ist es ein unverzeihlicher Fehler, Hitler als "menschliches Wesen" darzustellen. Solche Standpunkte sind natürlich Unsinn, eindimensional und unhistorisch.

Levy sieht seinen neuen Film allerdings eher als Gegengewicht zu Filmen wie Der Untergang oder Dokumentarfilmen über das Dritte Reich. Der Filmemacher sagt, sein Problem mit solchen Projekten sei, dass sie sich "so unglaublich ernst nehmen".

In einem Interview erklärte Levy: "Auch bei Filmen wie Der Untergang oder Schindlers Liste ist alles faktisch unterfüttert. Die Opfer und Geretteten stehen Pate, aber diese Authentizität ist auf Dauer lähmend. Ein Film, der in die Oberfläche des Dokumentarismus hineinhackt, sie aufspaltet, kann etwas zu Tage fördern. Für mich war es wichtig, etwas über die Beschaffenheit diktatorischer Autorität herauszufinden. Die Autorität des Diktators beruht auf blindem Gehorsam, und wenn Film Gehorsam einfordert, wird er gefährlich. Er setzt das Unrechtssystem mit seinen Mitteln fort."

Ein guter Film hingegen ist nach Aussage des Regisseurs "dialektisch und basiert auf einer Praxis des Zweifelns", als negativ empfindet er das, was er "den Dogmatismus der Authentizität" nennt.

Levy erhebt den Vorwurf gegenüber Filmen, die von Tatsachen ausgehen und nach Authentizität streben, sie übten eine diktatorische Autorität aus. Solche Vorstellungen sind zwar in der "linken" deutschen Soziologie weit verbreitet, Mein Führer ist aber der Beweis dafür, dass sie wenig hilfreich sind, um einen überzeugenden und unterhaltsamen Film zu machen.

Levys Reaktion auf die seiner Ansicht nach unterdrückende Kraft von Fakten besteht darin, jedem ernsthaften Studium zur Entstehung und Geschichte des Faschismus aus dem Wege zu gehen. In einem Interview mit der Berliner Zeitung sagte er einem Reporter: "Ich habe auf fast trotzige Art und Weise nicht recherchieren wollen für diesen Film. Ich dachte, je wenige Detailwissen ich habe, desto unabhängiger bleibe ich in der Fiktion."

Zwar gibt es seit einigen Jahren wieder ein wachsendes Interesse am Nationalsozialismus und die historische Forschung zu den damit verbundenen Fragen nimmt zu und hat unter anderem die sehr wertvolle zweibändige Hitler-Biographie des britischen Historikers Ian Kershaw hervorgebracht. Dennoch ist Levy stolz darauf, noch keine Biographie des Nazi-Diktators gelesen zu haben.

Das einzige Buch, das er im Zusammenhang mit dem Thema des Films gelesen hat, ist Am Anfang war Erziehung von der schweizerischen Psychoanalytikerin Alice Miller. Sie argumentiert, die Urquelle von Hitlers Verbrechen sei eine von elterlicher Gewalt geprägte traumatische Kindheit. (Miller hat auch eine psychologische Ferndiagnose zu Stalin angefertigt, in der sie Kindheitstraumata des russischen Diktators für die Millionen Opfer des Stalinismus verantwortlich macht.)

Levy argumentiert, die Verantwortung für den Aufstieg des Nationalsozialismus und die europäische Katastrophe liege in einem tieferen Sinne bei den "vergifteten" Werten, die vom deutschen Bildungssystem vermittelt wurden, dem alle Deutsche ausgesetzt waren. "Und damit meine ich keineswegs Hitler alleine, sondern Millionen Deutsche, die mit schwarzer Pädagogik großgeworden sind." Levy sagt über Hitler: "Er wünscht sich einen Zuhörer. Hitler hätte in eine Therapie gehört."

Hitlers Persönlichkeitsschäden aufgrund seiner unglücklichen Kindheit spielten dieser Argumentation zufolge eine wesentliche Rolle für seinen Aufstieg zum nationalen Führer eines Volkes, das bereit war ihn zu unterstützen, weil es das gleiche Erziehungssystem durchgemacht hatte. Das ist eine beklagenswert schwache Grundlage für die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, auch wenn es sich um Komik, Satire oder Spott handelt.

Levy äußert sich belustigt über die Vorstellung, wirkliche Forschung oder Beachtung gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen hätten bei der Produktion einer Komödie nützlich sein können. Auch den Lehren der Geschichte steht er abweisend gegenüber. Chaplin dagegen produzierte seinen Der große Diktator gerade zu einer Zeit, als er sich zunehmend kritisch mit den Realitäten der modernen Gesellschaft auseinandersetzte. Nur wenige Jahre zuvor hatte Chaplin seinen Film Moderne Zeiten vollendet, eine beißende Kritik an der modernen kapitalistischen Gesellschaft.

Chaplin hatte sogar Probleme, seinen Film Der große Diktator fertig zu stellen und ihn in Amerika in die Kinos zu bekommen, weil er die Gefahr des Hitlerfaschismus derart eindringlich und dramatisch illustrierte. Besonders die Schlussrede, in der Chaplin davor warnt, jeglichem patriotischen Nationalismus blind zu folgen, erregte Missfallen. Wenige Jahre später wurde Chaplin scharf angegriffen und Opfer einer Hexenjagd, weil er politisch Partei ergriff und die Sowjetunion im Krieg unterstützte.

Zahlreiche Beispiele dieser Art könnten angeführt werden. Die große Komödie verlangt ebenso wie das große Drama eine sorgfältige Beschäftigung mit der gesellschaftlichen Realität und Respekt vor historischen Fragen. Dani Levy sollte nicht vergessen, dass es in der deutschen Ideologie - besonders in Kunst und Politik - eine lange Tradition gibt, die seine Antipathie gegen Fakten, Authentizität und Forschung teilt und die intuitiven Qualitäten des Künstlers in den Vordergrund stellt.

Tatsächlich spielten solche Ideen eine zentrale Rolle in der politischen Bewegung, die Levy lächerlich zu machen versucht. Hier könnte Levy eine Äußerung der Hauptfigur seines Films als Warnung nehmen. In einer Rede zu kulturellen Fragen pries Hitler 1934 den Anti-Intellektualismus seiner Bewegung: Er bezeichnete den Nationalsozialismus als Antwort auf den jüdischen Intellektualismus und als Rückkehr zur Intuition.

Hiermit soll in keiner Weise eine Parallele zwischen dem Regisseur und dem faschistischen Führer gezogen, aber vor der Sichtweise gewarnt werden, die Levy in Hinblick auf das künstlerische Schaffen vertritt. Es gibt keinen Zweifel an Levys Ernsthaftigkeit und seinem Wunsch, sich mit der Frage des Nazismus auseinanderzusetzen. Der Regisseur leugnet auch nicht die Gefahr ähnlicher Entwicklungen in der modernen Gesellschaft. Aber in dem Maße, in dem er sich einer wirklichen Untersuchung zu den Ursachen des Nationalsozialismus verschließt, dient sein Film mehr oder weniger ihrer Verschleierung. In einer Zeit, da neue Generationen von Jugendlichen Klarheit über die Verbrechen und Grausamkeiten des Nationalsozialismus suchen, verbreitet Mein Führer nur Verwirrung hinsichtlich einer der wichtigsten historischen Erfahrungen im Zwanzigsten Jahrhundert.

Siehe auch:
Interview mit Radu Mihaileanu Regisseur von "Zug des Lebens": "Wir müssen lernen diese tiefen Emotionen auszudrücken"
(8. April 2000)
Radu Mihaileanus Film "Zug des Lebens"
( 23. März 2000)