57. Berliner Filmfestspiele - Teil 2

Armut in Deutschland

Die Dokumentarfilme Prinzessinnenbad von Bettina Blümner , Osdorf von Maja Classen und Zirkus is nich von Astrid Schult

Von Bernd Reinhardt
4. April 2007

Die soziale Polarisierung in Deutschland trifft besonders Kinder und Jugendliche der Benachteiligten hart. Die Umgebung von Massenarbeitslosigkeit, Armut und Perspektivlosigkeit schafft eine giftige Atmosphäre. Drei junge Regisseurinnen richten ihren Blick auf solche Heranwachsenden. Maja Classen stellt Migrantenjugendliche aus dem Hamburger Stadtteil Osdorfer Born vor , Astrid Schults Zirkus is nich zeigt das Leben des achtjährigen Dominik im Ostberliner Stadtbezirk Hellersdorf und Bettina Blümner begleitet in Prinzessinenbad drei 15jährige Mädchen durch das Westberliner Kreuzberg.

Osdorf

Die vorgestellten Jugendlichen sind aus unterschiedlichen Ländern hierher gekommen. So floh die Familie des 17-jährigen Siar vor dem Bürgerkrieg in Afghanistan nach Deutschland. Der Vater war Universitätsprofessor, die Mutter Lehrerin. Hier in Deutschland gehen sie putzen und kommen nicht darüber hinweg, ausgerechnet in diesem hoch entwickelten Land den sozialen Absturz und den kriminellen Weg ihres Sohnes zu erleben.

Jeder der Jugendlichen ist bereits mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, Diebstahl, Raubüberfälle, Körperverletzung. Sich mit Gewalt zu behaupten, hat für sie die Bedeutung, kein "Knecht" zu sein. Im Auto schwärmen die Jungen, wie toll es wäre, in den Krieg zu ziehen. Unbedarfte kindliche Naivität paart sich mit erschreckender Verrohung. Jetzt haben einige von ihnen die staatliche Auflage bekommen, zur Abschreckung die Jugendvollzugsanstalt Fuhlsbüttel zu besuchen, wo Schwerverbrecher im Rahmen des Präventionsprojektes "Gefangene helfen Jugendlichen" ihnen klarzumachen versuchen, dass es nichts Erhebendes hat, Lebenslänglich zu bekommen.

Der Film sieht sich als Reaktion auf die Jugendunruhen in Paris im Herbst 2005 und den Ereignissen an der Berliner Rütli-Hauptschule, wo Lehrer im letzten Jahr in einem Offenen Brief um Hilfe baten, weil sie sich dem aggressiven Verhalten der Schüler nicht länger gewachsen sahen. Das hatte eine teilweise hysterische Debatte über Jugendgewalt ausgelöst. Den sensationslüsternen Bildern der Boulevard-Medien setzt der Film betont unspektakuläre Bilder entgegen.

Der Regisseurin gelingt es, zum weichen Kern unter der harten Schale der Jugendlichen vorzustoßen. Diese beklagen, dass es keine wirklichen Freundschaften gibt, dass sie in einer verkehrten Welt leben, wo sich nur jemand Achtung erwirbt, der kriminell ist. Bezeichnend ist, dass keiner von ihnen eine Freundin aus dem gleichen Stadtbezirk will. Siar erklärt, von Abschiebung bedroht zu sein, glaubt aber nicht, dass dies wirklich in Deutschland passieren kann. Er sei hier zur Schule gegangen, beherrsche nicht einmal die afghanische Sprache richtig. Man könne ihn daher gar nicht ausweisen.

Leider geht Osdorf nicht über den Rahmen dessen hinaus, was man von diversen Dokumentarfilmen über rechte Jugendliche kennt, die von der unmittelbaren Nahsicht auf die Protagonisten leben, ihnen Raum geben, neben nach außen gerichteter Aggressivität auch innere Ängste und Unsicherheiten zu zeigen. In der Regel sind diese Filme stark auf diese innere Gespaltenheit der Jugendlichen fixiert und bleiben an dem Punkt stehen. Auch in Osdorf werden die recht widersprüchlichen Aussagen der Jugendlichen nicht als Impulse verstanden, denen man nachgehen könnte, um tiefer einzutauchen in einen Teil heutiger Realität. Die Bilder werden an den Zuschauer weitergereicht "mit der beunruhigenden Frage, was diese Jungs retten könnte und wie unsere Gesellschaft auf die problematische Ghettobildung reagieren sollte", wie es in der Pressemappe heißt.

In einer Szene kann man einen Jugendlichen im Boxring beobachten, wo er gewissermaßen als sozialtherapeutische Maßnahme lernen soll, seine Aggressionen unter Kontrolle zu bringen und erst zu überlegen vor dem Zuschlagen. Im Abspann des Films erfährt der Zuschauer, dass die meisten Jugendlichen seit ihrem Besuch im Gefängnis die kriminellen Aktivitäten aufgegeben hätten.

"Es gibt keine klare Bewertung", sagt Maja Classen in einem Interview des Deutschlandradio am 15. Februar, "ich guck mir das sehr genau an, hab Verständnis an manchen Ecken, kritisiere es an anderen Ecken, aber es gibt keine endgültige moralische Bewertung des Ganzen, weil ich schon Verständnis für die habe. Auch für diese Jungs, wo ich mich schon echt erschrocken habe, wie gewalttätig die sind und es mir auch kaum vorstellen konnte, aber - es ist auch richtig schwer, wenn man dort aufwächst, dem fernzubleiben und ein gutes Leben zu führen, sozusagen." (http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/profil/594809/)

Es ist offenbar, dass sich die Regisseurin bemüht, der offiziellen Haltung zur Jugendgewalt, die da lautet: Verschärfung des staatlichen Drucks, etwas Positiveres entgegenzusetzen. In der Pressemappe wird Maja Classen mit den Worten zitiert: "Durch den Film wurde mir klar, dass die Forderung ‚mach doch einfach kein Scheiß mehr’ für diese Jugendlichen nicht so einfach zu erfüllen ist. Sie sind so verstrickt in ihrem System, dass ein Aussteigen den Willen und den Mut zur Einsamkeit voraussetzt." Sie kritisiert: "Statt mehr Geld in soziale Projekte zu und Integration auszugeben, werden härtere Gesetze geschaffen. (...) Warum werden Jugendliche kriminell? Sind sie Opfer der Gesellschaft, oder selbst verantwortlich für ihr Leben und ihre Taten? Ich glaube beides trifft zu."

Die Aggressivität der Jugendlichen richtet sich gegen den Nachbarn von nebenan, den Klassenkameraden aus derselben Straße. Sie treten brutal auf gegenüber Leuten, die schwächer sind, denen es schlechter geht, die sie selbst unterdrücken können. Dieser Egoismus, dieses Fehlen von fundamentaler Solidarität ist hochgradig asozial, kriminell und besorgniserregend. Auf dieser Ebene benennt der Film ganz klar Opfer und Täter. Doch auf der Ebene, wo die gewalttätigen Jugendlichen selbst Opfer sind, wird es plötzlich sehr verschwommen und allgemein. Wo sind hier die Täter?

Als vor einigen Jahren der Dokumentarfilm Havanna, mi amor von Uli Gaulke auf der Berlinale vorgestellt wurde, erklärte der Regisseur auf eine Publikumsfrage, er habe seine Protagonisten bewusst nicht zur Politik Castros befragt, die Leute wären aus dem Schimpfen nicht mehr herausgekommen, und der Film wäre etwas ganz anderes geworden, als das, was er sich vorgestellt hätte. In Osdorf äußern sich die Jugendlichen kurz, "die Politiker" wüssten nicht, wie es hier aussieht, bzw. interessierten sich nicht für sie. Für mehr war scheinbar im Film kein Platz.

Die Befürchtung der Regisseurin, eine "endgültige moralische Bewertung" könne eher zu Ungunsten der Jugendlichen ausfallen, wovor sie sie schützen wollte, zeugt von ihrer Distanz zu der in den Medien geführten öffentliche Diskussion über Jugendgewalt. Diese ist davon geprägt, die Ursachen von Armut und Perspektivlosigkeit zu verschleiern und die Rolle der offiziellen Politik zu beschönigen.

Seit Siar in Deutschland lebt, ist er im Wesentlichen das Opfer rot-grüner Politik, die unter der Großen Koalition fortgesetzt wird. Seit 1998 standen SPD und Grüne in der Verantwortung, den politischen Rahmen für die gesellschaftlichen Spielregeln abzustecken. Im Interesse der globalen Finanz- und Unternehmensvorstände haben sie die staatlichen Ausgaben für Bildung, für soziale und kulturelle Einrichtungen drastisch gekürzt und die soziale Ungleichheit und Armut verschärft. Wenn nun Vertreter dieser Parteien ihre Gesichter in besorgte Falten legen und über Ghettobildung und die Perspektivlosigkeit von Jugendlichen reden, geht es ihnen auch jetzt nicht um politische Maßnahmen zur Beseitigung der Armut. Ihre Sorge gilt lediglich dem sozialen Frieden in Deutschland. Sie reden über Integration, klagen über fehlende Kultur und Bildung. Das ist ihre spezielle Art und Weise, über neue gesetzliche und ideologische Kontrollmechanismen zur Verwaltung der Armut nachdenken.

Prinzessinenbad

Ähnliche Zurückhaltung gegenüber "endgültiger moralischer Bewertung" scheint auch dem Dokumentarfilm Prinzessinenbad zugrunde zu liegen. Es sollte keineswegs eine Milieustudie werden, versichert die junge Regisseurin, sondern ein Film über die Pubertät. "Ein Film sollte eine gewisse Poesie behalten. Man muss nicht alles zeigen. Manchmal ist es besser, etwas nur anzudeuten."

Der Film begleitet die drei 15-jährigen Mädchen Klare, Mina und Tanutscha durch Berlin-Kreuzberg, dem Berliner Stadtbezirk, dessen multikulturelle Buntheit heute von zunehmender Armut überschattet wird. Hat das Konsequenzen für die Mädchen?

Es gibt Andeutungen: Tanutscha brummt gerade eine Jugendstrafe ab, hat ihrer Großmutter 2000 Euro gestohlen und geht in eine Einrichtung für Schulschwänzer. Sie hat bereits Drogenerfahrungen und welchen Schulabschluss sie mal schaffen wird, steht in den Sternen. Das Bildungsniveau der drei ist erschreckend niedrig. Hobbys, außer Partybesuche sind nicht groß erkennbar. Die drei rauchen und trinken Alkohol wie Erwachsene. Die Kamera begleitet sie ins Freibad, nach Hause, in die Bar, zum Telefonchat, zu den türkischen Jungs, die man mit "Kanake" betitelt, weil sie das ärgert.

Warum unterstreicht der Film immer wieder auf recht plakative Art, mit Hilfe von Berliner Hip-Hop Musik, die rotzige, rebellische Art der Mädchen. Das Presseheft bewundert ihre "entwaffnende Schlauheit, ihren Witz. (...)" Ein Film über die Pubertät, über einen Moment "wo vieles, wenn nicht alles möglich zu sein scheint." Der Glaube an die ungebrochene Kraft der Jugend und der Wunsch, die drei mögen ihr Leben meistern, macht den Film zwar ungeheuer sympathisch, was vielleicht mit den Ausschlag gab, ihn mit einem Jurypreis auszuzeichnen.

Dass aber die Möglichkeiten der Drei objektiv ziemlich eingeschränkt sind, will der Film, der keine "Milieustudie" sein möchte, nicht so recht ins Bewusstsein rücken. Und so legt er eher ausweichend nahe, dass es wichtig sei, seinen individuellen Weg zu finden, unabhängig davon, aus welchen sozialen Verhältnissen man kommt.

In dieser leichten Schönfärberei, dem Zuschauer etwas ausgewogenes "Poetisches" zu präsentieren, hat der Film dann doch etwas von jener unangenehmen Zille-Folklore, die auf gefällige Art "Berliner Gören" aus dem "Miljöh" präsentiert und damit dem Maler Heinrich Zille unrecht tut. Im Film wird immer wieder das Kreuzberger Prinzenbad eingeblendet, Symbol unkonventionell-originellen, multikulturellen Treibens, was Kreuzberg in früheren Zeiten zu einem echten Anziehungspunkt machte. Symptomatisch für den heute wesentlich unsozialeren Ton scheint die Erklärung der Mädchen in Interviews, sie gingen nicht mehr ins Prinzenbad, weil die Pöbeleien dort überhand genommen hätten.

Zirkus is nich

Zirkus is nich ist ein berührender Film über einen achtjährigen Jungen, der mit seiner arbeitslosen Mutter und zwei kleineren Geschwistern in Berlin-Hellersdorf wohnt. Die Mutter war aus der Provinz in die Berliner Plattenbausiedlung gezogen, weil sie hier hoffte, dauerhaft Arbeit zu finden, ein Trugschluss.

In der Woche geht Dominik mit seiner dreijährigen Schwester in die "Arche", eine Tageseinrichtung für Kinder sozial schwacher Familien, wo man unter Betreuung Hausaufgaben machen und spielen kann. Die beiden gehen immer allein durch den gefährlich dichten Verkehr zur Straßenbahn. Die Mutter kauft ihnen keine Fahrscheine, um die knappe Haushaltskasse nicht zu belasten. Dominik weiß das schon. Und er weiß genau, ab welchem Alter man einen Fahrschein braucht und macht sich bei Kontrollen dementsprechend jünger.

Der kurze Film beschreibt einen kleinen Jungen, der gezwungen ist, in der Familie Aufgaben eines Erwachsenen zu übernehmen. So weist er die Mutter in einem bestimmenden Erwachsenenton zurecht, nichts mehr zu trinken, wie es vielleicht sonst der Vater tun würde. Und Mutter gehorcht. Dann ist er wieder der kleine Junge, der hartnäckig quengelt, sich schreiend auf den Boden wirft, weil er unbedingt in den Zirkus gehen will.

Der Film ist ein Beispiel, dass die künstlerische Auseinandersetzung mit der Armut nicht der schablonenhaften Agitation bedarf, dass ihre Darstellung mehr sein kann, als Familien ohne Geld und ohne Arbeit in passiver Hilflosigkeit zu zeigen. Astrid Schults Film zeigt den Einfluss der Armut auf die ganze Persönlichkeit. "Armut der Sprache, der Bildung, der Phantasie" und Armut der Emotion. Der Film will verdeutlichen, "wie sehr ein junger Mensch durch das eigene Umfeld geprägt wird und die sozialen Verhältnisse auf ihn einwirken." Das "originelle" Verhalten des Jungen wird als Defizit sichtbar.

Am Ende des Films fragt die Regisseurin Dominik, wie er jeden Tag aufs Neue die Kraft zum Aufstehen aufbringt. Die Antwort kommt wie aus der Pistole: "Durch Gott". Die Regisseurin hat, genauso wenig wie die Zuschauer, mit dieser Antwort gerechnet. Im ganzen Film hat Religion keine Rolle gespielt. "Gott ist mein Freund" erklärt Dominik weiter. Die knappe Antwort des Achtjährigen, die den Schlusspunkt des Films setzt, sagt mehr über die Notlage des Jungen aus als manch langatmige, naturalistische Beschreibung von sozialem Elend.

Dieser Film besteht darauf, dass Glück nicht ausschließlich eine subjektive Größe ist. Es könnte sich viel positiv ändern, wenn die Mutter genug verdienen würde und in einer Arbeit geachtet wäre. Der Einzelne wird zwar auch unter widrigen Umständen seinen individuellen Weg suchen und finden. Der Mensch ist anpassungsfähig. Doch weit unter dem Niveau des höchsten Kultur- und Wissenschaftsstandards hat dieses persönliche Glück den faden Beigeschmack einer nur auf die schlechte Situation zurechtgezimmerte Lebensphilosophie.