Die Armut wächst weiter

In NRW sind 2.6 Millionen Menschen arm

Von Werner Albrecht und Dietmar Henning
28. Juni 2007

Das Geldvermögen in Deutschland hat sich seit 1991/92 fast verdoppelt. 4,5 Billionen Euro lagen Ende 2006 als Guthaben bei den Banken, 225 Milliarden Euro mehr als im Vorjahr, berichtete Anfang letzter Woche die Deutsche Bundesbank. Durchschnittlich habe jeder der insgesamt 40 Millionen Haushalte 115.000 Euro auf der hohen Kante. Bezieht man Immobilienwerte mit ein, verfüge jeder Haushalt sogar über 240.000 Euro, rechnet die Bundesbank vor.

Wenn nur das scheinbar belanglose Wort "durchschnittlich" nicht wäre. Die meisten Haushalte merken nichts von diesem Geldregen. Auf ihren Konten und Sparbüchern herrscht gähnende Leere. Die Vermögen sammeln sich auf den Konten der ohnehin Reichen. Gleichzeitig jubelt die Presse: "Die Börse macht wieder Millionäre". Allein der ehemalige Vorstandschef von Daimler-Chrysler, Jürgen Schrempp, dürfte durch das Einlösen von Aktienoptionen mit einem Schlag um 50 Millionen Euro reicher geworden sein.

Sozialbericht Nordrhein-Westfalen

Der NRW-Sozialbericht, herausgegeben von der nordrhein-westfälischen Landesregierung aus CDU und FDP, gibt einen Eindruck, wie ungleich die Vermögen verteilt sind. Der Bericht untersucht Reichtum und Armut in dem mit 18 Millionen Menschen bevölkerungsreichsten Bundesland. In Nordrhein-Westfalen liegt auch das Ruhrgebiet, das bis in die 1970er und 80er Jahre durch die Kohle- und Stahlindustrie geprägt und eines der größten Industriegebiete Deutschlands war. 5,3 Millionen Menschen wohnen zwischen Duisburg und Dortmund an Rhein und Ruhr.

Mit dem Niedergang der Kohle- und Stahlindustrie wuchsen auch Arbeitslosigkeit und Armut. Rund 2,6 Millionen Menschen in NRW sind arm. Sie haben weniger als 615 Euro im Monat zur Verfügung.

Der Trend seit dem ersten Sozialbericht 2004 zeigt eindeutig nach unten. Insbesondere für Kinder, Alleinerziehende, Zuwanderer, und Langzeitarbeitslose hat sich die Lage deutlich verschlechtert.

Der Sozialbericht 2007 belegt den enormen Anstieg der Kinderarmut: Jedes vierte der rund 3,3 Millionen Kinder (und Jugendlichen) im Alter unter 18 Jahren lebt mittlerweile in einem armen Haushalt. Insbesondere Alleinerziehende und ihre Kinder sowie Personen in kinderreichen Familien (mit drei und mehr Kindern) sind arm.

Überdurchschnittlich sind auch Zuwanderer von Armut betroffen. Ungefähr die Hälfte der als arm eingestuften Bevölkerung von NRW sind Migranten. Von 4 Millionen Migranten lebt somit ein Drittel unterhalb der Armutsgrenze, bei der türkisch-stämmigen Bevölkerung sind es sogar fast 44 Prozent.

Maßgeblich zum Anstieg der Armut beigetragen hat die Einführung der Hartz-Gesetze, insbesondere des Arbeitslosengeldes II (Hartz IV) im Januar 2005. So lebten im letzten Jahr 1,69 Millionen Menschen in NRW von Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld, ein Fünftel davon Kinder, während es vor der Einführung "nur" 1,18 Millionen waren. Somit hat mehr als jeder zehnte Bewohner Nordrhein-Westfalens unter 65 Jahren Hartz-IV-Gelder erhalten - im September 2006 waren es exakt 11,6 Prozent, bei Kindern im Alter unter 15 Jahren lag der Anteil sogar bei 17,3 Prozent.

Als positiver Lichtblick wird im Sozialbericht der Rückgang der Arbeitslosenzahlen von über einer Million auf 892.000 beschrieben. Doch das ist vor allem auf das Anwachsen von Billiglohnarbeit zurückzuführen. Bei jedem sechsten Vollzeit-Alleinverdiener mit Kindern reicht das Arbeitseinkommen nicht mehr aus, um der Armut zu entgehen. Gleichzeitig lebten 2001 in NRW 3.192 Einkommensmillionäre.

Der NRW-Sozialbericht beschäftigt sich auch mit der Vermögensverteilung. Das durchschnittliche Haushaltsvermögen entspricht mit 111.300 Euro ziemlich genau dem Bundesdurchschnitt. Doch die "Vermögenssumme der Haushalte des Fünftels mit den höchsten Vermögen ist rund 10.000-fach größer als die der Haushalte aus dem Fünftel mit den geringsten Vermögen", heißt es in dem Bericht.

Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich zwischen 1998 und 2003 weiter geöffnet. Die reichsten Haushalte steigerten ihr Vermögen um 17,5 Prozent auf 434.800 Euro, das Vermögen der restlichen Haushalte sank dagegen um 2,5 Prozent 48.600 Euro.

2005 waren in NRW 720.000 Personen überschuldet, d. h. sie hatten eine eidesstattliche Versicherung abgeben, eine Privatinsolvenz erklärt müssen oder eine Haftstrafe angedroht bekommen, weil sie ihre Schulden nicht abzahlen konnten. Auch hier ist gegenüber 2004 eine Zunahme um 6,5 Prozent zu verzeichnen.

Mit der wachsenden materiellen Armut geht auch Bildungsarmut einher. Fast die Hälfte aller Einkommensarmen habe keinen beruflichen Abschluss, bei den Zwanzigjährigen sind es 35,8 Prozent. Etwa 40 Prozent aller Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit haben keinen Schulabschluss, etwa Dreiviertel von ihnen haben keinen Berufsabschluss.

Sozialbericht Duisburg

In der Ruhrgebietsstadt Duisburg leben über eine halbe Million Menschen in 243.000 Haushalten. Duisburg gehört zwar zu den wenigen deutschen Stahlstandorten, in denen immer noch Stahl geschmolzen wird (Thyssen-Krupp-Stahl hat hier seinen Sitz und seine Stahlwerke), dennoch sind auch hier Zehntausende Arbeitsplätze in der Montan-Industrie vernichtet worden. Die letzte Zeche im nördlichen Stadtteil Walsum wird im Juni nächsten Jahres geschlossen.

Wie in fast allen Städten des Ruhrgebiets verläuft die Grenze zwischen Arm und Reich historisch bedingt quer durch die Stadt. Im Süden, im teilweise ländlicheren Gebiet an der Grenze zu Düsseldorf, leben die Reichen und Besserverdienenden, im Norden die Armen, Arbeitslosen und Ausländer.

Von den 324.000 Einwohnern im Alter zwischen 15 und 65 gehen nur 142.000 einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach, in den armen nördlichen Stadtteilen und Bezirken sogar noch weniger. Jeder achte Duisburger Haushalt ist überschuldet.

Die offizielle Arbeitslosenrate beträgt zwar derzeit "nur" 14,1 Prozent. Doch ist Duisburg bekannt dafür, dass hier Leistungen rigoros gekürzt werden. Zahlreiche Arbeitslose fallen aus der Statistik heraus, weil sie keine Leistungen erhalten. Der Sozialbericht bestätigt dies. Im September 2005 waren rund 40.000 Menschen als arbeitslos registriert (Mai 2007: 35.000). Doch hinzu kommen 21.000 Menschen, die zwar arbeitslos, aber nicht als solche registriert sind.

Im Bergarbeiter-Stadtteil Walsum lebt fast jeder dritte erwachsene Ausländer von Hartz IV, im Walsumer Ortsteil Aldenrade sogar jeder Zweite. In Marxloh mit seinen 18.000 Einwohnern gehen nur 31 Prozent der unter 25-Jährigen einem sozialversicherungspflichtigen Job nach. Hier leben genauso viele Menschen von Hartz IV wie von einem normalen Arbeitsverhältnis.

Kinder leiden darunter besonders. Fast jedes vierte Kind ist hier bereits im Vorschulalter übergewichtig oder sogar fettleibig. Auch werden die gesundheitlichen Vorsorgeuntersuchungen seltener als im übrigen Stadtgebiet eingehalten. Beinahe 25 Prozent der Jugendlichen Marxlohs verlassen die Schule ohne Abschluss.

Duisburg steht mit dieser Armut exemplarisch für die meisten Ruhrgebietsstädte, wie eine letzte Woche vorgestellte Studie des DGB belegt. Danach waren Ende 2006 in Gelsenkirchen über 46.000 Menschen von Hartz-IV-Leistungen abhängig. Das sind 17,2 Prozent der Einwohner und 2,1 Prozent mehr als zum Vorjahr. Von den Hartz-IV-Beziehern in der Stadt waren 12.550 Kinder unter 15 Jahren (plus 3,3 Prozent). Jedes dritte Kind unter 15 Jahren lebt somit in Armut. Die Hälfte der hilfebedürftigen Kinder ist jünger als sieben Jahre.

Tagtäglicher Überlebenskampf

Hinter jeder dieser Zahlen über die wachsende Armut stehen Abertausende persönlicher Schicksale. Ein Mitarbeiter der Freien Wohlfahrtspflege NRW berichtet über die Erfahrungen seiner Kollegen: "Unsere Leute wissen, wie Leute durch das vermeintlich dichte soziale Netz fallen, weil sie täglich direkt mit Armut konfrontiert sind." Früher habe man Armut nur in Wärmestuben, am Bahnhof oder in der Prostitution angetroffen, doch heute sehe man Arme immer öfter auch in mittelständisch geprägten Kindergärten, Schulhöfen und Pfarrgemeinden.

Kinder müssen ohne Frühstück und Mittagessen die Schule besuchen. Der Zulauf zu den "Tafeln", die Lebensmittel an Arme ausgeben, schwillt unaufhörlich an. Arbeitslose, die einen Hartz-IV-Antrag stellen und während der Bearbeitungszeit ihres Antrags keinerlei Geld erhalten, werden auf Suppenküchen verwiesen.

Die wohl perfideste Idee der Hartz-Gesetze besteht darin, dass Kinder von arbeitslosen Eltern nur begrenzt beschenkt werden dürfen. Leben Eltern von Hartz IV, müssen sie nach Festlichkeiten der Behörde mitteilen, was und wie viel ihr Kind geschenkt bekommen hat. Fahrräder, Geldgeschenke, einen Computer oder ein Sparbuch für den Führerschein gelten als Einkommen, die im Prinzip mit Leistungen der Agentur für Arbeit zu verrechnen sind. Die Rechtslage dazu: "Alles, was den Bagatellwert von 50 Euro im Jahr übersteigt, gilt als Zuwendung an die Bedarfsgemeinschaft und muss angemeldet werden." Das gelte immer - nicht nur für einmalige Ereignisse wie Kommunion, Konfirmation oder Silberhochzeit, sondern ebenso für jeden Geburtstag und für jedes Weihnachtsfest."

Nadja Klinger und Jens König liefern in ihrem Buch "Einfach abgehängt. Ein wahrer Bericht über die neue Armut in Deutschland" (Rowohlt, Berlin) eindringliche Portraits von Menschen in Armut. Sie schildern, was es bedeutet, "abgehängt" zu werden, den Verlust von Wohlstand und Chancen, materielle Not, den Ausschluss aus der Gesellschaft zu erleiden, wie dies das Selbstwertgefühl schwinden lässt, wie sich Erniedrigung, Verwahrlosung und Hoffnungslosigkeit vereinen.

So lebt die 25-jährige Kölnerin Daniela H. nach Kriterien des Sozialberichts in relativer Armut. Ihr stehen weniger als 630 Euro im Monat zu. Das Buch schildert einen X-beliebigen Tag: Sie kommt gerade von einem Termin in der Innenstadt. Da sie kein Geld für ein Straßenbahnticket hat, muss sie zu Fuß den weiten Weg mit ihrem zweieinhalbjährigen Sohn laufen. Zu Hause angekommen, gähnt ihr der leere Kühlschrank entgegen, der genauso leer ist wie ihr Geldbeutel. Fast alle Wertgegenstände hat sie bereits ins Pfandhaus gebracht. Ihr kleiner Sohn Dustin hat Hunger. Ihr bleibt also nichts anderes übrig, als Verwandte um Geld zu bitten oder zu betteln.

Die Verarmung der Bevölkerung ist das Ergebnis von sieben Jahren rot-grüner Bundesregierung unter Gerhard Schröder (SPD). Insbesondere die Hartz-IV-Regelungen haben eine Explosion der Armut bewirkt. Seit zwei Jahren arbeitet die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD weiter daran, immer größere Teile der Bevölkerung in die Armut zu treiben. Die Große Koalition unter Angela Merkel (CDU) hat sich dabei vor allem auf die Ärmsten gestürzt. Ihnen werden immer weitere Kürzungen verordnet. Am anderen Ende der Gesellschaft rafft hingegen eine winzige Minderheit einen kaum vorstellbaren Reichtum zusammen.

Siehe auch:
Hemmungslose Bereicherung am obersten Ende der Gesellschaft
(15. März 2007)
Soziale Ungleichheit in Deutschland auf Rekordniveau
(9. August 2006)