Leo Trotzki und die postsowjetische Schule der Geschichtsfälschung

Eine Kritik der beiden Trotzki-Biographien von Geoffrey Swain und Ian Thatcher

Teil 1: Siebzig Jahre seit Stalins Jahr des Terrors

Von David North
5. Juni 2007

Geoffrey Swain: Trotsky, Longman 2006, 237 S.

Ian Thatcher: Trotsky, Routledge 2003, 240 S.

2007 jährt sich zum siebzigsten Mal das schrecklichste Jahr in der Geschichte der Sowjetunion.

Nach dem politischen Schauprozess, den Stalin 1936 in Moskau inszeniert hatte, um der Ermordung Leo Kamenews, Grigori Sinowjews, Iwan Smirnows und anderer Führer der Oktoberrevolution den Anschein der Rechtmäßigkeit zu geben, initiierte er einen Terrorfeldzug, der alle Überreste marxistischen politischen Denkens und marxistischer Kultur in der Sowjetunion zu zerstörte. Der Terror zielte auf die Vernichtung aller, die in der Oktoberrevolution von 1917 eine wichtige Rolle gespielt hatten, irgendwann in ihrem Leben mit einer Form marxistischer und sozialistischer Opposition gegen das stalinistische Regime identifiziert worden waren oder - sei es persönlich, durch Genossen, Freunde oder Familie - mit einem marxistisch beeinflussten politischen, geistigen und kulturellen Umfeld in Verbindung standen.

Selbst nach 70 Jahren steht die Zahl der vom stalinistischen Regime Ermordeten noch nicht eindeutig fest. Laut einer neueren Analyse von Professor Michael Ellman von der Universität Amsterdam kommt "die genauste Schätzung der Zahl der Opfer der Repression von 1937-38, die gegenwärtig möglich ist, auf eine Zahl zwischen 950.000 und 1,2 Millionen, also etwa eine Million. Historiker, Lehrer und Journalisten, die sich mit der Geschichte Russlands - und der Welt - im 20. Jahrhundert befassen, sollten sich an dieser Schätzung orientieren." (1) Die Entdeckung neuen Tatsachenmaterials könnte aber laut Ellman eine Revision dieser Zahl erfordern.

Inzwischen liegt umfangreiches Archivmaterial vor, das ein klares Bild ergibt, wie Stalin und seine Henker im Politbüro und NKVD ihren Massenmord organisierten und ausführten. Das Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der Sowjetunion spielte bei diesem gerichtlich sanktionierten Massenmord eine zentrale Rolle. In den drei öffentlichen Schauprozessen in Moskau wurden insgesamt 54 Angeklagte verurteilt. Zehntausende jedoch zerrte das Militärkollegium vor Geheimgerichte und verurteilte sie zum Tode nach "Prozessen", die meist nur zehn oder fünfzehn Minuten dauerten. (2) Auf Listen, die vom NKVD erstellt worden waren, standen die Namen der Opfer, daneben eine Urteilsempfehlung. Diese Listen wurden Stalin und dem Politbüro zur Überprüfung vorgelegt. Die Namen waren die von "führenden Funktionären der Partei, der Sowjets, des Kommunistischen Jugendverbandes Konsomol, der Gewerkschaften, der Roten Armee und des NKVD, sowie die von Schriftstellern, Künstlern und bekannten Vertretern von Wirtschaftsinstitutionen, die von eben diesem NKVD verhaftet worden waren." (3) Stalin und sein Politbüro gingen diese Listen durch und segneten in beinahe allen Fällen das empfohlene Urteil ab - gewöhnlich Tod durch Erschießen. In den Präsidentenarchiven in Moskau gibt es 383 Listen, die Stalin zwischen dem 27. Februar 1937 und dem 29. September 1938 vorgelegt wurden. Darauf stehen maschinenschriftlich die Namen von 44.500 Personen, sowie die Unterschrift von Stalin und seinen Mitarbeitern und deren handschriftliche Kommentare. (4)

Das Militärkollegium verkündete 1937 14.732 Urteile und 24.435 weitere 1938. Stalin befehligte den Terror an vorderster Stelle und war in die täglichen Vorgänge tief verstrickt. Am 12. September 1938 unterzeichnete Stalin an einem Tag 3.167 Todesurteile zur Vollstreckung durch das Militärkollegium. (5) Wir verfügen heute über umfangreiche Informationen darüber, wie das Militärkollegium seiner Arbeit nachging. Seine Geheimprozesse führte es gewöhnlich im Moskauer Lefortowo-Gefängnis. Der in erster Linie verantwortliche Beamte war der Präsident des Kollegiums, Wassili Ulrich. An einem arbeitsreichen Tag konnte das Kollegium 30 oder mehr Fälle bearbeiten. Oft musste das Kollegium zusätzliche Gerichte einsetzen, um der unzähligen Gefangenen Herr zu werden. Ein Häftling wurde gewöhnlich dem Kollegium vorgeführt. Die Anklage wurde verlesen, und man forderte den Gefangenen meistens auf, die Aussage, die er während des früheren "Verhörs" gemacht hatte, zu bestätigen. Der Prozess wurde dann für beendet erklärt, unabhängig davon, ob der Angeklagte mit Ja oder Nein geantwortet hatte. Nach fünf solcher Fälle zog sich das Kollegium zurück, um sein Urteil zu fällen, das bereits im Voraus festgelegt und schriftlich fixiert worden war. Die Angeklagten wurden dann wieder hereingeführt, um ihr Urteil zu vernehmen - in aller Regel die Todesstrafe. Die Urteile wurden meist am selben Tag vollstreckt. (6)

Für die Mitglieder des Kollegiums bedeutete dies harte Arbeit, sie brauchten reichlich Stärkung, um weitermachen zu können. Zu den Mahlzeiten zogen sie sich in den Beratungsraum zurück. Nach den Aussagen eines Beamten des Lefortowo-Gefängnisses gab es "verschiedene Kleinigkeiten, z.B. mehrere Sorten Wurst, Käse, Butter, schwarzen Kaviar, Gebäck, Schokolade, Obst und Fruchtsaft." Ulrich spülte das Essen mit Schnaps hinunter. (7)

Das Kollegium sprach nicht nur Urteile. Häufig waren seine Mitglieder bei den Exekutionen anwesend oder führten sie sogar selbst aus. Wenn Ulrich von seiner Arbeit nach Hause kam, war seine Uniform gelegentlich vom Blut seiner Opfer verschmiert.

Nicht nur in Moskau wurden geheime Prozesse abgehalten. In Städten im ganzen Land fanden ähnliche Prozesse statt. Der Terror ließ erst nach, als das stalinistische Regime praktisch alle Vertreter der marxistischen und sozialistischen Kultur vernichtet hatte, die die geistigen Grundlagen für die Oktoberrevolution und die Gründung der Sowjetunion gelegt hatten. Die sowjetische Gesellschaft war von diesem massenhaften Morden traumatisiert. Wie der marxistische Historiker Wadim S. Rogowin schrieb:

"Im Umkreis der vernichteten Führer bildete sich eine menschenleere Ödnis, da nach ihnen auch ihre Frauen, Kinder und engsten Mitarbeiter beseitigt wurden. Die Furcht, die der Stalinsche Terror auslöste, hinterließ ihre Spuren im Bewusstsein und Verhalten mehrerer Generationen von Sowjetbürgern, nahm vielen die Bereitschaft, das Bestreben und die Fähigkeit, nach ehrlichen neuen Ideen zu suchen. Zugleich machten die Henker und Denunzianten der Stalinschen Periode weiter Karriere, die ihr eigenes Wohlergehen und das ihrer Nachkommen darauf begründeten, dass sie sich aktiv an Fälschungen, Parteiausschlüssen, Misshandlungen usw. beteiligt hatten." (8)

Stalins Verbrechen wurden mit haarsträubenden Lügen gerechtfertigt, die die marxistischen Gegner und Opfer des bürokratisch-totalitären Regimes - allen voran Leo Trotzki - als Saboteure, Terroristen und Agenten verschiedener imperialistischer und faschistischer Mächte denunzierten. Diese Lügen jedoch, die die Grundlage für die Anklagen in den Schauprozessen gegen Trotzki und andere Altbolschewiki abgaben, waren im Lauf der vorangegangenen 15 Jahre vorbereitet worden - beginnend mit der Kampagne, die Stalin und seine selbstzerstörerischen Verbündeten Sinowjew und Kamenew gegen Trotzki geführt hatten.

Wie Trotzki nach den ersten beiden Moskauer Prozessen - dem Prozess im August 1936 folgte der zweite Schauprozess im Januar 1937 - erklärte, lagen die Anfänge des Justizkomplotts in der Verfälschung der historischen Tatsachen, die sich aus dem politischen Kampf gegen den "Trotzkismus", d.h. die politische Opposition gegen das von Stalin angeführte bürokratische Regime, ergaben. "Es bleibt eine unwiderlegbare historische Tatsache, dass die Vorbereitung der blutigen Justizkomplotte mit den ‘geringfügigen’ Entstellungen der Geschichte und der ‘harmlosen’ Fälschung von Zitaten begann." (9)

Niemand, der den Ursprung des stalinistischen Terrors studiert und sich ernsthaft mit seinen Konsequenzen befasst hat, wird die politisch reaktionären und gesellschaftlich zerstörerischen Auswirkungen historischer Fälschung unterschätzen. Das Beispiel der Sowjetunion lehrt uns, dass der politische Prozess, der sich zuerst in der Fälschung der Geschichte der Russischen Revolution ausdrückte, schließlich zur Massenvernichtung russischer Revolutionäre ausartete. Ehe Stalin als einer der schlimmsten Mörder in die Geschichte einging, hatte er sich bereits den Ruf als größter Lügner der Geschichte erworben.

Trotzki entlarvte nicht nur die Lügen Stalins, er erklärte auch die objektiven Wurzeln und die Funktion des breit angelegten Systems politischer und sozialer Doppelzüngigkeit des Regimes:

"Tausende von Schriftstellern, Historikern und Ökonomen in der UdSSR schreiben auf Befehl hin, woran sie nicht glauben. Professoren in Universitäten und Lehrer an Schulen werden gezwungen, eiligst Unterrichtsbücher zu ändern, um sich den jeweiligen Erfordernissen der offiziellen Lüge anzupassen. Der Geist der Inquisition, der die Atmosphäre des Landes durchdringt, nährt sich... aus tiefen sozialen Quellen. Um ihre Privilegien zu rechtfertigen, verdreht die herrschende Kaste die Theorie, die die Abschaffung aller Privilegien zum Ziel hat. Die Lüge dient also als wichtigster ideologischer Zement der Bürokratie. Je unversöhnlicher der Widerspruch zwischen der Bürokratie und dem Volk wird, desto plumper wird die Lüge, um so unverfrorener wird sie zur verbrecherischen Fälschung und juristischen Verschwörung eingesetzt. Wer diese innere Dialektik des stalinistischen Regimes nicht verstanden hat, wird auch die Moskauer Prozesse nicht verstehen können." (10)

In der Rückschau mag es verwunderlich erscheinen, dass so viele Menschen, die sich als Linke begriffen, bereit waren, die Anklagen, die Wyschinski, der stalinistische Staatsanwalt, den angeklagten Altbolschewiki entgegenschleuderte, zu rechtfertigen oder ihnen tatsächlich Glauben zu schenken. Ein nennenswerter Teil der liberalen und linken öffentlichen Meinung erkannte die Legitimität der Moskauer Prozesse an und unterstützte auf diese Weise den Terror, der in der UdSSR wütete. Zumindest bis zum Abschluss des Nichtangriffspakts zwischen Hitler und Stalin im August 1939 betrachtete man das stalinistische Regime als politischen Verbündeten gegen Nazi-Deutschland, welcher Verbrechen es auch innerhalb der UdSSR schuldig sein mochte. Pragmatische Erwägungen, die den gesellschaftlichen Anschauungen der kleinbürgerlichen "Freunde der UdSSR" entsprangen, standen hinter den pro-stalinistischen Rechtfertigungen großer Teile der "linken" öffentlichen Meinung. Die Fürsprecher Stalins ignorierten selbst die Widerlegung zentraler Anklagepunkte. (11) Die Arbeit der Dewey-Kommission, benannt nach dem liberalen amerikanischen Philosophen, der 1937 bei der Untersuchung der sowjetischen Anklagen gegen Leo Trotzki den Vorsitz einnahm, stand in vornehmem Gegensatz zu der zynischen, unehrlichen und reaktionären Haltung, die im Milieu der linken öffentlichen Meinung, insbesondere in England, Frankreich und den Vereinigten Staaten dominierte.

Die Entlarvung des Stalinismus

Es sollte noch beinahe zwei Jahrzehnte dauern, ehe das bei den Moskauer Prozessen errichtete stalinistische Lügengebäude einzustürzen begann. Entscheidend für diese Entwicklung war die "geheime" Rede Chrustschows im Februar 1956 vor dem 20. Kongress der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die den verbrecherischen Charakter von Stalins Terror erstmals einräumte. Diesen Enthüllungen waren jedoch wichtige Entwicklungen auf dem Gebiet der Geschichtsforschung vorausgegangen, die unermesslich viel zu einem tatsachengetreuen und tieferen Verständnis der Geschichte der Sowjetunion und der Rolle Leo Trotzkis beitrugen.

Das erste wichtige Ereignis bei der historischen Rehabilitierung Trotzkis war die Veröffentlichung von E.H. Carrs monumentaler Geschichte Sowjetrusslands, insbesondere des vierten Bands mit dem Titel Das Interregnum. Dieser Band, der in großem Umfang offizielle sowjetische Dokumente verwendete, die im Westen zugänglich waren, gab eine detaillierte Darstellung der politischen Kämpfe, die 1923-24 in der Führung der sowjetischen Kommunistischen Partei ausgebrochen waren. Carr war kein politischer Sympathisant Trotzkis. Doch er analysierte die komplizierten Fragen von Programm, Politik und Prinzipien, mit denen sich Trotzki in einer schwierigen und entscheidenden Periode der sowjetischen Geschichte intensiv befasst hatte, in hervorragender Weise und fasste sie zusammen. Aus Carrs Darstellung ging klar hervor, dass Trotzki zur Zielscheibe eines prinzipienlosen Angriffs geworden war, der anfänglich vom persönlichen Machtstreben seiner Rivalen motiviert war. Carr übte zwar deutliche Kritik an Trotzkis Reaktion auf die Provokationen von Stalin, Sinowjew und Kamenew, doch ließ er keinen Zweifel daran aufkommen, dass er in Trotzki, neben Lenin, die herausragende Persönlichkeit der bolschewistischen Revolution sah. In "vielen Bereichen" revolutionären politischen Handelns, schrieb Carr in einem späteren Buch, "überstrahlte" Trotzki sogar Lenin. Zu Stalin meinte Carr, dass Trotzki ihn "in fast allem in den Schatten stellte". Das Abflauen des revolutionären Enthusiasmus innerhalb der UdSSR, seit 1922 immer deutlicher zu beobachten, wirkte sich auf Trotzkis politisches Schicksal aus. "Trotzki war ein Held der Revolution", schrieb Carr. "Er fiel, als die heroische Ära endete." (12)

Der zweite wichtige Meilenstein in der Erforschung der sowjetischen Geschichte war Isaac Deutschers maßgebliche dreiteilige Biographie: Der bewaffnete Prophet, Der unbewaffnete Prophet, Der verstoßene Prophet. Im April 2007 jährte sich der Geburtstag Deutschers zum hundertsten Mal; es geziemt sich, seine Leistung als Historiker und Biograph zu würdigen. Auch wenn ich mit vielen politischen Einschätzungen Deutschers keineswegs übereinstimme - vor allem, wenn es um die Entscheidung Trotzkis geht, die Vierte Internationale zu gründen (die Deutscher ablehnte) - kann man die Bedeutung von Deutschers Prophet kaum überschätzen. Es war keine Unbescheidenheit seinerseits, wenn er sein eigenes Werk mit dem Thomas Carlyles verglich, der als Biograph eines anderen Revolutionärs, Oliver Cromwells, "den Reichsregenten unter einem Berg toter Hunde, endloser Schmähungen und der Vergessenheit hervorzerren musste". (13) Deutscher zitierte mit Stolz einen britischen Kritiker, aus dessen Sicht der erste Band der Trilogie, Der bewaffnete Prophet, "drei Jahrzehnte stalinistischer Verunglimpfungen zunichte macht". (14).

Neben Carr und Deutscher leistete in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren eine neue Generation von Historikern wichtige Beiträge zu unserem Verständnis der russischen Revolution, der Ursprünge und der Entstehung der Sowjetunion, und ihrer führenden Persönlichkeiten. Man denkt hier sofort an Leopold Haimson, Samuel Baron, Robert Daniels, Alexander Rabinowitch, Robert Tucker, Moshe Lewin, Marcel Liebman, Richard Day und Baruch Knei-Paz. Den Wert ihrer Arbeit und ihr wissenschaftliches Verdienst anzuerkennen, bedeutet nicht, und muss es auch nicht, dass man mit ihren Einschätzungen und Schlussfolgerungen übereinstimmt. Die bleibende Bedeutung ihrer gemeinsamen Bemühungen und der anderer, die ich nicht genannt habe, besteht darin, dass sie zur Widerlegung der Lügen, Entstellungen und Halbwahrheiten beigetragen haben, unter denen die Geschichte der Russischen Revolution und der Sowjetunion so viele Jahrzehnte verschüttet lag. Nicht nur Verfälschungen der sowjetischen Regierung wurden damit widerlegt, sondern auch die abstumpfende antimarxistische Propaganda der US-Regierung in der Ära des Kalten Krieges.

Lasst mich einige Absätze aus einer Arbeit über Trotzkis Leben zitieren, die 1973 im Rahmen der bekannten "Great Lives Observed"-Reihe veröffentlicht wurde, damit ihr einen Eindruck von dem Einfluss dieser Historiker auf das geistige Klima ihrer Zeit bekommt. Diese Reihe, bei Prentice-Hall erschienen, einem Verlag für wissenschaftliche Lehrbücher mit langer Tradition, gehörte in den 1960er und 1970er Jahren zur obligatorischen Lektüre von Geschichtsseminaren an den Universitäten. Tausende von Studenten, die sich für russische oder neuere europäische Geschichte eingeschrieben hatten, lernten durch diesen Band die Person Leo Trotzki kennen. Im ersten Absatz konnten sie Folgendes lesen:

"Mit der Zeit verlieren oder gewinnen geschichtliche Gestalten an Statur. Im Fall Leo Trotzkis hat die Zeit, nachdem er kurz in Vergessenheit geraten war, sein Ansehen erhöht, so dass er heute, im Guten oder Schlechten, als einer der Giganten der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erscheint. Das neuerliche Interesse an Trotzkis Leben zeigt sich an den zahlreichen Arbeiten, die gegenwärtig erscheinen, und daran, dass beinahe alle seine Schriften plötzlich verfügbar sind. Für viele aus der Generation der Neuen Linken hat er sowohl das Ansehen als auch die Bedeutung des revolutionären Führers." (15)

Die Einleitung gab auf der Basis der Forschungsergebnisse zeitgenössischer Wissenschaftler eine präzise Einschätzung von Trotzkis revolutionärer Laufbahn. "Trotzkis Bedeutung beruht auf seinem Beitrag zur politischen Theorie, seinem literarischen Vermächtnis und vor allem seiner Rolle als Mann der Tat." In theoretischer Hinsicht zeigten Trotzkis Analyse der gesellschaftlichen Kräfte Russlands und seine Ausarbeitung der Theorie der Permanenten Revolution, "dass er als marxistischer Denker durch seine große Kreativität die Lehre von Marx und Engels bereichern konnte". Daher könne man Trotzki zu Recht "in eine Reihe mit glänzenden marxistischen Theoretikern wie Plechanow, Kautsky, Luxemburg und sogar Lenin selbst stellen". Als Literat stehe Trotzki sogar über diesen großen Marxisten. "Großartige Wortspiele, beißender Sarkasmus und hervorragende Charakterstudien zeichnen sein Schreiben aus. Trotzki lesen heißt dem Literaten bei der Arbeit zusehen." Dann kommen Trotzkis Erfolge als Mann der Tat zur Sprache. Die Einleitung hebt "Trotzkis Rolle in der revolutionären Geschichte Russlands" hervor, die "nur von der Lenins übertroffen" werde, sowie seine "entschiedene Führungsrolle im Militärischen Revolutionskomitee, die den Weg für die Oktoberrevolution freimachte..." Der Leser wird auch auf Trotzkis "entschlossene Anstrengungen, trotz gewaltiger Hindernisse die Rote Armee aufzubauen", aufmerksam gemacht. (16)

Keiner dieser Leistungen war der Masse der sowjetischen Bürger bekannt. Eine ehrliche Darstellung von Trotzkis Leben und Werk gebe es in der UdSSR nicht, weil "sowjetische Historiker eine verantwortungsbewusste Geschichtsschreibung schon lange aufgegeben haben und sich dem absurden Bemühen widmen, eine neue Dämonologie zu schaffen". Innerhalb der Sowjetunion bleibe Trotzki "eine Abstraktion des Bösen - eine Kraft, die gegen die Zukunft des sowjetischen Volkes arbeitet". (17) Außerhalb der UdSSR allerdings sei die Situation anders:

"Die sowjetische Dämonologie, von Beginn an absurd, ist, zumindest in der westlichen Welt, weitgehend überwunden. Der dritte Teil dieses Buches enthält ausgewählte Texte relativ neuer Autoren zum Thema Trotzki. Beste Beispiele für diese objektivere wissenschaftliche Haltung sind Edward Hallett Carrs mehrbändige Untersuchung Die bolschewistische Revolution und Isaac Deutschers detailgenaues dreibändiges Werk über Trotzki. Auch wenn die historische Debatte auf Dauer unentschieden bleiben mag, kann im Licht dieser neueren Untersuchungen die Rolle Trotzkis in der russischen Erfahrung aus neuer und positiver Perspektive gesehen werden. Im Westen hat sich die unheilvolle Wolke aufgelöst, die Dämonen wurden vertrieben. Jetzt können wir uns ganz mit den materiellen Kräften und Problemen beschäftigen, die das Handeln Leo Trotzkis motivierten und inspirierten."(18)

Ich habe diesen Text ausführlich zitiert, weil er in klaren Worten zusammenfasst, was ein gewöhnlicher Student der Geschichte an der Universität vor etwa 35 Jahren über Trotzki gehört hätte.(19) Wenn wir uns dagegen die Texte ansehen, welche die Studenten heute zu lesen bekommen, merkt man sogleich, dass wir in einem sehr veränderten - und weit weniger gesunden - geistigen Umfeld leben. Zuvor aber muss ich wenigstens kurz darauf eingehen, wie das Thema Trotzki in der sowjetischen Literatur nach der "Geheimrede" von Chrustschow auf dem 20. Kongress behandelt wurde.

Sowjetische Geschichte nach dem 20. Kongress

Die offizielle Enthüllung der Verbrechen Stalins im Jahr 1956 drängte die Kreml-Bürokratie und ihre zahlreichen Verteidiger in die Defensive. Die von der Partei vertretene Version der Geschichte war fast zwei Jahrzehnte lang Stalins "Kurzer Lehrgang der Geschichte der KpdSU" gewesen. Kaum war Chrustschow ans Rednerpult des Zwanzigsten Parteikongresses getreten, da büßte dieses bluttriefende Kompendium unfassbarer Lügen jegliche Glaubwürdigkeit ein. Womit aber konnte es ersetzt werden? Auf diese Frage fand die stalinistische Bürokratie niemals eine tragfähige Antwort.

Jede bedeutsame Frage zur Geschichte der russischen revolutionären Bewegung - die Ereignisse von 1917, der Bürgerkrieg, die frühen Jahre des Sowjetstaates, die innerparteilichen Konflikte der 1920er Jahre, das Anwachsen der sowjetischen Bürokratie, das Verhältnis der Sowjetunion zu internationalen revolutionären Bewegungen und Kämpfen, die Industrialisierung, die Kollektivierung, die Kulturpolitik der Sowjetunion und der stalinistische Terror - führte unvermeidlich zu Leo Dawidowitsch Trotzki. Jede Kritik an Stalin mündete in der Frage: "Hatte Trotzki recht?" Die historischen, politischen, theoretischen und moralischen Fragen, die sich aus der Aufdeckung der Stalinschen Verbrechen ergaben, sowie die katastrophalen Auswirkungen seiner Politik und Persönlichkeit auf jeden Aspekt der sowjetischen Gesellschaft waren nicht damit erledigt, dass man Stalin aus seinem von Glas umgebenen Mausoleum neben Lenin entfernte und seinen Leichnam unter den Mauern des Kreml bestattete.

Isaac Deutscher hatte die Hoffnung genährt - eine Hoffnung, in der sich die Begrenztheit seiner politischen Anschauungen ausdrückte -, die stalinistische Bürokratie werde irgendwann doch mit der Geschichte ins Reine kommen und ihren Frieden mit Leo Trotzki schließen. Das erwies sich als vergebliche Hoffnung. Ein ehrlicher Umgang mit Trotzki hätte bedeutet, seine Schriften der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Doch das revolutionäre Potential von Trotzkis Enthüllungen und Anklagen gegen das stalinistische Regime war nach Jahrzehnten noch ebenso explosiv wie zu seinen Lebzeiten.

Als Gorbatschow 1985 an die Macht kam und seine Glasnost -Politik verkündete, wurde in der Öffentlichkeit viel über die offizielle Rehabilitierung Trotzkis gesprochen. Vor dem 70. Jahrestag der Oktoberrevolution ging man weithin davon aus, dass Gorbatschow die Gelegenheit nutzen werde, um Trotzkis Rolle in der Führung der Oktoberrevolution und seinen Kampf gegen Stalin zu würdigen. Jedoch trat genau das Gegenteil ein. Am 2. November 1987 griff Gorbatschow in einer landesweit im Fernsehen übertragenen Rede Trotzki noch einmal in traditioneller stalinistischer Manier an. Trotzki, sagte er, war "ein extrem von sich eingenommner Politiker, der immer unklar blieb und intrigierte". (20)

Als Gorbatschow seine beschämende Rede hielt, entwickelte sich in der Sowjetunion rasch ein Interesse an Trotzki und dem Kampf der Linken Opposition gegen den Stalinismus. Sowjetische Zeitungen, die - zum erstenmal seit den 1920er Jahren - Dokumente über Trotzki veröffentlichten, so die Zeitung Argumenti i Fakti, erfreuten sich einer starken Auflagensteigerung. Trotzkisten aus Europa, Australien und den USA reisten in die Sowjetunion und hielten sehr gut besuchte Vorträge. Gorbatschows Rede stellte sicherlich den Versuch dar, dieser veränderten Situation zu begegnen, erwies sich jedoch als völlig erfolglos. Die alten stalinistischen Lügen - die Leugnung der Rolle Trotzkis in der Oktoberrevolution, seine Darstellung als Feind der Sowjetunion - hatten jede Glaubwürdigkeit eingebüßt.

Wenig mehr als vier Jahre nach Gorbatschows Rede hatte die Sowjetunion aufgehört zu existieren. Trotzkis Warnung, dass die stalinistische Bürokratie, wenn sie nicht von der Arbeiterklasse gestürzt würde, letztlich die Sowjetunion zerstören und den Weg freimachen würde für die Restauration des Kapitalismus, hatte sich bestätigt.

Anmerkungen:

[1] "Soviet Repression Statistics: Some Comments," Europe-Asia Studies, Vol. 54, No. 7 (Nov. 2002), S. 1162.

[2] Das Material über die Arbeit des Kollegiums ist entnommen aus "Mass Terror and the Court: The Military Collegium of the USSR," von Marc Jansen and Nikita Petrov, Europe-Asia Studies, Vol. 58, No. 4, Juni 2006, S. 589-602.

[3] Ebenda, S. 591]

[4] Ebenda

[5] Ebenda, S.593

[6] Ebenda, S. 595.

[7] Ebenda, S. 596

[8] Wadim S. Rogowin, 1937: Jahr des Terrors (Essen, 1998), S. 20

[9] The Stalin School of Falsification (London, 1974), S. ix.

[10] Ebenda, S. xiii.

[11] So bezeugte beim ersten Moskauer Prozess der Angeklagte Holtzman, er sei 1932 als Kurier nach Kopenhagen geschickt worden, wo er sich im Hotel Bristol mit Trotzkis Sohn Leon Sedow getroffen und von ihm aufrührerische antisowjetische Befehle entgegengenommen habe. Bald stellte sich jedoch heraus, dass das Kopenhagener Hotel Bristol 15 Jahre zuvor, 1917, durch einen Brand zerstört worden war. Das entscheidende konspirative Treffen konnte nicht stattgefunden haben. Beim zweiten Moskauer Prozess sagte der Altbolschewik und frühere Linksoppositionelle Juri Piatakow aus, dass er 1935 von Berlin aus, wo er geschäftlich für die Sowjetregierung tätig war, heimlich nach Oslo geflogen sei. Piatakow behauptete, er sei zu Trotzkis Wohnung gefahren worden. Dort angekommen, so Piatakow - und er zitierte aus einem Text, den die NKVD-Verhörspezialisten geschrieben hatten -, hätte ihn Trotzki in Kenntnis gesetzt, dass er (Trotzki) Verbindungen zu Geheimdiensten des Nazi-Regimes unterhalte. Dann gestand Piatakow, er selbst habe sich bereit erklärt, sich an Trotzkis anti-sowjetischer und pro-Nazi-Verschwörung zu beteiligen. Noch vor dem Ende des Prozesses löste sich Piatakows Zeugenaussage allerdings in Luft auf. Die norwegische Presse berichtete, dass zwischen September 1935 und Mai 1936 kein ausländisches Flugzeug auf dem Flughafen von Oslo gelandet sei! Piatakows Geschichte, die für die gesamte stalinistische Verschwörung von zentraler Bedeutung war, war als dreiste Fälschung entlarvt.

[12] Socialism in One Country, Volume One (New York, 1958), S. 152

[13] The Prophet Unarmed (London, 1959), p. v.

[14] Ebenda

[15] Trotsky (Englewood Cliffs, NJ, 1973), S. 1

[16] Ebenda

[17] Ebenda, S. 1-2

[18] Ebenda

[19] Eine Besprechung in der wissenschaftlichen Zeitschrift The History Teacher zeigt deutlich, an wen sich der Band richtet:

"Für Lehre und Unterricht sollte diese Ausgabe weite Verbreitung finden. Im Unterschied zu anderen Büchern dieser Reihe überhäuft dieser Band seine Leser nicht mit einer Unzahl von Zitaten aus den philosophischen oder politischen Schriften der dargestellten Personen. Er beschreibt in knapper Form die Erfolge Trotzkis und gibt dem Leser die unterschiedlichen historischen Deutungen seiner Laufbahn an die Hand.

Ein guter Dozent eines Kurses über russische Geschichte sollte in der Lage sein, den Text effektiv einzusetzen, indem er die relativ kurzen ausgewählten Texte als Ausgangspunkt für eine weitere Beschäftigung mit den ausführlichen Ansichten der Autoren nutzt. Wer sich gelegentlich mit der Thematik befasst, den wird die Kürze der Darstellung erfreuen - ganze 170 Seiten. Wichtiger ist natürlich der Nutzen, den die eigentlichen Studenten der russischen Geschichte daraus ziehen können. Angeregt vom Inhalt, doch enttäuscht von der Kürze des Textes, werden sie hoffentlich tiefer in die originalen Tagebücher, die Autobiographie und die Biographien über Trotzki eintauchen. Der Erfolg jeden Bandes dieser Reihe sollte an der Zahl der Studenten, die genau das tun, gemessen werden." Band 7, No. 2 (Februar 1974), S. 291-92

[20] Damit nicht genug. Gorbatschow fuhr fort:

"Trotzki und die Trotzkisten leugneten, dass man den Sozialismus in kapitalistischer Umzingelung aufbauen könne. In der Außenpolitik wollten sie vor allem den Export der Revolution, in der Innenpolitik den Bauern die Daumenschrauben anziehen, die Ausbeutung des Dorfes durch die Stadt, die Gesellschaft mit administrativen Vorschriften und militärischen Befehlen leiten.

Der Trotzkismus war eine politische Strömung, deren Ideologen sich hinter linker pseudorevolutionärer Rhetorik versteckten, während sie in Wirklichkeit eine defätistische Position einnahmen. Im Wesentlichen stellte dies einen Generalangriff auf den Leninismus dar. Es ging wirklich um die Zukunft des Sozialismus in unserem Land, um das Schicksal der Revolution.

Unter den gegebenen Umständen war es von größter Bedeutung, den Trotzkismus vor dem gesamten Volk zu widerlegen und seinen antisozialistischen Inhalt aufzudecken. Die Situation wurde noch schwieriger durch den Umstand, dass die Trotzkisten gemeinsame Sache machten mit der neuen Opposition um Grigori Sinowiew und Leo Kamenew. Im Bewusstsein, eine Minderheit zu sein, zettelten die Oppositionellen immer und immer wieder Diskussionen an in der Hoffnung, die Partei spalten zu können.

Letztlich aber sprach sich die Partei für die Linie des Zentralkomitees aus und gegen die Opposition, die bald darauf ideologisch und organisatorisch besiegt wurde.

Kurz, der führende Kern der Partei, unter der Führung Josef Stalins, hatte den Leninismus in einem ideologischen Kampf bewahrt. Er legte die Strategie und Taktik in der anfänglichen Phase des sozialistischen Aufbaus fest, und die Mehrheit der Parteimitglieder und der arbeitenden Bevölkerung hieß diesen Kurs gut. Eine wichtige Rolle beim ideologischen Sieg über den Trotzkismus spielten Nikolai Bucharin, Felix Dscherschinski, Sergij Kirow, Grigori Ordschonikidse, Jan Rudzutak und andere." (The New York Times, 3. November 1987)

Siehe auch:
Teil 2: Die Erforschung Trotzkis nach dem Fall der UdSSR
(7. Juni 2007)
Teil 3: Die Methode von Ian Thatcher
(8. Juni 2007)
4. Teil: Die Bedeutung Trotzkis
(12. Juni 2007)