Leo Trotzki und die postsowjetische Schule der Geschichtsfälschung

Eine Kritik der beiden Trotzki-Biographien von Geoffrey Swain und Ian Thatcher

Teil 3: Die Methode von Ian Thatcher

Von David North
8. Juni 2007

Geoffrey Swain: Trotsky, Longman 2006, 237 S.

Ian Thatcher: Trotsky, Routledge 2003, 240 S.

Ich bin bereits kurz auf die Methode Ian Thatchers eingegangen. Am Beispiel von drei Absätzen in der Einleitung zu seiner Trotzki-Biographie möchte ich diesen Punkt noch einmal aufgreifen.

"Nach Trotzkis Darstellung hatte nur er das Jahr 1917 ehrenvoll bestanden. Stimmte man 1924 den ‘Lehren des Oktober’ inhaltlich zu, dann konnte nur einer den inzwischen verstorbenen Lenin ersetzen, nämlich Leo Trotzki. Es ist also vollkommen verständlich, dass Trotzkis Kollegen seine ‘Lehren des Oktober’ widerlegen wollten, weil er ihnen darin vorwarf, 1917 menschewistische Sünden begangen zu haben. Sie taten dies in einer Reihe von Reden und Artikeln, die dann als Sammelband in Russisch und als Übersetzung veröffentlicht wurden.

Führende Bolschewiki (u.a. Kamenew, Stalin, Sinowjew und Bucharin) sowie prominente Vertreter der Kommunistischen Internationale (Komintern) und des Kommunistischen Jugendverbandes (Konsomol) vertraten die Auffassung, Trotzkis Schrift sei keine wahrheitsgetreue Geschichte der Oktoberrevolution. Ziehe man etwa die wichtigsten Dokumente der damaligen Zeit und einen wachsenden Bestand von schriftlich niedergelegten zeitgenössischen Erinnerungen zu Rate, behaupteten die Gegner Trotzkis, könne man feststellen, dass er aus seiner Erinnerung heraus ein sehr verzerrtes Bild gezeichnet habe. Es falle insbesondere ins Auge, dass Trotzki die Rolle Lenins und der Bolschewistischen Partei heruntergespielt und seinen eigenen Beitrag übertrieben habe. Falsch sei beispielsweise die Behauptung, 1917 habe ein langer und erbitterter Kampf zwischen einem Lenin stattgefunden, der die Partei mit Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution neu bewaffnen wollte, und einer rechten menschewistischen Fraktion in den Reihen der Bolschewiki. Vielmehr habe sich Lenins Analyse der Ereignisse von 1917 aus einer seit langem vertretenen Theorie der Russischen Revolution ergeben. Nachdem Lenin seine Mitstreiter von der Richtigkeit der Weiterentwicklung seiner Strategie überzeugt habe, hätten Trotzki oder der Trotzkismus Lenin und die Partei in keiner Weise mehr beeinflusst.

In Wirklichkeit, so die weiteren Argumente gegen Trotzki, sei die gesamte Geschichte des Leninismus und Bolschwismus vor und nach 1917 eine Geschichte der Opposition gegen den Trotzkismus gewesen. Trotzki habe leider nicht verstanden, dass er 1917 nur deshalb eine Rolle spielte, weil er unter Anleitung der Bolschewistischen Partei handelte. Er sei nicht mit voller Überzeugung zum Bolschewismus gekommen, sonst hätte er eine ganz andere Version der Geschichte geschrieben. Er hätte zum Beispiel seine in der Vergangenheit und jüngst begangenen theoretischen und organisatorischen Fehler eingestanden. Nur so hätte die Jugend verstehen können, worin die wirkliche Beziehung zwischen Leninismus und Trotzkismus bestehe und wie man die Sünden Trotzkis vermeiden könne. ‘Lehren des Oktober’ sei der Versuch Trotzkis, den Leninismus durch den Trotzkismus zu ersetzen. Dies werde die Bolschewistische Partei jedoch nicht zulassen. Die Führung erkannte die Gefahr des Trotzkismus, die sich in Trotzkis Unterschätzung der Bauernschaft zeigte sowie in seiner falschen Politik während der Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk, in der Debatte über die Gewerkschaften und in der Frage der Währungsreform." [50]

Die Bedeutung dieser Absätze liegt darin, dass sie beispielhaft eine raffinierte stilistische Technik verdeutlichen, die Thatcher immer wieder einsetzt, um zu vertuschen, dass er die Geschichte fälscht: er konstruiert eine scheinbar objektive Darstellung der Geschichte aus den voreingenommenen Aussagen von Trotzkis politischen Todfeinden. Die eben zitierten drei Absätze bestehen fast ausschließlich aus Lügen. Thatcher hat für die "Kritik" an Trotzki eine Reihe von verlogenen Vorwürfen zusammengestellt, die Stalin, Sinowjew und Kamenew im November und Dezember 1924 gegen Trotzki richteten, um seine glänzende Analyse der politischen Differenzen und Kämpfe innerhalb der Bolschewistischen Partei in diesem für die Revolution so wichtigen Jahr zu verunglimpfen.

Trotzkis "Lehren des Oktober" untersuchten Ereignisse und Kontroversen, die Sinowjew, Kamenew und Stalin - deren rechte und versöhnlerische Politik sie 1917 mehrmals in Opposition zu Lenin gebracht hatte - am liebsten nicht öffentlich thematisiert sehen wollten. Stalin und Kamenew unterhielten im März 1917, vor Lenins Rückkehr nach Russland, ein Bündnis mit den Menschewiki. Im Oktober 1917 hatten sich Kamenew und Sinowjew gegen den Aufstand ausgesprochen. Zudem konnte sich nur Lenins eigener Beitrag zum Sieg der Bolschewiki im Oktober 1917 mit dem Trotzkis messen. Die Argumente in den zitierten Passagen wurden zurechtgezimmert, um die Wirkung von Trotzkis Kritik in "Lehren des Oktober" abzuschwächen und seinen Ruf als revolutionärer Führer zu zerstören. Wie der Historiker Robert V. Daniels bemerkte, waren die als Reaktion auf "Lehren des Oktober" gegen Trotzki erhobenen Vorwürfe "entweder völlig konstruiert oder über alle Maßen übertrieben - die gekränkten Führer waren darauf aus, den Menschen zerstören und nicht theoretische Fehler zu bekämpfen." [51]

Doch Thatcher erklärt uns weder, in welchem Zusammenhang der Angriff auf Trotzki geführt wurde, noch überprüft er, ob er auf richtigen Tatsachen beruht. In der Pose einstudierter Ausgewogenheit präsentiert er Lügen und Konstrukte. Die "Argumente gegen Trotzki" - Thatchers schönfärberische Bezeichnung für die monströse Verleumdungskampagne der Bürokratie - wird als vernünftig, würdig und legitim dargestellt. Thatcher stellt seine Biographie als Müllkippe für politische und historische Fälschungen zur Verfügung, auf die die aufsteigende Sowjetbürokratie ihren Kampf gegen Trotzki gründete. Diese heimtückische und unehrliche Methode, mit der alte Lügen in neuer Verpackung als objektive Darstellung der Geschichte präsentiert werden, wendet Thatcher immer wieder an.

Der "Mythos" 1905

Wie Swain verspricht auch Thatcher, "Schlüsselmythen" über Trotzkis Leben aufzudecken, wie etwa seine Rolle in der Revolution von 1905. Wir wollen untersuchen, wie Professor Thatcher seine Aufgabe angeht. Da Trotzkis entscheidende Rolle in der Revolution von 1905 unter Wissenschaftlern auf der ganzen Welt allgemein anerkannt ist, müsste Thatcher eigentlich verstehen, dass eine Kampfansage an diesen wissenschaftlichen Konsens eine sorgfältige Sichtung und Präsentation neuer Fakten und Argumente erfordert. Es stellt sich jedoch heraus, dass Thatchers "Entmythologisierung" der Rolle Trotzkis im Jahr 1905 gerade einmal einen relativ kurzen Absatz in Anspruch nimmt, und dies trotz des (auch auf dem Buchrücken zitierten) Einführungstextes des Verlags, der speziell auf dieses Thema aufmerksam macht.

Thatcher beginnt so: "Es ist schwierig, den genauen Einfluss zu bestimmen, den Trotzki auf den Verlauf der Revolution von 1905 hatte." Ja, es mag schwierig sein, den genauen Einfluss zu bestimmen, doch es gibt eine Fülle von Informationen, die ein begründetes Urteil über Grad und Ausmaß seines Einflusses erlauben. Zahlreiche Memoiren aus dieser Zeit bezeugen seine dominierende politische Präsenz. Trotzki wurde zum Vorsitzenden des Petersburger Sowjets der Arbeiterdeputierten gewählt, war Herausgeber zweier Zeitungen, der Russkaya Gaszeta und der Natschalo, die eine hohe Auflage hatten. Als wolle er diesen Einwand entkräften, behauptet Thatcher: "Wir können nicht wissen, wie viele Menschen er als Journalist erreichte." [52] Auch das entspricht nicht der Wahrheit. In einem von ihm selbst verfassten Artikel in History Review vom September 2005 gibt Thatcher zu, dass die Auflage dieser beiden Zeitungen möglicherweise bei 100.000 Exemplaren lag und damit mindestens um 20.000 höher war als die konkurrierender Zeitungen. [53] Urplötzlich führt Thatcher dann ein neues Argument ein, das mit Trotzkis politischem Einfluss in der Revolution von 1905 nichts zu tun hat. "Es ist unwahrscheinlich", schreibt er, "dass Trotzki viele Bauern erreichte. Er hatte gar keine Verbindungen zum Dorf, und seine Aufrufe wurden nicht massenhaft unter den Bauern verteilt." [54]

Das geht nun wirklich an der Sache vorbei. Der Einfluss von Trotzki und der russischen sozialdemokratischen Bewegung als Ganzer entwickelte sich durch ihre Massengefolgschaft unter dem städtischen Proletariat. Der Petersburger Sowjet war ein politisches Organ der Arbeiterklasse, entstanden auf einer Welle revolutionärer Aktivität der Arbeiterklasse, darunter der von den Massen getragene Generalstreik im Oktober 1905. Die Bauernschaft schloss sich den Unruhen erst 1906 in großer Zahl an, als die von Sozialisten geführte Bewegung der Arbeiterklasse bereits niedergeschlagen worden war.

Weiter heißt es bei Thatcher: "Selbst in der Hauptstadt, seiner Hochburg, gründete er keine spezielle Einrichtung und bildete keine Fraktion. Beispielsweise war er nicht die führende Kraft bei der Entstehung des Sowjets der Arbeiterdeputierten, auch wenn er vielleicht später, wie ein Beteiligter berichtet,der unangefochtene Führer der Menschewiki im Petersburger Sowjetwar." (Hervorhebung DN) [55] Wie schon beim Thema Bauernschaft, bringt Thatcher die Frage, welcher Fraktion Trotzki angehörte, nur deshalb ins Spiel, um schweres Geschütz gegen gesicherte historische Beweise aufzufahren. Zu dem fraglichen Zeitpunkt in der Geschichte der russischen sozialdemokratischen Bewegung waren die Fraktionszugehörigkeiten weitaus fließender als schließlich im Jahr 1917. Trotzkis relative Unabhängigkeit von den wichtigsten politischen Fraktionen stärkte in Wirklichkeit seine politische Stellung. Man beachte Thatchers schwerfällige Formulierung, "auch wenn er vielleicht später" der unangefochtene Führer der Menschewiki im Petersburger Sowjet’ war. Nur "vielleicht?" Thatcher legt hier keine gegenteiligen Beweise vor, man kann aber sicher sein, dass er sie gleich herausposaunt hätte, wenn es sie gäbe. Stattdessen führt er ein neuartiges Argument ein: "In den Memoiren des damaligen Premierministers Graf Witte wird Trotzki überhaupt nicht erwähnt... das bestätigt lediglich, dass Trotzki im Bewusstsein der Bevölkerung zu dieser Zeit kaum Eindruck hinterließ."

So argumentiert ein gerissener Gauner, kein verantwortungsbewusster Wissenschaftler. Graf Witte, der Premierminister des Zaren, ließ Trotzki in seinen Memoiren unerwähnt. Diesem Detail misst Thatcher außergewöhnliche historische Bedeutung bei. Er behauptet, man könne aus dieser Tatsache weitreichende Schlussfolgerungen über den Stellenwert Trotzkis im Bewusstsein der Bevölkerung im Herbst 1905 ableiten. Warum, diese Frage stellt sich sofort, hat Thatcher nicht andere Memoiren zitiert, von Personen, die mit dem Leben in den Arbeiterbezirken von St. Petersburg vertrauter waren als Graf Witte, ein betagter Aristokrat, der sich meist in Palästen und weitläufigen Ländereien im Grünen aufhielt. Für skrupellose und schlechte Wissenschaftler ist es charakteristisch, dass sie historische Beweise unterdrücken oder unbeachtet lassen, die im Widerspruch zum eigenen Standpunkt stehen. Genau das hat Thatcher getan. Er hätte seine Studenten zum Beispiel auf die Erinnerungen von Anatoli Lunatscharski aufmerksam machen sollen, der als Mitglied der bolschewistischen Fraktion an der Revolution von 1905 teilnahm. In seinem berühmten Buch "Silhouetten" urteilte Lunatscharski so über Trotzkis Rolle 1905:

"Seine [Trotzkis] Popularität im Petersburger Proletariat war in jener Zeit (seiner Verhaftung) sehr groß und stieg noch mehr infolge seines ungewöhnlich wirkungsvollen und heroischen Verhaltens vor Gericht. Ich muss sagen, dass die Jahre 1905-06 Trotzki, trotz seiner Jugend, unter allen sozialdemokratischen Führern als am besten vorbereitet gefunden haben; auf ihm lastete am wenigsten der Stempel der Emigration, der damals sogar Lenin hemmte. Trotzki fühlte deutlicher als die anderen, was ein umfassender Kampf gegen den Staat bedeutet. Er ist auch aus der ersten Revolution mit dem größten Gewinn an Popularität hervorgegangen; eigentlich hatten weder Lenin noch Martow dabei etwas gewonnen. Plechanow hatte sogar infolge der verschiedenen halbliberalen Tendenzen, die bei ihm zutage getreten waren, sehr viel eingebüßt. Trotzki aber nahm seitdem einen Platz in der ersten Reihe ein." [57]

Lunatscharski erinnerte auch an eine Begebenheit, bei der Trotzki in Gegenwart Lenins als der starke Mann des Petersburger Sowjets gewürdigt wurde. Zu dieser Zeit gehörten Lenin und Trotzki unterschiedlichen Fraktionen an, so dass Lenin nicht unbedingt erfreut gewesen sein dürfte, den politischen Triumph seines Rivalen zu vernehmen. Lunatscharski schreibt: "Lenins Gesicht verfinsterte sich für einen Augenblick, dann sagte er: ‘Nun, Trotzki hat es sich in unermüdlicher und hervorragender Arbeit erkämpft’." [58]

Thatcher lässt auch eine andere Kurzbiographie dieser Zeit unerwähnt - von Theodor Dan, einem Führer der Menschewisten, die keinen Zweifel über den immensen politischen Einfluss Trotzkis im Jahr 1905 lässt. Die politische Perspektive, die mit dem Namen Trotzki nun einherging - die Anerkennung des proletarischen und sozialistischen Charakters der Revolution - fand bei großen Teilen sowohl der bolschewistischen wie der menschewistischen Tendenz starken Anklang.

Dan erinnert sich, dass "praktisch sowohl die Menschewiki als auch die Bolschewiki in Richtung ‚Trotzkismus’ trieben. Für kurze Zeit bildete der ‚Trotzkismus’ (der damals natürlich noch nicht diesen Namen trug) zum ersten und letzten Mal in der Geschichte der russischen Sozialdemokratie deren einigende Plattform. Es war also kein Zufall, dass nach der Verhaftung des Vorsitzenden des Petersburger Sowjets der Arbeiterdeputierten Chrustalow (im November) Trotzki sein natürlicher, unangefochtener Nachfolger wurde - für die wenigen kurzen Tage, die der Sowjet noch bestehen sollte." [59]

Dass Thatcher wichtige Augenzeugenberichte nicht anführt, die seinen Versuch behindern oder vereiteln, Trotzkis Rolle in der Revolution von 1905 in Zweifel zu ziehen, entwertet nicht nur seine Biographie, sondern beschädigt auch seine Integrität als Historiker. Ich muss betonen, dass die unzulässige Art, in der er Trotzkis Rolle 1905 behandelt, keinen Einzelfall darstellt, sondern symptomatisch für die Methode ist, die er in dieser Biographie durchgehend anwendet, um Trotzki in Misskredit zu bringen.

Thatcher fälscht die Geschichte des innerparteilichen Kampfes

Thatchers Darstellung des politischen Kampfes, der in den frühen 1920er Jahren innerhalb der russischen Kommunistischen Partei aufkam, ist ein Hohn auf jede wissenschaftliche Geschichtsschreibung. Wie schon in der Einleitung greift er die Argumente der fraktionellen Gegner Trotzkis auf und gibt sie als objektive Darstellung der historischen Ereignisse aus. So schreibt er in einem der wichtigsten Abschnitte der Biographie, der sich mit dem Ausbruch des innerparteilichen Kampfes im Oktober 1923 befasst, Trotzki habe "sein Anti-Bürokratie-Programm mit der ihm eigenen Eindringlichkeit und Leidenschaft verfochten, weil er glaubte, dass die Partei in eine neue Epoche eintrete, die sie nur mit seinen Methoden unbeschadet überstehen könne." (Hervorhebung DN) [60]

Er fährt fort: "Doch seine Kollegen in den führenden Gremien der Partei waren nicht davon überzeugt. Sie hatten ihre Zweifel, ob die Dinge wirklich so schlecht lagen, wie sie Trotzki beschrieb. Natürlich gab es ökonomische Probleme, doch damit hatte man ja auch gerechnet. Jedenfalls gab es keine unmittelbare Gefahr eines Zusammenbruchs. Die Partei stellte sich auf einige Jahre anstrengender und kontinuierlicher Arbeit ein, um bis dahin die Wirtschaft wieder voll auf Kurs zu bringen. Was die Partei anging, so meinten Trotzkis Genossen, könnten sie sich selbst dazu gratulieren, dass sie eine neue Generation von Kadern erzogen habe. Dieser Zustrom an frischem Blut würde die Lösung wichtiger Fragen zweifelsohne vorantreiben. Eine Mehrheit der Altbolschewiki lehnte Trotzkis Analyse angeblicher Krankheiten, an denen die Partei leide, ab und fragten sich, ob man von Trotzki vernünftige und rationale politische Vorschläge erwarten könne. Trotzki übertreibe gern, wenn es um Schwierigkeiten gehe, behaupteten sie, während seine Lösungsvorschläge bemerkenswert schwammig seien. Für die Mehrheit des Politbüros war Trotzki Teil eines Problems, keine Lösung. Wenn er besorgt war wegen fehlender systematischer Führung, weshalb nahm er dann nicht an wichtigen Sitzungen des Rates für Arbeit und Verteidigung und des Kabinetts teil? Trotzkis Arbeitsgewohnheiten ließen nicht unbedingt auf Gewissenhaftigkeit schließen. Überdies war sehr auffällig, dass es nur selten konkrete Vorschläge von ihm gab. Überraschend war das kaum, denn seine politischen Verdienste waren überhaupt nicht vielversprechend. In den Jahren zuvor hatte Trotzki eine Reihe von Niederlagen erlitten, unter anderem, als er sich während der Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk und in der Gewerkschaftsfrage gegen Lenin gestellt hatte. Für Trotzkis Kollegen waren seine Beschwerden nicht in der Realität begründet, sondern in einem Gefühl verletzten Stolzes, das sich aus persönlichen Enttäuschungen nährte. Er konnte beispielsweise gar nicht erfreut darüber gewesen sein, als im April 1923 der Zwölfte Parteitag seinem militanteren Kurs in der Religionspolitik die Zustimmung versagte. Im September 1923 fühlte sich Trotzki bestimmt persönlich gekränkt durch personelle Veränderungen im Militärischen Revolutionskomitee. Schließlich, und das hat Trotzki am meisten verärgert, weigerte sich das Zentralkomitee, ihm diktatorische Vollmachten einzuräumen. Trotzki wurde gewarnt, dass seine unbegründete Kritik parteifeindliche Bestrebungen ermutige, wichtige Aktivitäten der Partei unnötig behindere und die Gefahr eines Krieges zwischen alter und junger Generation heraufbeschwöre." [61]

Thatcher erweckt hier den Eindruck, als hätte die Mehrheit des Politbüros - die er schönfärberisch als "Trotzkis Genossen" bezeichnet - auf Trotzkis Kritik zurückhaltend und vernünftig reagiert. Das Politbüro habe es mit einer unberechenbaren Person (Trotzki) zu tun gehabt, mit der eine Zusammenarbeit schwer, wenn nicht unmöglich war. Trotzki habe seine "Kollegen" mit übertriebenen Warnungen und unsinnigen Forderungen belästigt und gleichzeitig die Aufgaben, für die er Verantwortung trug, vernachlässigt. Obendrein sei sein Realitätssinn schwach ausgeprägt gewesen, und er habe schon immer gern für Streit gesorgt, sogar mit Lenin. Subjektive Verbitterung sei der Motor seines Handelns und, was am schlimmsten war, er habe diktatorische Vollmachten gefordert. Thatchers Darstellung lädt sein studentisches Publikum regelrecht ein, sich eine negative Meinung von Trotzki und seiner politischen Arbeit zu bilden.

Was Thatcher seinen Lesern vorenthält, ist, dass der eben erwähnte Absatz seine eigene tendenziöse Neufassung eines skrupellosen und unehrlichen fraktionellen Dokuments ist, das die erbitterten politischen Gegner Trotzkis - von Thatcher beschwichtigend "Genossen" und "Kollegen" genannt - am 19. Oktober 1923 vorlegten, als Reaktion auf Trotzkis wichtigen Brief vom 8. Oktober 1923 und den berühmten oppositionellen Brief der 46 vom 15. Oktober 1923. Keine Anführungszeichen, keine Fußnote, und auch kein deutlicher Hinweis von Thatcher, dass die Argumente, die er in so harmlosen Worten zusammenfasst, in Wirklichkeit eine Ansammlung fraktionell motivierter Lügen und Halbwahrheiten waren. [62]

Auch erfahren seine Leser mit keinem Wort davon, dass Trotzki eine vernichtende Antwort auf diesen Brief vorbereitete, die er am 23. Oktober 1923 verschickte. Darin widerlegte er die Anschuldigungen von Sinowjew, Kamenew und Stalin (die eine prinzipienlose Anti-Trotzki-Fraktion gebildet hatten, das sogenannte Triumvirat).

Es genügt, E.H. Carrs "Das Interregnum" zu Rate zu ziehen, wo er dieses Material untersucht (bzw. den Teil, der bis Anfang der 1950er Jahre bekannt war), um zu erkennen, dass Thatcher bewusst irreführen will. Carr zitiert aus Trotzkis "scharfer Erwiderung" an das Triumvirat und beseitigt jeden Zweifel daran, wer bei dieser Auseinandersetzung die Wahrheit auf seiner Seite hatte. [63]

Trotzkis Rede auf dem Dreizehnten Parteitag

Zu Deutschers großen Verdiensten als Biograph gehört, dass er den Heroismus und die Leidenschaftlichkeit des Kampfs vermittelte, den Trotzki unter immer schwierigeren Umständen gegen die riesige und reaktionäre Bürokratie führte, die sich gegen ihn formiert hatte. Thatcher, der unbedingt die historische Wahrheit auslöschen will, setzt rhetorische Tricks ein, die mit wissenschaftlicher Methode unvereinbar sind, um Trotzkis Kampf zu schmälern und ihn in einem abwertenden und wenig schmeichelhaften Licht erscheinen zu lassen. Erneut muss ich hier auf Thatchers irreführende Verwendung von Zitaten aufmerksam machen. Thatcher bezieht sich auf Trotzkis Hauptrede auf dem Dreizehnten Parteitag im Mai 1924 und schreibt: "Es war, so wurde behauptet, ‘die unangebrachteste Rede seines Lebens.’" [64]

Man fragt sich, wer dieses vernichtende Urteil fällte? War es vielleicht ein Teilnehmer des Parteitags, einer der Gegner oder Anhänger Trotzkis? Man findet den Urheber schließlich in einem vom Verlag University of Toronto Press 1974 veröffentlichten Band, "Resolutions and Decisions of the Communist Party of the Soviet Union" . Darin enthalten sind einige Dokumente des Dreizehnten Parteitags, versehen mit einer kurzen Einleitung von Professor Richard Gregor, dem Herausgeber des Bandes. Gregor schreibt, Trotzki habe "die vielleicht unangebrachteste Rede seines Lebens gehalten." [65] Er begründet diese Einschätzung nicht, und die Rede selbst ist auch nicht abgedruckt. Gregor zählt wohl kaum zu den Historikern, von denen man eine begründete und unvoreingenommene Einschätzung sowjetischer Politik erwartet.[66] Einen zwingenden Grund dafür, Gregors hingeworfene Bemerkung über die Rede auf dem Dreizehnten Parteitags zu zitieren, als handele es sich um ein maßgebliches Urteil, gibt es nicht - außer dass sie dem Zweck dient, Trotzki herabzusetzen.

Sehen wir uns an, wie Thatcher im weiteren von Trotzkis Rede auf dem Dreizehnten Parteitag Gebrauch macht. Diese Rede endete mit dem bekannten und oft zitierten Ausspruch: "Richtig oder falsch - aber es ist meine Partei, und ich werde die Folgen ihrer Entscheidung tragen." Thatcher selbst zitiert einige Sätze aus Trotzkis Rede, einschließlich des eben zitierten. Dann schreibt er, "Trotzki hatte also keinerlei Grund, sich zu beschweren, als der Dreizehnte Parteitag die gegen Trotzki gerichtete Resolution der Dreizehnten Konferenz bestätigte." [67] Es scheint alles ganz einfach. Trotzki sagte, meine Partei, richtig oder falsch, wie konnte er also Einwände haben, wenn die Partei eine gegen ihn gerichtete Resolution verabschiedet? Thatcher hat seinen Lesern die Teile seiner Rede vorenthalten, aus denen ersichtlich wird, dass sie deutlich differenzierter und kämpferischer war, als es in dem von ihm verwendeten Zitat anklingt. Trotzki betont mit Nachdruck, dass er mit der Resolution nicht übereinstimmt und stellt seine Verantwortung heraus, gegen eine Politik aufzutreten, die er als falsch ansieht. [68] Thatcher verfälscht Trotzkis Position mit einem bereinigten Zitat und legitimiert damit das Vorgehen seiner Gegner gegen ihn.

Thatcher verfälscht die Beziehung zwischen Lenin und Trotzki

"Lenins Beziehung zu Trotzki war äußerst problematisch", behauptet Thatcher. Er versichert, Lenin habe in seinem politischen Testament vom Dezember 1922 "Trotzki nicht stärker empfohlen als irgendeinen anderen Genossen". Das ist nicht wahr. Lenin äußerte Vorbehalte wegen Trotzkis "übermäßigem Selbstvertauen" und seiner "übermäßigen Leidenschaft für rein administrative Maßnahmen", sagte aber auch, dass Trotzki sich "durch hervorragende Fähigkeiten (auszeichne)" und "persönlich wohl der fähigste Mann im gegenwärtigen ZK [Zentralkomitee]" sei. [69] In seinem Testament warnt Lenin auch davor, dass Stalin "eine unermessliche Macht in seinen Händen konzentriert" habe. [70] In der berühmten Nachschrift zu seinem Testament, die Thatcher unerwähnt lässt, drängte Lenin das Zentralkomitee, Stalin als Generalsekretär abzulösen. [71] Thatcher fährt fort: "Es ist unwahrscheinlich, dass Lenin Trotzkis Ernennung zum Generalsekretär gebilligt hätte, denn schon 1922-23, als er den Kriegskommissar Trotzki beauftragte, einige seiner (Lenins) Ansichten vorzutragen, behielt er sein Misstrauen gegen ihn bei. Lenins Biograph hat eigens darauf hingewiesen, dass er Trotzki bei der nächsten günstigen Gelegenheit hätte fallen lassen." (Hervorhebung DN) [72]

Dies ist eine bewusst irreführende und falsche Darstellung. Zahlreiche historische Untersuchungen haben auf der Basis gut dokumentierter Ereignisse nachgewiesen, dass Lenin in seinen letzten Lebensmonaten einen immer stärkeren Verdacht gegen Stalin hegte und ihm ablehnend gegenüberstand. Dieses wachsende Misstrauen gegen Stalin zeigt sich in mehreren Dokumenten, die er in den Monaten und Wochen vor seinem Schlaganfall im März 1923 schrieb, der seiner aktiven politischen Teilnahme ein Ende setzte. Genau in dieser Zeitspanne näherte sich Lenin immer mehr Trotzki an, den er als seinen wichtigsten Verbündeten in dem beginnenden Kampf gegen Stalin ansah. Doch wir räumen gerne ein, dass die politischen Entwicklungen in der entscheidenden Periode zwischen Dezember 1922 und März 1923 unterschiedliche Interpretationen zulassen. Dann müssen wir immer noch Thatchers Verweis auf die angebliche Entdeckung von "Lenins Biograph" klären, dass Lenin, hätte er noch gelebt, "Trotzki bei der nächsten günstigen Gelegenheit hätte fallen lassen".

Der in dieser Fußnote zitierte Biograph ist Robert Service, Autor einer dreibändigen Studie über Lenin. Hier ist nicht der Ort, um die Qualität von Herrn Services Biographie zu bewerten, die ich nicht sehr hoch einschätze. Doch es geht hier darum, wie Thatcher mit Zitaten hantiert. Schlägt man Seite 273-74 der Biographie von Service auf (die in der Fußnote genannt wird), findet man, dass ein Plan Lenins, Trotzki loszuwerden, gar nicht erwähnt wird. Service schätzt Lenins Pläne vielmehr völlig anders ein. In der Vergangenheit, so Service, habe Lenin Stalin benutzt, um Trotzki zu kontrollieren, doch "die Konflikte mit Stalin in Fragen der Außenhandelspolitik und anderen Themen veränderte die Situation grundlegend: Trotzki wurde jetzt gebraucht, um den zunehmend unkontrollierbaren Stalin zu kontrollieren." Trotz seiner früheren Konflikte mit Trotzki habe "die Oktoberrevolution und der Bürgerkrieg sie zusammen gebracht, und Lenin bot Trotzki an, die enge Zusammenarbeit wieder aufzunehmen."[73] Wenige Seiten später geht Service noch einmal auf Lenins Ansichten über Trotzki und Stalin ein: "Trotz seiner Vorbehalte zog Lenin inzwischen Trotzki Stalin vor. Das kam in Lenins Briefen zum Ausdruck, in denen er Trotzki ein Bündnis in Tagesfragen gegen Stalin vorschlug. Ende Dezember (1922) bat Lenin seine Frau Krupskaja, Trotzki die Botschaft zu übermitteln, dass er Trotzki gegenüber, seit dieser 1902 aus Sibirien geflohen und nach London gekommen war, genauso empfinde wie damals und ‘bis in den Tod’ so empfinden werde."[74] Wieder einmal zeigt sich, dass Thatcher einem anderen Historiker eine falsche Aussage unterschiebt, im Sinne seiner eigenen Kampagne, Trotzki unglaubwürdig zu machen.

Historiker sind, wie wir alle, nicht unfehlbar. Sie machen Fehler. Nicht jedes falsche Zitat zeugt von mangelnder Professionalität, schon gar nicht von einem geheimen Plan, Tatsachen zu verzerren und zu fälschen. Begegnet man solchen Irrtümern, muss die Verhältnismäßigkeit gewahrt werden. In Thatchers Biographie haben wir es aber nicht mit einer Reihe voneinander unabhängiger Fehler zu tun, sondern mit einem System der Verzerrung und Verfälschung von Tatsachen. Thatchers Darstellung zielt darauf ab, bei seinen Lesern - insbesondere Studenten - ein falsches Bild nicht nur von Trotzki zu erzeugen, sondern auch ein desorientiertes und verzerrtes Bild einer ganzen historischen Epoche.

In den Biographien Swains und Thatcher wird ein Prozess sichtbar, den man wohl zu Recht als Untergrabung der historischen Wahrheit bezeichnen darf. Das geschichtliche Bild Trotzkis als großer revolutionärer Kämpfer und Denker, das durch die Entlarvung von Stalins Lügen und Verbrechen zum Vorschein kam - d.h. durch die Widerlegung der allgegenwärtigen Verteufelung Trotzkis, die von der Sowjetunion verbreitet wurde (und natürlich auch von den osteuropäischen Staaten und China) und von zahllosen, mit den stalinistischen Parteien verbundenen Akademikern auf der ganzen Welt aufrechterhalten wurde - gerät erneut unter Beschuss. Eine Art geschichtsfeindliche, intellektuelle Konterrevolution ist im Gange, zu der Thatcher und Swain ihren eigenen infamen Beitrag leisten. Nur vor diesem Hintergrund können wir den Feuereifer verstehen, mit dem sie versuchen, Trotzkis Bedeutung herunterzuspielen und ihn sogar lächerlich erscheinen zu lassen.

Fragen des Alltagslebens

Untersuchen wir, wie Thatcher mit den bemerkenswerten Essays Trotzkis umgeht, die unter dem Titel "Fragen des Alltagslebens" erschienen sind. Thatcher gibt sich alle Mühe, Trotzki als verweichlichten Snob zu zeichnen, der "von den allgemeinen Sitten der russischen Gesellschaft gar nichts hielt. Die Masse der Russen war in seinen Augen unkultiviert. Er beschrieb sie als ungebildet, ineffizient, dreckig, unpünktlich, mit Neigung zum Fluchen und vulgärer Sprache und beherrscht vom Aberglauben." [75] Diese Darstellung ermutigt den Leser natürlich, Trotzki als elitären Menschen aufzufassen, der der großen Masse der russischen Bevölkerung distanziert und unzugänglich gegenüber stand. Thatcher verstärkt diese beabsichtigte Wirkung mit seiner sarkastischen Bemerkung, "man gelangt unweigerlich zum Schluss, dass er sich den Idealmensch als Verallgemeinerung seiner eigenen Gewohnheiten vorstellte. Seine Ratschläge strotzten von den für ihn typischen Vereinfachungen."[76]

Thatchers Zusammenfassung ist eine gehässige und unehrliche Karikatur von Trotzkis Aufsätzen über "Fragen des Alltagslebens". Was Thatcher als Beispiel für Trotzkis selbstherrlichen Dünkel anführt, als schamloses Lob seiner eigenen Fähigkeiten, das gehört, wenn man es ernsthaft und mit entsprechender Kenntnis im Kontext der Geschichte der russischen revolutionären Bewegung betrachtet, zu den besten und tiefgründigsten Erläuterungen über die Beziehung zwischen Kultur, der Entwicklung des proletarischen Klassenbewusstseins und des Kampfes für den Sozialismus. Was Thatcher als langatmigen Schmutzkatalog von Trotzkis persönlichen Vorwürfen gegen die russischen Arbeiter präsentiert - ungebildet, ineffizient, Neigung zum Fluchen etc. - waren alles Erscheinungsformen der schrecklichen Unterdrückung, unter der die Massen im zaristischen Russland gelitten hatten. Sie waren Teil dessen, was die besten Elemente der demokratischen und sozialistischen Intelligenz über Generationen hinweg oft als "unsere schreckliche russische Realität" bezeichneten. Ihr Kampf gegen die beschämenden Formen menschlicher Erniedrigung fand schließlich eine mächtige Resonanz in der Arbeiterklasse. [77]

Liest man diese Schriften als Beiträge zur Entwicklung von Klassenbewusstsein und kul’turnost, lernt man schätzen, wie umfassend und facettenreich die Themen sind, die Trotzki in seinen "Fragen des Alltagslebens" anschnitt, und man versteht die Bedeutung von Aufsätzen wie "Der Kampf um die Sprachkultur" und "Höflichkeit als notwendiges Schmiermittel in den Alltagsbeziehungen". Interessanterweise, darauf weist Professor S.A. Smith hin, verschwand der Kampf um Sprachkultur in den späten 1920er Jahren von der politischen Tagesordnung, als Stalin seine Machtstellung gefestigt hatte. [78] Es bleibt nur noch hinzuzufügen, dass viel von dem, was Trotzki in diesen Artikeln schreibt, nicht nur historisch oder nur für ein russisches Publikum von Interesse ist. Da wir heute mit unserer eigenen schrecklichen Realität konfrontiert sind, in der die Kultur unter Dauerbeschuss steht und jede Form gesellschaftlicher Rückständigkeit kultiviert und gefördert wird, behält "Fragen des Alltagslebens" auch für die heutige Zeit seine Aktualität.

An manchen Stellen in seiner Biographie sinkt Thatcher auf ein Niveau herab, das man nur noch als vollkommen absurd bezeichnen kann. Er erklärt: "Man kann sogar behaupten, dass Trotzki seine weiblichen Mitstreiter ebenso abweisend behandelte, wie es jeder andere egozentrische Mann tut."[79] Zum Beweis zitiert er einen Absatz aus der Kurzbiographie eines Buchhändlers, der sich erinnert, dass Trotzkis Frau anscheinend eine Zeitschrift für ihn ausleihen wollte. "Wir entdecken, wie Trotzki seine Frau als (unbezahlte?) Sekretärin benutzte"[80], schreibt Thatcher. Er schilt Trotzki auch, weil dieser nicht selbst tue, was er in einem seiner Essay empfohlen habe, "die Wirklichkeit sehr ernsthaft mit den Augen einer Frau" zu betrachten. Wie belegt Thatcher seinen Vorwurf? "Er schlug mit Sicherheit nicht vor, dass eine Frau an Lenins Stelle vorrücken sollte; und er schrieb auch nicht ausführlicher, wie er es versprochen hatte, darüber, wie seiner Meinung nach die Sicht einer Frau auf die Welt aussehen könnte."[81] Wie kann man auf diese Art von Kritik überhaupt antworten?

Anmerkungen:

[50] Thatcher, S. 7-8.

[51] The Conscience of the Revolution, S. 244. Eine weitere ausgezeichnete Quelle für eine objektive Darstellung der Auseinandersetzungen, die die Lehren des Oktober auslösten, ist E.H. Carrs Socialism in One Country, Volume 2 (Baltimore, Maryland: Penguin, 1970), S. 11-44.

[52] Thatcher, S. 35.

[53] Thatcher versucht, wie abzusehen war, die Bedeutung der Auflagenzahlen herunterzuspielen, indem er andeutet, dass die Zahl der gedruckten Exemplare höher gewesen sein könnte als die tatsächliche Leserzahl. Das ist natürlich möglich. Doch kann die Leserschaft auch größer gewesen sein als die Auflage, wenn man berücksichtigt, dass die Zeitungen weiter gereicht wurden.

[54] Thatcher, S. 35

[55] Ebenda, S. 35.

[56] Ebenda, S. 35.

[57] London, 1967, S. 60-61.

[58] Ebenda, S. 60.

[59] The Origins of Bolshevism, New York, 1970, S. 345.

[60] Thatcher, S. 125. Trotzki behauptete in Wirklichkeit niemals, persönlich unfehlbar zu sein. Und Thatcher präsentiert auch kein einziges Zitat, wo Trotzki behauptet, dass "nur seine Methoden" funktionieren würden.

[61] Ebenda, S. 125-26.

[62] Der Brief vom 19. Oktober 1923 ist enthalten in der Sammlung von Dokumenten, veröffentlicht in The Struggle for Power: Russia in 1923, herausgegeben und übersetzt von Walentina Wilkowa. Thatcher zitiert Wilkowa zwar des öfteren, führt aber ihre Arbeit nicht als Quelle zum Brief vom 19. Oktober an und geht auch nicht auf ihre Einschätzung dieses Dokuments ein. Wilkowa schreibt, der Brief vom 19. Oktober sei "eine anschauliche Illustration der Methoden, die die Mehrheit in der Diskussion anwandte. Höchstwahrscheinlich verfasste Stalin das Dokument, da es in Argumentations- und Darstellungsweise der Rede des Generalsekretärs beim Oktober-Plenum des Zentralkomitees entsprach. In dem Brief fanden sich äußerst konstruierte Interpretationen, glatte Lügen und eine Fälschung historischer Tatsachen sowie der Bewertung der Situation in der Partei und im ganzen Land." (New York: Prometheus Press, 1996) S. 28.

[63] London, 1969, S. 307.

[64] Thatcher, S. 127.

[65] Gregor, S. 221

[66] In der Einleitung erhebt Gregor erbitterte Anklagen gegen Lenin in einer Sprache, die an die antikommunistischen Ideologen des Kalten Krieges erinnert. Er behauptet, der Stalinismus sei das logische Ergebnis von Lenins persönlicher Intoleranz und seiner politischen Lehre.

"Lenin war der Lehrer und Stalin der Schüler, der das Erbe seines Meisters zu seinem logischen Ergebnis führte. Die Seiten der Geschichte quellen über von Berichten über Grausamkeiten, die im Namen hehrer Prinzipien begangen wurden. Die beiden bolschewistischen Führer bildeten keine Ausnahme. Es mag schwer zu akzeptieren sein, doch beide wollten, auf ihre Weise, dem aus ihrer Sicht vornehmsten Anliegen dienen; und hier begegnet man einer Ironie der Geschichte, denn es gibt keine gefährlicheren und rücksichtsloseren Menschen als die, die ‘wissen’, wie man die Menschheit rettet" (S. 38).

[67] Thatcher, S. 128.

[68] In einem maßgeblichen Abschnitt sagt Trotzki: "Bei den Engländern gibt es ein historisches Sprichwort: ‚Right or wrong - my country.’ Mit weit größerem historischen Recht können wir sagen: Ob sie recht oder ob sie in Detailfragen in bestimmen Momenten unrecht hat - es ist meine Partei. Und wenn ich hier, nach Meinung einiger Genossen, überflüssige Mahnungen ausgesprochen habe, wenn ich hier, nach Meinung anderer Genossen, grundlos Gefahren beschworen habe, so glaube ich doch, dass ich nur meine Pflicht als Mitglied der Partei erfülle, wenn ich meine Partei vor dem warne, was ich für eine Gefahr halte." Die ganze Rede Trotzkis ist erschienen in Trotzki Schriften 3.1, Linke Opposition und IV. Internationale (Hamburg 1997), S. 352-369

[69] Lenin Gesammelte Werke, Band 36 (Moskau, 1966), S. 595.

[70] Ebenda, S. 594-95.

[71] Ebenda, S. 596.

[72] Thatcher, S. 131.

[73] Lenin: A Political Life, Volume 3 (Bloomington and Indianapolis, 1995), S. 273-74.

[74] Ebenda, S. 285

[75] Thatcher, S. 135.

[76] Ebenda, S. 135-37.

[77] Professor S.A. Smith von der Universität Essex erklärt dies sehr gut: "Ab den 1880er Jahren entstand eine Schicht ‘bewusster’ Arbeiter, die sich gegen die allgemeine Armut und Erniedrigung erhoben und bemüht waren, sich durch Bildung weiter zu entwickeln. Ihr Vorbild war die radikale Intelligenz, so dass sie sich mit dem Ideal kul’turnost identifizierten, für das die Intelligenz stand. Dieser Begriff von ‘Kultiviertheit’ verband die Vorstellung von der Entwicklung des Individuums mit dem Nachdenken über die Entwicklung der Gesellschaft insgesamt. Zum einen bezeichnete er innere Veredelung im Sinne geistiger Entwicklung, Verfeinerung der Verhaltensweisen und moralischer Entwicklung, kurz: die Formung eines Selbst, das der angeborenen Würde des Menschen entspricht und bei anderen Respekt hervorruft. Gleichzeitig war kul’turnost eine soziologische Kategorie zur Bewertung des Zivilisationsgrades, den eine gegebene Gesellschaft im Hinblick auf bestimmte Entwicklungskriterien erreicht hatte. In dieser Hinsicht zeichnete sich Russland gerade durch seinen Mangel an kul’turnost aus und wurde wahrgenommen als der ‘asiatischen’ Barbarei näher stehend denn der westeuropäischen Zivilisation."

Smith fährt fort: "Für ‘bewusste’ Arbeiter war die Ablehnung des Fluchens ein wichtiges Element im Erwerb von kul’turnost. Wie die Intelligenz sahen diese Arbeiter die weite Verbreitung des Fluchens als Symptom des Mangels an Kultur, der Russland versklavte. Auf individueller Ebene war das Fluchen ein Zeichen von zu gering entwickelter ‘lichnost’, dem inneren Empfinden für persönliche Würde und Wert als menschliches Wesen sowie ein Zeichen für mangelnder Achtung für andere. Sprache (und Emotionen) steuern zu lernen, wurde als ein wichtiger Schritt verstanden zur Erlangung der geistigen und moralischen Eigenaktivität, die im Zentrum von kul’turnost stand . Im weiteren Sinne zeigte die Fähigkeit, Sprache zu steuern, die Möglichkeiten eines Individuums an, größere Bereiche des Arbeitslebens und schließlich der Gesellschaft überhaupt zu leiten. Auf gesellschaftlicher Ebene rief das unter Abeitern weitverbreitete mat (Fluchen) im Verständnis der bewussten Minderheit auf bedrückende Weise die politische Rückständigkeit der Arbeiterklasse in Erinnerung." ("The Social Meanings of Swearing: Workers and Bad Language in Late Imperial and Early Soviet Russia," Past and Present, No. 160. (August 1998), S. 177-79.

[78] Professor Smith schreibt. "Während der Herrschaft Stalins wurde das Fluchen bei dem neuen Typ Beamter akzeptiert."

[79] Thatcher, S. 137.

[80] Ebenda, S. 137.

[81] Ebenda, S. 138

[82] Thatcher gibt uns keinen Hinweis, wer diese Kandidatin hätte sein können. Um auch diesen Punkt wenigstens kurz zu beantworten, möchte ich einen kurzen Passus aus The Autobiography of a Sexually Emancipated Woman von Alexandra Kollontai zitieren, die ein führendes Mitglied der bolschewistischen Partei war. Nach der Revolution übernahm sie die Leitung des Koordinierungsbüros für Frauenarbeit. In diesem Zusammenhang schrieb sie: "Das Gesetz, das die Abtreibung liberalisierte, wurde eingeführt, und eine Reihe von Bestimmungen zum Vorteil von Frauen wurden von unserem Koordinationsbüro initiiert und als Gesetz verabschiedet... Lenin unterstützte unsere Arbeit uneingeschränkt. Und Trotzki, der ja mit militärischen Aufgaben völlig überlastet war, nahm immer gern an unseren Konferenzen teil." (New York, 1971, S. 42.) Diese Bemerkung stammt aus dem Jahr 1926. Zu dieser Zeit war es schon nicht mehr angeraten, Trotzki positiv hervorzuheben. Dieser Umstand verleiht Kollontais Worten höchsten Wert.

Siehe auch:
Teil 1: Siebzig Jahre seit Stalins Jahr des Terrors
(5. Juni 2007)
Teil 2: Die Erforschung Trotzkis nach dem Fall der UdSSR
(7. Juni 2007)
4. Teil: Die Bedeutung Trotzkis
(12. Juni 2007)