Warum The Nation zu Cindy Sheehans Austritt aus der Demokratischen Partei schweigt

Von David Walsh
29. Juni 2007

Anfang Juni 2007 befasste sich die World Socialist Web Site bereits mit dem Umstand, dass die US-Friedensaktivistin Cindy Sheehan ihren Austritt aus der Demokratischen Partei angekündigt hat und andere auffordert, es ihr gleich zu tun. Bezeichnenderweise haben verschiedene amerikanische Antikriegsgruppen und linke Publikationen diese Erklärung Sheehans unterdrückt und totgeschwiegen.

Die WSWS beschäftigte sich dabei unter anderem mit der linksliberalen Zeitschrift The Nation und ihrem Washington-Korrespondenten John Nichols. Seither sind einige Wochen verstrichen und die Macher des Blatt, darunter auch Nichols, haben es immer noch nicht für nötig befunden, auf Sheehans Bruch mit den Demokraten einzugehen.

Sheehan ist die Mutter eines 24-jährigen Soldaten, der 2004 in Bagdad starb. Sie wurde einer öffentlichen Gestalt im politischen Leben Amerikas, als sie im August 2005 vor die Ranch von Präsident Bush im texanischen Crawford zog, um dort gegen den Präsidenten und die Politik seiner Regierung zu protestieren.

Am 26. Mai schrieb sie an die Demokraten im Kongress, nachdem diese der Bush-Regierung weitere 100 Milliarden Dollar für den Krieg bewilligt hatten. In ihrem nachdrücklich formulierten Brief heißt es: "Ihr glaubt, ihm [Bush] mehr Geld zu bewilligen sei politisch zweckdienlich, aber es ist moralisch abscheulich. Jede weitere Sekunde, die die Besetzung des Iraks andauert, bedeutet mehr Blut an euren Händen."

In ihrer Erklärung verurteilt Sheehan die Demokraten und spricht von ihrer "Mitschuld". Wenn im Herbst ein Zwischenbericht über den "Truppenaufbau" im Irak abgeliefert werde, so ihre Vorhersage, "ist jetzt schon klar, dass ihr ihm [Bush] noch mehr Geld gebt, nachdem ihr zuvor ein paar theatralische Gesten gemacht habt, um die Antikriegsfraktion in euren Partei hinters Licht zu führen." Sie erinnert die demokratischen Fraktionsführer im Senat und Repräsentantenhaus Harry Reid und Nancy Pelosi sowie andere Spitzenvertreter der Partei daran, dass bis dahin weitere Hunderte US-Soldaten "für euren politischen Egoismus ihr Leben vergeuden."

Sheehan fährt fort: "Wie könnt ihr überhaupt abends schlafen gehen oder euch im Spiegel in die Augen schauen? Wie könnt ihr die schreienden Mütter auf beiden Seiten der Front ausblenden? Wie könnt ihr mit den Qualen leben, die ihr verursacht habt? [...] Es war George Bushs Krieg. Ihr hättet ihn ehrenhaft beenden können. Jetzt ist es euer Krieg."

Das sind starke Worte.

In einem Interview in Amy Goodmans Radiosendung "Democracy Now" am 30. Mai sagte Sheehan dazu: "Wenn wir keine richtige dritte Partei bekommen - oder, wie einige Leute sagen, eine zweite Partei, denn Sie wissen ja, dass Demokraten und Republikaner einander sehr ähnlich sind und von denselben Leuten bezahlt werden - dann sind wir, dann ist unsere repräsentative Republik dem Untergang geweiht, da George Bush alle Macht bei sich konzentriert und der Kongress ihm diese Macht gegeben hat. Wir brauchen wirklich eine oppositionelle Partei in diesem Land."

Das Schweigen der Linksliberalen zu Sheehans Äußerungen ist das Zeichen einer Krise. Sheehan kann sagen, was ist - offen und ehrlich; jene können das nicht.

Die Reaktion von dieser Seite besteht hauptsächlich darin, Sheehans Abrechnung mit der Demokratischen Partei zu ignorieren und ihr herablassend auf die Schulter zu klopfen. Nichols spielt dabei eine führende Rolle. Er schrieb zwei Artikel für die Website von The Nation, von denen einer auch in der Printausgabe vom 17. Juni erschien. Beide Artikel beschäftigen sich ausschließlich mit einer weiteren Erklärung Sheehans vom 28. Mai, in der sie Erschöpfung und eine gewisse Verbitterung angesichts ihrer Erfahrungen in der Antikriegsbewegung bekennt und ihren Rückzug als Aktivistin erklärt.

Ist es nicht politisch unehrlich, wenn Nichols die ausdrückliche Verurteilung der Demokratischen Partei durch Sheehan nicht erwähnt? Warum bringt es der Korrespondent von The Nation nicht fertig, Sheehans Verlangen nach einem endgültigen Bruch mit den Demokraten wiederzugeben?

Offensichtlich vor allem deshalb, weil er ihre Ansichten nicht teilt. In einem seiner Artikel nennt Nichols sie eine "ehrliche Akteurin, die offen ausspricht, was sie denkt - manchmal leidenschaftlich, oftmals nicht ganz durchdacht, immer ehrlich - und ihren Worten Taten folgen lässt."

Er fährt im gleichen oberlehrerhaften Ton fort und bezeichnet Sheehan als eine "Demokratin nach Jefferson, im besten Sinne des Wortes" (Es wäre interessant zu wissen, für was Nichols sich hält). Weiter heißt es: "Man kann sicher über die politischen Ansichten Sheehans streiten. Sie würde wohl als erste zugeben, dass sie keine Expertin in Fragen von Wahlkampfstrategien oder taktischem Abstimmungsverhalten im Parlament ist."

Nichols mag hoffen, dass Sheehan ihre "leidenschaftlichen" und "nicht durchdachten" Äußerungen zum Austritt aus der Demokratischen Partei noch einmal überdenkt und wieder in den Stall zurückkehrt. Doch in seiner Unfähigkeit, die Demokraten zu verteidigen, zeigt ein außerordentlicher Mangel an politischem Selbstvertrauen. Das ist allerdings nachvollziehbar. Dass die Demokraten im Kongress nach monatelangem Theater Bush mit dem notwendigen Geld für die Weiterführung des kriminellen Konflikts im Irak ausstatteten, markiert einen Wendepunkt. Sheehan zog bestimmte Konsequenzen, und damit steht sie nicht allein.

Die Spezialität von The Nation und Nichols Rolle

Eine Spezialität der Zeitschrift The Nation besteht darin, der demokratischen Parteispitze ‘linke’ Ratschläge zu geben, sie zu besserer Politik anzuhalten und vor den Gefahren ihres rechten Kurses zu warnen. Es existiert jedoch keine Gefahr, dass die Zeitschrift ihre Unterstützung für diese unternehmerfreundliche Partei aufkündigt.

Nichols spezielles Aufgabenfeld ist es, diesen oder jenen demokratischen Politiker ungeachtet seiner politischen Geschichte aufzubauen und ihn als ‚erneuert’ und ‚neu erfunden’ anzupreisen. Dabei entdeckt er irgendwelche bislang verborgenen fortschrittlichen Züge an diesem oder jenem Mitläufer.

Ganz charakteristisch war die Rolle, die er 2004 bei der Kandidatur und im Wahlkampf von John Kerry spielte. Nachdem Howard Dean, der sich bei seiner Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten auf die Antikriegsstimmung in der Partei gestützt hatte, aus dem Rennen geflogen war, nahm sich Nichols der Aufgabe an, Kerry im bestmöglichen Licht erscheinen zu lassen. Den Höhepunkt stellte dabei sein Artikel in The Nation vom 22. März 2004 dar.

Nichols schreibt darin, Kerry habe den Wahlkampf als "inspirationsloser Nicht-Bewerber" begonnen, aber eine "extreme Wandlung" durchgemacht, die ihn zu einer "glaubwürdigen Alternative zu George W. Bush" heranreifen ließ. Nichols schwärmt weiter, "wie radikal diese Wandlung" in Handelsfragen, der Frage des Irakkriegs und anderen Fragen ausgefallen sei. In Bezug auf die Kriegsresolution gegen den Irak und den Patriot Act erklärt der Kolumnist von The Nation, dass Kerry, der im Parlament für die beiden reaktionären Maßnahmen gestimmt hatte, diese "im Wahlkampf auseinander zu nehmen lernte".

Als Kerry schließlich Anfang März 2004 zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten nominiert wurde, zeigte sich das politische und mediale Establishment einigermaßen erleichtert. Mit dem Kandidaten Kerry konnte der Irakkrieg praktisch aus dem Präsidentschaftswahlkampf herausgehalten werden, da zwei sorgfältig ausgewählte Kriegsbefürworter gegeneinander antraten.

Nichols Öffentlichkeitsarbeit für Kerry währte über das ganze Jahr 2004 hinweg. Nach dem Parteitag der Demokraten im Juli, der wie nie zuvor auf Patriotismus und Militarismus setzte, titelte Nichols "Kämpferischer Kerry" und schrieb, der Kandidat habe "die Dinge zu Ende gebracht, indem er angemessen aggressiv auf den Präsidenten einschlug." Tatsache ist, dass Kerry organisch unfähig war, in der Bevölkerung Begeisterung zu wecken, und sich in seinem Wahlkampf weitgehend dem rechten Programm der Republikaner anschloss.

Politik ist kein Spiel. Was Leute sagen und tun, hat Folgen. The Nation hat Tausende Leser, die vermutlich nach einer irgendwie linken Politik und Orientierung Ausschau halten. Indem er sich im Wahlkampf für Kerry ins Zeug legte, chloroformierte Nichols die Öffentlichkeit.

Vor den Kongresswahlen 2006 nahm Nichols - der Experte für Vorher und Nachher - die gleiche Haltung ein. Er kritisierte an den Demokraten, sie hätten im Wahlkampf alles Mögliche getan, "um kontroversen Fragen aus dem Weg zu gehen", verwies aber auf eine bessere Zukunft.

"Ich bin fasziniert von der charakterlichen Wandlung der Oppositionspartei", sagte er in einem Interview. "Und wenn so etwas passiert, dann werden wir einen anderen Kongress bekommen, einen viel interessanteren Kongress. Da gibt es einige Leute, die sehr gute Chancen haben, gewählt zu werden, und die ihren Wählern versprochen haben, in Washington etwas gegen den Krieg zu unternehmen. Wenn das klappt, dann wird es einen viel lauteren Kongress geben und einen Kongress, der in vieler Hinsicht wieder zu dem wird, was sich die Gründerväter der Republik vorgestellt hatten, das heißt eine Institution, die die Regierung in einer Weise kontrolliert, wie es der jetzige Kongress nicht getan hat."

Welch ein blinder und stumpfsinniger Kommentar! Die Macher von The Nation und ihr Umfeld - wohlsituierte Akademiker mit etwas sozialem Gewissen - brüsten sich, "keine Sektierer" zu sein. Sie sind die "praktischen Leute", "die politischen Realisten". Aber sie sind letztlich selbst ein Bestandteil des Establishments und ihre Erklärungen zeigen nur, wie weit sie von der Stimmung in der Bevölkerung entfernt sind.

Nichols schilt Sheehan wegen "ihrer Ansichten über die Politik und die Politiker", aber wie steht es mit seinen eigenen Prognosen? Was ist aus diesem vielversprechenden "viel interessanteren Kongress" geworden?

Am 7. Juni dieses Jahres musste Nichols zugeben, dass sich die amerikanische Bevölkerung von beiden Parteien angewidert abzuwenden beginnt. "Zu Ungunsten der Demokraten scheinen die Wähler zu der Auffassung zu gelangen, dass es die Oppositionspartei auch nicht viel besser macht als Bush", heißt es in seinem Artikel. Eine jüngste Umfrage zeigt, dass gerade einmal 23 Prozent der Bevölkerung mit der Arbeit des Kongresses zufrieden sind.

Und diese katastrophalen Werte sind nicht nur das Ergebnis der letzten Monate. Sehr viele Wähler machten im November 2006 nur aus Hass gegen Bush und den Krieg, aber ansonsten mit großem Misstrauen und Skepsis ein Kreuz bei den Demokraten. Ihre schlimmsten Ahnungen haben sich bestätigt.

Insofern Nichols und Konsorten tatsächlich glauben, was sie schreiben, leiden sie an ihrer eigenen Spielart von "liberalem Sektierertum", so weit entfernt sind sie von der sozialen Realität Amerikas.

Nichols moderiert für die Demokraten

Nichols ist kein Außenstehender. Es ist interessant, dass er Anfang Februar - und damit nur wenige Wochen, nachdem die Demokraten wieder die Mehrheit im Kongress gewonnen hatten - eine Veranstaltung moderierte, die vom so genannten Congressional Progressive Caucus, The Nation und dem Institute for Policy Studies ausging. Die Chefredakteurin und Herausgeberin des Magazins Katarina vanden Heuvel merkte an, dass der Congressional Progressive Caucus als Parlamentsfraktion der liberalen Demokraten trotz seiner 69 Mitglieder und seinem Status als größte Fraktion im Kongress unter der republikanischen Mehrheit im Keller des Kapitols tagen musste. Jetzt allerdings, so die Chefin von The Nation, kann die Fraktion ihre Zusammenkünfte im Rayburn House Office Building abhalten. In der Tat, die Aussichten haben sich gebessert!

Anwesend bei dem von Nichols moderierten Ereignis waren Größen der Demokratischen Partei wie die Abgeordneten Charles Rangel, Barney Frank, Maxine Waters, John Conyers, Dennis Kucinich und andere. Das Sehen und Gesehenwerden war ein wichtiger Teil dieser Versammlung.

Vanden Heuvel bemerkte: "Der Raum war mit Energie und Idealismus[!] gefüllt, und dies spiegelte das Verständnis der Fraktion wider, dass die besten Stunden der Demokratischen Partei jene sind, wenn sie mit breiten Volksbewegungen zusammenarbeitet [und] dass Demokratie funktioniert, wenn die Bürger sie für sich beanspruchen. Eines der Fraktionsmitglieder traf die Stimmung der Versammlung genau, als er sagte, wir sollten alle ein Lächeln auf den Lippen tragen. Wir sind vom gleichen Geiste und haben geholfen, die Richtung des Landes zu ändern und die letzte Wahl zu gewinnen. Dies ist ein neuer Tag für einen neuen Kurs."

Der genaue Anteil an Wunschdenken, Selbsttäuschung und bewusstem Betrug in dieser Bemerkung ist schwer einzuschätzen.

Der unermüdliche Nichols bereitet schon die Frühjahrssaison 2008 vor und bietet gewissen Demokratischen Präsidentschaftsbewerbern (Barack Obama, Bill Richardson) seine guten Ratschläge an und poliert, wo nötig, das Ansehen anderer etwas auf.

Nichols scheint am meisten den Ex-Senator John Edwards aus North Carolina zu favorisieren, obwohl er sich offensichtlich noch alle Optionen offen hält. (The Nation zeigt der New Yorker Senatorin Hillary Clinton eher die kalte Schulter, wird sie aber zweifellos unterstützen, falls sie die Nominierung gewinnen sollte.)

In seiner üblichen Art tadelte Nichols kürzlich Edwards für seinen "miserablen Plan zur Lösung der Probleme in ländlichen Gegenden Amerikas" im Wahlkampf 2004. Gleichzeitig lobte er den ehemaligen Vizepräsidentschaftkandidaten der Demokraten für seine neue Herangehensweise. "Dieses Jahr hat Edwards es besser gemacht", teilt The Nation seinen Lesern mit. Edwards neuer Plan "stellt den potenzieller Präsidentschaftskandidaten 2008 an die Seite der Farmer und nicht an die Seite der großen Lebensmittelkonzerne, die von seinem Plan aus dem Jahre 2003 profitiert hätten. [...] Der Kandidat und seine Berater haben seit 2003 eine Menge gelernt."

Und so weiter und so fort.

Die Leitartikler der amerikanischen Zeitschrift The Nation sind fester Bestandteil der bestehenden politischen Strukturen, wie die "geschickte, historisch scharfsinnige und diplomatische" (die Worte stammen von der Herausgeberin Katrina vanden Heuvel) Moderation einer Veranstaltung des Congressional Progressive Caucus, der größten linksliberalen Fraktion im US-Kongress, durch John Nichols zeigt.

Die Wochenzeitschrift ist der linke Flügel des amerikanischen Establishments. Ihr Anspruch auf politische Unabhängigkeit (die Werbung behauptet: "Niemand besitzt The Nation " und: "Wir sind ein Ableger unseres Gewissens und ganz im Eigenbesitz") ist falsch.

Die Redakteure von The Nation wenden sich zwar gegen die schlimmsten Exzesse des bestehenden Systems, aber ihre Opposition hat definitive Grenzen. Letztlich sind ihre zahllosen Verbindungen zum Establishment, und besonders zu der Partei der Demokraten, wesentlich stärker als ihre Feindschaft gegen Krieg, soziale Ungleichheit und die Angriffe auf demokratische Rechte.

Nicht ganz unzutreffend verortete der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber Victor Navasky 1995 The Nation gegenüber einem Interviewer "irgendwo zwischen Nader (1) und dem Zentrum der Demokratischen Partei".

Die gegenwärtige Chefredakteurin und Herausgeberin vanden Heuvel ist ein Spross der amerikanischen Elite. Ihr Großvater mütterlicherseits war Jules Stein, Gründer des Unterhaltungskonzerns MCA. Ihr Vater William vanden Heuvel arbeitete als Assistent von William Donovan (2). Er spielte eine führende Rolle beim Aufbau der CIA, als Donovan Botschafter in Thailand war. William vanden Heuvel wurde dann in den Vorstand der Fairfield Foundation berufen, einer philanthropischen Stiftung, die der CIA als Deckmantel zur verdeckten Finanzierung verschiedener Kulturgruppen und Einzelpersonen in der Zeit des Kalten Kriegs diente. Vanden Heuvel war später Sonderberater des New Yorker Gouverneurs Averill Harriman und danach Berater von Justizminister Robert Kennedy.

Katrina vanden Heuvel sitzt im Aufsichtsrat des Franklin and Eleanor Roosevelt Institute (FERI), dessen Co-Vorsitzender ihr Vater ist. Andere Mitglieder des FERI-Aufsichtsrats sind der ehemalige Senator von Maryland Paul Sarbanes, die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin der Demokraten Geraldine Ferraro, sowie John Brademas, der ehemalige Präsident der New York University und Vorsitzende des National Endowment for Democracy, einer weiteren CIA-Frontorganisation.

Es gibt einzelne Personen, die gegen ihre Erziehung revoltieren und zu radikalen Schlussfolgerungen gelangen. Bei vanden Heuvel von The Nation gibt es keinerlei Anzeichen für eine solche innere Revolution. Sie war und bleibt Teil des liberalen Establishments.

The Nation verfügt über gute Verbindungen zur Finanz- und Politikelite. Einige Beispiele verdeutlichen dies.

Der Vorsitzende des Nation Institute, einer nicht kommerziellen Schwesterorganisation des Magazins, ist Hamilton Fish V., der liberale Sprössling einer berühmten und bis dato konservativen politischen Familie (und erfolgloser Bewerber um einen Sitz im Kongress). Fish ist politischer Berater des Milliardärs George Soros, dessen Open Society Institute dem Nation Institute 1999 einen Zuschuss von 50.000 Dollar gewährte. Soros’ erklärtes Ziel ist es, eine parallele politische Infrastruktur zu derjenigen der republikanischen Rechten aufzubauen. Für dieses Ziel hat er schon Hunderte Millionen Dollar aufgewendet. Viele Organisationen auf der liberalen Linken haben bereits von dieser Großzügigkeit profitiert.

Soros spielte die entscheidende Rolle bei der Bildung des Center for American Progress (CAP, Zentrum für amerikanischen Fortschritt), einem Think Tank unter der Führung des ehemaligen Stabschefs des Weißen Hauses unter Clinton, John Podesta. Ein wichtiger Mitarbeiter im CAP ist Eric Alterman, einer der nachdrücklichsten Verteidiger der Demokraten in The Nation und vehementer Antikommunist. Zahlreiche ehrgeizige Individuen nähren sich an den Trögen solcher Stiftungen und Institute.

Der gewachsene Einfluss der Demokratischen Partei in Washington nach den Wahlen 2006 hat natürlich größere Möglichkeiten für die liberale Linke zur Folge, wie vanden Heuvels Bemerkung über den Aufstieg der liberalen Demokratischen Fraktionsgruppe aus dem Keller des Kapitols in das Rayburn House Office Building deutlich macht. Es werden nicht nur Hunderte, wenn nicht Tausende gut bezahlte Regierungsjobs frei, wenn sich der Wahlerfolg der beiden großen Parteien wendet. Auch das allgemeine wirtschaftliche Klima verbessert sich für die Anhänger der aufsteigenden Partei. Warum sollte die respektable Linke nicht auf den Zug des leichten Geldes der Demokraten aufspringen?

Diese Bevölkerungsschicht hat sich bereits bereichert und sich, wie ein beträchtlicher Teil der oberen Mittelschichten Amerikas, nach rechts entwickelt. Um diesen Punkt zu illustrieren, wollen wir einen Artikel von 2003 aus dem New York Observer zitieren, der einen Einblick in die Persönlichkeit und den Lebensstil des schon erwähnten Alterman gewährt.

Der Nation- Autor, begann der Artikel, "stand mitten in Michaels Restaurant, dem Treffpunkt der liberalen Medien an Manhattans 55. Straße West... Mr. Alterman strotzte vor Erfolg. Erst 43 Jahre alt. Vier Bücher veröffentlicht, mit kühnen Titeln wie Wer spricht für Amerika?, Medien-Kolumnist bei The Nation. Web Blogger bei MSNBC.com, wo dafür bezahlt wird, jeden Morgen zu schreiben, was ihm im Kopf herum schwirrt. [Alterman trennte sich 2006 von MSNBC. Vanden Heuvel tritt regelmäßig in der Sendung "Hardball with Chris Matthews" des Kabelkanals auf.] Universitätsabschlüsse in Cornell, Yale und Stanford. Der berühmteste Mann auf seiner Hochzeit: George Steaphanopoulos [momentan Chefkorrespondent für ABC-News in Washington und ehemaliger Pressesprecher von Bill Clinton]."

Der Observer fuhr fort: "Alterman bestellte Gänseleber, das Kobe Beef und ein Glas Pinot Noir. Er hatte mal gesagt, er liebe ‚teure’ Essen...An diesem Abend gab Justin Smith, der Herausgeber des Magazins Week, eine Dinner Party für ihn, an der liberale Kumpel wie Mark Green [ehemaliger Bürgermeisterkandidat von New York], der Autor Calvin Trillin, Victor Navasky von The Nation und sogar drei Ex-Models teilnehmen sollten." (Ein Hamburger bei Micheal’s kostet übrigens laut Homepage 33 Dollar).

Dieses Portrait der Selbstzufriedenheit und des Egoismus ist sicher nicht attraktiv, aber man könnte es mit diesen oder jenen Abstrichen auf breite Schichten dieser kleinen gesellschaftlichen Welt ausweiten. Es gibt viele, viele ‚größere’ und ‚kleinere’ Altermans an Manhattans Upper West Side, in anderen Teilen New Yorks und in den entsprechenden Gegenden von Chicago, Boston, der Bay Area, von Los Angeles, Seattle oder anderen Orten.

Es sind Leute mit gut besoldeten und gesicherten Positionen bei den Medien, in der akademischen Welt (Alterman ist auch hochrangiges Mitglied der Media Matters for America und des World Policy Institute an der New School und unterrichtet am Brooklyn College), bei Think Tanks und den Gewerkschaften. Sie haben gute Beziehungen und "gehören dazu".

Diese gesellschaftlichen Kreise haben gut für sich gesorgt. Sie haben von dem Börsenboom profitiert, der zum Teil durch die Fähigkeit der herrschenden Elite ermöglicht wurde, die Löhne zu drücken und Sozialleistungen zu kürzen, und von Bushs Steuersenkungen. Das hat ihre eigene Opposition gegen diese arbeiterfeindliche Politik merklich geschwächt. Außerdem hat eine gewaltige Übertragung von Reichtum im Umfang von Billionen Dollar von einer Generation auf die nächste stattgefunden, weil die Eltern der Babyboom-Generation sterben und ihr Eigentum weiterreichen.

Der Filmkritiker des Magazins New Yorker, David Denby, berichtet in seinem Buch American Sucker über seine eigene Midlife Crisis und seinen (desaströsen) Ausflug an die Börse. Er schreibt über die Wirkung des Markt-, Grundstücks- und Profitbooms der 1990er Jahre auf sein soziales Milieu:

"Es war nicht nur eine finanzielle Veränderung, auch die Kultur veränderte sich. Liberale wie ich fühlten, wie ihre noch vorhandene Abneigung gegen den Kapitalismus dahin schmolz, in grummelnde Duldung umschlug und dann, Schritt für Schritt, in offene Bewunderung... Wenn Kapitalismus in Joseph Schumpeters berühmten Worten ‚kreative Zerstörung’ war, dann hatte Zerstörung im Zeitalter der Kontrolle der großen Konglomerate im Film die Oberhand gewonnen. Schließlich wusste inzwischen jeder, der ein bisschen Grips im Kopf hatte, das unser Wirtschaftssystem viel besser als alle anderen war. Jedenfalls hatte es einige von uns ganz schön reich gemacht."

Denby spricht für Tausende ehemalige Liberale und Radikale. Bei allen ihren Beschränkungen hatte diese Gesellschaftsschicht doch einmal Reichtum und Geldgier verachtet. "Geschäft", "Profit" und "Spekulation" waren einst schmutzige Worte für sie. Sie selbst waren nicht reich gewesen und hatten sogar Verbindungen mit der Arbeiterklasse gehabt.

Der Anstieg der Immobilienpreise vertrieb Arbeiterfamilien physisch aus Manhattan und anderen Gebieten, und die Einkommen dieser selbstzufriedenen Liberalen schossen in die Höhe. Ihre Verbindungen zur "Arbeiterbewegung" beschränkten sich jetzt auf die Gewerkschaftsbürokratie, die einen ähnlichen sozialen Prozess durchlaufen, sich bereichert und von den Gewerkschaftsmitgliedern und anderen Arbeitern entfernt hatte.

AFL-CIO Verbindungen

David Sirota, ein regelmäßiger Autor von The Nation, verkörpert mehrere dieser Entwicklungen. Sirota war schon Sprecher der Demokraten im Haushaltsausschuss des Repräsentantenhauses, Pressesprecher des Abgeordneten Bernie Sanders aus Vermont, Mitarbeiter am Center for American Progress und nach eigener Einschätzung "Demokratischer Wahlkampfstratege". Er ist Co-Gründungsvorsitzender des Progressive States Network. Letzteres wurde 2005 von George Soros’ Open Society Institute, Podestas CAP, dem Gewerkschaftsdachverband AFL-CIO, der Dienstleistungsgewerkschaft AFSCME und der Stahlarbeitergewerkschaft mit dem Auftrag gegründet, in den Bundesstaatsparlamenten Lobbyarbeit für die Ziele der Gewerkschaftsbürokratie zu betreiben.

Marc Cooper, Autor bei The Nation, ist ein weiteres Beispiel für die Beziehungen zu den Spitzen der Gewerkschaften. Er ist zusammen mit dem Washingtoner Herausgeber David Corn der größte Linken-Hasser des Magazins. Cooper hat kürzlich schleimige Artikel über verschiedene Demokratische Präsidentschaftsbewerber geschrieben, die sich auf Gewerkschaftsversammlungen vorgestellt hatten.

Im März nahm sich Cooper einen Auftritt von Hillary Clinton, Barack Obama und Bill Richardson vor mehreren tausend gewerkschaftlich organisierten Hotelbediensteten in Las Vegas vor. Unter dem Titel "Clinton und Obama sprechen die Sprache der Gewerkschaften" lobte Cooper in The Nation die Reden der Demokraten.

Seine kriecherischsten Kommentare hob er sich für seine persönliche Web Site auf. Ein Beispiel: "Obama war der Schlussredner auf der Bühne [in Las Vegas], und ohne dass ich selbst ein Pferd im Rennen gehabt hätte, muss ich sagen, er redete die anderen an die Wand. Dieser Kerl hat es drauf, ist so phantastisch locker auf der Bühne, er verströmt regelrecht Charisma. Ich muss sagen, nachdem ich ihn jetzt aus der Nähe gesehen habe, er ist sogar besser als Bill Clinton (und der war schon wirklich gut). Obama widmete seine ganze Rede dem Lob auf die Macht der Gewerkschaften."

Was lässt Cooper und andere gegenüber so unbedeutenden Personen wie Bill Clinton oder Barack Obama vor Bewunderung erstarren? Weil die Worte der Politiker keinen ernsthaften Inhalt mehr haben, geht es nur noch um ihr machtvolles Auftreten, ihren Erfolg oder ihre Fähigkeit zu manipulieren, die sie so bedeutsam erscheinen lassen.

In "Arbeiten für Edwards", einem im Mai erschienen Artikel für The Nation, beschreibt Cooper in gleichermaßen verzückten Tönen einen Auftritt von John Edwards in einer von der AFL-CIO in Seattle organisierten Stadtversammlung. Cooper berichtet, dass die "begeisterte Menge von 800 Gewerkschaftern" Edwards fünf stehende Ovationen darbrachte, und fügt hinzu, dass der Ex-Senator aus North Carolina "die vergangenen beiden Jahre genutzt und im Stillen systematisch Basisarbeit geleistet hat, um der Kandidat der ‚Arbeiterbewegung’ zu werden und sich so Hoffnung auf einen Durchmarsch zur Nominierung machen zu können. Er hat sich bei Streikposten blicken lassen, hat Mitgliederkampagnen unterstützt und sich zu Gewerkschaftsthemen geäußert."

Das ist alles völlig vorhersehbar und läuft nach Drehbuch ab. Man könnte Edwards Namen ohne weiteres entfernen und durch den Namen eines anderen reichen Spitzenpolitikers der Demokraten ersetzen, der sich aus opportunistischen Gründen entscheidet, die ’populistische’ Karte zu ziehen, und nichts würde sich ändern, schon gar nicht an den Lebensbedingungen breiter Schichten der Bevölkerung.

Cooper, Nichols, vanden Heuvel und die anderen sind unehrlich zu sich selbst und zu ihren Lesern, weil ihre Rolle als journalistische Vertreter der wohlhabenden Think Tanks, Universitäten, Medien, Gewerkschaften und Beraterfirmen sie daran hindert, objektiv und ehrlich über die gesellschaftlichen Verhältnisse in Amerika zu schreiben. Sie können die Dinge nicht bei ihrem wirklichen Namen nennen.

Dieser gut gestellte Teil der Mittelschichten ist mit der Lage der Dinge nicht glücklich, hat aber schon vor langer Zeit das Interesse oder die Hoffnung verloren - soweit sie die je hatten - eine wirkliche Veränderung der amerikanischen Gesellschaft erreichen zu können. Diese Personen üben Druck auf die Politik aus, um letztlich ihr eigenes Leben und das ihrer engsten Umgebung angenehmer zu gestalten.

In einigen Fällen wurde aus den radikalen Jugendlichen von einst etwas ganz anderes, ihr altes ‘Ich’ wäre über ihr neues ‘Ich’ schockiert. Eventuell noch vorhandene Spuren von Radikalismus und Opposition werden von sozialen Bindungen und Verpflichtungen überlagert, die sie viel stärker empfinden als alles andere.

Selbst als radikale Jugendliche in der Ära der Neuen Linken mangelte es dieser sozialen Schicht an theoretischer Tiefe. Sie frönte dem Anti-Intellektualismus und verfolgte im Allgemeinen pragmatische und eher undurchdachte politische Ziele. Jetzt ist ihr Standpunkt von einem kräftigen Schuss realpolitischem Zynismus gekennzeichnet. Sie gewöhnen sich zunehmend daran, mit unterschiedlich stark ausgeprägtem Unbehagen schweinische Taten und Personen zu rechtfertigen.

Das ohrenbetäubende Schweigen von The Nation über Sheehans Entwicklung zeigt, dass sie außerordentlich empfindlich und feindselig auf das Auftreten einer Massenbewegung links von den Demokraten reagieren. Welche Rolle werden sie unter solchen Umständen spielen? David Corn hat schon den Weg gewiesen. Im November 2002 trat er beim rechten Sender Fox News auf und machte darauf aufmerksam, dass eine "fundamentalistische Kommunistenorganisation" (wie es Moderator Bill O’Reilly nannte) eine Schlüsselrolle bei der Veranstaltung der Antikriegskundgebungen gespielt habe. Die Autoren von The Nation sind wachsam, sie werden die Mächtigen auf jede ernsthafte linke Opposition aufmerksam machen.

Die Zeitschrift The Nation hat eine unrühmliche Geschichte. In den späten dreißiger Jahren war sie Sprachrohr eines Teils der liberalen "Freunde der Sowjetunion" in Amerika. Sie verteidigte die Moskauer Prozesse und die systematische Ausrottung der Sozialisten in der UdSSR durch das stalinistische Regime oder verhielt sich "neutral" dazu.

Wenige Jahre vor Beginn der Säuberungen schrieb der Korrespondent der Nation, Louis Fischer: "Stalin... inspiriert die Partei durch seine Willensstärke und seine Besonnenheit. Wer mit ihm in Kontakt kommt, staunt, mit welcher Kompetenz er zuhören und die Vorschläge und Entwürfe seiner äußerst intelligenten Untergebenen vervollkommnen kann."

Im Editorial ihrer Ausgabe vom 22. August 1936 kommentierte The Nation die bevorstehende Eröffnung des ersten Schauprozesses, des Auftakts zur Liquidierung der Generation von Sozialisten, die die Oktoberrevolution inspiriert und geführt hatten. Dazu erklärte die Zeitschrift: "Es war zu erwarten, dass sich im samtenen Handschuh der neuen sowjetischen Verfassung immer noch die feste eiserne Hand abzeichnen würde. Die Diktatur in Russland ist aber zweifellos am Absterben und die Geburt der neuen Demokratie schreitet langsam voran."

"Zweifellos" - eine neue Schätzung geht davon aus, dass in den Jahren 1937-1938 allein in der UdSSR 950.000 bis 1,2 Millionen Menschen hingerichtet wurden, nach meist nur fünf bis zehn Minuten dauernden Gerichtsverfahren.

In ihrem Bericht über die absurden Beschuldigungen, die während des Prozesses gegen die Alten Bolschewiken erhoben wurden, schrieben die Herausgeber weiter: "Es ist unmöglich, sich derzeit und aus dieser Entfernung ein Urteil darüber zu bilden, wie fundiert die Begründungen für die schwerwiegenden Anschuldigungen gegenüber Sinowjew, Kamenjew und den anderen Angeklagten sind."

Meister des "einerseits" und des "andererseits" bei der Abwägung politischer Fragen, schlug The Nation vor, es so zu sehen: "Es ist unvorstellbar, dass die Sowjetregierung einen öffentlichen Prozess führt, wenn die Schuld nicht nachgewiesen ist, und ebenso unvorstellbar, dass Leo Trotzki mit Agenten des faschistischen Deutschland konspiriert haben könnte, um das Sowjetregime zu stürzen." Im Zweifelsfall mutmaßt das Magazin schließlich doch zu Gunsten des stalinistischen Regimes und seiner Geheimpolizei GPU: "Es kann Mitglieder der locker als ‚Trotzkisten’ bezeichneten Gruppe gegeben haben, die zu Terrorismus und Konspiration gegriffen haben."

In derselben Ausgabe der Zeitschrift pries Fischer die Vorzüge der neuen sowjetischen Verfassung. Bemerkenswerterweise berief er sich dabei auf Wyschinski, den Chefankläger der UdSSR (ein ehemaliger Menschewik, Gegner der Oktoberrevolution und notorischer Karrierist), der am Ende des ersten Prozesses über die Alten Bolschewiken sagte: "Ich fordere, dass wir die tollwütigen Hunde erschießen - jeden einzelnen von ihnen!"

Wyschinski, schrieb der Korrespondent der Nation, "behauptete, die vorrangigen Prinzipien sowjetischer Gerichtsverfahren müssten öffentliche Anhörung, Freiheit der Diskussion, Garantie der Rechte der Angeklagten, Gleichheit aller streitenden Parteien (auch wenn der Staat eine der Parteien ist) und ungehinderte Tätigkeit der Anwälte der Verteidigung sein. Diese Richtlinie ist neu in der Sowjetunion. Sie ist Bestandteil der mit der Verfassung eingeführten Demokratie." Eine zynische Fiktion.

Trotzkis hatte ein klare Einschätzung der Nation und der sozialen Kräfte, deren Interessen sie artikulierte. 1938 schrieb er, The Nation und die New Republic, die "Orakel der ‚liberalen’ öffentlichen Meinung", hätten "keine eigenen Ideen". Die Depression habe sie unvorbereitet getroffen, und sie klammerten sich an die Sowjetunion "wie an einen Rettungsring". Trotzki fuhr fort: "Sie hatten keinerlei unabhängiges Aktionsprogramm für die Vereinigten Staaten, waren aber fähig, ihre Verwirrung mit einer idealisierten Vorstellung der UdSSR zu kaschieren." Daher verschleierten sie auch die ungeheuerlichen Verbrechen des Stalinismus.

Keine eigenen Gedanken, kein unabhängiges Aktionsprogramm, Verwirrung... Heute geht es weiter wie damals. Die fehlende Ernsthaftigkeit und die Hohlheit des amerikanischen Linksliberalismus ist zu spüren, wenn man The Nation liest, die Reden ihrer Repräsentanten anhört, oder sonst etwas mit ihnen zu tun hat. Ihren Standpunkten mangelt es an Substanz und ihrer Opposition zum Status Quo an jeder ernsthaften Begründung.

Die Einschätzungen der Editorials und der anderen Beiträge von The Nation sind zwar literarisch anspruchsvoll und perfekt gestylt, ihr intellektueller Gehalt kann jedoch nur als kümmerlich bezeichnet werden. An nicht einem Punkt unternimmt die Zeitschrift den Versuch, die in der amerikanischen Gesellschaft wirkenden sozialen Kräfte zu erklären, geschweige denn den Versuch, eine umfassende theoretische und historische Analyse vorzulegen.

Wie erklären ihre Autoren die schockierenden Veränderungen, die während der letzten anderthalb Jahrzehnte in den USA stattgefunden haben? Beispielsweise die Verwandlung der Republikanischen Partei in ein quasi-theokratisches politisches Instrument mit neofaschistischer Basis. Wie erklären sie den ständigen Rechtsruck der Demokraten; die permanenten Angriffe auf die in der Verfassung garantierten Rechte; das - von beiden Parteien getragene - ungebremste Bestreben der USA, mit Hilfe ihrer militärischen Überlegenheit die globale Hegemonie zu erobern?

The Nation bietet weder eine seriöse Analyse noch eine Erklärung. Im Gegenteil, die Autoren dieser Zeitschrift sind bestrebt, ihre Leser in den Schlaf zu wiegen. Kurz vor der Wahl 2006 war im Editorial zu lesen: "Wenn es den Demokraten gelingt, die Mehrheit im Repräsentantenhaus oder vielleicht sogar im Senat zu gewinnen, dann hat das Land die Chance, die grundlegende Aufgabe anzupacken, die Demokratie und die Verfassungsordnung wieder herzustellen, die Bush & Co. so sehr entweiht haben...

Eine Halbzeitwahl zum Kongress, die noch vor ein paar Monaten kaum jemanden in ihren Bann schlug, hat sich in eine potentiell günstige Gelegenheit verwandelt. Sie könnte zu einer Richtungsänderung der Politik führen, die niemand vorhergesehen hat. Sie könnte unvermittelt einen politischen Spielraum eröffnen, den es während des vergangenen Jahrzehnts nicht gab. Das wäre eine Menge. So hoffen wir."

Nachdem die Demokraten im Kongress die Mehrheit bekommen hatten, wurde der Krieg ausgeweitet, der Drang der Wirtschaftselite, riesige private Vermögen anzuhäufen, besteht weiter. Ordentliche Normalarbeitsplätze und Sozialleistungen werden weiterhin zerstört.... Kein einziger Tagtraum der Nation wurde verwirklicht. Die Herausgeber und die Autoren sind unfähig zu der Selbstkritik, die man braucht, um sich selbst Rechenschaft abzulegen. Ihre gesicherte soziale Position und ihre Selbstzufriedenheit halten sie davon ab, die höchst unerfreulichen und harten Tatsachen ans Tageslicht zu bringen.

Bush, der Krieg, die soziale Ungleichheit und was es sonst noch gibt, sind unerfreulich, vielleicht auch beunruhigend für die Redaktion von The Nation - aber es sind relativ zweitrangige Unannehmlichkeiten. Ihr tägliches Dasein wird dominiert vom Auf und Ab der Wahlen, der Politik der Demokratischen Partei, der Entwicklung der persönlichen Karriere und ihres gesellschaftlichem Status’ (Buchverträge, akademische Positionen, die Zugehörigkeit zu Seilschaften in bestimmten Think Tanks, Beförderung oder Degradierung bei verschiedenen Zeitschriften), die Lage am Immobilien- oder Aktienmarkt, und auch die inzestuösen Beziehungen und engstirnigen Rivalitäten, die derartige Kreise stets in Atem halten.

Die Autoren von The Nation kritisieren den Irakkrieg, aber worauf gründet ihre Opposition? Sie ist ihrer Beziehung zur Demokratischen Partei, zur Gewerkschaftsbürokratie und anderen Institutionen vollständig untergeordnet und daher genauso schwächlich wie die Demokraten selbst im Kongress.

Harry Reids und Nancy Pelosis Partei vertritt eine Fraktion der herrschenden Elite. Ihre Meinungsverschiedenheiten mit den Republikanern sind von taktischer Art und zweitrangiger Bedeutung. Es gibt keine andere Erklärung für ihr erbärmliches Verhalten. Angesichts der Massenopposition gegen Bush und den Krieg im Irak hat die Demokratische Partei vor der Regierung kapituliert und sich voll und ganz auf ihre Seite geschlagen.

Daraus müssen die notwendigen Schussfolgerungen gezogen werden: die zwei Parteien sind sich einig über die grundsätzlichen strategischen Fragen, mit denen der amerikanische Kapitalismus konfrontiert ist. Ernsthafte Opposition gegen den Krieg, die das Problem an der Wurzel packt, und eine Unterstützung der Demokratischen Partei schließen einander aus. Wie Cindy Sheehan haben auch viele andere dies durch schmerzhafte Erfahrungen herausgefunden.

Letztendlich ist das Engagement von The Nation so engstirnig und hohl wie das der tonangebenden Medien in den USA. Wie diese Medien ist die linksliberale Zeitschrift nicht fähig, oder nicht willens, politische Positionen im Zusammenhang mit Klassenfragen zu betrachten, oder wenigstens im Zusammenhang mit den politischen Positionen der Leute, die sie unterstützt oder zu beeinflussen hofft.

Sie sind sich dieser Fragen durchaus bewusst. Wenn eine Schmutzkampagne nützlich erscheint, kann auch The Nation auf gewisse empirische Tatsachen zugreifen - zum Beispiel machte ein kürzlich veröffentlichter Artikel deutlich, dass Hillary Clinton mächtigen Wirtschaftsinteressen verpflichtet ist. ("Hillary Inc.", 4. Juni 2007)

Aber daraus werden keine verallgemeinernden Schlussfolgerungen gezogen. Die Zeitschrift springt von einer katastrophalen Episode der Demokraten zur nächsten, streift die Oberfläche und huldigt dem schlimmsten journalistischen Impressionismus. Beispielsweise endet der Artikel zu Clinton lahm: "Sie versucht zu tricksen und zu manipulieren, wenn sie Teile der demokratischen Basis hofiert und gleichzeitig den rechten Wirtschaftsinteressen signalisiert, dass sie nicht am bestehenden System rütteln wird. Selbst als First Lady der Winkelzüge wird sie die Sache so nicht schmeißen können."

Die Linksliberalen haben weder eine zusammenhängende noch eine überzeugende theoretische Konzeption der amerikanischen Gesellschaft. Nichols kritisiert die Demokraten wegen ihrer angeblichen Fehltritte und unterstützt sie als Partei dennoch weiter. Welche Konzeption hat Nichols in Bezug auf die sozialen Klassen in den USA? Und für welche sozialen Strömungen stand zum Beispiel Cindy Sheehan?

Darüber lässt sich Nichols nicht aus und gibt lieber Banalitäten von sich: "Eine Mutter wurde durch schlimme Umstände und eine wunderbare Entschlossenheit an die Spitze einer Bewegung gespült, die auf der Suche nach einer Stimme war." Jetzt da Sheehan Nichols wichtigeren politischen Verpflichtungen in die Quere zu kommen droht, entledigt er sich ihrer und hofft, dass sie schnell in Vergessenheit gerät. Solche liberalen Elemente haben keine seriöse Antwort auf die soziale Krise, und ihre politischen Schlussfolgerungen lassen einem die Haare zu Berge stehen. Für Sheehan steht die Frage im Vordergrund, den Krieg zu beenden - was es auch kosten möge. Sie ist ehrlich und steht für Authentizität und eine gesunde Haltung, trotz ihrer unkorrekten Einschätzung der arbeitenden Menschen in den USA. Ihre Ehrlichkeit gerät in Konflikt mit der opportunistischen Agenda der Demokratischen Partei und ihres Umfeldes, das lediglich auf Positionen im Rahmen der bestehenden politischen Verhältnisse aus ist.

Zum Teil hat Sheehan diese Verhältnisse durchschaut. Sie bezeichnet (in einem Interview) die Vorstellung, dass der in MoveOn.org organisierte liberale Flügel der Demokraten die "linke Antikriegsbewegung in Amerika" repräsentieren soll, als "lachhaft". In ihrem offenen Brief an die Demokraten im Kongress, den Nichols lieber ignoriert, erklärt sie ihre Absicht, "einen Ausweg aus diesem mit der Kriegsmaschinerie verfilzten ‚Zwei’-Parteien-System zu finden, das alle Aspekte unseres Lebens im Würgegriff hat. Für mich heißt das, aus der Demokratischen Partei auszutreten."

Sheehan hat eine wichtige Erfahrung gemacht, die eine weitaus umfassendere gesellschaftliche Erfahrung vorausnimmt, nämlich einen entschiedenen Bruch der Masse der Bevölkerung mit der Demokratischen Partei. Die Zeitschrift The Nation ist darüber beunruhigt, und deshalb schweigt sie sich über ihre Stellungnahme aus.

In einem Essay mit dem Titel: "Die Priester der Halbwahrheit" gab Trotzki 1938 folgende Kritik an der Nation und ihrem Umfeld: "Ihre Philosophie spiegelt ihre eigene Welt wieder. Was ihr soziales Wesen betrifft, handelt es sich um intellektuelle Halb-Bourgeois. Ihre geistige Nahrung besteht aus Halb-Gedanken und Halb-Gefühlen. Sie haben vor, die Gesellschaft mit Halb-Maßnahmen zu kurieren. Da sie den historischen Prozess als ein zu instabiles Phänomen ansehen, weigern sie sich, sich mehr als fünfzig Prozent zu engagieren. Daher sind diese Leute, die mit Halb-Wahrheiten, den schlimmsten aller Lügen, leben, zu einer richtigen Bremse für wirklich fortschrittliches, d.h. revolutionäres Denken geworden.

Die Neuen Massen (eine stalinistische Publikation) ist schlicht ein Mülleimer, der die Menschen durch seinen Geruch zur Vorsicht mahnt. The Nation und die New Republic (Neue Republik) sind viel ‚ordentlicher’ und ‚netter’ und... riechen nicht so schlecht. Aber um so gefährlicher sind sie auch. Der beste Teil der neuen Generation amerikanischer Intellektueller kann auf der breiten Straße der Geschichte nur unter der Voraussetzung eines vollständigen Bruchs mit den Orakeln der ‚demokratischen’ Halb-Wahrheit vorwärts kommen."

Wenn das vor 70 Jahren zutraf, was ist unter Berücksichtigung der enormen und sozial ungesunden Verwandlung von The Nation und ihrer Umgebung heute zu sagen? Viertel-Wahrheit? Achtel-Wahrheit? Oder noch weniger?

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Anmerkungen:

(1) Ralph Nader, führender Repräsentant der amerikanischen Grünen

(2) William Joseph Donovan (1883-1959) amerikanischer Soldat, Rechtsanwalt und Geheimdienstoffizier, war im 2. Weltkrieg der Leiter des Office of Strategic Services (OSS) und ist bekannt als "Vater" des heutigen Geheimdienstes CIA.

Siehe auch:
Amerikanische Antikriegs-Gruppen schweigen über Cindy Sheehans Austritt aus der Demokratischen Partei (14. Juni 2007)

Demokraten der Gruppe "Raus aus dem Irak" feiern ihre radikalen Freunde (10. Februar 2007)