Urabstimmung bei der Telekom

Telekom-Beschäftigte geben Druck der Gewerkschaft nach

Von unseren Korrespondenten
30. Juni 2007

72,6 Prozent der rund 22.000 zur Stimmabgabe aufgerufenen Mitarbeiter der Telekom haben nach Angaben von Verdi dem Verhandlungsergebnis zugestimmt, das die Gewerkschaft vergangene Woche mit der Telekom-Direktion unter René Obermann ausgehandelt hat. Damit tritt eine der drastischsten Lohnsenkungen in der deutschen Tarifgeschichte in Kraft.

Das Ergebnis beinhaltet eine schrittweise Lohnsenkung um 6,5 Prozent und vier Stunden Mehrarbeit für 50.000 Mitarbeiter, die in Servicegesellschaften ausgegliedert werden, sowie ein bis zu 30 Prozent niedrigeres Einstiegsgehalt für Neueinsteiger.

Korrespondenten der World Socialist Web Site sprachen am Donnerstag und Freitag während der Urabstimmung im Raum Frankfurt und in Berlin mit Betroffenen. Viele äußerten sich unzufrieden und enttäuscht über den ausgehandelten Abschluss und kritisierten die Gewerkschaft. Gleichzeitig waren sie durch die ständige Propaganda von Verdi stark verunsichert. Mehrere sagten: "Es ist zwar ein miserabler Abschluss, aber man muss wohl zustimmen, weil es sonst noch viel schlimmer kommt."

Die Gewerkschaft Verdi hatte alles in ihrer Macht Stehende getan, um die Zustimmung für einen Streikabbruch zu bekommen. In allen Betrieben wurden am Vorabend der Urabstimmung Betriebsversammlungen organisiert, auf denen die Gewerkschaftsvertreter den Abschluss als "kleineres Übel" und das "Bestmögliche, was zu erreichen war", hinstellten, während die Vertreter des Konzerns die Rolle des Buhmanns übernahmen.

In Eschborn, berichteten Beschäftigte, sei es auf der Betriebsversammlung turbulent hergegangen, die Direktionssprecher seien ausgebuht und ausgepfiffen worden. Die Verdi-Vertreter hätten ihrerseits den Beschäftigten regelrecht die Pistole auf die Brust gesetzt und drastisch die Nachteile geschildert, die ein "Nein" mit sich bringen würde.

In einem Verdi-Handzettel - wie auch auf der Internet-Site der Gewerkschaft - werden die Nachteile an die Wand gemalt, die auf die Arbeiter zukämen, falls der Abschluss abgelehnt würde. Es heißt dort: "Was passiert, wenn es keine Zustimmung gibt??? Dann gilt: 38-Stundenwoche ohne Qualifizierungsansprüche; unmittelbare Entgeltabsenkung - keine Ausgleiche;.... Anordnung von Mehr- und Minderleistung nach Bedarf,... schlechtere Altersversorgung;... keine Einstellung von 4.125 Nachwuchskräften;... kein Ausschluss betriebsbedingter Beendigungskündigungen, kein Auslagerungsschutz..." etc.

In Wirklichkeit öffnet der von Verdi ausgehandelte Vertrag weiteren Angriffen der Konzerne Tür und Tor, und zwar nicht nur bei der Telekom, sondern in der ganzen Wirtschaft. Darauf angesprochen, dass der Abschluss einem Dammbruch gleichkommt, der viele andere Unternehmen zu ähnlichen Angriffen ermutigen wird, stimmten viele Betroffene zu. Dennoch sahen sie sich nicht in der Lage, dem massiven Druck der Verdi-Funktionäre zu widerstehen.

Wie nervös die Gewerkschaft ist, zeigte sich an der Reaktion von Verdi-Funktionären auf ein Aufruf der World Socialist Web Site mit der Überschrift, "Verdi vereinbart Lohnsenkung, Arbeitszeitverlängerung und Sozialabbau: Stimmt bei der Urabstimmung mit Nein", der in Form eines Flugblatts verteilt wurde. In Eschborn versuchten sie, die Flugblattverteiler zu verjagen, indem sie behaupteten, sie befänden sich auf Werksgelände und hätten kein Recht, dort zu stehen.

Sowohl vor dem Frankfurter Ostbahnhof wie in Eschborn bemühten sich Verdi-Vertreter, alle Arbeiter, die WSWS -Handzettel mitnahmen, dagegen einzunehmen. "Das ist keine offizielle Position - das sind nur die Trotzkisten. Nimm unsere Informationen, wir sind Verdi, wir sind im Gegensatz zu denen vom Haus, und wir sagen dir: Wenn man jetzt nicht zustimmt, dann macht der Unternehmer was er will."

Als sich vor der Zufahrt in Eschborn eine Diskussion mit einigen Telekomkollegen entwickelte, mischte sich eine Verdi-Vertreterin ein und schrie: "Ihr kritisiert nur immer. Was habt ihr denn für eine Alternative?" Auf die Antwort: "Einen gemeinsamen Kampf der Arbeiter über die Grenzen von Unternehmen und Ländern hinweg, gemeinsam mit den Belegschaften von Siemens, Airbus, Volkswagen und vielen andern Belegschaften", erwiderte sie: "Ach wie schön. Ich wäre auch gerne für die Erhebung der Republik, aber das sind alles nur Träume. Die deutschen Arbeiter sind doch einfach passiv."

Auch in Berlin reagierten Verdi-Funktionäre auf das Flugblatt wie von der Tarantel gestochen. Sie forderten die Einhaltung einer "Bannmeile um das Abstimmungslokal" und pochten auf ihr Hausrecht als Veranstalter.

Stimmen von Betroffenen

Ein Telekombeschäftigter in Eschborn bei Frankfurt/Main sagte: "Der Abschluss ist nicht so herausgekommen, wie ich eigentlich erwartet habe. Offener Gehaltsverzicht darf eigentlich generell nicht hingenommen werden. Was die Mehrarbeit betrifft, so wird es in der heutigen Lage noch eher akzeptiert, weil die Arbeitslosigkeit so hoch ist, aber es ist ja auch Lohnverzicht. Für mich bedeutet es, dass ich ganz konkret Abstriche machen muss. Ich habe zwei Kinder, eine Frau und ein kleines Haus, und ich bin der einzige Verdiener. Wir werden uns jetzt ganz klar weniger leisten können."

Nach seiner Meinung über Verdi gefragt, sagte er: "Über Verdi denke ich genauso wie über den Telekom-Vorstand. Es handelt sich um ein Machtspiel, und sie wollen die Kontrolle nicht aus der Hand geben. Der einzelne Arbeiter kann dabei nur verlieren."

Andere Beschäftigte dieses Betriebs berichteten über die große Streikbereitschaft. Ein älterer Angestellter sagte, es sei sein erster Arbeitskampf gewesen, er sei sehr beeindruckt über die Solidarität, die da möglich war. Der Abschluss habe ihn tief enttäuscht. "Es wurde nicht alles versucht, was möglich war", sagte er. Dies bestätigten weitere Arbeiter, die sich beklagten, dass nicht alle Betriebe gemeinsam in den Streik gerufen worden waren.

Auch vor der Telekomfiliale am Frankfurter Ostbahnhof herrschte große Unzufriedenheit. "Ich bin richtig wütend über den Abschluss, und ich bin auch wütend über Verdi. Es müssten alle mit Nein stimmen", sagte ein jüngerer Arbeiter.

Immer wieder wurde berichtet, dass auch die Beamten sich im allgemeinen sehr solidarisch verhalten hätten. Viele von ihnen haben Briefe bekommen, ihr Status als Beamter im privatisierten ehemaligen Staatsbetrieb sei gerade mal noch bis Ende Mai 2008 gesichert. Am Ostbahnhof sagte eine Beamtin: "Eins ist ja klar: Wenn sie diesen Abschluss jetzt annehmen, dann kommen wir als nächste dran."

Heike Benz arbeitet seit 15 Jahren in einem Callcenter der Telekom in Berlin. Sie ist über das Verhandlungsergebnis enttäuscht und empört. "Wir müssen nun mehr arbeiten und bekommen dafür auch noch weniger Geld. Haben wir dafür gestreikt?" Dass Verdi das "völlig unakzeptable Ergebnis" auch noch als Erfolg darstellt, findet sie besonders ärgerlich. "Für mich gibt es für diesen Abschluss nur ein Wort: Betrug."

Der fast fünfwöchige Streik, in den sie mehrmals einbezogen war, habe für sie empfindliche finanzielle Verluste bedeutet. "Und dann ein solches Ergebnis!"

Ähnlich sieht es Manuela Hintz (Bild). Sie arbeitet seit 18 Jahren bei T-System in der Finanzverwaltung und war nicht unmittelbar am Streik beteiligt. "Es wäre gut gewesen, wenn alle Telekom-Bereiche gemeinsam gestreikt hätten", betont sie. "In unserem Bereich werden 1000 Stellen abgebaut, das interessiert aber niemanden. Wir waren trotzdem nicht in den Streik eingebunden." Die Situation unter den Kollegen sei außerordentlich angespannt. Die Arbeitshetze werde nach diesem Ergebnis deutlich zunehmen, "das weiß jeder hier."

"Ich kann positives nur für die Arbeitgeber erkennen", antworte sie auf die Frage, wie sie das Verhalten von Verdi einschätze. Das Schlimmste an dem Ergebnis sei, dass es den Anfang "einer ganzen Reihe weiterer Verschlechterungen" darstelle. "Was passiert nach 2010? Dann werden die neuen Gesellschaften vielleicht verkauft, und was dann?"

Peter Pohl (Bild) arbeitet bereits seit 35 Jahren in der Telekom-Verwaltung. "Ich werde auf jeden Fall mit Nein stimmen", sagte er gegenüber der WSWS und fügte hinzu: "Meiner Meinung nach sollten das alle hier tun. Die Leute werden doch regelrecht für doof verkauft. Ich kenne die Gewerkschaft seit langem. Die Abhängigkeiten sind einfach zu groß."

Das erläutert Peter Pohl mit folgenden Worten: "Die Spitzenvertreter von Verdi sitzen im Aufsichtsrat von Telekom und haben vor allem die Interessen des Unternehmens im Sinn. Dazu kommt noch, dass der Hauptaktionär die Regierung ist und die SPD in der Regierung sitzt. Da braucht man doch nur eins und eins zusammenzählen."

Von den angesprochenen Beschäftigten war kein einziger mit dem Abschluss zufrieden. Es überwogen eindeutig jene, die ihn ablehnten. Allerdings gab es auch Arbeiter, die um ihren Job fürchteten, durch den Streik zermürbt und durch den Abschluss demotiviert waren. Sie wussten nicht, was sie tun sollten, und hatten das Gefühl, dass jeder weitere Streik aussichtslos sein würde.

Frau Wille arbeitet auch im Telekom-Callcenter in Berlin und ist somit direkt betroffen. Sie sagte, dass die Mehrarbeit für viele Kollegen mit Familie kaum zu schaffen sei. Mitarbeiter hätten teilweise lange Anreisen und wüssten schon heute nicht mehr, wo sie ihre Kinder so früh abgeben sollten. "Ich bin wie die meisten hier gegen den Abschluss. Ich glaube, hier wird ein Präzedenzfall geschaffen: Wenn wir mit den Löhnen runter gehen, werden andere Anbieter nachziehen. Das ist eine unendliche Lohnspirale nach unten."

Frau Batschke arbeitet ebenfalls im Callcenter in Berlin und ist sehr kritisch gegenüber der Gewerkschaft. "Verdi hat die Belegschaft über die Möglichkeiten des Streiks in Unwissen gelassen. Die Kollegen waren kampfbereit, wollten auf die Straße, aber der Streik wurde weitestgehend im Hinterhof der Verdi-Zentrale abgehalten."

Viele Arbeiter seien durch diese Art Streik zermürbt und durch den Abschluss demotiviert worden. "Wir wissen einfach nicht, wie wir weiter machen können", sagte sie. "Für mich sind diese Callcenter ohnehin moderne Sklaverei. In den meisten Betrieben werden zahlreiche Zeitarbeitskräfte zu Hungerlöhnen beschäftigt, anstatt ordentliche Arbeitsplätze zu schaffen. Diesem Niveau schließt sich die Telekom jetzt an."

Frau Geisendorf arbeitet im Servicebereich als Verwaltungsassistentin und ist Verdi-Mitglied. Sie versuchte, dem Ergebnis Positives abzugewinnen, obwohl sie sich auch mehr erhofft hatte. "Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit ist mir die Jobsicherheit am wichtigsten," sagte sie. "Mit dem Abschluss sind zumindest die nächsten Jahre gesichert. Die wirtschaftliche Lage zwingt uns zu Zugeständnissen."

Siehe auch:
Warum das Verhandlungsergebnis von Verdi abgelehnt werden muss
(28. Juni 2007)
Verdi vereinbart Lohnsenkung Arbeitszeitverlängerung und Sozialabbau
(22. Juni 2007)
Verdi bereitet Ausverkauf des Streiks der Telekom-Beschäftigten vor
(25. Mai 2007)