Britische Gewerkschaft beschließt Boykott israelischer Akademiker

Von Barry Grey
27. Juni 2007

Die Delegiertenkonferenz der kürzlich gegründeten britischen Universitäts- und Collegegewerkschaft (University and College Union - UCU) stimmte am 30. Mai der Empfehlung zum Boykott israelischer Universitäten und Akademiker zu. Mit 158 zu 99 Stimmen nahmen die Delegierten einen Antrag an, in dem die "Komplizenschaft der israelischen Akademiker" mit der seit 40 Jahren bestehenden Besetzung Palästinas verurteilt wird, und in dem ein Aufruf palästinensischer Gewerkschaften zu einem "umfassenden und anhaltenden internationalen Boykott sämtlicher israelischer Institutionen" unterstützt wird.

Die Resolution fordert von der Gewerkschaft, einem Zusammenschluss der Vereinigung der Hochschullehrer (Association of University Teachers) und der Nationalen Vereinigung der Lehrer im Bereich der Fort- und Weiterbildung (National Association of Teachers in Further and Higher Education), den Boykottantrag allen Ortsgruppen der Gewerkschaft "zur Information und Diskussion" zugänglich zu machen. Die Vorsitzende der UCU, Sally Hunt, lehnte diesen Beschluss ab und sagte, sie könne "derzeit" zu keinem Mitgliedervotum aufrufen, zu einem späteren Zeitpunkt würde sie jedoch eine solche Abstimmung durchführen.

Die Empfehlung ist das Ergebnis einer fünfjährigen Agitation in den Gewerkschaften britischer Universitätsdozenten für eine Boykottierung israelischer Akademiker. Bei verschiedenen Anlässen waren schon ähnliche Resolutionen in den beiden Vorläufergewerkschaften der UCU verabschiedet worden.

Bei der Nationalen Journalistengewerkschaft (National Union of Jounalists) und der UNISON, der größten britischen Gewerkschaft, die 1,3 Millionen Mitglieder im Öffentlichen Dienst vertritt, wird derzeit ebenfalls ein Boykottaufruf diskutiert. Auch die irische Gewerkschaft für Dienstleistungen, Industrie, Handwerk und Technik (Services, Industrial, Professional and Technical Union), die Kanadische Gewerkschaft der Angestellten im Öffentlichen Dienst (Canadian Union for Public Employees) im Gebiet von Ontario und der Kongress Südafrikanischer Gewerkschaften (Congress of South African Unions - COSATU) haben Initiativen für einen Boykott in die Wege geleitet.

Die World Socialist Web Site hat in der Vergangenheit die Aufrufe zum Boykott israelischer Akademiker scharf kritisiert und wird diesen Standpunkt bei behalten. Obwohl derartige Vorgehensweisen zweifellos von der berechtigten Empörung über die unmenschliche und kriminelle Unterdrückung der Palästinenser durch Israel motiviert sind, sind sie völlig unangebracht und können die Entwicklung einer Opposition unter israelischen Akademikern, Intellektuellen und Arbeitern gegen Israels Regierung und gegen die Zionisten nur blockieren.

Sie kommen den Interessen des israelischen Staates und seiner Hintermänner in Washington und London entgegen: sie verbreiten politische Verwirrung, bestärken nationalistische Stimmungen, sowohl bei Palästinensern als auch bei Juden, und behindern die Entwicklung eines gemeinsamen Kampfes für demokratische Rechte und soziale Gleichheit für alle Völker in Nahost.

Indem sie israelische Professoren und Akademiker heraus greifen und unter Quarantäne stellen, und somit das israelische Volk für die Verbrechen ihrer Regierung verantwortlich machen -die amerikanische und britische Regierung begehen im Irak und in anderen Ländern mindestens genauso schwere Verbrechen -, liefern die Verfechter des Boykotts den Verteidigern der israelischen Politik zwangsläufig Munition; diese leiten daraus den Vorwurf des Antisemitismus ab. Exakt so lauten auch die Vorwürfe, die israelische Beamte und ihre politischen Verbündeten in den USA und in Großbritannien erheben.

Thomas Friedman, der außenpolitische Kommentator der New York Times brandmarkte die UCU-Resolution als "üblen Antisemitismus". Insoweit er diese Verleumdung überhaupt zu begründen versuchte, liefen seine Argumente darauf hinaus, mit dem Finger auf die angebliche Ermordung des ehemaligen libanesischen Premierministers Rafik Hariri durch Syrien und auf die Machenschaften der sudanesischen Regierung in Darfur zu deuten, um dann zu fragen, weshalb die Gewerkschaft nicht zu akademischen Boykottmaßnahmen gegen diese Länder aufrufe.

Einer der eifrigsten Kritiker der britischen Gewerkschaft ist Professor Alan Dershowitz von der juristischen Fakultät in Harvard. Er ruft zu einem Gegenboykott britischer Akademiker auf, falls die Vorlage umgesetzt wird, und droht, die für diese Maßnahme Verantwortlichen zu "vernichten" und "in Grund und Boden zu stampfen". Er erklärte: "Wir werden sie (die britischen Akademiker) vom Rest der Welt isolieren."

Dershowitz, der traurige Berühmtheit als Befürworter der Anwendung von Folter erlangt hat, war auch Rädelsführer bei der Hexenjagd auf Professor und Autor Norman Finkelstein, einem Kritiker des Zionismus und des Missbrauchs des Antisemitismusvorwurfs gegen Gegner der Politik Israels. Dass Finkelsteins Berufung an die DePaul Universität in Chicago abgelehnt wurde, war ein "Erfolg" der Aktivitäten von Dershowitz.

In einem neulich in der Zeitung London Jewish Chronicle erschienenen Artikel wurde berichtet, dass zahlreiche führende Personen der britischen Kampagne für die Boykottierung israelischer Wissenschaftler Juden oder Israelis sind. Die Zeitung zitierte Haim Bresheet, der eine Professur für Medien und Kultur an der University of East London innehat: "Ich bin Jude und Israeli, und ich wünsche keiner der beiden Seiten Nachteiliges. Aber wie lange soll diese Besatzung noch dauern?" Und er fügte hinzu: "Wir treten nicht für Gewalt ein. Es handelt sich um eine zivile Aktion, die sich gegen militärische Besatzung richtet."

Dagegen warnte Uri Avnery, Gründungsmitglied der Gusch Schalom-Friedensbewegung in Israel vor der schädlichen Wirkung des Antrags, da ein umfassender Boykott: "...die Menschen in Israel in die Arme rechtsgerichteter Demagogen treibt und unterschiedslos jeden stigmatisiert."

Avnerys Stellungnahme verweist auf den unzutreffenden und reaktionären Inhalt der Vorstellung, dass israelische Akademiker, und letztlich das ganze israelische Volk kollektiv verantwortlich für die Verbrechen ihrer Regierung zu machen sind.

Israel ist wie alle Nationen durch tiefe Klassenantagonismen und soziale Widersprüche geprägt. Diese finden keinen organisierten politischen Ausdruck, da es keine wirklich unabhängige Partei der Arbeiterklasse gibt. Dieses Fehlen einer Alternative zur Führung und zum Programm des Zionismus erklärt, warum Israel seine Offensive gegen die Palästinenser aufrecht erhalten kann, obwohl es in der israelischen Bevölkerung eine starke Unterstützung für die Beendigung des Konfliktes gibt.

Die politischen Gefahren, die die Prämissen der Boykottkampagne beinhalten, wurden im Jahr 2002 deutlich, als zwei israelische Akademiker als Autoren sprachwissenschaftlicher Zeitschriften von Professorin Mona Backer von der Universität Manchester entlassen wurden. Diese Entscheidung wurde einzig und allein auf der Grundlage der Nationalität der beiden Gelehrten getroffen. Einer von ihnen war im Vorstand von Amnesty International in Israel tätig und engagierte sich aktiv in der Organisation Peace Now.

Es ist notwendig, bei allen politischen Fragen zwischen der Regierung eines Landes und der Masse der Bevölkerung zu unterscheiden. Boykotte oder Protestaktionen gegen die israelische Regierung und ihre Hintermänner in Washington und London, wie beispielsweise Aufrufe zur Blockade von Transporten militärischer Ausrüstung oder zur Isolierung der israelischen Regierung sind völlig legitim. Das gilt aber nicht für Aktionen gegen die israelische Bevölkerung, unter der es viele Gegner der rechten Kadima-Regierung unter Ehud Olmert gibt, die selbst Opfer ihrer Wirtschafts- und Sozialpolitik sind.

So schrieb die World Socialist Web Site in einer im Juli 2002 veröffentlichten Erklärung: "Maßnahmen gegen einfache israelische Bürger verstärken nur die zionistischen Bemühungen, die fatalistische und zutiefst pessimistische Vorstellung zu verbreiten, dass die ganze Welt gegen das jüdische Volk ist und der Staat Israel seine einzige Zufluchtsstätte ist.

Eine richtige Handlungsweise für Akademiker, die die israelische Aggression gegen die Palästinenser ablehnen, wäre das genaue Gegenteil eines solchen Boykotts: Sie bestände darin, sich für ein Maximum an Begegnung und Zusammenarbeit mit den israelischen und arabischen Kollegen einzusetzen, einen ernsthaften Dialog über die aufgeworfenen Fragen zu unterstützen und somit über nationale Grenzen hinwegzugehen, anstatt sie zu verstärken."

Der Boykott, der eine Zusammenarbeit mit israelischen Akademikern - einige von ihnen haben Weltruf - verbietet, würde internationale Zusammenarbeit, wie sie in der modernen Wissenschaft Standard ist, verhindern. Es ist unmöglich, z.B. im Bereich der Krebstherapie, oder der Weltraumforschung, auf nationaler Grundlage zu arbeiten. Der internationale Charakter, die personelle Zusammensetzung und die Forschungsprojekte der intellektuell und wissenschaftlich führenden Universitäten zeigen dies klar auf.

Genauso wenig kann der Kampf des palästinensischen Volkes durch die Ausgrenzung israelischer Gelehrter voran gebracht werden, von denen einige wichtige Beiträge zum historischen Verständnis des israelisch-palästinensischen Konfliktes geliefert haben. Ihre Arbeiten sollten kritisch rezipiert und diskutiert, und keiner Zensur unterworfen werden, die eher eine Annäherung der Gelehrten an den israelischen Staat zur Folge hat, als dass sie die Betroffenen zu eigenständigem Denken ermutigt.

Der tiefere Grund für die akademische Boykottkampagne liegt in einer demoralisierten Haltung - eine Art verbittertem Liberalismus, der keine realistische Vorstellung davon hat, wie das israelische Volk für einen Bruch mit der Politik der herrschenden Elite und einen unabhängigen Kurs gewonnen werden kann. Die Befürworter des Boykotts haben die israelische Arbeiterklasse abgeschrieben und durch die Ausgrenzung einfacher israelischer Bürger versuchen sie, ihrer Frustration ein Ventil zu schaffen.

Diese Perspektive ist eng verknüpft mit der Unterstützung eines nationalistischen Programms in der Gestalt der so genannten "Zwei-Staaten"-Lösung, d.h. eines palästinensischen Staates in den besetzten Gebieten, und Israels. Die neuesten Ereignisse in Gaza haben den sinn- und hoffnungslosenlosen Charakter dieses Programms verdeutlicht. Das ist das Schicksal jeder Politik, die von dem Fortbestehen imperialistischer Verhältnisse im Nahen Osten und dem Fortbestehen des israelischen, wie der arabischen bürgerlichen Regime ausgeht.

Die World Socialist Web Site steht in unversöhnlicher Gegnerschaft zum Zionismus. Wir fußen dabei auf dem Programm des sozialistischen Internationalismus und den daraus folgenden Methoden des Klassenkampfs.

Wir wollen israelische Arbeiter und Intellektuelle überzeugen, dass ihre Interessen nicht durch die militaristische Politik der herrschenden Klasse Israels vertreten werden, und dass dies nur durch den Aufbau der Vereinten Sozialistischen Staaten des Nahen Ostens möglich ist, d.h., einer Gesellschaft auf der Grundlage uneingeschränkter demokratischer Rechte und sozialer Gleichheit für Araber und Israelis.

Im Kampf gegen den Zionismus können nur Maßnahmen akzeptiert werden, die zur Schaffung sozialistischen Bewusstseins beitragen und den Weg ebnen für die unabhängige politische Mobilisierung und Einheit der arabischen und jüdischen Arbeiter gegen ihren gemeinsamen Feind.

Siehe auch:
Gegen die Boykottierung israelischer Akademiker
(20. Juli 2002)