Hitzewelle in Osteuropa fordert hunderte Todesopfer

Von Markus Salzmann
27. Juli 2007

Während in Großbritannien schwere Regenfälle und Überflutungen für katastrophale Zustände sorgen, haben die hohen Temperaturen im Osten- und Südosten Europas in den vergangenen Tagen und Wochen hunderte von Todesopfern gefordert. In weiten Teilen Italiens, Griechenlands und dem Balkan kam es darüber hinaus zu einer Vielzahl von Waldbränden, die enorme Sachschäden anrichteten und wodurch ebenfalls Menschenleben zu beklagen waren.

In Bulgarien, Bosnien und Mazedonien wurden Rekordtemperaturen von bis zu 45 Grad gemessen. In Serbien kletterte das Thermometer, ebenso wie in Griechenland sogar auf 46 Grad. In Rumänien, Tschechien, der Slowakei und Ungarn lagen die durchschnittlichen Temperaturen zwischen 35 und 40 Grad. In der Slowakei wurden zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnung Temperaturen von über 40 Grad registriert.

In den süditalienischen Regionen Apulien und Kalabrien wüten seit Tagen die schlimmsten Waldbrände seit Jahrzehnten. Mindestens zwei Menschen fielen ihnen zum Opfer. Etwa 300 weitere Personen werden wegen Rauchvergiftung in Kliniken behandelt. In der griechischen Hauptstadt Athen sind die Krankenhäuser bereits hoffnungslos überfüllt. Ärzte und Klinikpersonal sind pausenlos im Einsatz um hitzebedingte Atem- und Kreislaufbeschwerden zu behandeln.

Der Süden des Landes und die Region um die Hauptstadt sind am schlimmsten betroffen. Dort kam es bereits mehrfach zu Stromausfällen und zwei Menschen kamen infolge der Hitze ums Leben. Feuerwehr und Bevölkerung kämpfen seit Tagen gegen mehrere hundert Waldbrände.

In Mazedonien, Albanien und dem Kosovo war teilweise der Strom über längere Zeit hinweg ausgefallen. Ein Mensch kam in Mazedonien während eines Waldbrandes ums Leben.

Auch in Bulgarien sind rund 1800 Waldbrände ausgebrochen. Im Süden des Landes musste der Notstand ausgerufen werden, nicht zuletzt weil Regierung und Behörden in keinster Weise auf eine solche Situation vorbereitet waren. Nach dem Ausbruch der Brände stellten russische Behörden Löschflugzeuge zur Verfügung, weil Bulgarien trotz riesiger Waldflächen kein einziges besitzt.

Nach Behördenangaben starben zwei Menschen an den Folgen der Hitze. Tatsächlich dürfte die Zahl jedoch weit höher liegen. Gerade in den betroffenen Gebieten im Süden und Osten des Landes sind zahlreiche Ortschaften quasi von jeglicher modernen, medizinischen Versorgung abgeschnitten. Auf Grund der ausgeprägten Armut sind Fahrten in Krankenhäuser und zum nächsten Arzt für viele Menschen unerschwinglich.

Nachdem im Juni bereits offiziell 30 Hitzetote gemeldet wurden, führten die Temperaturen auch im Juli in Rumänien wieder zu zahlreichen Todesfällen. Am Dienstag teilte das Gesundheitsministerium mit, dass innerhalb der letzten Woche 30 Menschen an den Folgen der Hitze starben, allein 12 davon am vergangenen Montag. Die meisten von ihnen waren ältere Menschen, die auf der Straße zusammenbrachen. Etwa 1000 Menschen erlitten einen Kreislaufkollaps und mussten medizinisch versorgt werden. Der Rettungsdienst in Bukarest alleine musste fast 20.000-mal ausrücken.

Auch hier spiegeln die offiziellen Angaben bei weitem nicht die tatsächliche Situation wieder. Bukarest ist die wohlhabendste und in Bezug auf die Infrastruktur am besten ausgestatte Stadt des Landes. Die ländlichen Gebiete, aber auch größere Städte im Süden sind bettelarm und verfügen, wenn überhaupt, über völlig veraltete soziale und medizinische Einrichtungen. In vielen Gegenden holen sich die Bewohner ihr Wasser aus Brunnen.

Viele dieser Brunnen sind infolge der Hitze und Trockenheit versiegt. Die Regierung in Bukarest hat hierfür zwar Wasserlieferungen in entlegene Gebiete organisiert, doch die decken bei Weitem nicht den Bedarf. Die offiziellen Stellen sind nicht einmal in der Lage in der Hauptstadt die Versorgung angemessen zu organisieren. Neben den bestehenden Kliniken und Einrichtungen wurden gerade mal eine Hand voll zusätzlicher, kleiner Stützpunkte aufgebaut, in denen Trinkwasser verteilt wird und einfachere medizinische Versorgung erfolgt. In einer Stadt mit über 2 Millionen Einwohnern ist dies buchstäblich nicht einmal ein Tropfen auf dem heißen Stein.

500 Tote in Ungarn

Besonders katastrophal zeigen sich die Auswirkungen der Hitze in Ungarn. Nach Angaben der Gesundheitsbehörden starben zwischen dem 15. und dem 22. Juli 500 Menschen an den Folgen der Hitze. Die höchste Temperatur wurde in Kiskunhalas, südlich von Budapest, mit knapp 42 Grad gemessen. Hunderte Bewohner mussten mit teils schweren Atem- und Herzproblemen in die Krankenhäuser eingeliefert werden. Die Rettungsdienste waren völlig überfordert. Auch hier waren die Toten meist ältere Menschen, aber auch Obdachlose und Arme, die keinen Zugang zu medizinischer Versorgung hatten.

Ein Blick auf den Wetterverlauf der letzten 10 Jahre zeigt, dass die extrem hohe Zahl der Todesfälle keinesfalls unabwendbar gewesen wäre. Vielmehr legen die ungarische Regierung und Behörden eine vollkommene Gleichgültigkeit an den Tag und versuchen die Krise herunterzuspielen.

Als bereits bekannt war, dass mehrere hundert Menschen zu Tode gekommen waren, erklärte Istvan Ujhelyi, Vorsitzender des so genannten "Koordinations Komitees" der Regierung, dass es sich um keine "Katastrophe" handle und man alles tun werde um den "extremen Wetterbedingungen" zu begegnen. "Es gibt keinen Grund sich Sorgen zu machen; Energie- und Wasserversorgung sind gewährleistet; Straßen und Schienen können befahren werden, und das nächste Mal wenn die Temperaturen derart steigen haben die Ministerien einen Aktionsplan gegen mögliche Gefahren ausgearbeitet".

Diese leeren Versprechungen wurden von der ungarischen Regierung nicht zum ersten Mal gemacht. Hitzeperioden haben in dieser Region im vergangenen Jahrzehnt deutlich zugenommen. Der Sommer 1998 wurde als der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Ungarn bezeichnet. Im Jahr 2000 wurden Temperaturen gemessen, die den gegenwärtigen ähnlich waren. Auch der Sommer 2003 war extrem heiß und schon damals starben viele Menschen. Dem Nationalen Wetterdienst zufolge waren die letzten zehn Sommer die heißesten, doch bislang existiert kein Notfallplan der Regierung und der Behörden.

Aus diesem Grund herrscht auch eine merkliche Abneigung der staatlichen Institutionen, die Opferzahlen genau festzustellen. Die Hitzetoten in Ungarn wurden einfach anhand der Opfer aus dem Raum Budapest auf das ganze Land hochgerechnet. Ähnlich ist die Haltung in anderen Staaten. In der Slowakei starb offiziell eine Person an den Folgen der Hitze. Das wäre weit weniger als im benachbarten Österreich, das über eine bessere und generellere medizinische Versorgung verfügt.

Sozialer Niedergang

Die Art und Weise mit der die Regierungen und staatlichen Stellen mit der Krise umgehen - ihre mangelnde Bereitschaft Hilfe zu organisieren oder wenigsten die Opferzahlen zu analysieren - zeigt wie wenig sie für die Nöte und Bedürfnisse der Bevölkerung übrig haben. Die katastrophalen Auswirkungen der Hitzewelle geben einen Einblick in die Folgen des anhaltenden gesellschaftlichen und sozialen Niedergangs in den osteuropäischen Staaten, die mittlerweile Teil der EU sind.

Die Politik der sozialdemokratisch-liberale Regierung unter Ferenc Gyurcsany (MSZP) in Ungarn ist ein Musterbeispiel für die systematische Zerstörung sozialer Einrichtungen und Dienste die in Osteuropa in den vergangenen Jahren stattgefunden hat und ständig weiter vorangetrieben wird. Regierungschef Gyurcsany ist ein typischer Vertreter der korrupten Elite die nach dem Zusammenbruch der stalinistischen Regime die Macht an sich gerissen hat und sich seither auf Kosten der Bevölkerung hemmungslos bereichert.

Der ehemalige Vorsitzende der KP-Jugendorganisation Gyurcsany trat nach dem Zusammenbruch der KP nicht in die neu gegründete Sozialistische Partei ein, sondern ging ganz seinen Geschäften nach. 1992 gründete er die Investmentgesellschaft Altus, an deren Spitze er zu einer der hundert reichsten Personen des Landes mit einem Vermögen von etwa 14 Millionen Euro wurde. 2002 kehrte er als erfolgreicher Geschäftsmann in die Politik zurück und wurde zwei Jahre später Regierungschef.

Seitdem unternimmt seine Regierung immer neue Versuche staatliche Einrichtungen, vor allem das Gesundheitssystem des Landes zu privatisieren. In den vergangenen Jahren kam es in diesem Bereich bereits zu starken Einschnitten. In Rumänien und Bulgarien ist es nicht anders. Dort ist schon jetzt eine angemessene medizinische Versorgung auch unter normalen Umständen für Menschen mit geringem Einkommen fast ausgeschlossen.

Die allermeisten Haushalte, aber auch öffentliche Einrichtungen können sich den Betrieb von Klimaanlagen nicht leisten, nachdem die Strompreise in Osteuropa rasant in die Höhe geschnellt sind. Gemessen an der durchschnittlichen Kaufkraft einer Person ist Strom in Rumänien EU-weit am teuersten. Ein Kilowatt Strom für den privaten Verbrauch kostet in Ungarn ebenso viel wie in Finnland, wo das durchschnittliche Einkommen um ein Vielfaches höher liegt.

Dieser anhaltende soziale Verfall, der in den Folgen der gegenwärtigen Hitzewelle deutlich zum Vorschein kommt, scheint immer weniger im Verborgenen zu bleiben. Der ungarische Philosoph Gaspar Miklos Tamas schreibt in der Tageszeitung Népszabadság sehr treffend über die Folgen der neoliberalen Politik, die von sämtlichen Regierungen in Osteuropa durchgesetzt wurde, und deren Folgen heute spürbar werden:

"Die osteuropäischen Volkswirtschaften sind ausgeweidet, Landwirtschaft und Großindustrie zerstört. Man fasste die Wettbewerbsfähigkeit als Wettkampf auf, welches Land die multinationalen Unternehmen aus dem Westen, die neuen Großgrundbesitzer unserer Zeit, mit den niedrigsten Steuern, den billigsten Krediten, den niedrigsten Löhnen und der längsten Arbeitszeit anlocken kann. Die gesamte Region ist durch Liberalisierung und Deregulierung gegenüber den finanzstärkeren Konkurrenten aus dem Westen wehrlos geworden. Jetzt schauen wir uns auf einem Trümmerfeld um: In der Gesellschaft sind Enklaven entstanden, die von Langzeitarbeitslosigkeit über mehrere Generationen hinweg und von höchster Not geprägt sind."