Weitere Selbstmordfälle in der französischen Autoindustrie

Von Françoise Thull
19. Juli 2007

In der französischen Autoindustrie ist es erneut zu mehreren Selbstmordfällen gekommen. Schon vor einigen Monaten hatten sich im Forschungszentrum Technocentre von Renault in Guyancourt (Yvelines) mehrere Suizidfälle in Folge ereignet.

Im April und Mai dieses Jahres hatten sich vier Beschäftigte ein- und desselben Werks von Peugeot-Citroën (PSA) in einem Zeitraum von nur vierzehn Tagen das Leben genommen. Die vier Angestellten des PSA-Werks Mulhouse (Haut-Rhin) mit 10.500 Beschäftigten waren alle zwischen 30 und 40 Jahre alt und hatten unbefristete Arbeitsverträge. Ein Beschäftigter der PSA-Fabrik von Charleville-Mézières in den Ardennen, der im Februar Suizid beging, hatte in einem Abschiedsbrief ausdrücklich die Arbeitsbedingungen als Grund angegeben.

Solche Selbstmorde gibt es nicht nur in der Autoindustrie. Am 27. Februar nahm sich ein Angestellter der Nuklearzentrale des französischen Stromkonzerns EDF in Chinon (Indre-et-Loire) das Leben. Sein Selbstmord stieß auf öffentliches Interesse, weil das Sozialgericht von Tours im Mai den Fall eines Kollegen verhandelte, eines höhergestellten Technikers, der im gleichen Betrieb gearbeitet und sich im August 2004 mit 49 Jahren das Leben genommen hatte. Mit dem Todesfall vom Februar erhöhte sich die Zahl der Suizidfälle in diesem Betrieb auf sechs innerhalb von drei Jahren.

Über die tatsächliche Anzahl der Selbstmorde aufgrund der Arbeitsbedingungen gibt es keine öffentliche Statistik, weil Suizid nur sehr selten als Arbeitsunfall anerkannt wird, selbst wenn er sich am Arbeitsplatz ereignet. Bei einem Selbstmord außerhalb des Betriebs wird in der Regel jeder Zusammenhang mit den Verhältnissen am Arbeitsplatz rundheraus bestritten.

Christian Larose, Leiter der Abteilung für Arbeit im Wirtschafts- und Sozialrat, führender CGT-Funktionär und Ko-Autor eines Buchs mit dem Titel "Gewalt am Arbeitsplatz", kommt in einer privaten Studie zum Schluss, dass 300 bis 400 Menschen jährlich sich aus Gründen das Leben nehmen, die mit schlechten Arbeitsbedingungen zusammen hängen. Das ist fast einer pro Tag. Wie er schreibt, steigt diese Zahl weiter an.

Die Familien der Suizidopfer, die ihre Rechte geltend machen möchten, stoßen auf mannigfaltige Schwierigkeiten. Das zeigt der Fall eines Selbstmörders, der sich am 20. Oktober 2006 im Technocentre von Renault das Leben nahm. Anfang Mai hat die Krankenkasse von Hauts-de-Seine diesen Fall als Arbeitsunfall anerkannt, aber die Renault-Direktion legte Einspruch dagegen ein, wie sie am 27. Juni bekannt gab.

Die von solchen Dramen betroffenen Familien haben nicht nur den Tod eines Angehörigen und oft ihres einzigen Ernährers zu beklagen, sondern müssen auch noch wahre Schlachten vor den Gerichten ausfechten, um die wirklichen Todesursachen geltend zu machen und zu beweisen, dass die Verantwortung beim Unternehmer und der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen liegt.

Sie müssen sich auf juristische Verfahren gegen multinationale Konzerne einlassen, die über praktisch unbegrenzte finanzielle Möglichkeiten verfügen. Die Vermutung liegt daher nahe, dass die Zahl der offiziell anerkannten Fälle stark von der tatsächlichen Zahl abweicht. Die Unternehmen wollen nicht anerkennen, dass die Arbeitsbedingungen eine große Rolle bei den Selbstmorden spielen, und versuchen alles auf "persönliche Schwierigkeiten" abzuschieben. Das hat zur Folge, dass nur eine kleine Spitze des Eisbergs überhaupt sichtbar wird.

Laut Presseberichten ist es bei Peugeot seit einigen Jahren üblich, erkrankten Mitarbeitern Briefe nach Hause zu schicken, um sie unter Druck zu setzen. Wie Le Monde berichtet, liegen der CGT etwa hundert solcher Briefe aus dem letzten Jahr vor. "Es handelt sich um vorformulierte Briefe", erklärt Vincent Duse, CGT-Delegierter. "Sie sind den erkrankten Mitarbeitern des Werks Mulhouse zugeschickt worden, die eine ärztliche Krankmeldung eingereicht hatten."

Le Monde zitiert aus einem solchen Brief, in dem der Personalchef auf die "Bedeutung und Häufigkeit des Fernbleibens" des erkrankten Mitarbeiters hinweist. Weiter heißt es darin: "Das persönliche Fernbleiben ist mit dem betrieblichen Arbeitsablauf unvereinbar und beeinträchtigt in nicht hinnehmbarer Weise das Funktionieren der Produktionseinheit." Am Schluss wird der Mitarbeiter aufgefordert, "sein Verhalten erkennbar und dauerhaft zu verändern".

In den Autofabriken werden unbefristet eingestellte Mitarbeiter Seite an Seite mit jungen Hilfskräften beschäftigt, was die Festangestellten zwingt, sich deren Arbeitsrhythmus anzupassen. Dabei holen die Aushilfen oft das Letzte aus sich heraus, weil sie als prekär Beschäftigte auf eine Festeinstellung hoffen. Sie sind oft genug bereit, ihre Gesundheit und zuweilen sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Unmittelbar vor den gehäuften Selbstmorden hatte die PSA-Gruppe massive Personalkürzungen angekündigt. Seit Februar ist bekannt, dass Peugeot 4.800 Arbeitsplätze abbauen will. Ein paritätisch besetzter Werksausschuss von Peugeot-Citroën, der sich am 9. Mai unter Leitung von Christian Streiff, des ehemaligen Airbus-Präsidenten, getroffen hat, kam zum Schluss, dass diese Arbeitsplätze noch im Lauf dieses Jahres (2007) auf der Grundlage freiwilliger Aufhebungsverträge abgebaut werden sollen.

Dies, obwohl sich bei PSA die Verkaufszahlen erhöht haben, ganz im Gegensatz zu Renault, das einen Rückgang seiner Verkäufe einräumen musste. PSA gab bekannt, dass im Vergleich zum Vorjahr im ersten Quartal 2007 die Verkäufe um 6,5 Prozent und der Umsatz um 5,6 Prozent gestiegen seien; außerdem konnte die Gruppe den Absatz in Osteuropa um 1,6 Prozent steigern.

Die Stellenstreichungen sollen über die Bühne gehen, ohne dass man offiziell zu Entlassungen greift. Personaldirektor Jean-Luc Vergne sagte dazu: "Wir haben uns entschieden, keine Entlassungen im Rahmen von Sozialplänen durchzuführen und stattdessen... die Abgänge nicht zu ersetzen." Die Maßnahme läuft seit dem 1. Juni 2007 sechs Monate lang. Sie stützt sich auf ein neues Abkommen namens Gestion Prévisionelle des Emplois et des Compétences (GPEC), das am 6. April von fünf der sechs bei PSA vertretenen Gewerkschaften (CFDT, CFE-CGC, CFTC, FO und GSEA), mit der CGT als einziger Ausnahme, unterzeichnet wurde.

Das Abkommen stützt sich auf ein Gesetz von 2005. Dieses als Loi Borloo bekannt gewordene "Programm für den sozialen Zusammenhalt" vom 18. Januar 2005 verpflichtet kleine und mittlere Unternehmen und Konzerne mit mehr als 300 Beschäftigten, alle drei Jahre Verhandlungen über die Arbeitsplätze (die schon erwähnten GPEC) durchzuführen. Diese Verhandlungen zwischen den so genannten "Sozialpartnern", d.h. der Werksleitung und den Gewerkschaften, sollen im Voraus aufzeigen, wo möglicherweise ein Arbeitsplatz-"Überhang" entsteht, und somit die Zahl der Beschäftigten permanent den Bedürfnissen des Unternehmens anpassen.

Solche Praktiken dienen effektiv dazu, den Druck auf die Beschäftigten ständig hoch zu halten. Damit werden Bedingungen geschaffen, unter denen sich der Arbeitsdruck für jene erhöhen lässt, deren Arbeitsplatz voraussichtlich gestrichen werden soll. Die Tatsache, dass die Gewerkschaften dabei mitspielen, bedeutet, dass die Arbeiter den Unternehmern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert und jeder Perspektive zu ihrer Verteidigung beraubt sind. Die bei PSA aktiven Gewerkschaften haben bisher keinen Finger gerührt, um die angekündigten 4.800 Stellenstreichungen bei Peugeot zu verhindern.

Dabei mangelt es der PSA-Belegschaft keineswegs an Kampfbereitschaft. Erst am 10. April, wenige Tage vor der ersten Präsidentschaftswahlrunde, wurde bei Peugeot-Citroën in Aulnay-sous-Bois (Seine-Saint-Denis) ein Streik beendet, an dem sich seit dem 28. Februar 500 von 3.400 Arbeitern beteiligt hatten. Zuvor hatten die Arbeiter von Magnetto (einem Zulieferer, der drei Jahre zuvor von PSA verkauft worden war) in einem Streik gewisse Zugeständnisse erkämpft.

Die Streikenden bei PSA hatten eine Gehaltserhöhung von 300 Euro für alle, einen Mindestlohn von 1.525 Euro netto, eine Vorruhestandsregelung für die über 55-Jährigen und die Festeinstellung der Leiharbeiter gefordert. Das Verhandlungsergebnis ist weit davon entfernt, die ursprünglich formulierten Forderungen zu erfüllen, und hat den Streikenden nicht einmal eine Lohnerhöhung eingebracht.

Die Gewerkschaften weigern sich systematisch, dem allgemeinen Arbeitsplatzabbau mit Kampfmaßnahmen entgegen zu treten. Dagegen ermöglichen sie es den Unternehmern, ein Werk gegen das andere auszuspielen. Dies wurde am Fall von Airbus besonders deutlich, wo das Projekt "Power 8" den Abbau von 10.000 Arbeitsplätzen in Europa, die Schließung oder den Verkauf von fünf Werken und die Verlagerung der Produktion in Niedriglohnländer vorsieht.

Während sich die Airbus-Beschäftigten weigerten, dieses Entlassungsprogramm zu akzeptieren, und in Streik traten, haben die Gewerkschaften alles getan, um die Entfaltung eines ernst zu nehmenden Arbeitskampfes zu verhindern. Sie haben die letzten noch laufenden Streiks der Airbus-Arbeiter in Nantes und St. Nazaire erstickt und dafür von der Betriebsleitung nur das leere Versprechen erhalten, zu einem späteren Zeitpunkt die Verhandlungen wieder aufzunehmen. Wenig später trafen sich die Führer der fünf wichtigsten Gewerkschaften mit dem neu gewählten französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, bevor dieser offiziell in das Präsidentenamt eingeführt war.

Offensichtlich soll die berüchtigte "Elektroschock"-Politik des neuen Premierministers François Fillon unter tätiger Beihilfe der Gewerkschaften umgesetzt werden. Um die französischen Unternehmer zufrieden zu stellen, will Fillon Frankreich "zu Höchstleistungen anspornen", um es an die Spitze der internationalen Konkurrenz zu katapultieren.

Schon seit mehreren Monaten wird die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften verstärkt. Ein weiteres Gesetz, die sogenannte "Modernisierung des sozialen Dialogs", wurde bereits vom vorherigen Premierminister Dominique de Villepin Anfang Januar eingeführt und jetzt noch einmal erweitert. Das Gesetz sieht vor, dass die Regierung sich bei jedem Reformprojekt mit den "Sozialpartnern" ins Einvernehmen setzt, ehe sie Neuerungen in Fragen des Arbeitsrechts, des Arbeitsmarktes und der beruflichen Ausbildung einführt.

Sarkozy wird also im September ganz offiziell auf die Unterstützung der Gewerkschaftsführer zählen können, wenn seine "Prioritätenliste" auf die Tagesordnung kommt: sein Angriff auf das Streikrecht im öffentlichen Dienst, die Einführung eines neuen, einheitlichen Arbeitsvertrags, die Fusion der Arbeitslosenkasse Unédic mit der Arbeitsvermittlung ANPE und die "Reformen" der Kranken- und Rentenkassen.

Die Folge einer solchen Komplizenschaft und Zusammenarbeit der Gewerkschaften bei den Entlassungen und Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen wird aus einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation klar ersichtlich: Demzufolge hat Frankreich nach der Ukraine und den Vereinigten Staaten Platz drei auf der Rangliste der Länder mit den meisten arbeitsbedingten Depressionen erreicht.

Siehe auch:
Häufung von Selbstmorden bei Renault
(1. März 2007)