Warum The Nation zu Cindy Sheehans Austritt aus der Demokratischen Partei schweigt

Teil 2

Von David Walsh
3. Juli 2007

Die Leitartikler der amerikanischen Zeitschrift The Nation sind fester Bestandteil der bestehenden politischen Strukturen, wie die "geschickte, historisch scharfsinnige und diplomatische" (die Worte stammen von der Herausgeberin Katrina vanden Heuvel) Moderation einer Veranstaltung des Congressional Progressive Caucus, der größten linksliberalen Fraktion im US-Kongress, durch John Nichols zeigt.

Die Wochenzeitschrift ist der linke Flügel des amerikanischen Establishments. Ihr Anspruch auf politische Unabhängigkeit (die Werbung behauptet: "Niemand besitzt The Nation " und: "Wir sind ein Ableger unseres Gewissens und ganz im Eigenbesitz") ist falsch.

Die Redakteure von The Nation wenden sich zwar gegen die schlimmsten Exzesse des bestehenden Systems, aber ihre Opposition hat definitive Grenzen. Letztlich sind ihre zahllosen Verbindungen zum Establishment, und besonders zu der Partei der Demokraten, wesentlich stärker als ihre Feindschaft gegen Krieg, soziale Ungleichheit und die Angriffe auf demokratische Rechte.

Nicht ganz unzutreffend verortete der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber Victor Navasky 1995 The Nation gegenüber einem Interviewer "irgendwo zwischen Nader (1) und dem Zentrum der Demokratischen Partei".

Die gegenwärtige Chefredakteurin und Herausgeberin vanden Heuvel ist ein Spross der amerikanischen Elite. Ihr Großvater mütterlicherseits war Jules Stein, Gründer des Unterhaltungskonzerns MCA. Ihr Vater William vanden Heuvel arbeitete als Assistent von William Donovan (2). Er spielte eine führende Rolle beim Aufbau der CIA, als Donovan Botschafter in Thailand war. William vanden Heuvel wurde dann in den Vorstand der Fairfield Foundation berufen, einer philanthropischen Stiftung, die der CIA als Deckmantel zur verdeckten Finanzierung verschiedener Kulturgruppen und Einzelpersonen in der Zeit des Kalten Kriegs diente. Vanden Heuvel war später Sonderberater des New Yorker Gouverneurs Averill Harriman und danach Berater von Justizminister Robert Kennedy.

Katrina vanden Heuvel sitzt im Aufsichtsrat des Franklin and Eleanor Roosevelt Institute (FERI), dessen Co-Vorsitzender ihr Vater ist. Andere Mitglieder des FERI-Aufsichtsrats sind der ehemalige Senator von Maryland Paul Sarbanes, die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin der Demokraten Geraldine Ferraro, sowie John Brademas, der ehemalige Präsident der New York University und Vorsitzende des National Endowment for Democracy, einer weiteren CIA-Frontorganisation.

Es gibt einzelne Personen, die gegen ihre Erziehung revoltieren und zu radikalen Schlussfolgerungen gelangen. Bei vanden Heuvel von The Nation gibt es keinerlei Anzeichen für eine solche innere Revolution. Sie war und bleibt Teil des liberalen Establishments.

The Nation verfügt über gute Verbindungen zur Finanz- und Politikelite. Einige Beispiele verdeutlichen dies.

Der Vorsitzende des Nation Institute, einer nicht kommerziellen Schwesterorganisation des Magazins, ist Hamilton Fish V., der liberale Sprössling einer berühmten und bis dato konservativen politischen Familie (und erfolgloser Bewerber um einen Sitz im Kongress). Fish ist politischer Berater des Milliardärs George Soros, dessen Open Society Institute dem Nation Institute 1999 einen Zuschuss von 50.000 Dollar gewährte. Soros’ erklärtes Ziel ist es, eine parallele politische Infrastruktur zu derjenigen der republikanischen Rechten aufzubauen. Für dieses Ziel hat er schon Hunderte Millionen Dollar aufgewendet. Viele Organisationen auf der liberalen Linken haben bereits von dieser Großzügigkeit profitiert.

Soros spielte die entscheidende Rolle bei der Bildung des Center for American Progress (CAP, Zentrum für amerikanischen Fortschritt), einem Think Tank unter der Führung des ehemaligen Stabschefs des Weißen Hauses unter Clinton, John Podesta. Ein wichtiger Mitarbeiter im CAP ist Eric Alterman, einer der nachdrücklichsten Verteidiger der Demokraten in The Nation und vehementer Antikommunist. Zahlreiche ehrgeizige Individuen nähren sich an den Trögen solcher Stiftungen und Institute.

Der gewachsene Einfluss der Demokratischen Partei in Washington nach den Wahlen 2006 hat natürlich größere Möglichkeiten für die liberale Linke zur Folge, wie vanden Heuvels Bemerkung über den Aufstieg der liberalen Demokratischen Fraktionsgruppe aus dem Keller des Kapitols in das Rayburn House Office Building deutlich macht. Es werden nicht nur Hunderte, wenn nicht Tausende gut bezahlte Regierungsjobs frei, wenn sich der Wahlerfolg der beiden großen Parteien wendet. Auch das allgemeine wirtschaftliche Klima verbessert sich für die Anhänger der aufsteigenden Partei. Warum sollte die respektable Linke nicht auf den Zug des leichten Geldes der Demokraten aufspringen?

Diese Bevölkerungsschicht hat sich bereits bereichert und sich, wie ein beträchtlicher Teil der oberen Mittelschichten Amerikas, nach rechts entwickelt. Um diesen Punkt zu illustrieren, wollen wir einen Artikel von 2003 aus dem New York Observer zitieren, der einen Einblick in die Persönlichkeit und den Lebensstil des schon erwähnten Alterman gewährt.

Der Nation- Autor, begann der Artikel, "stand mitten in Michaels Restaurant, dem Treffpunkt der liberalen Medien an Manhattans 55. Straße West... Mr. Alterman strotzte vor Erfolg. Erst 43 Jahre alt. Vier Bücher veröffentlicht, mit kühnen Titeln wie Wer spricht für Amerika?, Medien-Kolumnist bei The Nation. Web Blogger bei MSNBC.com, wo dafür bezahlt wird, jeden Morgen zu schreiben, was ihm im Kopf herum schwirrt. [Alterman trennte sich 2006 von MSNBC. Vanden Heuvel tritt regelmäßig in der Sendung "Hardball with Chris Matthews" des Kabelkanals auf.] Universitätsabschlüsse in Cornell, Yale und Stanford. Der berühmteste Mann auf seiner Hochzeit: George Steaphanopoulos [momentan Chefkorrespondent für ABC-News in Washington und ehemaliger Pressesprecher von Bill Clinton]."

Der Observer fuhr fort: "Alterman bestellte Gänseleber, das Kobe Beef und ein Glas Pinot Noir. Er hatte mal gesagt, er liebe ‚teure’ Essen...An diesem Abend gab Justin Smith, der Herausgeber des Magazins Week, eine Dinner Party für ihn, an der liberale Kumpel wie Mark Green [ehemaliger Bürgermeisterkandidat von New York], der Autor Calvin Trillin, Victor Navasky von The Nation und sogar drei Ex-Models teilnehmen sollten." (Ein Hamburger bei Micheal’s kostet übrigens laut Homepage 33 Dollar).

Dieses Portrait der Selbstzufriedenheit und des Egoismus ist sicher nicht attraktiv, aber man könnte es mit diesen oder jenen Abstrichen auf breite Schichten dieser kleinen gesellschaftlichen Welt ausweiten. Es gibt viele, viele ‚größere’ und ‚kleinere’ Altermans an Manhattans Upper West Side, in anderen Teilen New Yorks und in den entsprechenden Gegenden von Chicago, Boston, der Bay Area, von Los Angeles, Seattle oder anderen Orten.

Es sind Leute mit gut besoldeten und gesicherten Positionen bei den Medien, in der akademischen Welt (Alterman ist auch hochrangiges Mitglied der Media Matters for America und des World Policy Institute an der New School und unterrichtet am Brooklyn College), bei Think Tanks und den Gewerkschaften. Sie haben gute Beziehungen und "gehören dazu".

Diese gesellschaftlichen Kreise haben gut für sich gesorgt. Sie haben von dem Börsenboom profitiert, der zum Teil durch die Fähigkeit der herrschenden Elite ermöglicht wurde, die Löhne zu drücken und Sozialleistungen zu kürzen, und von Bushs Steuersenkungen. Das hat ihre eigene Opposition gegen diese arbeiterfeindliche Politik merklich geschwächt. Außerdem hat eine gewaltige Übertragung von Reichtum im Umfang von Billionen Dollar von einer Generation auf die nächste stattgefunden, weil die Eltern der Babyboom-Generation sterben und ihr Eigentum weiterreichen.

Der Filmkritiker des Magazins New Yorker, David Denby, berichtet in seinem Buch American Sucker über seine eigene Midlife Crisis und seinen (desaströsen) Ausflug an die Börse. Er schreibt über die Wirkung des Markt-, Grundstücks- und Profitbooms der 1990er Jahre auf sein soziales Milieu:

"Es war nicht nur eine finanzielle Veränderung, auch die Kultur veränderte sich. Liberale wie ich fühlten, wie ihre noch vorhandene Abneigung gegen den Kapitalismus dahin schmolz, in grummelnde Duldung umschlug und dann, Schritt für Schritt, in offene Bewunderung... Wenn Kapitalismus in Joseph Schumpeters berühmten Worten ‚kreative Zerstörung’ war, dann hatte Zerstörung im Zeitalter der Kontrolle der großen Konglomerate im Film die Oberhand gewonnen. Schließlich wusste inzwischen jeder, der ein bisschen Grips im Kopf hatte, das unser Wirtschaftssystem viel besser als alle anderen war. Jedenfalls hatte es einige von uns ganz schön reich gemacht."

Denby spricht für Tausende ehemalige Liberale und Radikale. Bei allen ihren Beschränkungen hatte diese Gesellschaftsschicht doch einmal Reichtum und Geldgier verachtet. "Geschäft", "Profit" und "Spekulation" waren einst schmutzige Worte für sie. Sie selbst waren nicht reich gewesen und hatten sogar Verbindungen mit der Arbeiterklasse gehabt.

Der Anstieg der Immobilienpreise vertrieb Arbeiterfamilien physisch aus Manhattan und anderen Gebieten, und die Einkommen dieser selbstzufriedenen Liberalen schossen in die Höhe. Ihre Verbindungen zur "Arbeiterbewegung" beschränkten sich jetzt auf die Gewerkschaftsbürokratie, die einen ähnlichen sozialen Prozess durchlaufen, sich bereichert und von den Gewerkschaftsmitgliedern und anderen Arbeitern entfernt hatte.

AFL-CIO Verbindungen

David Sirota, ein regelmäßiger Autor von The Nation, verkörpert mehrere dieser Entwicklungen. Sirota war schon Sprecher der Demokraten im Haushaltsausschuss des Repräsentantenhauses, Pressesprecher des Abgeordneten Bernie Sanders aus Vermont, Mitarbeiter am Center for American Progress und nach eigener Einschätzung "Demokratischer Wahlkampfstratege". Er ist Co-Gründungsvorsitzender des Progressive States Network. Letzteres wurde 2005 von George Soros’ Open Society Institute, Podestas CAP, dem Gewerkschaftsdachverband AFL-CIO, der Dienstleistungsgewerkschaft AFSCME und der Stahlarbeitergewerkschaft mit dem Auftrag gegründet, in den Bundesstaatsparlamenten Lobbyarbeit für die Ziele der Gewerkschaftsbürokratie zu betreiben.

Marc Cooper, Autor bei The Nation, ist ein weiteres Beispiel für die Beziehungen zu den Spitzen der Gewerkschaften. Er ist zusammen mit dem Washingtoner Herausgeber David Corn der größte Linken-Hasser des Magazins. Cooper hat kürzlich schleimige Artikel über verschiedene Demokratische Präsidentschaftsbewerber geschrieben, die sich auf Gewerkschaftsversammlungen vorgestellt hatten.

Im März nahm sich Cooper einen Auftritt von Hillary Clinton, Barack Obama und Bill Richardson vor mehreren tausend gewerkschaftlich organisierten Hotelbediensteten in Las Vegas vor. Unter dem Titel "Clinton und Obama sprechen die Sprache der Gewerkschaften" lobte Cooper in The Nation die Reden der Demokraten.

Seine kriecherischsten Kommentare hob er sich für seine persönliche Web Site auf. Ein Beispiel: "Obama war der Schlussredner auf der Bühne [in Las Vegas], und ohne dass ich selbst ein Pferd im Rennen gehabt hätte, muss ich sagen, er redete die anderen an die Wand. Dieser Kerl hat es drauf, ist so phantastisch locker auf der Bühne, er verströmt regelrecht Charisma. Ich muss sagen, nachdem ich ihn jetzt aus der Nähe gesehen habe, er ist sogar besser als Bill Clinton (und der war schon wirklich gut). Obama widmete seine ganze Rede dem Lob auf die Macht der Gewerkschaften."

Was lässt Cooper und andere gegenüber so unbedeutenden Personen wie Bill Clinton oder Barack Obama vor Bewunderung erstarren? Weil die Worte der Politiker keinen ernsthaften Inhalt mehr haben, geht es nur noch um ihr machtvolles Auftreten, ihren Erfolg oder ihre Fähigkeit zu manipulieren, die sie so bedeutsam erscheinen lassen.

In "Arbeiten für Edwards", einem im Mai erschienen Artikel für The Nation, beschreibt Cooper in gleichermaßen verzückten Tönen einen Auftritt von John Edwards in einer von der AFL-CIO in Seattle organisierten Stadtversammlung. Cooper berichtet, dass die "begeisterte Menge von 800 Gewerkschaftern" Edwards fünf stehende Ovationen darbrachte, und fügt hinzu, dass der Ex-Senator aus North Carolina "die vergangenen beiden Jahre genutzt und im Stillen systematisch Basisarbeit geleistet hat, um der Kandidat der ‚Arbeiterbewegung’ zu werden und sich so Hoffnung auf einen Durchmarsch zur Nominierung machen zu können. Er hat sich bei Streikposten blicken lassen, hat Mitgliederkampagnen unterstützt und sich zu Gewerkschaftsthemen geäußert."

Das ist alles völlig vorhersehbar und läuft nach Drehbuch ab. Man könnte Edwards Namen ohne weiteres entfernen und durch den Namen eines anderen reichen Spitzenpolitikers der Demokraten ersetzen, der sich aus opportunistischen Gründen entscheidet, die ’populistische’ Karte zu ziehen, und nichts würde sich ändern, schon gar nicht an den Lebensbedingungen breiter Schichten der Bevölkerung.

Cooper, Nichols, vanden Heuvel und die anderen sind unehrlich zu sich selbst und zu ihren Lesern, weil ihre Rolle als journalistische Vertreter der wohlhabenden Think Tanks, Universitäten, Medien, Gewerkschaften und Beraterfirmen sie daran hindert, objektiv und ehrlich über die gesellschaftlichen Verhältnisse in Amerika zu schreiben. Sie können die Dinge nicht bei ihrem wirklichen Namen nennen.

Dieser gut gestellte Teil der Mittelschichten ist mit der Lage der Dinge nicht glücklich, hat aber schon vor langer Zeit das Interesse oder die Hoffnung verloren - soweit sie die je hatten - eine wirkliche Veränderung der amerikanischen Gesellschaft erreichen zu können. Diese Personen üben Druck auf die Politik aus, um letztlich ihr eigenes Leben und das ihrer engsten Umgebung angenehmer zu gestalten.

In einigen Fällen wurde aus den radikalen Jugendlichen von einst etwas ganz anderes, ihr altes ‘Ich’ wäre über ihr neues ‘Ich’ schockiert. Eventuell noch vorhandene Spuren von Radikalismus und Opposition werden von sozialen Bindungen und Verpflichtungen überlagert, die sie viel stärker empfinden als alles andere.

Selbst als radikale Jugendliche in der Ära der Neuen Linken mangelte es dieser sozialen Schicht an theoretischer Tiefe. Sie frönte dem Anti-Intellektualismus und verfolgte im Allgemeinen pragmatische und eher undurchdachte politische Ziele. Jetzt ist ihr Standpunkt von einem kräftigen Schuss realpolitischem Zynismus gekennzeichnet. Sie gewöhnen sich zunehmend daran, mit unterschiedlich stark ausgeprägtem Unbehagen schweinische Taten und Personen zu rechtfertigen.

Das ohrenbetäubende Schweigen von The Nation über Sheehans Entwicklung zeigt, dass sie außerordentlich empfindlich und feindselig auf das Auftreten einer Massenbewegung links von den Demokraten reagieren. Welche Rolle werden sie unter solchen Umständen spielen? David Corn hat schon den Weg gewiesen. Im November 2002 trat er beim rechten Sender Fox News auf und machte darauf aufmerksam, dass eine "fundamentalistische Kommunistenorganisation" (wie es Moderator Bill O’Reilly nannte) eine Schlüsselrolle bei der Veranstaltung der Antikriegskundgebungen gespielt habe. Die Autoren von The Nation sind wachsam, sie werden die Mächtigen auf jede ernsthafte linke Opposition aufmerksam machen.

Wird fortgesetzt.

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Anmerkungen:

(1) Ralph Nader, führender Repräsentant der amerikanischen Grünen

(2) William Joseph Donovan (1883-1959) amerikanischer Soldat, Rechtsanwalt und Geheimdienstoffizier, war im 2. Weltkrieg der Leiter des Office of Strategic Services (OSS) und ist bekannt als "Vater" des heutigen Geheimdienstes CIA.

Siehe auch:
Warum The Nation zu Cindy Sheehans Austritt aus der Demokratischen Partei schweigt - Teil 1
(29. Juni 2007)
Amerikanische Antikriegs-Gruppen schweigen über Cindy Sheehans Austritt aus der Demokratischen Partei
(14. Juni 2007)
Demokraten der Gruppe "Raus aus dem Irak" feiern ihre radikalen Freunde
(10. Februar 2007)