Hessische Kultusministerin will Schöpfungsgeschichte im Biologieunterricht einführen

Von Stefan Steinberg
21. Juli 2007

Ende Juni forderte die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die biblische Schöpfungslehre zum Bestandteil eines "modernen Biologieunterrichts" zu machen. Nach Wolffs Aussagen müssten auch Naturwissenschaften wie die Biologie anerkennen, dass wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse begrenzt seien. Eine Debatte über die Schöpfungslehre im Biologieunterricht biete die Chance für eine "neue Gemeinsamkeit von Naturwissenschaft und Religion".

Wolff reagierte damit auf einen Bericht des Europarat-Kulturausschusses mit dem Titel "Gefahren des Kreationismus in der Erziehung". Der Bericht weist auf die gezielte Kampagne religiöser und rechtsgerichteter politischer Kräfte hin, die europäische Schulen dazu ermutigen, die Schöpfungslehre aufzugreifen. Die Resolution des Kulturausschusses warnte davor, "die Demokratie durch Theokratie zu ersetzen", und forderte die europäischen Nationen auf, kreationistische Theorien ausschließlich im Religionsunterricht zu behandeln. In dem von konservativen Parteien dominierten Europarat lehnte die Mehrheit den Bericht jedoch ab.

Die Resolution des Kulturausschusses wurde auch in einem kürzlich in der Neuen Züricher Zeitung erschienenen Artikel wegen ihrer angeblich zu unkritischen Haltung gegenüber den Wissenschaften kritisiert. Die Zeitung rechtfertigte ihre Argumentation mit dem Hinweis auf den prominentesten deutschen Philosophen, Jürgen Habermas, der vor zwei Jahren in dem Essay-Sammelband Zwischen Naturalismus und Religion zum Dialog der Wissenschaften mit der Religion aufgerufen hatte.

Karin Wolff selbst behauptete, es gebe "eine erstaunliche Übereinstimmung" zwischen der biblischen Darstellung der Weltschöpfung in sieben Tagen und den wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen. Sie beharrte darauf, die Erschaffung des Menschen durch Gott, wie die Bibel sie lehrt, sei ein "Erklärungsmuster", das der Theorie der naturwissenschaftlichen Erkenntnis nicht widerspreche.

In den Vereinigten Staaten führt der Feldzug fundamentalistisch-religiöser und evangelikaler Gruppen seit langem zu kontroversen Debatten. Immer wieder fordern sie, biblische Dogmen über den Ursprung des Universums (Kreationismus) - auch bekannt unter dem euphemistischen Begriff "intelligentes Design" - in die Schullehrpläne aufzunehmen. In Deutschland ist der Vorstoß Wolffs jedoch die erste öffentliche Initiative eines führenden Politikers, einen ähnlichen Prozess anzustoßen.

Die hessische Kultusministerin ist für ihre religiösen Überzeugungen bekannt. In einem Interview mit der Deutschen Presse Agentur Anfang Oktober vergangenen Jahres rief sie die Schulen auf, Bereiche ausfindig zu machen, wo es möglich sei, Ähnlichkeiten zwischen dem Kreationismus und den Wissenschaften zu entdecken. Laut einem Kommentar der hessischen Lehrergewerkschaft GEW distanziere sich Wolff (in einem Beitrag im evangelischen Magazin Spektrum) vom Kreationismus, wie er von rechten Fundamentalisten betrieben werde, argumentiere aber gleichzeitig ganz ähnlich wie deren Vertreter. Die Zeitschrift Spektrum ernannte Wolff im Jahr 2006 zur "Christin des Jahres".

Wolffs Initiative für die Einführung religiöser Themen in die wissenschaftlichen Lehrpläne der Schulen wurde von mehreren Politikern und Wissenschaftlern umgehend kritisiert. Die Vereinigung Deutscher Biologen und verschiedene angesehene Professoren äußerten entschiedenen Protest. Ulrich Kutschera, Professor für Evolutionsbiologie in Kassel, erklärte: "Wir haben auf der einen Seite wissenschaftliche Tatsachen, auf der anderen einen 2.000 Jahre alten christlichen Mythos. Es ist inakzeptabel, die Evolution als Faktum in Frage zu stellen."

Gleichzeitig bekam Wolff aber Rückendeckung von führenden Kirchenvertretern und Politikern, besonders vom hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Nach Kochs Ansicht besage der Lehrplan, dass religiöse und philosophische Fragen den wissenschaftlichen Unterricht ergänzen sollten. Schließlich müsse man junge Leute vor der Ansicht warnen, die Wissenschaft könne alles erklären.

Der Augsburger Bischoff Walter Mixa begrüßte Wolffs Vorschlag, und die CDU-Abgeordnete Brigitte Kölsch unterstützte sie vehement. Kölsch behauptete ebenfalls, Wolffs Anregung sei mit den schulischen Lehrplänen vereinbar, und der naturwissenschaftliche Unterricht habe die kulturellen Grundlagen Deutschlands in Betracht zu ziehen, die "eindeutig christlich-jüdisch geprägt" seien.

Die politische Unterstützung für Wolff in Hessen überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass der Kreationismus schon an mindestens zwei Schulen in diesem Bundesland in den Unterricht eingeflossen ist. Wie die ARD und Arte berichteten, haben zwei Lehrer an Schulen in Gießen ihren Unterricht der Evolutionswissenschaften mit biblischen Lehren versetzt.

An der privaten August Herrmann Francke Schule in Gießen wird Biologie von einem Lehrer, der den Kreationismus vertritt, unterrichtet. Er verwirft Darwins wissenschaftliche Konzeption der Evolution zu Gunsten einer wörtlichen Interpretation der Bibel, wonach die Menschheit erst seit 6000 Jahren existiert. Solche Lehren werden auch an der staatlichen Liebig-Schule in dieser Stadt verkündet. Trotz des Verbots einer derartigen Indoktrinierung in der hessischen Verfassung, hat die Landesregierung keine Hand gerührt, um die Lehre des evangelischen Fundamentalismus’ an diesen Schulen zu unterbinden.

Die CDU und die Kampagne für die deutsche Leitkultur

Zweifellos sind die letzten Äußerungen Wolffs zum Teil durch ihre Absicht erklärbar, rückständige soziale Schichten im Vorfeld der Landtagswahlen, die im nächsten Januar stattfinden, zu mobilisieren. Ihre Aussagen sollten jedoch in dem umfassenderen Zusammenhang der anhaltenden Kampagne der deutschen konservativen Parteien für die so genannte "Leitkultur" gesehen werden, die von nationalistischen und sogar rassistischen Tönen geprägt ist.

Im Februar 1999 führte die CDU ihren Wahlkampf in Hessen auf einer offen rassistischen Plattform. Damals griff ihr Spitzenkandidat, Roland Koch, im Wahlkampf zu einer Kampagne gegen ein neues Gesetz der Bundesregierung zum Staatsbürgerrecht. In diesem Gesetz war vorgesehen, dass Immigranten unter bestimmten Bedingungen die doppelte Staatsbürgerschaft erhalten können. Im Landtagswahlkampf trat Koch eine Kampagne zur Mobilisierung der reaktionärsten Kräfte los.

Koch macht aus seiner Ausrichtung auf derart nationalistische Kräfte kein Geheimnis und pflegt selbst Beziehungen zu Organisationen des extrem rechten Spektrums. Im Jahr 2002 war er Gastredner beim Weikersheimer Studienzentrum, welches der frühere Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Hans Filbinger, gegründet hatte. Filbinger musste zurücktreten, nachdem bekannt geworden war, dass er als Marinerichter zur Zeit des Hitler-Regimes Todesurteile im Sinne der Nazis gegen Menschen verhängt hatte, die wegen geringfügiger Vergehen angeklagt waren.

Ein Jahr nach der rassistischen CDU-Kampagne in Hessen veröffentlichte die Bundes-CDU den Entwurf für eine neue, restriktive Ausländerpolitik. In den Erläuterungen wurden als Fundament der deutschen und der europäischen Kultur ausdrücklich "christlich-westliche kulturelle Werte" definiert. Als Konzession an die deutsche Geschichte der neueren Vergangenheit wurde in der Erklärung hinter den Begriff "Christentum" das Wort "Judentum" eingefügt. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Betonung der "christlich-westlichen Kultur" von jeher das Erkennungszeichen der extremen Rechten in Deutschland ist.

Die Diskussionen rechter Zirkel über die "deutsche Leitkultur" wurden nach den Terrorangriffen von 2001 intensiviert. Viele in der CDU, in der CSU und in Teilen der Medien definierten die so genannten "christlich-westlichen kulturellen Werte" immer mehr als kritische Abgrenzung gegen die islamische Gemeinde Deutschlands.

Im Oktober 2003 griff Karin Wolff mit einem eigenen Beitrag in diese Debatte ein und erhob im deutschen Fernsehen die Forderung nach einem Kopftuchverbot an deutschen Schulen. Dies war ein kalkulierter Versuch, rechte Kräfte mit dieser Forderung aufzuhetzen und eine pogromartige Atmosphäre gegen Muslime in Deutschland zu erzeugen.

Die hessische CDU griff dieses Jahr das Thema erneut auf: Sozialministerin Silke Lautenschläger (CDU) kritisierte die umstrittene Entscheidung einer Frankfurter Richterin, weil diese ein Urteil gefällt hatte, das sich nicht auf "christliche" Werte gründe. "Integration braucht einen klaren Standpunkt. Hier darf es kein Pardon geben", betonte Lautenschläger. "Unsere gesellschaftliche Grundlage ist das christliche Menschenbild und die im Grundgesetz verankerte Würde des Menschen."

Wolff behauptete im Jahr 2003, ihre Forderung nach einem Kopftuchverbot für muslimische Frauen und Mädchen und nach der Diskriminierung von Mitgliedern bestimmter Religionen leite sich aus dem Grundgesetz und der hessischen Verfassung her. Letztere bezieht sich zwar auf "christliche und humanistische Traditionen", das Grundgesetz jedoch erwähnt weder die christliche noch irgendeine andere Religion.

Während die Führung der Bundes-CDU nicht für nötig hielt, Wolffs jüngste Vorschläge zur Aufnahme der Schöpfungslehre an deutschen Schulen zu kommentieren, machte Kanzlerin Angela Merkel, selbst diplomierte Physikerin und Protestantin, aus ihrem Eintreten für christliche Werte kein Geheimnis. In der Vergangenheit hat sie sich zum Beispiel schon für die Aufnahme eines Gottes-Verweises in die Europäischen Verfassung ausgesprochen.

Siehe auch:
Die Hetze gegen "Islamisierung" und ihre Hintergründe
(10. April 2007)