Das Reichsorchester. Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus

Eine Filmbesprechung

Von Verena Nees
17. November 2007

60 Jahre lang wurde sie ausgeblendet: Die Geschichte der Berliner Philharmoniker während der NS-Zeit, ihre Geschichte als "Reichsorchester" im Auftrag von Goebbels’ Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda.

Zum 125-jährigen Jubiläum der Berliner Philharmoniker, das sie am 4. November mit einem Tag der Offenen Tür feierten, wurde nun der Dokumentarfilm "Das Reichsorchester" des Regisseurs Enrique Sànchez Lansch (2003: Rhythm is it!) aufgeführt. Er lehnt sich an eine gleichnamige Publikation des jungen kanadischen Autors Misha Aster an, die Ende August diesen Jahres im Siedler Verlag erschienen ist. Am Tag vor dem Jubiläumsfest wurde außerdem im Foyer der Philharmonie die Ausstellung Das verdächtige Saxophon - ‚Entartete Musik’ im NS-Staat eröffnet, die überarbeitete und erweiterte Version einer Ausstellung in der Düsseldorfer Tonhalle im Jahr 1988 zum 50. Jahrestag der Nazi-Ausstellung Entartete Musik. Die Stiftung Berliner Philharmoniker und die Düsseldorfer Symphoniker haben bei der Neufassung der Ausstellung zusammengearbeitet, die noch bis zum 31. Dezember in Berlin (Philharmonie), und vom 25. Januar bis 10. März 2008 in Düsseldorf (Tonhalle) gezeigt wird. Beide Orchester sorgten 1938 für das musikalische Rahmenprogramm der Düsseldorfer NS-Ausstellung.

Der gegenwärtige Dirigent der Berliner Philharmoniker Sir Simon Rattle erklärte, es seien junge Musiker gewesen, die gefordert haben, anlässlich des 125. Jubiläums endlich auch die Geschichte des Orchesters während der NS-Zeit aufzuarbeiten. Die Aufarbeitung dieser Zeit hat länger gedauert als die manches Unternehmens, das Hitlers Regime gestützt hat.

Das Interesse des Publikums an der Vorführung des Films "Das Reichsorchester" zum Jubiläumsfest war riesig, der Kammermusiksaal überfüllt. Die Frage, warum sich ein solch herausragendes Orchester, das eigentlich die Höhen einer entwickelten Kultur verkörpert, für die Zwecke einer barbarischen Diktatur einspannen ließ, stand im Raum.

Doch sie blieb auch nach dem Film unbeantwortet.

Der Weg zum Staatsorchester

Die Ursprünge der Berliner Philharmoniker gehen auf ein junges Ensemble aus Mitgliedern der Kapelle von Benjamin Bilse im Jahr 1882 zurück. Als "Philharmonisches Orchester" treten sie allerdings erst ab 1887 auf, als der Berliner Konzertagent Hermann Wolff die Organisation der Musiker in die Hand nimmt und namhafte Dirigenten - zuerst Hans von Bülow, danach für 27 Jahre Arthur Nikisch - verpflichtet. Letzterer verschafft dem Orchester internationale Anerkennung. Nach dem Tod von Nikisch 1922 wird Wilhelm Furtwängler zum Orchesterleiter gewählt. Trotz des besten internationalen Rufs und zahlreicher Auslandstourneen geraten die Philharmoniker während der Wirtschaftskrise in den 30er Jahren in eine finanzielle Krise. Versuche, mehr Unterstützung durch die Stadt Berlin zu erhalten, haben keinen Erfolg, und der selbstverwalteten Orchester-GmbH droht das Aus.

Es ist Wilhelm Furtwängler, der sich unmittelbar nach Machtergreifung Hitlers persönlich an Joseph Goebbels wendet und einen Deal aushandelt, der die Unterstellung des Orchesters unter das Propagandaministerium vorsieht. Das finanzielle Überleben der Berliner Philharmoniker ist durch diesen faustischen Pakt gesichert, aber die künstlerische Unabhängigkeit geopfert. Das Orchester dient nun der Repräsentation der Nazi-Regierung, sorgt für den musikalischen Rahmen der Reichsparteitage in Nürnberg und der Olympischen Spiele, gibt regelmäßig Konzerte für das Winterhilfswerk und die KDF-Bewegung ("Kraft durch Freude"). Die Orchestermitglieder erhalten als "Unabkömmliche" den Uk-Vermerk und werden nicht in den Krieg eingezogen, im Unterschied zu den Mitgliedern anderer Orchester wie der Staatsoper und der Deutschen Oper. Sie werden in der Bezahlung und bei der Vergabe von Wohnungen privilegiert, können mitten im Krieg Auslandsreisen nach Spanien und Portugal durchführen und treten noch bis wenige Wochen vor Kriegsende auf.

Innerhalb der eigenen Reihen wird die "Arisierung" durchgesetzt und vier herausragende Musiker müssen bereits bis 1934 das Orchester verlassen und ins Exil gehen: der Erste Konzertmeister Szymon Goldberg, die Solo-Cellisten Nikolai Graudan und Joseph Schuster sowie der Geiger Gilbert Back.

Zugleich treten an die 20 Orchestermitglieder in die NSDAP ein; einige bleiben Mitläufer, andere aber wie der Geiger Hans Woywoth, der in SA-Uniform zu den Proben erscheint, oder die Cellisten Wolfgang Kleber und der Bratschist Werner Buchholz - letzterer schrieb Propagandaartikel für die Philharmonischen Blätter — machen aus ihrer Gesinnung keinen Hehl. Musiker mit einem jüdischen Elternteil können bleiben. Anders als bei den Wiener Philharmonikern, wo es 42 Prozent NSDAP-Mitglieder gab, legt Goebbels bei den Berliner Philharmonikern nicht soviel Wert auf die Nazifizierung. Wichtiger ist ihm der Einsatz des Orchesters als Propagandawerkzeug.

Proteste gegen die Entlassung der jüdischen Kollegen gibt es kaum. Der von Enrique Sánchez Lansch interviewte Geiger Johannes Bastiaan antwortet auf die entsprechende Frage: ja, der Weggang der jüdischen Musiker habe ihn erschreckt. Goldberg sei sein Lehrer und großes Vorbild gewesen. Aber Mitglied der Philharmoniker zu sein, war ein solcher Höhepunkt seiner Karriere, dass ein Austritt aus Protest für ihn nicht denkbar gewesen sei. Auch als er vom Innenministerium eine wertvolle italienische Geige aus jüdischem Besitz als Dauerleihgabe erhält, stellt er keine Fragen. "Als Künstler, als Musiker stand man diesen Dingen so fern. Wenn man so in der Musik drinsteckt, interessieren einen diese politischen oder staatlichen Dinge eigentlich gar nicht." So Bastiaan wörtlich. Die Mitglieder des Philharmonischen Orchesters haben während dieser Zeit wie unter einer "Glasglocke" gelebt. Ähnlich beschreibt dies der zweite noch lebende Philharmoniker Erich Hartmann: "Wir haben eigentlich nur unsere Arbeit getan. Wir haben mit Freude musiziert, wir haben einen wunderbaren Dirigenten gehabt und haben an keine Politik gedacht."

Erst als Berlin zerbombt ist und Johannes Bastiaan mit seinem Geigenkasten gut gekleidet in der S-Bahn oder im Bus fährt, zusammen mit verzweifelten Menschen, deren Söhne und Ehegatten irgendwo an der Front geblieben sind, überkommt ihn "ein peinliches Gefühl". Das Konzert vor Verwundeten in den letzten Kriegstagen im Olympischen Dorf beschreibt Bastiaan heute als einen Moment, wo ihm der Kontrast zwischen den Gesichtern der jungen verwundeten Soldaten, die ihre entsetzlichen Erlebnisse spiegelten, und den ebenso jungen, aber unversehrten Orchestermitgliedern unangenehm berührte.

Das letzte Konzert findet am 16. April 1945 statt, und schon wenige Tage nach der Stunde Null, am 26. Mai, tritt das Orchester wieder auf, unter der Leitung von Leo Borchardt im Titania-Palast (die Philharmonie am Anhalter Bahnhof war 1944 durch Bomben zerstört worden) und mit Werken der unter den Nazis verbotenen Komponisten Mendelssohn Bartholdy und Tschaikowsky. Furtwängler muss sich einem Entnazifizierungsverfahren stellen, in dem er als "Mitläufer" eingestuft wird, und nur wenige Orchestermitglieder, darunter Wolfgang Kleber und Werner Buchholz, müssen das Orchester verlassen, erhalten aber in anderen Orchestern Stellen. Buchholz kann später sogar eine Professur an der Ost-Berliner Musikhochschule Hanns Eisler antreten, und Kleber wird häufig bei Funkaufnahmen als Aushilfe ins Philharmonische Orchester geholt. Der Orchestermanager Gerhart von Westerman aus der NS-Zeit blieb auch nach dem Krieg in seiner Funktion. 1954, als Furtwängler stirbt und der Interimsdirigent Sergiu Celibidache seine Zusammenarbeit mit dem Orchester aufkündigt, wird Herbert von Karajan zum neuen Dirigenten ernannt, der Günstling von Hermann Goering, der gleich zweimal einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP gestellt hat und während der NS-Zeit die Staatskapelle, das Orchester der Staatsoper, dirigierte.

Eine halbherzige Vergangenheitsbewältigung

Die Stärke des Films sind seine bisher unbekannten Dokumentaraufnahmen aus Archivmaterial, darunter wunderbare Ausschnitte aus Konzertaufnahmen mit Wilhelm Furtwängler, Herbert Knappertsbusch, Richard Strauss, Sergiu Celibidache und anderen. Sie werden mit zahlreichen historischen Dokumenten aus Partei und Staat verknüpft, zum Beispiel der Festrede von Goebbels anlässlich Hitlers Geburtstag vom Konzertpodium aus, Aufnahmen von Konzertreisen ins Ausland mitten im Krieg und die peinlichen Kommentare dazu in der Wochenschau, die das Orchester zum Sendboten gesunden deutschen Kulturlebens hochstilisierten. Im Zentrum stehen Interviews mit den beiden einzigen noch lebenden Philharmonikern jener Zeit, sowie Nachkommen von Orchestermitgliedern, darunter dem Sohn eines jüdischen Musikers, der 1934 ins Exil gehen musste. Die persönlichen Erinnerungen des heute 96 Jahre alten Geigers Johannes Bastiaan und des heute 87-jährigen Kontrabassisten Erich Hartmann, der erst 1943 eine Stelle bei den Philharmonikern bekam, berühren und erschrecken zugleich, vor allem, weil ihre Naivität und politische Gedankenlosigkeit auch heute unter Musikern, anderen Künstlern und Intellektuellen so verbreitet sind.

Der Regisseur enthält sich bewusst jedes Kommentars und stützt sich ausschließlich auf diese persönlichen Aussagen und Dokumentaraufnahmen. Auch so gelingt es ihm, das Publikum zum Nachdenken anzuregen. Mit dem Mittel der Montage einzelner Sequenzen seiner Interviews versucht der Regisseur stellenweise, die Aussagen der allzu naiven Musiker zu konterkarieren, so zum Beispiel die Aussage des erst 1955 zum philharmonischen Orchester gestoßenen Bratschers Dietrich Gerhard, seines Wissens sei der jüdische Solo-Cellist Joseph Schuster freiwillig ins Exil gegangen, obwohl ihm noch einmal ein Vertrag mit den Philharmonikern angeboten worden sei. Er habe eben lieber eine Verpflichtung in New York angenommen. Unmittelbar nach seinen Äußerungen kommt John Schuster, Joseph Schusters Sohn ins Bild, der über eine umfangreiche Sammlung von Fotos, Briefen und Programmen seines Vaters verfügt. Er liest Stellungnahmen seines Vaters vor, die deutlich machen, dass er Berlin sehr ungern und nur aus Angst vor der Verhaftung seiner Familie verlassen hat.

Die mitreißenden Konzertausschnitte stehen in einem solch beklemmenden Widerspruch zur Anbiederung der Orchesterleitung an das Nazi-Regime, dass die unbeschwerten Äußerungen von Zeitzeugen oder deren Nachkommen, sie seien ja nur Musiker gewesen, auch ohne Kommentar bitter aufstoßen.

Doch weiter geht der Film nicht: Das Schicksal von Musikern, die im Unterschied zu den Philharmonikern Widerstand geleistet haben, wird kaum beleuchtet. Ebenso wird das ganze Ausmaß des Aderlasses im Musikleben durch die Arisierung nicht behandelt. Stattdessen begnügt sich der Film mit dem Redeausschnitt von Goebbels im Deutschen Opernhaus in Berlin am 26. November 1937, in der dieser die Stärke des deutschen Kulturlebens trotz der Entfernung von 3000 Juden beschwört.

Wichtiges Material, das im Buch von Misha Aster zu finden ist, bleibt außen vor, obwohl es die Diskussion über das Verhältnis der Musiker zum nationalsozialistischen Regime vertiefen könnte. So zum Beispiel der Briefwechsel zwischen Furtwängler und den jüdischen Geigern Bronislaw Huberman und Fritz Kreisler, die 1934 eine Einladung zum Auftritt mit den Philharmonikern ebenso ablehnten wie der Pianist Artur Schnabel. Huberman schreibt: "In Wahrheit geht es nicht um Violinkonzerte, auch nicht um Juden, es handelt sich um die elementarsten Voraussetzungen unserer europäischen Kultur: Die Freiheit der Persönlichkeit und ihre vorbehaltlose, von Kasten- und Rassenfesseln befreite Selbstverantwortlichkeit." (Misha Aster, "Das Reichsorchester", S. 271 f.)

Ähnlich äußerte sich Fritz Kreisler. Wolf Lepenies, der das Vorwort zu Asters Buch geschrieben hat, zitiert Huberman aus einem späteren Artikel von 1936 im Manchester Guardian: "Vor aller Welt klage ich Euch, deutsche Intellektuelle, Euch Nicht-Nazis, als die wahren Schuldigen an allen nazistischen Verbrechen an ... Denn es ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass Instinkte der Gosse nach der Macht greifen, aber es war erst den deutschen Intellektuellen vorbehalten, ihnen zum Siege zu verhelfen. Es ist ein wahrhaft erschütterndes Schauspiel ... Deutsche Geistesführer ... zur Führung des Volkes durch Beispiel und Tat berufen, finden von allem Anfang an keine andere Reaktion auf diesen Anschlag gegen die heiligsten Güter der Menschheit als Kokettieren, Paktieren, Kooperieren ... [Sie] ducken sich und schweigen." Hubermans Anklage richtete sich nicht zuletzt an die Adresse Wilhelm Furtwänglers.

Der gravierendste Vorwurf, den man allerdings dem Film machen muss, ist die Tatsache, dass der Name Herbert von Karajan nicht fällt.

Kann man ernsthaft die Geschichte der Berliner Philharmoniker aufarbeiten, ohne die Rolle von Reichsinnenminister Görings Schützling zu zeigen? Immerhin leitete er nach Furtwänglers Tod das Orchester 34 Jahre lang bis zu seinem Tod 1989, die längste Periode eines Dirigenten überhaupt.

Seit 1933 hatte sich der junge Österreicher den Nazis angedient, spätestens seit 1935 war er NSDAP-Mitglied. 1938 dirigierte er an der Berliner Staatsoper "Tristan und Isolde", wurde in der Nazi-Presse als "Wunder Karajan" bezeichnet und zum Leiter der Staatskapelle ernannt. Hinter ihm standen nicht nur Göring, sondern auch der mächtige Konzertagent Rudolf Vedder, später SS-Sturmbannführer mit guten Kontakten zu Himmler.

In Nachkriegsdeutschland setzte Karajan seine Karriere ungehindert fort und sorgte ab 1955 dafür, dass die Philharmoniker wieder eine glanzvolle und privilegierte Existenz unter einer "musikalischen Glasglocke" führten (Johannes Bastiaan über die NS-Zeit). Erst seit 1989, unter Claudio Abbado, vor allem aber unter dem jetzigen Dirigenten Simon Rattle, öffnete sich das Orchester dem breiten Publikum.

Das 60 Jahre lange Schweigen über die Verstrickung des Orchesters mit dem Nazi-Regime ist ohne Karajan nicht erklärbar. Enrique Sánchez Lansch ist dies wohl bewusst: Im Deutschlandradio (31. Oktober 2007, Radiofeuilleton: Thema) gab er zu, dass in der Ära Karajan durch dessen NSDAP-Mitgliedschaft "das Thema auch nicht so angesagt und angebracht" war. Aber offensichtlich wollte er dem Orchester, mit dem er seit seinem Film "Rhythm is it!" enge Beziehungen pflegt, nicht zu nahe treten. Zu seiner Entschuldigung sagt Lansch, der Film solle behandeln, wie "Kollektive den Einzelnen vor seiner Verantwortung schützen". Allerdings schützt er damit, vielleicht ungewollt, Hauptverantwortliche wie Karajan oder auch Furtwängler.

Diese Vermutung unterstreicht auch der geschichtliche Abriss in der Pressemappe, die von der Filmedition Salzgeber gestellt wird. Herbert von Karajans Leitung der Philharmoniker in der Nachkriegszeit wird in den höchsten Tönen gepriesen, seine Geschichte unter dem NS-Regime verschwiegen.

Fast noch schlimmer muten die Bemerkungen des Buchautors Misha Aster an, der zwar viel interessantes Material zusammengetragen hat, aber die Rolle der Philharmoniker unter den Nazis kaum ernsthaft hinterfragt. Zur Wahl von Herbert von Karajan 1954 zum Chefdirigenten findet er folgende erstaunliche Worte: "Auf den Trümmern von Goebbels’ ‚Sendboten der deutschen Kunst’ errichtet, hatte das Nachkriegsorchester unter Einbeziehung seiner Vergangenheit mit atemberaubender Geschwindigkeit und Raffinesse Reformen durchgeführt und so sein einzigartiges Ansehen bewahren können. Zugleich hatte es als Institution eine Reife erworben, die es ihm erlaubte, sogar ein doppeltes NSDAP-Mitglied zum Chefdirigenten zu wählen, ohne Schaden zu nehmen." (Aster, S. 344).

Die Bewertung seines Buchs als "Gefälligkeitswerk" durch einen Rundfunkjournalisten ist treffend. (Dieter David Scholz im SWR, Kultur aktuell, 28. August 2007). Derselbe Journalist zitiert Aster an anderer Stelle mit den rechtfertigenden Worten: "Es kam wohl zu Kompromissen, also moralischen Kompromissen auf jeden Fall. War das opportunistisch? Es gab vielleicht bessere Gründe mitzumachen, als Widerstand zu leisten."

Nein, Herr Aster, es gab auch Gründe, Widerstand zu leisten, und es wurde Widerstand geleistet, auch von Künstlern: so der Pianist Helmut Roloff, dessen Arbeit für die Widerstandsgruppe Rote Kapelle in der begleitenden Ausstellung "Das verdächtige Saxophon" gezeigt wird oder der Dirigent Leo Borchard, der schon seit der Kristallnacht 1938 viele Juden versteckt oder ihnen zur Flucht verholfen hat und sich ein Berufsverbot einhandelte; es gab den Komponisten Karl Amadeus Hartmann, der in die "innere Emigration" ging, indem er persönlich ein Spielverbot seiner Werke für das Territorium des Dritten Reiches erließ. Viele Musiker haben für ihren Widerstand mit dem Leben bezahlt, beispielsweise der junge Pianist, Karlrobert Kreiten, Schüler von Claudio Arrau, der auch mit den Philharmonikern konzertierte. Er wurde 1943 in Plötzensee aufgrund einer Denunziation hingerichtet.

Die verheerende Auswirkung des Faschismus auf die Musikkultur und Kultur insgesamt kann nicht von der Geschichte der Philharmoniker in der NS-Zeit getrennt werden. Aber Misha Aster scheint an solchen Fragestellungen wenig interessiert zu sein, sonst würde er nicht den Philharmonikern "kämpferischen Gemeinschaftsgeist und politisches Geschick" im Umgang mit Tradition und Erbe nach 1945 bescheinigen (Aster, S. 328) und wiederholt betonen, es sei kein NS-Orchester gewesen.

Das Reichsorchester. Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus. Ein Film von Enrique Sànchez Lansch

D 2007, 90 Minuten, Bundesstart 1. November 2007

Misha Aster, "Das Reichsorchester". Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus, Siedler-Verlag München 2007-11-13

Ausstellung Das verdächtige Saxophon. "Entartete Musik" im NS-Staat

3. November - 31. Dezember 2007: Foyer der Philharmonie Berlin

25. Januar - 10. März 2008: Tonhalle Düsseldorf