Siemens: Aufsichtsrat beschließt radikalen Konzernumbau

Von Elisabeth Zimmermann und Peter Schwarz
1. Dezember 2007

Der Aufsichtsrat des Siemens-Konzerns hat am Mittwoch einstimmig einen radikalen Umbau der bisherigen Konzernstruktur beschlossen. Auch die Vertreter von Gewerkschaft und Betriebsrat stimmten zu.

Die Führungsstruktur des Konzerns mit weltweit 470.000 Mitarbeitern wird erheblich verschlankt. Statt acht weitgehend selbständig arbeitenden Bereichen wird es zukünftig nur noch drei geben: Industrie, Energie und Medizintechnik. Die drei Kern-Sparten werden von jeweils einem Chef geführt, der auch im Zentralvorstand sitzt. Der Vorstand wird verkleinert, eine Führungsebene fällt weg, fast die gesamte oberste Managementebene wird neu besetzt.

"Die neue fokussierte Unternehmensstruktur wird unsere Ertragskraft und Transparenz weiter steigern", begründete Vorstandschef Peter Löscher den Umbau des Konzerns.

IG-Metall-Chef Berthold Huber rechtfertigte die Zustimmung der Arbeitnehmerseite damit, dass das Unternehmen als "weltweit führender, integrierter Konzern mit allen wesentlichen Bereichen" erhalten bleibe. "Siemens wird nicht zerschlagen oder durch Finanzinvestoren ausgeschlachtet werden. Die Entscheidung sichert den Erhalt maßgeblicher Bereiche. Ein zweites BenQ wird es nicht geben", sagte er. Der Verkauf der Siemens-Handy-Sparte an den taiwanesischen BenQ-Konzern, der dann nach einem Jahr Konkurs anmeldete, hatte vor einem Jahr rund 3.000 Siemens-Beschäftigten den Arbeitsplatz gekostet.

Huber, der persönlich im Aufsichtsrat von Siemens sitzt, musste allerdings zugeben, dass die Frage Stellenabbau von der Aufsichtsratssitzung am Mittwoch gar nicht behandelt wurde.

Im Gegensatz zum IG-Metall-Chef betrachtet die Süddeutsche Zeitung den Umbau der Konzernstruktur lediglich als Auftakt zu einer umfassenden Neuordnung des Konzerns, die Tausende Arbeitsplätze fordern wird.

"Was die 21 Aufsichtsräte des Konzerns am Mittwoch beschlossen, dürfte für Löscher nur der Startschuss für weiter reichende Veränderungen sein", schreibt die Zeitung am Donnerstag in einem Wirtschaftskommentar. "Ausgemachte Sache scheint, dass der Konzern schwache Felder wie Teile der Verkehrstechnik nicht länger durchschleppt."

Derzeit müssen alle Konzernbereiche den Nachweis erbringen, dass sie ihre Gewinnziele von jeweils rund 15 Prozent erreichen können. Dies werden nach Ansicht der Süddeutschen Zeitung nicht alle schaffen. Deshalb hält sie auch Milliardenverkäufe für möglich. Als Beispiel nennt sie Osram: "Trotz öffentlicher Bekenntnisse zum Lichtkonzern Osram scheint dessen Verbleib nicht in Stein gemeißelt."

Auch in Verwaltung und Marketing legen die angekündigten Sparziele nach Auffassung der Zeitung nahe, "dass es zu einem massiven Stellenabbau kommen wird. Vermutungen über den Verlust von insgesamt einigen tausend Jobs lösen bei den Mitarbeitern große Sorgen aus. Löscher räumte diese bislang nicht aus der Welt."

Schmiergeldskandal

Gegenüber Belegschaft und Öffentlichkeit wird der Konzernumbau bei Siemens stets mit dem Schmiergeldskandal begründet, der das Unternehmen im November letzten Jahres in die Schlagzeilen brachte.

Wie mittlerweile bekannt ist, hat Siemens mehrere Hunderttausend Euro Bestechungsgelder eingesetzt, um international an Aufträge zu kommen. Der Konzern hat zudem illegal eine eigene Hausgewerkschaft finanziert, die Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB), um den Einfluss der IG Metall einzuschränken.

Der Korruptionsskandal hat Siemens bereits 1,4 Milliarden Euro gekostet. Darin enthalten sind Kosten für Anwälte und Wirtschaftsprüfer, Steuernachzahlungen und ein vor kurzem vom Landgericht München verhängtes Bußgeld. Die Ermittlungen sind aber noch nicht abgeschlossen. Neben dem ehemaligen Unternehmensbereich COM (Kommunikationstechnik) sind vor allem Konzernbereiche mit industriellen Großprojekten betroffen.

Siemens fürchtet Geldbussen der amerikanischen Börsenaufsicht SEC in Milliardenhöhe, die das Unternehmen in ernsthafte Schwierigkeiten bringen könnten. Daher der ständige Ruf nach Transparenz und Erneuerung. Auf diese Weise soll der US-Behörde demonstriert werden, dass die Korruptionspraktiken der Vergangenheit angehören. Das Unternehmen hat sich ein striktes Compliance-System verpasst, um die Einhaltung von gesetzlichen Vorschriften und Regeln von der Spitze bis hin zu jedem einzelnen Mitarbeiter zu überwachen. Im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr 2006/2007 wurden 470 Mitarbeiter wegen Verstößen gegen interne Richtlinien entlassen, bestraft oder abgemahnt.

Der langjährige Siemenschef und Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich von Pierer und sein Nachfolger an der Vorstandsspitze Klaus Kleinfeld sind inzwischen ausgeschieden. Der Aufsichtsrat wird jetzt vom ehemaligen Stahlmanager Gerhard Cromme geführt, der am 1. Juli 2007 in enger Abstimmung mit IG-Metall-Chef Huber und dem stellvertretenden Aufsichtsrats- und Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Ralf Heckmann den aus Österreich stammenden Peter Löscher an die Spitze des Konzerns holte. Löscher war davor im Vorstand des amerikanischen Elektrokonzerns General Electric und dann des Pharmakonzerns Merck tätig.

Profitmaximierung

Mittlerweile wird deutlich, dass die mit dem Schmiergeldskandal begründeten Maßnahmen den Vorwand liefern, um den Konzern auf optimale Profitmaximierung zu trimmen. Siemens galt lange Zeit als Musterfall des "rheinischen Modells", als sozialpartnerschaftlich geführter Betrieb, der seinen Beschäftigten eine lebenslange Arbeitsplatzgarantie und relativ gute Sozialleistungen bot. Damit ist es nun definitiv zu Ende. Der Konzernumbau wird auf dem Rücken der Belegschaft ausgetragen.

Der neue Vorstandsvorsitzende Peter Löscher verlangt, dass jeder Konzernbereich eine hohe Rendite abwirft und orientiert sich dabei an den Gewinnen amerikanischer Konzerne wie General Electric. Gegenüber der Financial Times Deutschland äußerte Löscher Anfang November seinen Unmut darüber, dass die Industriegeschäfte von Siemens in den ersten neun Monaten des Jahres nur eine Umsatzrendite von 8,5 Prozent erreicht hätten, während General Electric auf 14,7 Prozent gekommen sei. "Wir waren nicht ehrgeizig genug", sagte Löscher. Er wolle bei Siemens eine Kultur des "Alles ist machbar" durchsetzen.

Auf der Bilanzpressekonferenz skizzierte der Siemenschef, wie er die angestrebte enorme Renditesteigerung verwirklichen will. Das Unternehmen soll in allen Bereichen stärker wachsen als der Weltmarkt, indem es Konkurrenten Marktanteile abnimmt. Gleichzeitig sollen die Vertriebs- und allgemeinen Verwaltungskosten bis 2010 um zehn bis 20 Prozent gesenkt werden. Dieses Ziel ist nur durch den Abbau Tausender Arbeitsplätze, weiteren Einsparungen bei Löhnen und Gehältern und einer Steigerung der Arbeitshetze für die verbleibenden Beschäftigten zu erreichen.

Trotz der hohen Kosten, die durch den Korruptionsskandal entstanden sind, hat sich der Gewinn von Siemens bereits im abgelaufenen Geschäftsjahr um etwa zwanzig Prozent auf über vier Milliarden Euro erhöht. Allein im vierten Quartal stieg das operative Ergebnis auf 1,99 Milliarden Euro, eine Erhöhung um 166 Prozent. Außer internen Sparprogrammen trug die gute Konjunktur und der Verkauf von Siemens VDO, für das ein Verkaufspreis von 11,4 Milliarden Euro erzielt wurde, zu dem guten Ergebnis bei.

Löscher profitiert von diesem Geldregen ganz persönlich. Noch bevor er einen Finger rührte, kassierte er von Siemens bereits Millionensummen. Wie am Mittwoch bekannt wurde, ließ sich Siemens den Übergang von Klaus Kleinfeld zu Löscher über 14 Millionen Euro kosten.

Obwohl der 49-jährige Kleinfeld nur zwei Jahre an der Spitze des Unternehmens stand, sein Vertrag regulär auslief und er kein Anrecht auf eine Abfindung hatte, versüßte ihm Siemens den Abgang mit einer Extra-Zahlung von 5,75 Millionen Euro. Für Löscher übernahm Siemens die Bonus-Ansprüche, die er bei seinem früheren Arbeitgeber Merck erworben hat. Der Betrag von 8,5 Millionen Euro wird bis zu Löschers 60. Geburtstag auf dessen Altersvorsorgekonto bei Siemens geparkt.

So sieht die Korruptionsbekämpfung bei Siemens aus!

Unterstützung durch IG-Metall

Zur Durchsetzung seiner ehrgeizigen Ziele und der damit verbundenen Angriffe auf die Beschäftigten ist der Konzernvorstand auf die enge Zusammenarbeit mit dem Konzernbetriebsrat und der IG Metall angewiesen. Vorstandschef Löscher, Aufsichtsratschef Cromme, IG-Metall-Chef Huber und der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ralf Heckmann bilden einen inneren Führungskreis, der sich regelmäßig trifft und wichtige Entscheidungen abspricht.

Heckmann fällt dabei die Aufgabe zu, sie hinterher der Belegschaft zu verkaufen. Auch er wird für diesen Aufwand entsprechend belohnt. Laut der Dokumentation "Siemens im Schmiergeldsumpf", die der Südwestdeutschen Rundfunk Mitte Oktober ausstrahlte, beträgt sein Jahreseinkommen 250.000 Euro.

Korruptionsbekämpfung auf Siemens-Art!

In diesem Zusammenhang muss auch der Auftritt des neuen Siemenschefs auf der Betriebsrätekonferenz vom 22. November in Nürnberg gesehen werden. Löscher entschuldigte sich vor den 600 Betriebsräten des Konzerns, die dort zu ihrer Jahreskonferenz versammelt waren, für das Fehlverhalten des Ex-Managements in der AUB-Affäre. Siemens hatte die Konkurrenzorganisation zur IG Metall mit schätzungsweise 50 Millionen Euro über krumme Wege unterstützt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt deshalb wegen Steuerhinterziehung, Untreue und Verletzung des Betriebsverfassungsgesetzes.

Löscher sagte dazu auf der Betriebsrätekonferenz: "Alles, was ich über dieses Thema weiß, hat bei mir persönlich den Eindruck erweckt, dass hier ein merkwürdiges und fehlgeleitetes Verhalten Platz gegriffen hat. Soweit dieses Verhalten aus der Mitte unseres Unternehmens genährt worden ist, möchte ich mich dafür ausdrücklich entschuldigen - bei den Betriebsräten, bei der Belegschaft und bei der IG Metall."

Der Bevollmächtigte der IG Metall für Bayern, Werner Neugebauer, begrüßte die Entschuldigung als wichtiges Entspannungssignal im Verhältnis zur Konzernführung. Löscher erhoffte sich im Gegenzug eine "Atmosphäre von Offenheit und Vertrauen" in der Zusammenarbeit mit den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat und den Betriebsräten vor Ort bei der Umsetzung seiner ehrgeizigen Renditeziele.

Der Unterstützung Berthold Hubers kann er sich dabei sicher sein. Die IG Metall-Onlinepublikation Siemens Dialog berichtet über Hubers Auftritt auf der Betriebsrätekonferenz: "Auch Berthold Huber blickte kurz auf die vergangenen Monate zurück. Die Betriebsräte bezeichnete er als,wichtigen, wenn nicht sogar wichtigsten stabilisierenden Faktor’ in den bekannten Turbulenzen, durch die Siemens steuern musste; zur AUB-Affäre erläuterte er nochmals den Standpunkt der IG Metall, bevor er ironisch erklärte, Siemens habe für seine an die,Unabhängigen` geflossenen Millionen,einen verdammt schlechten ROC’(return on capital) erhalten - dank der Betriebsräte vor Ort."

Viel deutlicher kann man die Rolle der Betriebsräte und der IG Metall nicht aufzeigen. Sie verstehen sich als Co-Manager, die darauf achten, dass Ruhe und Ordnung im Unternehmen herrschen und die Konzernleitung ihre Pläne möglichst ungehindert durchsetzen kann.

Siehe auch:
Nokia Siemens Networks streicht Tausende von Arbeitsplätzen in Finnland und Deutschland
(17. Mai 2007)