Anonyma - die unverstandene Rolle des Stalinismus

Anonyma - eine Frau in Berlin von Max Färberböck, Deutschland 2008

Von Bernd Reinhardt
19. November 2008

Max Färberböck (Aimée und Jaguar) behandelt in seinem neuen Kinofilm Anonyma - eine Frau in Berlin ein Thema, dass lange Zeit zu den Tabus in Deutschland zählte: Es geht um die Vergewaltigung zahlreicher deutscher Frauen Ende des Zweiten Weltkriegs durch sowjetische Soldaten.

Ein in der Schweiz veröffentlichtes Tagebuch, das 1959 darüber berichtete, löste in der BRD Entrüstung aus - allerdings nicht über die Vergewaltigungen, sondern über die angebliche Unmoral der Frauen. Schockiert verfügte die Autorin, eine Journalistin, das Buch zu ihren Lebzeiten nicht mehr zu veröffentlichen. 2003 erschien es erstmals in Deutschland, anonym.

Der Film stützt sich auf diese Aufzeichnungen. Er schildert zunächst, wie die junge, weltgewandte Journalistin und Fotografin Anonyma, in Paris zu Hause wie in Berlin oder London, zu Beginn des Krieges optimistisch in die Zukunft blickt. Sie und ihre Mittelstands-Freundinnen erleben den Faschismus positiv, als Ära der Tatkraft. Gerd, ihr Mann, teilt die Zuversicht, bald werde er aus dem Krieg zurück sein, eine Kleinigkeit.

© Constantin Film Verleih GmbH

Schnitt: Dieselbe Frau bahnt sich mühsam einen Weg durch Trümmer, Qualm und Explosionen. Berlin, April 1945. Die Zivilbevölkerung glaubt nicht mehr an den Endsieg. Aus einigen Häusern wird erbittert geschossen. Aber es hängen zahlreiche weiße Bettlaken in den Fenstern, im Keller wird schon russisch gelernt, und als die ersten sowjetischen Soldaten ins Haus stürmen, werden sogar zwei Zeilen aus der Internationale rezitiert. Mit dem Dritten Reich bricht auch seine Ideologie wie ein Kartenhaus zusammen. Nur ein paar verstörte Jugendliche hoffen noch auf den Führer.

Den Siegern gehört Berlin. Die Frauen werden zum Freiwild für sowjetische Soldaten. Schutz gibt es keinen. Im Gegenteil, die übrig gebliebenen älteren deutschen Männer fordern die Frauen auf, alles zu unterlassen, was die Sieger wütend machen könnte. Eine der Frauen, die die Situation nicht erträgt, bringt sich um, eine andere wird erschossen. Alles hält Anonyma im Tagebuch fest.

Zuerst wehrt sie sich, stellt sogar einen Rotarmisten zur Rede, der eine Frau verfolgt: "Warum nehmen Sie eine Frau, die nicht will?" Später beschwert sie sich beim Bataillonskommandeur: "Es ist ihre Pflicht zu helfen!" Doch dieser toleriert die Übergriffe. Da bemüht sie sich wie andere um einen Stamm-Liebhaber, einen Beschützer, einen Offizier - "je höher desto besser". In der Wohnung der Apothekerwitwe, wo sich eine Notgemeinschaft von Ausgebombten zusammen findet, werden die Herren empfangen. Diese bringen Lebensmittel. Etwas Galgenhumor ist halt nötig. Nina Hoss spielt überzeugend die junge Frau, die ihre Gefühle beiseite schiebt und in der es doch ständig arbeitet, weil die Ereignisse einfach so stark sind.

Als sie begreift, welche Tragödie jeder einzelne Soldat erlebt hat, auch ihr Beschützer, der Bataillonskommandeur, der seine Frau durch deutsche Soldaten verloren hat und sie gut behandelt, kann sie ihre anfängliche Empörung nicht aufrechterhalten. Als wieder eine Frau gejagt wird, diese Anonyma um Hilfe anfleht, sie könne doch russisch, bleibt sie stumm sitzen.

Der Film bemüht sich, die Rote Armee gegen alte und neue rechte antikommunistische Hetze über die "Bestien" aus dem Osten zu verteidigen, indem er die Soldaten als menschliche Individuen zeigt, die durch die Nazis Grauenhaftes erfahren haben, sich als einfache Bauern, als Melker, als Buchhalter erweisen, die schnell nach Hause wollen, in ihre zerstörten Dörfer, zu ihren zerstörten Familien. Die Rote Armee ist auch nicht einfach "der Russe". Selbstverständlich gehen hier Ukrainer, Russen, Kaukasier, Mongolen miteinander um. Wie anders ist das heute, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in kleine nationalistische Splitterstaaten.

Dennoch ist die Charakterisierung der Armee oberflächlich. Die Soldaten repräsentieren keine bestimmte historische Epoche. Sie könnten einem anderen Krieg entstammen. Die Vergewaltigungen werden aus allgemein menschlichen Motiven heraus erklärt, vor allem aus Rache. Zum Spezifischen dieses Krieges gehörte jedoch, dass die Sowjetunion als erster Arbeiterstaat der Welt weltweit als Repräsentant des Sozialismus galt. Wieso fanden Vergewaltigungen statt, die den Sozialismus nur diskreditieren konnten? An einer Stelle scheint ein fragender Blick der Kamera auf der Flagge der Sowjetunion zu ruhen.

Stalins Verbrechen an der Roten Armee

Die Rote Armee von 1945 war nicht die, die im Bürgerkrieg die sozialistische Revolution erfolgreich verteidigt hatte. Die Sieger über Hitler waren nicht nur durch die Gräuel der faschistischen Verbrechen gegangen, sondern Jahre vorher durch die Hölle der stalinistischen Säuberungen. Hierzu gibt es erstaunlicherweise keinen Hinweis in dem ansonsten mit allen möglichen Andeutungen gespickten Film.

1937 wurden die in der Bevölkerung populären Führer der Roten Armee um Tuchatschewski* angeklagt, Stalin angeblich im Auftrag des im Exil weilenden Trotzki und des deutschen Generalstabs stürzen zu wollen, um eine deutschenfreundliche Regierung zu installieren. Ein Netz beispielloser Intrigen, in das auch die Nazis und die tschechoslowakische Regierung eingesponnen waren, lieferte "Beweise" für "Spionage" und "Schädlingstum".

Der russische Historiker Wadim Rogowin beschreibt in seinem Buch 1937 - Jahr des Terrors**, wie erfreut die Nazis, Stalins eigentliche Ziele durchschauend, darüber waren: So erklärte der berüchtigte Chef der deutschen Sicherheitspolizei Heydrich: "Selbst wenn uns Stalin (...) einfach in die Irre leiten wollte, werde ich das Onkelchen im Kreml mit ausreichenden Beweisen versorgen, dass seine Lüge die reine Wahrheit ist." Dem Geheimprozess gegen die Generäle folgte die schnelle Hinrichtung. Das ging einher mit Säuberungen in der gesamten Armee.

Dem waren längere Konflikte über die Verteidigungsfähigkeit der Armee vorangegangen. Stalin und Verteidigungsminister Woroschilow***, keinesfalls die militärischen Genies, die die Propaganda später aus ihnen machte, sträubten sich 1930 gegen eine Modernisierung der Truppen. Obwohl sie später einlenkten, verurteilte man die Haltung Tuchatschewskis und die Verteidigung seiner dahinter stehenden Konzeption beim Prozess 1937 als "Schädlingstätigkeit". Woroschilow und Stalin waren der Auffassung, es gäbe keine Kriegsgefahr für die UdSSR. Ein zukünftiger Krieg in Europa, der sich auf das Territorium der UdSSR ausdehnen könnte, sei völlig ausgeschlossen. Tuchatschewski und die anderen kamen darin überein, dass man nicht zulassen dürfe, die zukünftige Existenz der Sowjetunion durch Stalin und Woroschilow ernsthaft zu gefährden.

Zu dieser Zeit gärte es im ganzen Land. Die soziale Kluft zwischen Arm und Reich hatte sich über Jahre vertieft. Je unpopulärer Stalin in der einfachen Bevölkerung wurde, umso mehr suchte er seine Basis in wohlhabenden Schichten zu stabilisieren, die er durch eine gezielte Verteilung von Privilegien systematisch selbst schuf. Zu den Unzufriedenen gehörten viele Soldaten, deren Familien, in der Regel einfache Bauern, unsäglich unter Stalins Fehlpolitik der Zwangskollektivierungen und ihren Folgen zu leiden hatten. Die Generäle der Roten Armee waren erfahrene Bolschewiki, die zum Großen Teil im Bürgerkrieg für die Sowjetmacht gekämpft hatten. Auch die meisten Kommandeure hatten sich im Bürgerkrieg bewährt. Die Armeeführung genoss große Autorität in der Bevölkerung, und nicht wenige sahen in ihnen eine Hoffnung, den zunehmenden Repressalien Einhalt zu gebieten.

Parallel zur Absicht, einer zukünftigen Revolte der Unterprivilegierten im Land zuvor zu kommen, die sein Ende bedeutet hätte, suchte Stalin in der Außenpolitik seit längerem zur Stärkung seiner Herrschaft ebenfalls die Anlehnung an die Starken und Mächtigen, vor allem an die deutsche Bourgeoisie. Neben militärischer und politischer Unfähigkeit war das der wichtigste Grund, warum Stalin die deutsche Aufrüstung und reale Kriegsgefahr unterschätzte. 1939 schloss er mit Hitler einen Nichtangriffspakt.

Historiker sind sich weitgehend einig darüber, dass es 1945 für die Vergewaltigungen keinen Befehl von oben gab. Aber zur Zeit Trotzkis wären Rachegefühle, wenn auch menschlich verständlich, nicht toleriert worden. Im Buch Die Partei der Hingerichteten betont Rogowin "dass es gerade die Bolschewiki und vor allem Trotzki als Leiter der Roten Armee waren, die den Exzessen des Bürgerkrieges gnadenlos Einhalt geboten". So heißt es etwa in den von Trotzki herausgegebenen Leitungsprinzipien nach dem Kosakenaufstand am Don: "Wir erläutern den Kosaken mit Worten und zeigen ihnen mit der Tat, dass unsere Politik keine Politik der Rache für Vergangenes ist (...) Wir achten streng darauf, dass die hervorrückende Armee keine Diebstähle, Gewalttaten usw. durchführt."

Trotzki hatte sich immer darum bemüht, im Rahmen des Möglichen die Bedürfnisse der einfachen Bevölkerung zum Ausgangspunkt seiner Politik zu machen, die Stärkung ihres Selbstbewusstseins zu fördern, ihre Macht zu stärken. Durch die Einführung von Demokratie in der Armee hatte der einfache Soldat erheblichen Einfluss.

Stalin dagegen stützte sich auf eine andere soziale Schicht, was sich auch in seiner verlogenen Propaganda ausdrückte, die einfache deutsche Zivilbevölkerung sei "blind" hinter Hitler hergelaufen und sei gleichermaßen verantwortlich für die Verbrechen des Faschismus. Diese Behauptung der "Kollektivschuld" schürte nicht nur Gefühle der Verachtung (wie viel dieser Verachtung steckt in jeder Vergewaltigung?), sondern rechtfertigte auch eine spätere politische Unterdrückung der Arbeiterklasse in den sowjetisch besetzten Gebieten und in der DDR. Verbrüderung stand nicht auf der Tagesordnung.

Auf der einen Seite zeigt der Film, wie unter dem Druck großer Erschütterungen menschliche Verhaltensnormen zerstört werden. Auf der anderen bleibt die Sicht auf die erschütternden Ereignisse aber gerade dem allgemein Menschlichen verbunden. Das macht den Streifen so unbefriedigend.

Ein Film, der die zerstörerische Kraft des Stalinismus in der Roten Armee berücksichtigt, die Zerstörung ihrer Kultur und ihrer demokratischen Traditionen, würde sich nicht so schwer damit tun, eine klare Haltung zu den Massenvergewaltigungen von 1945 einzunehmen. Färberböcks Film verteidigt nur die "unmoralische" Überlebensstrategie von Anonyma und anderer Frauen, die mit allen Mitteln versuchen zu überleben. Es drängt sich sogar der Verdacht auf, Anonymas gesunde Empörung gegenüber den Vergewaltigungen sei nur ein Produkt ihrer Fähigkeit unangenehme Realitäten auszublenden: Als ein junger Soldat erregt schildert, wie in einem Dorf deutsche Soldaten Kinder auf bestialische Weise umbrachten, fragt sie distanziert, ob er das nur von anderen gehört oder selbst erlebt habe.

Es gibt eine Szene, wo man ahnen kann, dass ihr diese Fähigkeit schon im Dritten Reich half, sich wie ein Fisch im Wasser zu fühlen. In der Wohnung der Apothekerwitwe kann sie sich schon wieder in alter Arroganz über die primitiven Russen lustig machen. Das ist ein kleiner erhellender Moment. Insgesamt aber verkörpert Anonyma, die zeitweise wie eine unnahbare Heilige durch den Film wandelt, weniger einen lebendigen Menschen jener Zeit als ein zeitlos aufgefasstes psychologisches Phänomen.

Der große Angeklagte des Films ist der Krieg als solcher. Alle Seiten verlieren an Menschlichkeit. Oder wie es Anonyma formuliert: "Krieg verändert die Worte und auch Liebe ist nicht mehr das, was es mal war." In dieser allgemeinen Breite macht diese Wahrheit keinen Sinn.

Der Film hat durchaus bewegende Momente. Etwa wenn sich Anonyma von dem Bataillonskommandeur mit den Worten verabschiedet, sie sei dankbar, ihn kennen gelernt zu haben. Dieser ist ein außergewöhnlicher Mensch: Weil er sich weigerte, sie zu erschießen, obwohl Soldaten in ihrer Wohnung einen uniformierten Jugendlichen mit Pistole und Handgranante aufgriffen, wird er "versetzt nach unbekannt", wie es offiziell hießt. Er weiß, was das bedeutet: Lagerhaft in Sibirien oder die Todesstrafe. Leider bietet der Film auch hier nur ein allgemein menschliches Motiv an: Liebe.

Insgesamt ist Anonyma eine verpasste Gelegenheit, lebendige Geschichte zu erzählen.

***

Anmerkungen:

* Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski, Marschall der Roten Armee, trat 1918 in die Bolschewistische Partei ein und spielte im Bürgerkrieg ab 1919 eine wichtige Rolle. Bis 1928 war er Chef des Stabs der Roten Armee und noch 1936 stellvertretender Verteidigungsminister der Sowjetunion. 1937 wurde er der "Leitung antisowjetischer und trotzkistischer Organisationen in der Roten Armee" und der "Spionage für das Deutsche Reich" angeklagt, im vierten Moskauer Prozess zusammen mit anderen führenden Generälen zum Tode verurteilt und am 12. Juni 1937 erschossen. Dieser Prozess bildete den Auftakt zu den umfassenden Säuberungen Stalins in der Roten Armee.

** Wadim S. Rogowin, Gab es eine Alternative?, Band 4: 1937. Jahr des Terrors ; Band 5: Die Partei der Hingerichteten, Arbeiterpresse Verlag: Essen.

*** Kliment J. Woroschilow, während des russischen Bürgerkriegs Befehlshaber der 10.Armee; fiel, wie auch Stalin durch Eigenmächtigkeiten und Disziplinlosigkeit negativ auf. Ab 1935 Marschall der Roten Armee, von 1925 bis zu seiner Absetzung 1940 Verteidigungsminister; war Stalins enger Vertrauter während der politischen Säuberungen. Trotz zahlreicher militärischer Misserfolge fiel er bei Stalin nicht in Ungnade und blieb bis zu dessen Tod 1953 einer der stellvertretenden Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare; von 1953 - 1960 Staatsoberhaupt der UdSSR.