Tschechien: Gewerkschaften unterstützen Massenentlassungen in der Autoindustrie

Von Markus Salzmann
20. November 2008

In der tschechischen Automobilindustrie steht eine Entlassungswelle an, wie es sie in der jüngeren Geschichte des Landes wohl noch nie gegeben hat. Die großen tschechischen Gewerkschaften arbeiten dabei mit den Unternehmen Hand in Hand.

Der Verband der tschechischen Autoindustrie rechnet damit, dass in der Branche in den nächsten Monaten über 10.000 Arbeitsplätze abgebaut werden. Anfang Oktober war noch von 3.000 Entlassungen zum Jahreswechsel die Rede. Für die weitere Entwicklung zeigen sich Experten sehr skeptisch.

Tschechiens Wirtschaftswachstum der letzten Jahre war vor allem auf die Ansiedlung westlicher Automobilkonzerne zurückzuführen. Außer in Japan werden bezogen auf die Einwohnerzahl nirgends in der Welt so viele Autos hergestellt wie in Tschechien, weshalb das Land auch "Detroit des Ostens" genannt wird. Über 120.000 Menschen sind direkt in der Automobilindustrie beschäftigt.

Dazu kommen weit über 150.000 Beschäftigte in der Zulieferindustrie. Dort haben in den vergangenen Wochen zahlreiche Betriebe Entlassungen angekündigt.

Sowohl Bosch Diesel in Jihlava als auch Cadence Innovation in Liberec kündigten jeweils 300 Mitarbeitern. Die Nachrichtenagentur CTK nannte als weitere Firmen, die durch die Krise in Mitleidenschaft gezogen worden sind und in denen die Beschäftigten um ihre Jobs bangen müssen: Saar Gummi Czech, Stival Automotive, Schott Electronic Packaging, Kiekert, Isolit Bravo, Witte Automotive Nejdek, Hella Autotechnik.

Bei den Autobauern haben die ersten Entlassungen schon stattgefunden. Nachdem Ende Oktober die Produktion für eine Woche stillgelegt worden war, entließ der größte tschechische Automobilhersteller, die VW-Tochter Skoda, 1.500 Zeitarbeiter.

Skoda reagiert damit auf sinkende Profite. Obwohl das Unternehmen 15 Prozent mehr Fahrzeuge verkaufte als im Vorjahr, ging der Reingewinn um fast ein Viertel auf 8,7 Mrd. Kronen (350 Mio. Euro) zurück. Die Umsätze sanken damit um 2,2 Prozent auf immer noch stattliche 158,1 Mrd. Kronen (6,4 Mrd. Euro).

Dieser Gewinnrückgang ist für das Management und die Aktionäre nicht hinnehmbar. Auf dem Rücken der Beschäftigten sollen nun Einsparungen erfolgen. Ein Unternehmenssprecher ließ bereits verlauten, dass weitere Produktionskapazitäten eingespart werden und damit Personal reduziert wird. Von den ursprünglich 4.000 Zeitarbeitern sind gegenwärtig noch rund 2.500 bei Skoda beschäftigt.

Die tschechischen Automobilgewerkschaften fordern seit geraumer Zeit die Entlassung der Zeitarbeiter. Da der Großteil der Zeitarbeiter aus den Nachbarländern Polen und Slowakei kommt, argumentierten sie, durch deren Entlassung würden die Arbeitsplätze der tschechischen Beschäftigten geschützt.

Diese auf dumpfem Nationalismus beruhende Spaltung der Belegschaften ist tief in der Gewerkschaftsbewegung Tschechiens verwurzelt. Fast sämtliche Gewerkschaften des Landes entstanden in den Nachwendejahren im Schatten der "Demokratiebewegung". Ihre Ideologie beruht von jeher auf vehementem Anti-Kommunismus und Nationalismus. Sie begrüßten in den neunziger Jahren offen sie die Teilung der Tschechoslowakei in zwei unabhängige Staaten und forderten scharfe Arbeitsbeschränkungen für slowakische Arbeiter.

Ebenso fest verwurzelt ist ihre Nähe zu den Unternehmern und der Politik. Nach dem Zusammenbruch der stalinistischen Bürokratie setzten sie sich für rasche marktwirtschaftliche Reformen ein, wohl wissend, dass dies Tausenden von Arbeitern die Existenz zerstören würde. Ausdrücklich unterstützten sie alle Maßnahmen, die dem Beitritt zur Europäischen Union vorausgingen - also Lohnsenkungen, Sozialabbau und Privatisierungen.

Angesichts der angekündigten Massenentlassungen planen die Gewerkschaften keine Streiks oder Proteste um die Arbeitsplätze zu verteidigen, im Gegenteil. Sie streben eine enge Zusammenarbeit mit Unternehmen und Politik an, um die Kosten der Krise auf die Beschäftigten abzuwälzen.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk beklagte sich der Vorsitzende der Metallgewerkschaft Josef Stredula über die mangelnde Kooperation der Regierung. "Drei Gesprächsangebote hat die Regierung schon abgelehnt", wird Stredula zitiert. In einem zusammen mit dem Arbeitgeber-Verband entworfenen Brief teilt er seine Wünsche an die Regierung mit. Darunter das Aussetzen aller EU-Richtlinien zu Sicherheit und Umweltschutz, da dadurch "die Konkurrenzfähigkeit der Autohersteller gleich noch einen Schlag" erleiden würde. Damit würde sich die Abwärtsspirale nur schneller drehen - und das könne "man sich im Auto-Land Tschechien nun wirklich nicht leisten".

"Die Metallgewerkschaft steht nun Seit' an Seit' mit dem Autohersteller-Verband", resümierte sehr treffend der Deutschlandfunk.

Als vor kurzem die Regierung eine vollkommen unrealistische Prognose über das zukünftige Wirtschaftswachstum vorlegte und erklärte, das Land sei von der Wirtschaftskrise kaum betroffen, zog sie sich den heftigen Zorn der Gewerkschaften zu. "Überall ringsum hängen dichte dunkle Wolken, nur Tschechien soll eine Insel mit strahlendem Sonnenschein sein", spottete Stredula. "Wir sollten uns alle an einen Tisch setzen und offen sagen, wie schwer es für uns alle wird. Nur dann können wir die richtigen Entscheidungen treffen."

Die wiederholte Aufforderung der Gewerkschaften an die Regierung zu handeln ist aufschlussreich. Während die schwarz-grüne Regierung in Prag in einer tiefen Krise steckt und quasi handlungsunfähig auf das Ende ihrer Tage wartet, ergreifen die Gewerkschaften die Initiative.

Dabei wird es nicht lange dauern, bis sie weitergehende Forderungen nach Lohnsenkungen und Werksschließungen aufwerfen. In zig Fällen haben sie in inoffiziellen Verhandlungen mit den Arbeitgebern Lohnsenkungen, Entlassungen und Werksschließungen ausverhandelt. Alles unter dem Credo, die Konkurrenzfähigkeit der tschechischen Wirtschaft zu sichern.

Siehe auch:
Tschechien: Regierung nach Wahldebakel in tiefer Krise
(4. November 2008)