59. Berlinale - Teil 4

Einige überzeugende Filme

Von Stefan Steinberg
14. März 2009

Viele Filme des Hauptwettbewerbs der Berlinale beschäftigten sich mit rein persönlichen oder familiären Problemen, die jeden größeren sozialen oder historischen Zusammenhang aussparten und entsprechend dürftig ausfielen. Einigen Filmen gelang es allerdings, wichtige soziale Themen in eine überzeugende und bewegende Handlung zu integrieren. Die moderne Gesellschaft ist mit enormen Problemen konfrontiert, die dringend neuartige Lösungen auf der Grundlage solidarischen Handelns der Weltbevölkerung erfordern. Bei einigen Filmemachern hatte man das Gefühl, sie hätten das verstanden.

London River

Zu den besten Filmen des Festivals zählte London River des französischen Regisseurs Rachid Bouchareb (Tage des Ruhms, 2006 ; Little Senegal, 2000), der auch das Drehbuch schrieb.

Der Film handelt von den Nachwirkungen der Londoner Bombenanschläge im Juli 2005. In der Eingangsszene sehen wir Elizabeth Sommers (sehr gut gespielt von der britischen Schauspielerin Brenda Blethyn) in einer Kirche auf der Insel Guernsey. Elizabeth ist eine konservative Frau, die einen kleinen Bauernhof führt und immer noch um ihren Mann trauert, der beim britischen Militär im Falklandkrieg fiel. Die besorgte Mutter reist in die Hauptstadt, um ihre Tochter, die in London studiert, ausfindig zu machen, weil der Kontakt zu ihr plötzlich abgebrochen ist.

Gleichzeitig macht sich in Frankreich ein älterer afrikanischer Vater, Ousmane, ebenfalls nach London auf, um seinen vermissten Sohn zu suchen. Der groß gewachsene, hagere Ousmane, den Sotigui Kouyate mit großer Würde verkörpert, ist Förster in Frankreich. Er ist praktizierender Moslem, trägt lange Rastalocken.

Von ihrer physischen Erscheinung, ihrer Herkunft und Kultur, liegen Welten zwischen Ousmane und Elizabeth, doch in London verbindet sie ein ähnliches Schicksal: Nach den Bombenanschlägen von 2005 suchen sie nach ihrem vermissten Kind. Ihre Suche führt beide zufällig zusammen. Eine besonders gelungene Szene zeigt, wie Elizabeth anfänglich nur Verständnislosigkeit und Ablehnung für Ousmane und seine Kultur empfindet.

Angestachelt von der Medienpropaganda nach den Anschlägen, die versuchte, große Teile der muslimischen Bevölkerung zu Sündenböcken abzustempeln, zeigt Elizabeth eine Kurzschlussreaktion und stellt einen Zusammenhang her zwischen dem Verschwinden ihrer Tochter und dem Auftauchen der in ihren Augen fremdartigen und bedrohlichen Gestalt Ousmanes. Ihr Fremdheitsgefühl verstärkt sich durch die vielen Araber in dem Teil Londons (Haringey/Finsbury Park), in dem sie vorübergehend Quartier bezogen hat. Auf ihrer Insel Guernsey gibt es kaum Araber oder Afrikaner - und bei denen handelt es sich eher um Steuerflüchtlinge als um gewöhnliche Bürger.

In Panik meldet Elizabeth Ousmane der Polizei als Verdächtigen. In der aufgeladenen Atmosphäre nach den Anschlägen bricht die Polizei in seine Unterkunft ein, verhaftet und verhört ihn. Ousmane kommt frei, weil er seine Unschuld beweisen kann, und der Rest des Films handelt vorwiegend davon, wie sich die beiden kennen lernen, und wie Elizabeth feststellt, dass sie viel mehr mit Ousmane gemeinsam hat, als sie zuerst dachte.

Einige Details der Geschichte sind wenig glaubwürdig. Ousmane spricht als europäische Sprache nur Französisch, und Elizabeth, die Bürgerin von Guernsey, kann Französisch. Ousmane wird deshalb so schnell wieder auf freien Fuß gesetzt, weil der Polizeibeamte, der ihn verhört, ein Muslim ist, der ebenfalls Französisch spricht. Dass sich die Wege von Ousmane und Elizabeth auf die dargestellte Weise kreuzen, ist in einer Weltstadt wie London sehr unwahrscheinlich.

Doch durch die hervorragende darstellerische Leistung von Blethyn und Kouyate zeigt der Film, der mit sehr wenig Geld in knapp über zwei Wochen abgedreht wurde, eindringlich und in bewegenden Bildern, wie Barrieren fallen, wenn die beiden aufeinander zugehen und sich gegenseitig trösten, als die Tragik der Situation sichtbar wird.

Nichts kann für einen solchen Verlust entschädigen. Doch besonders für Elizabeth ist die Reise ein wichtiges Erlebnis geworden, und schließlich gibt sie Ousmane Recht, wenn er sagt: "Unsere Leben sind nicht so verschieden." Boucharebs Appell an die menschliche Solidarität, ohne Ansehen von Rasse, Religion, Kultur und sozialer Herkunft ist von größter Bedeutung in einer Zeit, in der sich die politische und Medien-Propaganda noch verstärkt, die bewusst darauf abzielt, die muslimische Bevölkerung als Terroristen abzustempeln.

Zwei Filme von Hans-Christian Schmid

Der deutsche Regisseur Hans-Christian Schmid stellte auf der Berlinale zwei neue Filme vor: einen Dokumentarfilm, The Wondrous World of Laundry, so wie seinen neuen Spielfilm Sturm. Zwei von Schmids früheren Filmen, Distant Lights (2003) und Requiem (2006), gehörten zu den Höhepunkten vergangener Berlinale-Festivals. Seine beiden diesjährigen Beiträge unterschieden sich davon sehr in Form und Inhalt und waren nur bedingt erfolgreich.

Schmids Dokumentarfilm Die wundersame Welt der Waschkraft behandelt auf mikrokosmischer Ebene die wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen zwischen den Nachbarländern Deutschland und Polen. Bereits in seinem Film Lichter hatte sich der Regisseur hellsichtig mit den Problemen befasst, die mit der Einführung der "freien Marktwirtschaft" auf die Einwohner der deutsch-polnischen Grenzstadt Frankfurt/Oder zukamen.

Jetzt hat Schmid einen Dokumentarfilm gedreht, der sich auf die sozialen Bedingungen auf der polnischen Seite der Grenze konzentriert. Jeden Tag befördert eine LKW-Flotte Schmutzwäsche aus den besten Hotels von Berlin siebzig Kilometer durch Ostdeutschland in die polnische Stadt Gryfino (Greifenhagen). Die fertige Wäsche wird dann zu den Berliner Hotels zurückgebracht. Die Kosten dieses Vorgangs, Wäsche in ein anderes Land und dann wieder zurückzubringen, an Arbeitsstunden, Transport- und Treibstoffkosten, werden mit den niedrigen Löhnen der polnischen Arbeiter gerechtfertigt.

Der Film zeigt Aufnahmen über das interne Regime mehrerer Nobelhotels in Berlin, in denen die Gäste Suiten für mehrere tausend Euros pro Nacht mieten können, und stellt diesen Luxus dem sehr bescheidenen Leben der schlecht bezahlten Wäschereiarbeiter und ihren Familien in Polen gegenüber.

Schmid und sein polnischer Kameramann wandten viel Zeit auf, um das Vertrauen einiger in der Wäscherei beschäftigter polnischer Arbeiter zu gewinnen. Der Regisseur räumt ein, dass ein Grund, weshalb die Arbeiter anfänglich nicht vor die Kamera wollten, ihre Sorge war, es könnte sie Arbeitszeit und den damit verbundenen Lohn kosten.

Schmid konzentriert sich auf das Alltagsleben und die beträchtlichen Probleme zweier polnischer Familien, die mit spärlichen finanziellen Mitteln für ihre Kinder sorgen. Fünf Jahre nach dem Beitritt Polens zur EU zeigt Die wundersame Welt der Waschkraft deutlich, dass viele polnische Arbeiter immer noch weit von der großartigen Zukunft entfernt sind, die ihnen die polnischen Politiker versprachen.

Darauf angesprochen, dass seine Firma die polnischen Arbeiter ausbeutet, rechtfertigt Weiseman, der Geschäftsführer der Wäscherei, sein Handeln mit seinen "globalen" Verpflichtungen. "Ich bin ein europäischer, kein polnischer Unternehmer", erwidert er in scharfem Ton.

Mit seinem zweiten Film, Sturm, einem politischen Thriller, hat sich Schmidt auf ein ehrgeizigeres Projekt eingelassen. Es geht darin um die Arbeit des UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag (ICTY), das die UNO 1993 einsetzte.

Sturm behandelt vor allem das Dilemma, in dem sich Hannah befindet. Sie ist Strafverfolgerin am ICTY in einem Prozess gegen einen Kommandeur der früheren jugoslawischen Armee. Diesem wird zur Last gelegt, er habe die Tötung von Angehörigen der muslimischen Minderheit Bosniens angeordnet. Hannah wird als idealistische, aber dennoch unerbittliche Frau dargestellt, die entschlossen ist, den angeklagten Kommandeur dem gerechten Urteil zuzuführen, obwohl sie unter immensen politischen Druck gerät, den Prozess zu einem schnellen Ende zu bringen.

Hannas Kampf für Gerechtigkeit findet sein Gegenstück im moralischen Dilemma Miras. Die bosnische Frau ist ein Opfer des serbischen Kommandeurs. Nach Jahren des Schweigens und auf Drängen Hannas willigt Mira schließlich ein, vor Gericht auszusagen und so auf heilsame Weise mit ihrer schmerzvollen Vergangenheit "abzuschließen".

Augenscheinlich hat Schmid für sein Drehbuch auf eine Reihe von Fällen zurückgegriffen, die vom ICTY verhandelt wurden. Der Film handelt von Vergewaltigungen an bosnischen Frauen durch serbische Soldaten und von der Zeugeneinschüchterung durch kriminelle Elemente im früheren Jugoslawien. Einige Personen und Details des Filmes sind nicht überzeugend dargestellt: ein junger Muslim, der Selbstmord begeht; seine Schwester, die fließend Bosnisch, Deutsch und Englisch spricht; Serben, die nur als Kriegsverbrecher, Gangster oder zweifelhafte Geschäftsleute in Erscheinung treten.

Sturm endet mit einem Sieg für die UNO-Bürokratie (die schnelle Ergebnisse sehen will) und für die EU-Bürokratie (die auf ein Ergebnis pocht, das ihren eigenen Plänen in der Region entgegenkommt). Der Kommandeur, durch die Zeugenaussage von Mira schwer belastet, gelangt so auf freien Fuß. Die politische Zweckdienlichkeit hat gesiegt.

Letztlich jedoch vertuscht Schmids Film den Charakter des Gerichtshofs, der zu keiner Zeit ein unabhängiges juristisches Organ war. Von Beginn an diente das Kriegsverbrechertribunal im Wesentlichen niederen politischen Interessen und sollte im Sinne der USA und der europäischen Großmächte die Aufspaltung des früheren Jugoslawien in politische Einheiten erleichtern.

Die politischen Absichten, die mit dem Tribunal verfolgt wurden, waren von Anfang an offensichtlich, auch sein verspäteter Versuch, den Eindruck von Unvoreingenommenheit zu erwecken. Die politische Zielrichtung des Gerichtshofes zeigte sich in einer Reihe Aufsehen erregender Prozesse; am bekanntesten wurde der Fall des früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic.

In Presseinterviews nach der Aufführung seines Films machte Schmid deutlich, dass er keine Einwände gegen das Mandat des ITCY hege (dessen Chefankläger, Serge Brammertz, als Premierengast angekündigt war). Schmid stört sich nur daran, dass das Tribunal, das 2010 seine Arbeit einstellen soll, seine Urteile unter Zeitdruck fällen müsse.

Den zweifelsfrei positiven Absichten des Regisseurs zum Trotz ist Sturm - wie auch der preisgekrönte Film der vorjährigen Berlinale, Grbavica von Jasmila Zbanic - ein Beweis dafür, dass man schnell an Grenzen stößt, wenn man die Ereignisse der letzten zwei Jahrzehnte auf dem Balkan von einem rein moralischen Standpunkt betrachtet.

Siehe auch:
59. Berlinale - Teil 1: Ein alarmierendes Zurückbleiben hinter der Zeit
(28. Februar 2009)
59. Berlinale - Teil 2: Ein Brodeln unter der Oberfläche# aber nicht mehr (Zur Filmreihe Winter Adé : filmische Vorboten der Wende)
( 3. März 2009)
59. Berlinale -Teil 3: Die Kraft unspektakulärer Alltagsbilder
( 12. März 2009)