Wirtschaftskrise in Europa - deutsche Exporte im freien Fall

Von Stefan Steinberg
11. April 2009

Die jüngsten Zahlen von Eurostat, der Statistikabteilung der Europäischen Kommission, bringen den Rückgang der europäischen Wirtschaft im Rahmen der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise ans Licht.

Den Zahlen von Eurostat von Anfang April zufolge schrumpfte die Wirtschaft der sechzehn Länder der Eurozone in den letzten drei Monaten von 2008 gegenüber dem Vorquartal um 1,6 Prozent und gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres um 1,5 Prozent.

Die gesamtwirtschaftliche Leistung aller 27 Länder der Europäischen Union ging Ende 2008 im Vergleich mit dem vorhergehenden Quartal um 1,5 Prozent, und gegenüber den letzten drei Monaten von 2007 um 1,4 Prozent zurück.

Der Hauptgrund für den Rückgang der Eurozone in 2008 waren die starken Einbußen wichtiger europäischer Exporteure. In der ganzen Eurozone gingen die Exporte um 6,7 Prozent und die Unternehmensinvestitionen um 4,0 Prozent zurück. Deutschland hatte im letzten Quartal 2008 einen durchschnittlichen wirtschaftlichen Rückgang von 2,1 Prozent zu verzeichnen.

Deutsche Exporte im freien Fall

Die jüngsten Zahlen für Deutschland - Europas größtem Exporteur und bei weitem größter Volkswirtschaft des Kontinents - zeigen einen beschleunigten wirtschaftlichen Rückgang. Einige Berichte sprechen davon, dass sich die Exporte des Landes "im freien Fall" befänden.

Zahlen des deutschen Bundesamtes für Statistik vom Dienstag belegen, dass die Exporte im Februar gegenüber dem Vorjahr um 23 Prozent eingebrochen sind. Exporte in die EU-Länder (die Zweidrittel der Gesamtexporte ausmachen) fielen um 24,4 Prozent, verglichen mit einem Rückgang der Exporte in Nicht-EU-Länder um 20,6 Prozent. Der Einbruch der deutschen Exporte in den ersten beiden Monaten von 2009 ist der dramatischste Einbruch seit den 1950er Jahren.

Infolge des Rückgangs der Exporte hat sich der deutsche Außenhandelsüberschuss im Februar 2009 von 17,1 Milliarden Euro vor einem Jahr auf 8,9 Milliarden Euro fast halbiert.

Der Exportrückgang im Februar ist fast identisch mit dem Rückgang im Januar, was ein klares Zeichen für die schrumpfende Nachfrage auf den Weltmärkten nach Deutschlands hochwertigen, aber teuren Autos, Maschinen und verarbeiteten Produkten ist. Der Bundesverband des deutschen Groß- und Außenhandels BGA erklärte, die jüngsten Zahlen seien Ergebnis eines massiven weltweiten Wirtschaftseinbruchs, der zu einem starken Gewinnrückgang bei seinen Mitgliedern führen werde.

Die deutsche Wirtschaft ist stark vom Export abhängig. Die Exporte machten 2008 über 47 Prozent ihrer gesamten Wirtschaftsleistung aus. Das ist mehr als der doppelte Wert als bei führenden Konkurrenten. Die vergleichbare Zahl für Japan beträgt weniger als zwanzig Prozent und für die USA ungefähr dreizehn Prozent.

Zahlen des deutschen Wirtschaftsministeriums zeigen, dass die Aufträge für das verarbeitende Gewerbe im Februar im Vergleich zum gleichen Monat in 2008 um 38 Prozent niedriger waren.

Die Zahlen, die Daimler Benz soeben vorgelegt hat, unterstreichen die Probleme der deutschen Wirtschaft.

Auf der Hauptversammlung des Konzerns am Mittwoch gab Vorstandsvorsitzender Dieter Zetsche bekannt, dass die globalen Verkäufe des Konzerns in den ersten drei Monaten des Jahres um 23 Prozent eingebrochen seien. Während einige deutsche Autohersteller, die preiswertere Autos produzieren, von der Abwrackprämie der Bundesregierung profitieren konnten, ist die Nachfrage nach Wagen von Mercedes-Benz, nach dem Zweisitzer Smart des Daimler-Konzerns und nach großen LKW deutlich gesunken. Die Gruppe verkaufte nur 244.800 Autos gegenüber 318.000 Autos vor einem Jahr.

Zetsche erklärte, der Konzern werde dem Nachfrageeinbruch nach seinen Produkten mit einem drastischen Sparprogramm begegnen. Viele Beschäftigte der Firma sind schon auf Kurzarbeit und haben entsprechende Lohneinbußen. Aber der Konzern schließt auch Entlassungen nicht mehr aus.

Am gleichen Tag beantragte der Osnabrücker Autohersteller Karmann die Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Karmann ist seit 1901 ein unabhängiger Autohersteller und Zulieferer. Die Firma wurde jetzt aufgrund ausbleibender Aufträge speziell von Daimler und Audi in die Insolvenz getrieben.

Die frühere Stärke der deutschen Wirtschaft, ihr starker Export, erweist sich jetzt als ihre Achillesferse. Die deutschen Banken haben nicht so viele vergiftete Wertpapiere angehäuft wie ihre amerikanischen und britischen Konkurrenten, und das Land hat auch keine Immobilienblase und keinen Konsumboom erlebt, wie die USA, Großbritannien oder Spanien. Aber je länger die Weltrezession dauert, und je tiefer sie wird, desto schmerzhafter werden die Folgen für die vom Export abhängige deutsche Wirtschaft.

Man geht inzwischen schon davon aus, dass die deutsche Wirtschaft dieses Jahr einen deutlicheren Rückgang erleiden wird als die amerikanische und die britische. Die jüngsten Zahlen der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gehen von einem Schrumpfen der deutschen Wirtschaft für 2009 um 5,3 Prozent aus, verglichen mit vier Prozent in den USA und 3,7 Prozent in Großbritannien. Einige deutsche Quellen gehen sogar von einem noch stärkeren Schrumpfen aus. "Unser Schicksal hängt am Export", sagt Jörg Krämer, Chefökonom der Commerzbank in Frankfurt, der mit einem Rückgang um bis zu sieben Prozent rechnet.

Die sozialen und politischen Folgen eines solchen Wirtschaftszusammenbruchs werden von der Tatsache unterstrichen, dass die deutsche Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg nie um mehr als ein Prozent im Jahr geschrumpft ist.

Die Krise der deutschen und europäischen Wirtschaft führt unvermeidlich zu einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Der Ökonom Howard Archer von IHS Global Insight sagt: "Andauerndes und inzwischen starkes Schrumpfen der Wirtschaft, extrem geringe wirtschaftliche Erwartungen und eine Verringerung der Rentabilität lasten immer schwerer auf den Arbeitsmärkten."

Bis jetzt ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland noch einigermaßen unter Kontrolle, weil in vielen Betrieben noch auf Kurzarbeit ausgewichen wird. Aber trotzdem ist die Arbeitslosenrate von einem Siebzehnjahrestief von 7,6 Prozent im September letzten Jahres auf 8,1 Prozent im März gestiegen, weil zahlreiche Betriebe entweder ganz geschlossen oder ihr Personal deutlich reduziert haben.

Der Präsident der Bundesbank, Axel Weber, warnte vergangene Woche, dass die Tiefe der Rezession immer wieder unterschätzt worden sei und "der Arbeitsmarkt schwer getroffen werden könnte, wenn die Erwartungen der Unternehmen weiter enttäuscht werden".

Arbeitslosigkeit in der EU

Dem Anstieg der Arbeitslosigkeit in Deutschland entspricht die gleiche Entwicklung in Europa. Nach einem allmählichen Rückgang in den vergangenen Jahren auf weniger als sieben Prozent Anfang 2008 ist die offizielle Arbeitslosigkeit in den 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union im Februar auf 7,9 Prozent gestiegen. Das ist ein Anstieg von mehr als einem Prozent seit Februar 2008. Dabei ist die verdeckte Arbeitslosigkeit noch nicht berücksichtigt.

In der gesamten EU waren laut Eurostat im Februar 19,2 Millionen Menschen ohne Arbeit, 13,5 Millionen davon in der Eurozone. Die letztere Zahl macht 8,5 Prozent aller Arbeitsfähigen in den Ländern der Eurozone aus.

Es wird erwartet, dass die Arbeitslosenrate in den nächsten Monaten in den zweistelligen Bereich klettert, wenn in Ländern wie Deutschland die momentanen Instrumente wie Kurzarbeit nicht mehr ausreichen und Massenentlassungen unvermeidlich werden.

Jennifer McKeowan von Capital Economics erwartet, dass "angesichts der üblichen Verzögerung zwischen den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt und der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung die Arbeitslosigkeit bis etwa Mitte des Jahres auf zehn Prozent steigen wird".

Die Kombination von verlangsamter wirtschaftlicher Entwicklung, geringeren Konsumausgaben und steigender Arbeitslosigkeit droht in explosive politische Zusammenstöße in ganz Europa zu münden. Wie der Fall von Deutschland deutlich zeigt, hat sich die Krise, die letztes Jahr mit dem Zusammenbruch führender Banken und Finanzinstitute begann, längst auf die "Realwirtschaft" ausgedehnt und zeitigt katastrophale Folgen für breite Schichten der arbeitenden Bevölkerung.

Die Wirtschaftkrise hat schon den Regierungen in Litauen, Island und Belgien den Kopf gekostet. Sie hat in Ungarn zu schweren politischen Erschütterungen und zu Demonstrationen und Unruhen in mehreren Ländern wie Bulgarien, Griechenland, Irland, Litauen und jetzt Moldawien geführt. In Frankreich und Italien gab es Massenproteste und Demonstrationen und in Frankreich eine ganze Serie von militanten Streiks.

Angesichts der im Juli bevorstehenden Europawahlen und der Bundestagswahlen im September warnen führende deutsche Politiker schon vor der Gefahr eines Zusammenbruchs des sozialen Friedens und "massiver politischer Konflikte".

Das sind die Worte des Vorsitzenden der IG Metall, Berthold Huber, in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung in dieser Woche, in dem er klar machte, dass die Gewerkschaftsbürokratie alles tun werde, die Lage zu stabilisieren. Im gleichen Interview forderte Hube eine engere Zusammenarbeit zwischen den Gewerkschaften und der SPD und rief die Arbeiter auf, in der Krise Opfer zu bringen.

Die Reaktion der führenden Parteien auf die Avancen der Gewerkschaftsbürokratie ist jedenfalls positiv. Die Wochenzeitung Wirtschaftswoche, schrieb kürzlich: "Im Superwahljahr 2009 sind Gewerkschafter gefragt wie lange nicht mehr.... Wer Wahlen gewinnen will, zieht es in diesem Jahr vor, sich mit Gewerkschaftsfunktionären zu zeigen - und nicht etwa mit Wirtschaftsvertretern. Seit Monaten buhlen SPD und Linkspartei um die Gunst der Arbeitnehmerlobby. Inzwischen sind auch Union und FDP infiziert."

Siehe auch:
ThyssenKrupp-Arbeiter demonstrieren gegen Konzernumbau auf ihre Kosten
(8. April 2009)
Anstieg der Arbeitslosigkeit auf über fünf Millionen erwartet: Dramatische Auswirkungen der Wirtschaftskrise
( 2. April 2009)
Starker Anstieg der Arbeitslosigkeit im Januar
( 3. Februar 2009)