Das Erdbeben in den Abruzzen bringt weit verbreitete Baukorruption ans Licht

Von Marianne Arens
15. April 2009

Eine Woche nach dem Erdbeben in den italienischen Abruzzen ist das Ausmaß der Zerstörung noch immer nicht voll abzuschätzen. Von den vierzigtausend obdachlos Gewordenen sind über zwanzigtausend in 32 Zeltplätzen rund um L'Aquila untergebracht. In jeder Nacht der vergangenen Woche gab es weitere, teils starke Nachbeben.

Bisher wurden 291 Menschen tot aus den Trümmern geborgen, aber die Hilfskräfte erklären, es werde noch lange dauern, bis sie zu allen Verschütteten vorgedrungen seien. Das bedeutet, dass die Zahl der Toten in Wahrheit noch weit höher liegt.

Am Samstagmorgen, dem 11. April, wurden 687 betroffene Städte und Gemeinden gezählt. Die Zahl der zerstörten oder stark beschädigten Häuser belief sich auf 474.583. Die gesamte Region der Stadt L’Aquila hat sich komplett um fünfzehn Zentimeter verschoben, wie eine Auswertung von Satellitenaufnahmen der italienischen Raumfahrtagentur ASI ergab.

Pfusch am Bau

Zur Trauer gesellt sich immer stärker auch die Wut. Die Empörung entzündet sich daran, dass zahlreiche Gebäude - nicht nur alte, auch neue öffentliche Bauten - vollkommen zerstört wurden, während andere in unmittelbarer Nachbarschaft stehen geblieben sind. Ein Beispiel sind zwei Bauten an der Via Campo di Fossa in L’Aquila, von denen das eine Gebäude noch steht, das andere jedoch komplett einstürzte und 26 seiner 29 Bewohner unter sich begrub.

Franco Barberi, der Ehrenvorsitzende der nationalen Katastrophenkommission, sagte am zweiten Tag nach der Katastrophe: "Ein solches Erdbeben hätte in Kalifornien kein einziges Todesopfer gefordert". Er erklärte die hohe Zahl an Todesopfern mit der schlechten Qualität der Gebäude, von denen die meisten dem erforderlichen Sicherheitsstandard bisher nicht entsprechen.

Das neue Krankenhaus von L’Aquila und ein Studentenhaus - beides öffentliche, mit Steuergeldern errichtete Bauten - hätten eigentlich nach den Normen für erdbebensichere Konstruktion gebaut werden müssen. Beide Gebäude wurden zerstört. Das Krankenhaus konnte zum Glück rechtzeitig evakuiert werden, aber das Studentenwohnheim riss bei seinem Einsturz sechs junge Menschen mit in den Tod.

Mit dem Einsturz des Krankenhauses steht Italiens größter Baukonzern, Impregilo, am Pranger. Impregilo, das früher zur Fiat-Gruppe gehörte und heute Teil eines Konsortiums von Benetton, Gavio und Ligresti ist, gewann 1991 die Ausschreibung für den Bau des San Salvatore Krankenhauses in L’Aquila. Das Erdbeben hat nun gezeigt, dass für den Bau Beton von minderer Qualität verwendet wurde, der mit Sand gestreckte war. Die Stahlarmierung im Beton war korrodiert und knickte ein.

Paolo Clemente, Zivilschutzingenieur bei der nationalen Technologie- und Umweltbehörde ENEA, der eine Reihe der eingestürzten Gebäude untersuchte, gelangte zum Schluss: "Bis jetzt konnte man aus den Untersuchungen der Trümmer schon erkennen, dass die unteren Stockwerke einstürzten, weil die Stahlbetonträger durchgebrochen sind."

Clemente fuhr fort: "Normalerweise benutzen schlechte Bauherren Küstensand. Verglichen mit dem Grubensand kostet er nichts. Das Hauptproblem besteht darin, dass er neben anderen Verunreinigungen eine Menge Sodiumchlorid aufweist, das mit der Zeit das Eisen durch Korrosion angreift." Laut Clemente können durch Pfusch bei der Zementqualität die Profitspannen erheblich erhöht und sogar verdoppelt werden.

Paolo Buzzetti, Präsident der Nationalen Bauunternehmervereinigung ANCE, gab zu: "Ohne Frage müsste armierter Beton, wäre er denn korrekt gebaut, die Erschütterungen aushalten." Das heißt, dass die Bauten nicht nur versagten, weil die besonderen Regeln für erdbebenresistentes Bauen nicht eingehalten wurden, sondern weil die elementarsten Regeln für normalen Betonbau missachtet wurden.

Eine Untersuchung der Staatsanwaltschaft ist angelaufen, nennt aber keine Namen. Ermittelt wird "gegen unbekannt", wegen "fahrlässig herbeigeführter Katastrophe". Die Ermittlungen sollen die Qualität der Baumaterialien - Beton, Stahl, Backstein und Mörtel - sowie die angewandte Konstruktionsweise bei den Bauten in L’Aquila untersuchen. Die Verwaltungsstadt L’Aquila, die sich im Epizentrum des Erdbebens befindet, weist die größten Schäden auf.

Die Gefahr ist groß, dass eine solche Untersuchung sich rasch im sprichwörtlichen Sande verliert und keine konkreten Konsequenzen nach sich zieht. Solche Untersuchungen sind auch nach früheren Erdbeben immer wieder ohne Ergebnis geblieben.

Laut Alessandro Martelli, einem Wissenschaftler der ENEA und Professor für seismische Bauwerkswissenschaft an der Universität Ferrara, fand eine Untersuchung nach dem Erdbeben von Molise im Jahr 2002 mehrere Beispiele von öffentlichen Bauten, Schulen und Kindergärten, bei denen die Beton-Spannfestigkeit nur zehn bis vierzig Prozent des Normalmaßes aufwies. In einigen Fällen konnten die Inspektoren schon mit dem bloßen Finger ein Loch in den Zement bohren.

Berlusconi

Seit einer Woche lässt sich der Regierungschef Silvio Berlusconi praktisch täglich im Erdbebengebiet blicken. Er versprach den Geschädigten: "Alle zerstörten Häuser werden wiederaufgebaut." Nachdem Berlusconi die Erdbebenopfer zuerst mit einem seiner berüchtigten Sprüche "aufgemuntert" und vorgeschlagen hatte, sie sollten den Aufenthalt in den Zelten "wie ein Campingwochenende" nehmen, zeigte er sich am Freitag unerwartet großzügig und versprach sogar, den Opfern drei seiner Villen zur Verfügung zu stellen.

Berlusconi hat allen Grund, einem größeren Empörungsausbruch der Bevölkerung zuvorzukommen. Seine Regierung und seine eigene Karriere sind eng mit der italienischen Bauindustrie und deren korrupten Schattenseiten verbunden.

Die Regierung Berlusconi hatte zwar schon im Jahr 2003 ein Dekret über Bauvorschriften für die Erdbebensicherheit erlassen. Im Jahr zuvor war in San Giuliano di Puglia bei einem Erdbeben eine Schule eingestürzt. Diese Vorschriften sind jedoch bis zum heutigen Tag nicht bindend. Ihre Anwendung wurde von einer Lobby aus Immobilienkonzernen und Bauunternehmern verhindert. Auch die Regierung Prodi, die Berlusconi von 2006 bis 2008 ablöste, setzte die neuen Bestimmungen nicht in Kraft.

Der Baukonzern Impregilo war bereits vor Jahren im Zusammenhang mit dem verzögerten Bau einer Müllverbrennungsanlage im Raum Neapel wegen Korruption in die Schlagzeilen geraten. Berlusconis Rückkehr an die Regierung verband der Konzern dann mit der Hoffnung auf große und lukrative Projekte. Die Impregilo-Aktie reagierte mit einem sprunghaften Anstieg auf Berlusconis Wahlsieg. Der Konzern geht fest davon aus, den Auftrag für den Bau der Brücke über die Straße von Messina zu erhalten, eines der wichtigsten Wahlversprechen Berlusconis. Die Hängebrücke, die ab 2016 Sizilien mit dem italienischen Festland verbinden soll, gilt als weltgrößtes Brückenprojekt und ist mit sechs Milliarden Euro Kosten veranschlagt.

In Reaktion auf die wachsende Empörung forderte die Zeitung il Manifesto am Freitag, das milliardenschwere Prestigeprojekt der Messinabrücke müsse ganz aufgegeben werden. Das Geld solle stattdessen in eine erdbebensichere Bauweise und Nachrüstung der schon bestehenden Gebäude investiert werden.

Berlusconi ging nicht auf diese Diskussion ein und versprach am Freitag, die Regierung werde neben der zerstörten Altstadt von L’Aquila eine komplett neue Stadt, ein "L’Aquila 2" aufbauen. Dies solle "nach dem Modell von Milano 2 und Milano 3" geschehen - das heißt nach dem Vorbild der Wohnsiedlungen, die er selbst zu Anfang seiner Karriere in Mailand errichtet hatte.

Der wirtschaftliche und politische Aufstieg Silvio Berlusconis ist eng mit der wegen ihrer Korruption berüchtigten italienischen Bauindustrie verbunden. Er begann seine Karriere mit einer kleinen Baufirma, die am Rande von Mailand ein Wohnviertel errichtete, ehe er die leitende Baugruppe Edilnord selbst übernahm. Es folgten Milano 2 und Milano 3 - riesige Bauprojekte für Tausende von Wohnungen - deren Realisierung große Kapitalmengen erforderte.

Das Geld stammte mit hoher Wahrscheinlichkeit von der Geheimloge Propaganda 2 des ehemaligen Faschisten Licio Gelli, der enge Beziehungen zu Politik, Wirtschaft, Militär, Geheimdiensten und der Mafia unterhielt. Berlusconis soll sich 1978 dieser Loge angeschlossen haben.

Seinen meteoritenhaften politischen Aufstieg verdankte Berlusconi vor allem dem damaligen Sozialistenchef Bettino Craxi, der neben dem Christdemokraten Giulio Andreotti die Verkörperung jenes Geflechts aus Bestechung und Korruption darstellte, das als Tangentopoli in die Geschichte einging. Heute ist Regierungschef Berlusconi laut Forbes als Inhaber des Konzerns Fininvest mit einem Vermögen von 9,4 Milliarden US-Dollar einer der reichsten Männer Italiens.

Als Silvio Berlusconi 2001 zum zweiten Mal Premier wurde, übertrug er die letzten Teile seines Baukonzerns auf seinen Bruder Paolo Berlusconi. Fortan hielt er als Regierungschef die Hand schützend über alle Machenschaften des Bruders, wie auch über die korrupten Praktiken der Bauindustrie insgesamt. Die jüngste Erdbebentragödie zeigt erneut, dass Korruption und Kriminalität nach wie vor weit verbreitet sind und sich unter der aktuellen italienischen Regierung weiter ausgebreitet haben.

Wie allgegenwärtig das Problem der Korruption ist, zeigt die Bemerkung des beauftragten Staatsanwalts in L’Aquila, Alfredo Rossini, der mit der Zeitung Corriere della Sera über den Wiederaufbau der Abruzzenstadt sprach. Er sagte, man werde Probleme haben, sich die organisierte Kriminalität - sprich die Mafia - vom Leibe zu halten. "Wir stehen im Kontakt mit der nationalen Antimafia-Behörde", erklärte Rossini, "damit die Baumaßnahmen nicht den Appetit der Mafia wecken, die im Wiederaufbau die Möglichkeit sehen könnte, ihre eigenen Geschäfte zu fördern".

Siehe auch:
Ein Porträt der Regierung Berlusconi: "Alle für einen
(27. März 2002)
einer für sich" (Teil 1)
( 28. März 2002)