Antarktisches Eisschelf abgebrochen: Klimawandel und Kapitalismus

Von Patrick O’Connor
9. April 2009

Der Kollaps einer vierzig Kilometer breiten Eisbrücke am vergangenen Sonntag, die das Wilkins-Eisschelf mit dem antarktischen Festland verbindet, ist ein weiterer starker Hinweis auf die Bedrohung durch den Klimawandel.

Die Eisbrücke war die letzte Verbindung zwischen dem 14.000 Quadratkilometer großen Wilkinsschelf und dem arktischen Festland. Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Eisschelf, ein riesiger Eisbrocken, sich jetzt verkleinern oder sogar ganz auflösen wird, besonders wenn es nach Norden in wärmere Ozeanströmungen wandern sollte. Die Auflösung des Wilkinsschelfs wurde von Wissenschaftlern zuerst im März 2008 auf Satellitenbildern entdeckt. Sie schreitet viel rascher voran als erwartet. Schon 1993 stufte die British Antarctic Survey die Region als gefährdet ein. Dennoch ging sie davon aus, dass eine deutliche Verschlechterung der Lage erst nach dreißig Jahren eintreten werde.

Die durchschnittliche Temperatur auf dem Globus ist heute 0,8 Grad höher als in der vorindustriellen Ära, aber die antarktische Halbinsel, die sich Richtung Südamerika erstreckt, hat sich als wesentlich anfälliger für die globale Erwärmung erwiesen. Die Temperaturen dort sind allein in den letzten sechzig Jahren um 2,5 Grad gestiegen.

Wilkins ist eines von zehn großen Eisschelfs, die abgebrochen oder wesentlich geschrumpft sind. Solche Schelfe bilden sich über Hunderte von Jahren. Bohreiskerne zeigen, dass einige dieser Schelfe schon seit mindestens zehntausend Jahren bestehen. Geographen zeichnen die Karte der Antarktis jetzt neu. Eine jüngere Studie der US Geological Survey und der British Antarctic Survey belegt, dass sich 142 der 172 Eisküsten auf dem Rückzug befinden.

"Die Veränderung der Landkarte dieses Gebietes wird weithin als deutliches und unübersehbares Beispiel für die Auswirkungen der globalen Erderwärmung anerkannt", schloss Dr. Ted Scambos vom Colorado National Snow and Ice Data Center.

Die Zerstörung der antarktischen Eisschelfe führt nicht direkt zu einem Ansteigen des Meeresspiegels, weil diese Schelfe auch jetzt schon auf dem Meer schwimmen. Aber ihr Rückgang verringert die Eisfläche auf der Erde, die einen Teil der Sonneneinstrahlung zurück in die Atmosphäre reflektiert. Dies und das Schrumpfen der Arktis führen zu dem Phänomen, das die Klimawissenschaftler eine "positive Feedbackschleife" nennen: Kleinere Eisflächen führen zu mehr Absorption von Sonnenwärme durch die Ozeane, wodurch höhere Temperaturen entstehen, die wiederum die Eismasse vermindern.

Außerdem wirken die antarktischen Eisschelfe als Puffer für das kontinentale Landeis. Mit ihrer Zerstörung wird die enorme Landeismasse - die, wenn sie schmilzt, direkt den Meeresspiegel erhöhen würde - wärmeren Strömungen der Ozeane ausgesetzt. Dem norwegischen Polarinstitut zufolge würde ein Schmelzen von nur einem Prozent des arktischen Eises das Meeresniveau um 65 Zentimeter erhöhen. Damit wären Küstengebiete bedroht, in denen schätzungsweise zehn Prozent der Weltbevölkerung leben, d.h. fast 700 Millionen Menschen.

Diese potenzielle Katastrophe ist schon seit einiger Zeit bekannt, aber Gegenmaßnahmen werden von den Regierungen im Interesse mächtiger Wirtschaftsinteressen verhindert.

Schon im späten 19. Jahrhundert stellte der schwedische Wissenschaftler Svante Arrhenius die Hypothese auf, dass industrielle Verschmutzung, vor allem die Freisetzung von Kohlendioxid in die Atmosphäre, durch den Treibhauseffekt eine globale Erwärmung bewirken könnte. In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg sammelten Klimawissenschaftler umfangreiche Daten, die darauf hinwiesen, dass die Erderwärmung schon im Gange war. In den 1980er Jahren lagen schon klare Beweise für den Klimawandel vor. Trotzdem bestand die Reaktion der Regierungen weltweit im Wesentlichen im Nichtstun.

Internationale Konferenzen über die Erderwärmung scheiterten an unvereinbaren Interessengegensätzen zwischen den nationalen Regierungen. Ihr Hauptanliegen war immer die Verteidigung der Interessen ihrer eignen Konzerne, und diese betrachteten die Reduktion von Treibhausgasen immer als unvereinbar mit ihren kurzfristigen Profitinteressen. Das Kyoto-Protokoll von 1997 sah eine minimale Verminderung der Luftverschmutzung vor, verfehlte jedoch die von Wissenschaftlern vorgegebenen Ziele bei weitem. Es wurde unterlaufen, weil sich die US-Regierung weigerte, es zu ratifizieren. Washington war in erster Linie daran interessiert, die Interessen der großen Öl-Konzerne zu verteidigen, die die engsten Beziehungen zu hohen Vertretern der Bush-Regierung unterhielten.

Die Wahl von Präsident Barack Obama hat die Politik der USA nicht wesentlich verändert. Das Problem wird zwar jetzt in Worten anerkannt, und auf Weltebene wird eine versöhnlichere Tonlage angeschlagen, aber Obama hat bisher lediglich versprochen, den amerikanischen CO2-Austioß bis 2020 auf das Niveau von 1990 zurückzuführen. Dieses Ziel kommt der Forderung der UN-Klimabehörde IPCC nicht einmal nahe, die Treibhausemissionen um 25 bis 40 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Washingtons Haltung ist einer der Gründe, warum die Verabschiedung eines "Kyoto-Nachfolgeprotokolls" immer noch gefährdet ist. Auf einem Weltgipfel im dänischen Kopenhagen sollen die Verhandlungen Ende des Jahres zum Abschluss gebracht werden. Aber bis jetzt gibt es nur wenig Fortschritt. Eine Vorkonferenz ging diese Woche in Bonn ohne Übereinkunft in den wichtigen Frage zu Ende.

Die europäischen Mächte haben keine Lösung für den Klimawandel. Sie versuchen die Krise mithilfe des "freien Marktes" zu lösen, der sie erst hervorgebracht hat. Der Handel mit Verschmutzungsrechten hat einen riesigen Markt geschaffen: Er bedeutet, dass industrielle Verschmutzung zu einer handelbaren Ware geworden ist. Der europäische Emissionshandel bereichert spekulierende CO2-Händler, Hedge Fonds und Investmentbanker. Große industrielle Verschmutzer erzielen ebenfalls hohe Profite mit kostenlosen Verschmutzungsrechten, während die breite Bevölkerung mit deutlich höheren Energie- und Transportkosten zur Kasse gebeten wird.

Jüngste wissenschaftliche Erkenntnisse legen nahe, dass die vom IPCC vorgeschlagene Verminderung der Emissionen um 25 bis 40 Prozent in den Industriestaaten das Problem immer nach weit unterschätzt. Mehrere Klimawissenschaftler, unter ihnen James Hansen von der NASA, sind zum Schluss gekommen, dass das schon in der Atmosphäre befindliche Kohlendioxid den tolerierbaren Wert längst überschritten hat, jenseits dessen potenziell irreversibler Klimawandel angestoßen wird.

In diesem Fall wäre der sofortige Übergang zu einer Weltwirtschaft mit "netto null" Emissionen von Kohlendioxid nötig, d.h. Emissionen, die nicht größer sind, als was die Welt auf natürlichem Wege absorbieren kann. Die Technologien und die materiellen Mittel für einen solchen Schritt existieren heute schon. Aber der Einsatz der Produktivkräfte und der technologischen Kapazitäten der Welt in diesem Sinne ist unter den existierenden gesellschaftlichen Verhältnissen nicht möglich.

Klimawandel ist seiner Natur nach ein globales Problem und kann nicht im Rahmen des kapitalistischen Systems gelöst werden. Alle vernünftigen Pläne zur Lösung dieses Problems stoßen sofort mit den Diktaten des Profitsystems und den gegensätzlichen Interessen der großen kapitalistischen Nationalstaaten zusammen. Um die CO2-Emissionen im notwendigen Ausmaß zu senken, ist nicht mehr und nicht weniger nötig als die völlige Reorganisierung der gesamten Weltwirtschaft - eingeschlossen die Neuordnung der Energieerzeugung und ihrer Verteilung, der Stadtplanung, des öffentlichen Verkehrs, der landwirtschaftlichen und industriellen Produktion, der Abfallwirtschaft und vieler anderer Bereiche.

Eine solche Reorganisierung ist nur durch eine sozialistische Bewegung der Arbeiterklasse vorstellbar. Notwendig ist eine demokratisch geplante Weltwirtschaft, die die langfristigen gesellschaftlichen Interessen im Blick hat und den Lebensstandard der einfachen Bevölkerung in aller Welt anhebt.

Siehe auch:
Hundert Jahre seit Albert Einsteins Annus mirabilis
(10. August 2005)