Woolworth-Insolvenz läutet neue Runde von Kürzungen ein

Von Michael Regens und Marius Heuser
17. April 2009

Am vergangenen Samstag hat die traditionsreiche Kaufhauskette Woolworth mit ihren mehr als 300 Filialen beim Amtsgericht Frankfurt Insolvenz angemeldet. Wie der Insolvenzverwalter Ottmar Herman mitteilte, stehen dadurch mindestens 9 700 der rund 11 000 Arbeitsplätze in Deutschland und Österreich zur Disposition. Das Geschäft kann zunächst weiterlaufen, wenn die Mitarbeiter statt ihres Lohns Insolvenzgeld erhalten, was allerdings keinesfalls sicher ist.

Der Bankrott ist zweifelsfrei das Ergebnis der Ausweidung des Unternehmens durch verschiedene Finanzinvestoren. Während diese zusammen mit den Gewerkschaften in den letzten Jahren die Löhne gesenkt, Arbeitsbedingungen verschärft und Stellen abgebaut haben, wurden gleichzeitig profitträchtige Teile des Konzerns ausgelagert und gewinnbringend verkauft.

So geschwächt wurde der Konzern von der Wirtschaftskrise besonders hart getroffen, die längst im Einzelhandel angekommen ist. Nach Einschätzung des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE) stehen 5000 Einzelhändler wegen sinkender Umsätze und teurer Kredite vor dem Aus. Kaufhäuser sind wegen der hohen Unterhaltungskosten in besonderem Maße betroffen.

Im Juli 2008 hatte bereits Hertie Insolvenz angemeldet. In der zweiten Jahreshälfte folgten die Textilkette SinnLeffers und das Modehaus Wehmeyer. Infolge des Insolvenprozesses schlossen Wehmeyer mehr als ein drittel, SinnLeffers die Hälfte und Hertie 19 seiner 73 Filialen. In den vergangenen Monaten wurden dadurch Tausende von Arbeitsplätzen zerstört.

Woolworth ist nun die vierte Einzelhandelskette die seit Mitte letzten Jahres von der Wirtschaftskrise erfasst wurde. Im letzten Jahr war bereits der britische Woolworth-Konzern insolvent gegangen und schon 1997 schloss die letzte Filiale in den Vereinigten Staaten.

Wie auch Hertie, SinnLeffers und Wehmeyer wurde Woolworth Deutschland vor einigen Jahren von Finanzinvestoren, so genannten "Heuschrecken" übernommen und von diesen ausgeschlachtet. Im Jahr 1998 erwarb der britische Private-Equity-Investor Electra Fleming, heute Electra Partners Europe, für 950 Millionen Mark (486 Millionen Euro) die Handelskette. Davon steuerte die Heuschrecke aber nur rund 150 Millionen Mark (77 Millionen Euro) an Eigenkapital zu, der Rest wurde über Gesellschafterdarlehen finanziert. Dieses Geld sollte durch einen späteren Börsengang erwirtschaftet werden.

Zu diesem Zweck wurde damit begonnen, Filialen zu schließen, Arbeitsplätze abzubauen und das Sortiment auszudünnen. Trotzdem blieben die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurück. Ende 2005 machte Electra Druck und holte den Privatkaufmann Robert Brech an Bord. Brech hatte zuvor für den Warenhauskonzern Karstadt die bereits zuvor erwähnten Marken SinnLeffers und Wehmeyer verkauft, die kurze Zeit später Insolvenz anmeldeten.

Ende des Jahres 2007 verkaufte Hauptgesellschafter Electra Partners das operative Geschäft von Woolworth an den Finanzinvestor Argyll. Im Zuge dessen setzte Woolworth Chef Brech kräftig den Rotstift an. Er strich über 1000 Arbeitsplätze, schloss Filialen, kürzte die Liferantenanzahl und dünnte das Sortiment weiter aus.

Am wichtigsten war aber der Verkauf fast aller Immobilien des Konzerns an den Investor Cerberus. Etwa 100 Filialen gingen an den Hedge-Fond und mussten fortan von diesem gemietet werden. Die übrigen Filialen gehörten schon vorher nicht zu Woolworth. Mit den Einnahmen aus diesem Verkauf ermöglichte Argyll überhaupt erst den Kauf von Woolworth, für den der Investor eigentlich zu wenig Eigenkapital gehabt hätte.

All diese Maßnahmen wurden von Verdi ausdrücklich unterstützt. Jede Kürzungsrunde rechtfertigte die Gewerkschaft mit Arbeitsplatzsicherhheit und der Genesung des Unternehmens. Verdi begrüßte nicht nur die Übernahme durch Argyll und Cerberus, sondern bot auch gleich ihre Unterstützung bei der Durchsetzung der notwendigen Kürzungen an.

In einer kurz nach der Übernahme verfassten Presseerklärung der Gewerkschaft heißt es: "Vor den Arbeitnehmervertretern liegt jetzt die schwere Aufgabe, die anstehenden Massenkündigungen und den Ablauf der einzelnen Prozesse zu begleiten und mit der Unternehmensleitung einen Interessenausgleich und Sozialplan zu verhandeln."

Die Politik der Gewerkschaft hat dazu geführt, dass weit über die Hälfte der Arbeitsplätze bei Woolworth nur noch Teilzeit- oder Geringverdiener-Stellen sind. Minijobber erhalten meist nur fünf bis 6,5 Euro pro Stunde. Damit haben sie den Hedge-Fond-Managern und Investoren satte Gewinne gesichert, aber keinen einzigen Arbeitsplatz gesichert. Stattdessen wird nun mit der Insolvenz eine weitere Runde heftiger Lohnkürzungen und massiven Stellenabbaus eröffnet.

Insolvenzverwalter Herman hat angekündigt, dass er gute Chancen sieht, Woolworth zu retten. Cerberus habe sich angeboten, stärker in das Geschäft einzusteigen, sagte Herman am Mittwoch. Verdi-Sprecher Johann Rösch erklärte daraufhin gegenüber der Frankfurter Rundschau, dass er unter diesen Bedingungen weitere "Zugeständnisse der Beschäftigten" für denkbar halte, womit er meint, dass seine Gewerkschaft bereit ist, weitere Kürzungen und Stellenstreichungen gegen die Beschäftigten durchzusetzen.