Interessen von Politik und Wirtschaft dominieren Umgang mit der Schweinegrippe

Von David Walsh und Sean South
2. Mai 2009

Der Ausbruch der Schweinegrippenepidemie, die globale Ausmaße anzunehmen droht, entlarvt die katastrophalen Folgen der Unterordnung aller Aspekte des gesellschaftlichen Lebens unter den kapitalistischen Markt und die widerstreitenden Interessen nationaler Wirtschaftseliten. Die möglichen Folgen für die Gesundheit und das Leben von Menschen und für die Wirtschaft werden in weiten Teilen der Welt noch durch Armut, soziale Ungleichheit und mangelnde Gesundheitsinfrastruktur verschlimmert.

Der rationale und koordinierte Einsatz der modernen Medizin und Technologie gegen die weltweite Bedrohung stößt immer wieder an nationale Grenzen und wird on nationalen Reaktionen behindert.

In den Industrieländern, vor allem den Vereinigten Staaten, werden die Folgen für die Menschen durch eine Jahrzehnte lange Vernachlässigung der öffentlichen Gesundheitsversorgung verschlimmert, die im Dienste der Finanzinteressen organisiert wird und das Gesundheitssystem finanziell austrocknet.

Angesichts der Ausbreitung der Schweinegrippe hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Alarmstufe auf Phase 5 erhöht. Diese wird immer dann ausgelöst, wenn viele Menschen infiziert sind und die Gefahr einer Pandemie besteht. WHO-Generaldirektorin Margaret Chan rief alle Länder auf, ihre Pandemie-Bereitschaftspläne zu aktivieren. Sie forderte Regierungen und Impfstoffhersteller auf, alle Mittel bereitzustellen, um die Krise im Griff halten zu können.

Die Organisation gab bekannt, dass in neun Ländern Fälle von Schweinegrippe des Typs A/H1N1 bestätigt worden seien. In zahlreichen weiteren Fällen bestehe der Verdacht. Von Laboren bestätigte Fälle gibt es in den USA, Kanada, Deutschland, Israel, Neuseeland, Spanien, Österreich und Großbritannien.

Die Krankheit wurde auch schon in Brasilien, Australien, Russland, Südkorea und dem Nahen Osten entdeckt, aber noch nicht offiziell bestätigt. Die Liste wird in den nächsten Tagen wahrscheinlich noch viel länger werden.

Normale jahreszeitliche Virusgrippen töten weltweit jährlich 250.000 bis 500.000 Menschen. Dr. Carlos del Rio vom Krankenhaus der Emory-Universität von Atlanta (Georgia) schätzt die gegenwärtige Situation als besorgniserregend ein, weil "diese [Schweinegrippe] von einem völlig neuen Virus verursacht wird... Das ist ein Virus, für den es noch keinen Impfstoff gibt, es gibt auch noch keine Vorimmunisierung. Deswegen könnte die Sterblichkeitsrate höher liegen als bei anderen Influenza-Viren."

In Mexiko, wo die Grippe zuerst ausbrach, haben Sprecher der Gesundheitsbehörden die Zahl der "wahrscheinlich an der Schweinegrippe" Gestorbenen am Mittwoch von 152 auf 159 erhöht. Insgesamt liegen 1.311 Menschen mit Symptomen der Schweingrippe in mexikanischen Krankenhäusern.

Die bestätigten Fälle machen wahrscheinlich nur einen Bruchteil des tatsächlich mit dem Virus infizierten Teils der Bevölkerung aus. Medien berichten, dass mindestens 2.400 Mexikaner befallen seien. Arbeitslosigkeit, Armut und Unterernährung sind starke Faktoren bei der Ausbreitung und Schwere der Krankheit.

Die amerikanischen Zentren für Seuchenkontrolle und Vorbeugung (CDC) ließen am Mittwochmorgen verlauten, in den USA seien 91 bestätigte Fälle zu verzeichnen. Diese seien in den zehn Bundesstaaten Arizona, Kalifornien, Indiana, Kansas, Massachusetts, Michigan, Nevada, New York, Ohio and Texas aufgetreten. Laut Dr. Richard Besser, dem geschäftsführenden Direktor des CDC, "sind diese Zahlen wohl schon in dem Moment veraltet, in dem ich sie nenne".

Das erste amerikanische Todesopfer war ein 23 Monate altes Baby, das am Montagabend starb. Das Kind war mit seinen Eltern Anfang April von Matamoras in Mexiko nach Brownsville in Texas gereist, um Verwandte zu besuchen. Es erkrankte in Texas und wurde schließlich in ein Krankenhaus in Houston gebracht, wo es starb.

Den schwersten Ausbruch gab es bisher in New York City, wo allein in einer Schule in Queens 45 Fälle auftraten. Vertreter der Stadt untersuchten am Dienstag sechs weitere Fälle an einer Schule in Manhattan. Die Stadt versucht auch herauszufinden, ob fünf weitere Personen, darunter ein Kind in der Bronx und eine Frau in Brooklyn, an der Schweinegrippe erkrankt sind. Dutzende weitere Verdachtsfälle werden im ganzen Staat untersucht.

Als Reaktion auf diese Entwicklungen warnte das CDC: "In den kommenden Tagen und Wochen erwarten wir mehr Einlieferungen in Krankenhäuser und mehr Todesfälle."

Die drohende Schweinegrippe entlarvt die Unvereinbarkeit des Profitsystems mit den elementarsten Bedürfnissen der Gesundheit und des Wohlergehens der Menschen. Für die Politiker und Wirtschaftsbosse stehen die Risiken, bzw. die möglichen Gewinne für die Wirtschaft, wie auch die Überlegung, welche reaktionären politischen Vorteile aus der Situation gezogen werden können, an erster Stelle.

Sprecher der Obama-Regierung, unter ihnen Landwirtschaftsminister Tom Vilsack, argumentieren verbissen, die Krankheit dürfe nicht "Schweinegrippe" genannt werden, weil der Name "den Eindruck erweckt, es gebe ein Problem mit der Erzeugung von Schweinefleisch". Am Dienstag hatte Präsident Barack Obama die Botschaft kapiert. Fortan sprach er nur noch von "der H1N1-Grippe", und nicht mehr von "Schweinegrippe", wie am Tag zuvor. ABC News hatte berichtet: "Vertreter bestimmter Agro-Konzerne hatten der Obama-Regierung ihre Unzufriedenheit deutlich gemacht."

Auf eine Frage zu diesem Thema antwortete Fukuda von der WHO: "Wir haben nicht vor, den Namen `Schweinegrippe’ zu ändern... Der identifizierte Virus ist ein Schweinegrippenvirus."

Mehrer Demagogen in den USA nutzen die Grippenkrise, um anti-mexikanische Stimmungen zu schüren. Bei einer Anhörung vor dem Homeland Security Ausschuss des Senats fragten die Senatoren Joseph Lieberman, John McCain und Susan Collins die Ministerin Janet Napolitano und die CDC-Expertin Anne Schuchat, warum die Regierung die Grenze zu Mexiko nicht geschlossen habe.

Napolitano und Schuchat betonten die Sinnlosigkeit einer solchen Maßnahme angesichts der Tatsache, dass die Krankheit schon in den USA sei, aber die Senatoren ließen nicht locker. Schuchat, übergangsweise stellvertretende Direktorin der CDC für Wissenschaft und öffentliche Gesundheitspolitik, nannte die Frage rundheraus eine "Ablenkung" und meinte: "Es ist kein Szenario vorstellbar´, unter dem die Schließung der Grenze einen Sinn haben könnte."

Anfang der Woche sagte WHO-Sprecher Gregory Hartl der Presse, die WHO rate den Ländern, Erkrankte mit Medikamenten wie Tamiflu zu behandeln und sicherzustellen, dass nationale Pläne vorbereitet würden, die die Auswirkungen eines größeren Ausbruchs in Grenzen halten könnten.

"Regierungen müssen sich darauf vorbereiten, in den Notfallstationen der Krankenhäuser eine umfangreiche Versorgung für bestimmte Krankheiten zu gewährleisten", sagte er. "Gibt es diese Infrastruktur? Gibt es die entsprechende Ausrüstung? Sind die Medikamente vorhanden? Die Vorbereitungen müssen jetzt getroffen werden."

Die USA sind allein schon deshalb nicht auf solche Krisen vorbereitet, weil jede Entscheidung mit den Interessen großer Konzerne abgestimmt sein muss. MSNBC berichtet zum Beispiel: "Die amerikanische Impfstoffproduktion ist eine Partnerschaft zwischen der Bundesregierung und mehreren Arzneimittelherstellern. Dazu gehören GlaxoSmithKline, Novartis, Sanofi Pasteur und MedImmune." Ob ausreichende Vorräte an Impfstoffen vorhanden sind, hängt letztlich davon ab, ob ihre Produktion genug Profit abwirft. Das zeigte sich in den Jahren 2004-05, als die Grippeimpfstoffe knapp wurden.

Eine wirklich koordinierte Politik ist unter solchen Umständen schlicht unmöglich. Umso mehr in einem Land, in dem 47 Millionen Menschen keine Krankenversicherung haben. Sprecher der Gesundheitsämter empfehlen Personen mit verdächtigen Symptomen, "zum Arzt zu gehen". Für viele ist der Besuch eines Arztes ein finanzieller Kraftakt, eine schwere Krankheit eine wirtschaftliche Katastrophe.

Die schon vorher völlig unzureichende medizinische Infrastruktur der USA ist durch die Wirtschaftskrise weiter geschwächt worden. Alle Regierungsebenen setzen Kürzungen durch und gefährden dabei das Leben von Menschen.

Die New York Times berichtete am Mittwoch, die Rezession "hat den Gesundheitsämtern auf Staats- und Gemeindeebene Hunderte Millionen Dollar und Tausende Beschäftigte entzogen, die jetzt an vorderster Front im Kampf gegen eine mögliche Schweinegrippenpandemie stehen müssten".

Die Zeitung zitierte zahlreiche besorgte Stellungnahmen von Vertretern der Gesundheitsdienste. Robert M. Pestronk, Direktor der Vereinigung von Gesundheitsinspektoren, sagte der Times : "Die kommunalen Gesundheitsämter haben kaum genug Personal, um das Tagesgeschäft zu erledigen. Eine starke Erhöhung des Arbeitspensums wird dazu führen, dass vieles von dem, was normalerweise getan wird, nicht mehr getan werden kann. Und abhängig vom Ausmaß einer Epidemie kann es passieren, dass unsere Kapazität nicht mehr ausreicht."

Pestronks Organisation schätzt, dass kommunale Gesundheitsämter 2008 aufgrund von Haushaltskürzungen ungefähr 300 Millionen Dollar und 7.000 Stellen verloren haben. Er erwartet, dass dieses Jahr weitere 7.000 Arbeitsplätze wegfallen. Staatliche Gesundheitseinrichtungen haben zusätzlich 1.500 Stellen gestrichen, und weitere 2.600 Streichungen werden für 2009 erwartet.

In New York City wurden die Ausgaben des Gesundheitsamts für Notfallbereitschaft vor einem Jahr um fünf Millionen Dollar gekürzt. Das Gesundheitsamt von Kalifornien musste kürzlich eine zehnprozentige Haushaltskürzung hinnehmen. Der Kongress strich aus dem vor kurzem verabschiedeten Konjunkturprogramm fast 900 Millionen Dollar für die Vorbereitung auf eine Grippenpandemie.

Dr. Paul E.Jarris vom Verband der staatlichen Gesundheitsdienstleiter sagte der Times : "Das ganze System wird zu einem Zeitpunkt ausgeblutet, an dem es am meisten gebraucht wird."

Bei einer Pressekonferenz gab der amtierende Direktor des CDC, Besser, am Montag zu: "Die wirtschaftlichen Realitäten haben die Gesundheitsdienste stark mitgenommen". Er stellte fest, das Land verlasse sich darauf, "dass das Gesundheitspersonal auf staatlicher und kommunaler Ebene solche Krisensituationen erkennt, und zwar schnell".

Er fügte hinzu: "Diese Infrastruktur ist das Rückgrat, auf das wir uns verlassen, um solche Entwicklungen zu erkennen und sie unter Kontrolle zu bekommen."

Siehe auch:
Antarktisches Eisschelf abgebrochen: Klimawandel und Kapitalismus
(9. April 2009)