Sensationshascherei der Medien, Macht der Konzerne und Schweinegrippe

Von Alex Lantier
6. Mai 2009

Der Umgang mit der Schweinegrippe in den Medien macht deutlich, wie schwierig es im gegenwärtigen politischen Umfeld ist, zwischen medizinischer Wissenschaft und wirtschaftlichen Interessen, beziehungsweise den politischen Interessen der befassten Regierungen, zu unterscheiden. Das Ereignis wurde als Sensation aufgedonnert und mystifiziert - auf Kosten einer vernünftigen Reaktion auf die durch die Schweinegrippe verursachte Gesundheitsgefährdung.

Besonders in den USA haben Massenmedien und Behörden die Bevölkerung über eine Woche lang mit einer pausenlosen Nachrichtenschwemme über die Schweinegrippe-Epidemie traktiert. Aber in den ganzen Fernsehsendungen und Pressekommentaren wurde kaum einmal etwas über das Virus oder seine Ausgangsbedingungen erklärt. Armut und Niedergang der sozialen Infrastruktur haben bei einem derartigen Grippeausbruch, sollte er sich zu einer globalen Pandemie entfalten, großen Einfluss auf den eventuellen Tribut an Menschenleben.

Am 30. April berichteten die Medien, es sei zu erwarten, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Schweinegrippe demnächst als Pandemie der Stufe sechs auf der sechsstufigen Skala der WHO einstufen werde. Die Generalsekretärin der WHO, Margaret Chan, erklärte: "Die gesamte Menschheit ist bei einer Pandemie in Gefahr."

Jedenfalls erklärte die WHO kurz danach, sie würde den Begriff "Pandemie" auch dann weiter verwenden, wenn es "sich herausstellt, dass das neue Virus im Großen und Ganzen nur schwache Symptome verursacht".

Derzeit gibt es wenig Hinweise, dass die Schweinegrippe eine unmittelbare Bedrohung für die Menschheit bedeutet. Am 3. Mai gab es nach einer Statistik der WHO 787 bestätigte Fälle von infizierten Menschen, 506 davon in Mexiko, wo die Krankheit erstmalig auftrat.

Die mexikanische Regierung reduzierte ihre Angaben über die Anzahl der Grippeopfer von 176 auf 100, wovon 19 als "bestätigt" gelten. Der einzige Todesfall in Folge der Schweinegrippe außerhalb Mexikos trat bei einem mexikanischen Kleinkind auf, das starb, nachdem es aus Mexiko in die USA gereist war.

Das Gerede über Pandemien ohne wirkliche Klärung des wissenschaftlichen Begriffs erzeugte eine allgemeine Atmosphäre von Angst und Schrecken. Seit dem 11. September benutzen amerikanische Medien und besonders die Regierung Panikmache als bevorzugte Taktik, um die Öffentlichkeit in einen Zustand von Angst und politischer Verwirrung zu versetzen, und um diese Stimmungen dann zur Rechtfertigung der Militarisierung der Außenpolitik und der Angriffe auf demokratische Rechte auszunützen.

Die Medien haben als Beispiel zur Erklärung der Bedeutung einer Pandemie die Pest genannt, die im 14. Jahrhundert in Europa ein Drittel der Bevölkerung ausgerottet hat, ferner die Grippeepidemie von 1918, die weltweit 30-50 Millionen Menschen das Leben kostete. Tatsächlich verursacht die Schweinegrippe bis jetzt viel weniger Tote als eine gewöhnliche jahreszeitlich bedingte Grippewelle.

Die Gefahr einer massenhaften Ausbreitung der Schweinegrippe ist nicht auszuschließen, obwohl sich ihre Ausbreitung derzeit verlangsamt und die neu Infizierten abgeschwächte Symptome zeigen. Wegen der Übertragung von Schweinen auf Menschen, sowie von Mensch zu Mensch sind die Wissenschaftler besorgt, dass das Grippevirus eventuell nach einer weiteren Mutation eine genetische Struktur annimmt, die eine umfänglichere Epidemie auslösen kann. Das Durchlaufen mehrerer menschlicher Wirte könnte von neuerlichen Mutationen begleitet werden. Diese können das Virus für Menschen gefährlicher oder unschädlicher machen.

Biologen weisen darauf hin, dass die Epidemie von 1918 mit einer ersten relativ milden Welle begann, dann mit dem Beginn der normalen herbstlichen Grippewelle aber eine viel heftigere und tödliche Form annahm.

Die Beschwörung der Epidemie von 1918 durch die Medien führt jedoch ohne den notwendigen historischen Kontext in die Irre. Viele wichtige Methoden bei der heutigen Behandlung einer Grippeepidemie - antivirale Medikamente, DNA-Analyse, Überwachungsnetzwerke per Internet - gab es 1918 nicht. Selbst in den reichen Ländern verfügte die breite Bevölkerung über keine ausreichenden sanitären Einrichtungen. Später verursachten Grippewellen viel weniger Todesfälle: Zwei Millionen 1957 und weltweit zwischen eine und drei Millionen im Jahr 1968, im Vergleich zu 250.000 bis 500.000 in einer durchschnittlichen Grippesaison.

Man kann Influenza medikamentös behandeln und die Infizierten eine Zeitlang isolieren, bevor es zu einer weltweiten Pandemie kommt.

Die größten Hindernisse dabei sind nicht technische Schwierigkeiten, sondern die sozialen Widersprüche des Weltkapitalismus: Armut, Mangel an medizinischen Einrichtungen in weiten Teilen der Welt, Einflussnahme von bedeutenden, besonders pharmazeutischen Firmen auf die Politik, Teilung der Welt in konkurrierende Nationalstaaten und reaktionäre Programme der bürgerlichen Politiker.

Der gesundheitliche Zustand der Arbeiterklasse selbst ist ein ausschlaggebender Punkt. Vielen Millionen Arbeitern mangelt es an gesunder Ernährung, hygienischen Unterkünften und angemessenen Schlafmöglichkeiten - was zur Erhaltung eines gesunden Immunsystems unabdingbar ist. Solche Fragen werden jedoch in der Regel in den Medienkommentaren und den Verlautbarungen der Regierungen nicht angeschnitten.

Die derzeitige Epidemie hatte Ende März ihren Ausgangspunkt in der mexikanischen Kleinstadt La Gloria, dem Standort von Granjas Carol, einer industriell betriebenen Schweinezucht, an der der amerikanische Konzern Smithfield-Foog die Mehrheit hält. Selbst nach dem Ausbruch der Virusepidemie gingen mexikanische Behörden noch gegen Einwohner vor, die dagegen protestierten, dass die Schweinefarm die Exkremente der Schweine und giftige Chemikalien ohne Schutzmaßnahmen in die Umgebung ableitete und so ihre Gesundheit gefährdete.

Viele der Erkrankten waren so arm, dass sie sich keine professionelle medizinische Hilfe leisten konnten - die mexikanische Regierung gestand die schlechte Versorgung in der betreffenden Gegend ein -, sodass sie erst in eine Klinik eingeliefert wurden, als sie schon eine schwere Lungenentzündung hatten und es für die antivirale Behandlung zu spät war.

In der Nachrichtensendung "Meet the Press" des amerikanischen Senders NBC wurden am 3. Mai Gesundheitsministerin Kathleen Sebelius, Innenministerin Janet Napolitano und der geschäftsführende Direktor des amerikanischen Zentrums für Gesundheitsüberwachung Dr. Richard Besser gefragt, weshalb die Sterblichkeitsrate in Mexiko so viel höher liege als in den USA. Armut oder mangelnde Gesundheitsversorgung als Ursache für den tödlichen Verlauf der Schweinegrippe in Mexiko fanden bei diesen Politikern und Beamten keine Erwähnung.

Wie destruktiv die Macht der Konzerne ist, zeigte sich auch, als die Schweinezüchter-Industrie mit Erfolg auf die WHO und die amerikanische Regierung einwirkte, die Krankheit nicht länger als "Schweinegrippe" zu bezeichnen. Die Art und Weise wie diese Behörden - fast auf Kommando - auf die Forderungen der Interessenvertretungen der Wirtschaft eingehen, demonstriert die Unterordnung aller gesellschaftlichen Interessen unter den privaten Profit.

Die Reaktionen auf die Schweinegrippe in den USA unterstreichen den Zusammenbruch der gesellschaftlichen Verhältnisse, der im Fall einer ernsten Epidemie große Gefahren in sich bergen könnte. Regierungsbeamte raten der amerikanischen Bevölkerung beim Auftreten von Grippesymptomen einen Arzt zu konsultieren und ignorieren dabei, dass in ihrem Land, "dem reichsten der Welt", 47 Millionen Menschen keine Krankenversicherung haben, das ist fast ein Sechstel der Bevölkerung.

Unter diesen Bedingungen verwundert es nicht, dass von einigen amerikanischen Städten berichtet wird, dass die Notaufnahmen der Krankenhäuser von Menschenmassen überfüllt sind, die fürchten, sich mit der Schweinegrippe angesteckt zu haben und die zum Notdienst gehen, weil sie sich einen privaten Arzt nicht leisten können.

Einige lokale Behörden reagieren mit panikartigen Maßnahmen, die die allgemeine Stimmung nur noch unnötig aufpeitschen und der Bevölkerung, die ohnehin durch die Auswirkungen der schlimmsten Krise seit der Großen Depression unter Druck steht, zusätzliche wirtschaftliche Belastungen auferlegen. So wurden in Fort Worth sämtliche Schulen geschlossen; 80.000 Schüler mussten zu Hause bleiben. Der Gouverneur von Texas, Rick Perry, kritisierte "ein außergewöhnliches Maß an Medienrummel" um die Schweinegrippe.

Amerikanische Beamte ermahnen Familien, Vorsorge für längere Schulschließungen zu treffen - und das in einem Land ohne Lohnfortzahlung bei familiären Notfällen.

In den Maßnahmen der Regierung drückt sich der gewaltig zunehmende Einfluss des militärischen und Sicherheitsapparates aus und sie stärken diesen Einfluss noch mehr. Die öffentliche Meinung soll so manipuliert werden, dass jede Notsituation, selbst der Ausbruch einer Grippe, als Bedrohung der "nationalen Sicherheit" begriffen, und in letzter Konsequenz irgendwie mit dem "Krieg gegen den Terror" in Verbindung gebracht wird.

So wird Napolitano, eine Anwältin ohne jegliche Erfahrung im Gesundheitswesen, als Hauptsprecherin der Regierung Obama in dieser Krise eingesetzt. Die Regierung Obama soll die Pandemie-Krisenpläne der Regierung Bush übernommen haben. Diese sahen den Einsatz von Militär zur Erzwingung von Quarantänemaßnahmen für ganze Regionen vor.

Einige Politiker und die Medien haben wiederholt den reaktionären Vorschlag gemacht, die amerikanisch-mexikanische Grenze abzuriegeln, obwohl Gesundheitsbeamte immer wieder erklärt haben, dass solche Maßnahmen die Ausbreitung der Krankheit nicht verhindern können. Bei diesen Empfehlungen handelt es sich um den bewussten Versuch, Vorurteile gegenüber Mexikanern und Fremdenangst zu schüren.

Dieses Vorgehen veranschaulicht nur den enormen Widerspruch zwischen den technischen Möglichkeiten der Menschheit im Umgang mit der Krise und den sozialen Prioritäten und Klasseninteressen, die im Kapitalismus dominieren.