Erster Mai 2009

Von Joe Kishore
2. Mai 2009

Der Erste Mai 2009 findet vor dem Hintergrund einer historischen Krise des kapitalistischen Weltsystems statt.

Diese Krise macht sich überall bemerkbar. Dutzende Millionen Menschen werden weltweit auf die Straße geworfen, Millionen allein im Zentrum des Weltkapitalismus, in den Vereinigten Staaten. Von heute auf morgen sind die Menschen nicht mehr in der Lage, ihre Kreditkartenschulden zu begleichen oder sich eine Wohnung, Ausbildung, Krankenversicherung oder andere Grundbedürfnisse des Lebens zu leisten. Hunderte Millionen Menschen werden in extreme Armut und Hunger geworfen.

Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse erhält der Erste Mai seine besondere Bedeutung. Denn alle alten Organisationen, die sozialdemokratischen und ex-kommunistischen Parteien, die Gewerkschaften und die "linken" und "antikapitalistischen" Parteien arbeiten eng mit der Wirtschaft und den Banken zusammen. Sie unterstützen deren Angriffe auf die Arbeiterklasse, und sie ersticken jede unabhängige Initiative der Arbeiter gegen diese Angriffe.

Die Bedeutung des Ersten Mai wurzelt in seinen Ursprüngen. Es ist notwendig, an diese Geschichte anzuknüpfen. Nur so kann der Standpunkt all jener bekämpft werden, die sagen, man könne nichts tun und für nichts kämpfen, und die versuchen, diese großen Traditionen aus dem Bewusstsein der Arbeiterklasse auszulöschen.

Die Maifeier geht auf die ersten erbitterten Kämpfe der Industriearbeiter in den Vereinigten Staaten zurück, die sich am Kampf für den Acht-Stunden-Tag entzündeten.

Um die Einheit und Stärke der Arbeiterklasse zu demonstrieren, wurden alle Arbeiter in den USA für den 1. Mai 1886 zum Streik aufgerufen, um den Acht-Stunden-Tag gesetzlich zu verankern. Etwa 350.000 Arbeiter nahmen an dem Streik teil. Das war ein wichtiger Schritt im langen Kampf der Arbeiterklasse für grundlegende soziale und wirtschaftliche Rechte.

Die herrschende Klasse war über diese offensichtliche Arbeitereinheit höchst beunruhigt. Sie eröffnete eine brutale Gegenoffensive. In Chicago, einem wichtigen Zentrum des Streiks vom Ersten Mai, nahmen 40.000 Arbeiter teil. Zwei Tage später griff die Polizei unbewaffnete Arbeiter an und tötete sechs von ihnen. Ein Protest am folgenden Tag auf dem Haymarket Square endete in dem berüchtigten Haymarket-Massaker. Gegen Ende der Demonstration explodierte eine Bombe, die fast sicher von einem Provokateur gelegt worden war. Daraufhin schoss die Polizei wahllos in die Menge, tötete eine unbekannte Anzahl von Männern, Frauen und Kindern und verwundete mindestens zweihundert Menschen.

Die Chicagoer Geschäftswelt und die kapitalistischen Zeitungen nutzten das Haymarket-Massaker, um eine Hetze gegen "Bomben werfende Anarchisten" zu entfesseln. Acht führende Organisatoren der Demonstrationen zum Ersten Mai - Albert Parsons, August Spies, Samuel Fielden, Eugene Schwab, Adolph Fischer, George Engel, Louis Ling und Oscar Neebe - wurden verhaftet. Sieben von ihnen wurden in einem Schauprozess unter Leitung eines korrupten Richters zum Tode verurteilt. Vier der Haymarket-Märtyrer wurden letztlich hingerichtet, und einer beging Selbstmord. Nach einer internationalen Kampagne wurden die Todesurteile gegen zwei von ihnen in lebenslange Haft umgewandelt. Die drei Überlebenden kamen schließlich wieder frei.

Berichte über die Ereignisse vom Mai 1886 verbreiteten sich rasch um die ganze Welt, die damals einen Aufschwung von Arbeiterkämpfen erlebte. Im Juli vor genau 120 Jahren, im Jahr 1889, verabschiedete die Zweite Internationale auf ihrem Gründungskongress eine Resolution, in der der Erste Mai als internationaler Kampftag der Arbeiterklasse proklamiert wurde. Der Maierfeiertag steht für die Vorstellung, dass die Arbeiterklasse ihre Interessen nur durch internationale Einheit im Kampf gegen die Kapitalistenklasse durchsetzen kann.

Die amerikanische herrschende Klasse war über die Perspektiven, die den Prinzipien des Ersten Mais innewohnten, so alarmiert, dass sie 1894 den Labor Day als landesweiten Feiertag auf ein anderes Datum festlegte. Diese Entscheidung fiel zwei Monate nach großen Mai-Demonstrationen. Im Jahr zuvor war es zu einer Börsenpanik gekommen, und die Arbeitslosigkeit war rapide angestiegen.

Die zentralen Parolen der frühen Maifeiern waren der Acht-Stunden-Tag, die Verbesserung des Lebensstandards der Arbeiterklasse, internationale Solidarität und der Kampf gegen Militarismus und Krieg.

Tragischerweise wurden die Prinzipien des Ersten Mai von den Massenorganisationen der Arbeiterklasse verraten - in erster Linie von der Zweiten Internationale selbst. 1914 unterstützten die ihr angeschlossenen Parteien fast ohne Ausnahme die Kriegsvorbereitungen der bürgerlichen Parteien in ihren jeweiligen Ländern.

1918 zog Leo Trotzki eine Bilanz dieser Erfahrungen und grenzte den wirklichen Sozialismus vom Opportunismus ab. Trotzki war damals eine führende Persönlichkeit im Arbeiterstaat, der aus der russischen Revolution hervorgegangen war. Trotzki erklärte, der Zweck des Ersten Mai bestehe darin, "mithilfe gleichzeitiger Demonstrationen von Arbeitern aller Länder an diesem Tag den Boden zu bereiten für die Schaffung einer gemeinsamen, internationalen, proletarischen Organisation der revolutionären Aktion, die ein Zentrum und eine weltpolitische Orientierung hat".

Eine "gemeinsame, internationale, proletarische Organisation der revolutionären Aktion" ist heute eine drängende Notwendigkeit. Der Kapitalismus steckt in einer Weltkrise, und das Schicksal der Weltbevölkerung ist heute stärker als je in der Geschichte miteinander verwoben. Keines der grundlegenden Probleme der Menschheit kann heute auf nationaler Ebene gelöst werden.

Die Arbeiterklasse ist die einzig wahre internationale Klasse - die einzige Klasse, deren Interessen alle nationalen Grenzen überschreiten. Die Reaktion der herrschenden Klassen der Welt auf die Wirtschaftskrise besteht darin, den Kampf für ihre nationalen Interessen zu verschärfen. Dieser Kampf führt unvermeidlich zu Krieg. In den kommenden Jahren wird der Kampf gegen Krieg für die Arbeiterklasse in jedem Land zu einer Überlebensfrage werden.

Die Wirtschaftskrise wird einen neuen Aufschwung für den Klassenkampf bringen, auch in den Vereinigten Staaten. Es gibt schon erste Zeichen der Radikalisierung - von dem siebenfachen Anstieg von Arbeitskämpfen in China über die gemeinsamen Demonstrationen französischer und deutscher Continental-Arbeiter und die Revolte der französischen Caterpillar-Arbeiter bis hin zur erbitterten Opposition amerikanischer Autoarbeiter. Letztere wehren sich gegen den Angriff der Regierung, der Konzerne und der Autoarbeitergewerkschaft auf ihre Arbeitsplätze und ihren Lebensstandard.

Wo immer Arbeiter den Kampf aufnehmen, werden sie in erster Linie mit der Frage von Führung und politischer Perspektive konfrontiert sein. Während die Klassenspannung aufs Äußerste ansteigt, erweist sich der völlige Bankrott aller Organisationen, die früher einmal die Arbeiter vertreten haben.

Als wolle sich die UAW über die Traditionen des Ersten Mai lustig machen, setzte sie ausgerechnet am 29. April bei Chrysler einen Tarifvertrag durch, der auch noch die letzten Errungenschaften der Autoarbeiter aus der Vergangenheit eliminiert. Eins der Zugeständnisse, denen die Gewerkschaft zugestimmt hat, ist die Streichung des Überstundenzuschlags bei Arbeit über acht Stunden am Tag hinaus. Dieser Verrat ist nur der letzte Höhepunkt in einer Jahrzehnte andauernden Klassenzusammenarbeit. Und die amerikanischen Gewerkschaften sind nur der krasseste Ausdruck eines globalen Phänomens.

Aber die Gesetze der Geschichte sind, wie Trotzki bemerkte, stärker als die bürokratischen Apparate. Der Druck der kapitalistischen Krise führt unausweichlich zu einem erneuten Aufschwung der Arbeiterklasse im Weltmaßstab.

Die einzige Partei, die heute das Ideal des Ersten Mai hochhält, ist das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI). In seiner langen Geschichte hat das IKVI einen prinzipienfesten Kampf gegen alle politischen Tendenzen geführt, die sich an Nationalismus, Stalinismus und das kapitalistische System angepasst haben. Das IKVI sieht mit großer Zuversicht dem Anwachsen internationaler Arbeiterkämpfe entgegen und vertraut darauf, dass die Perspektive der sozialistischen Weltrevolution wieder aufleben wird.

Siehe auch:
Anmerkungen zur politischen und wirtschaftlichen Krise des kapitalistischen Weltsystems: Perspektiven und Aufgaben der Socialist Equality Party 2009
(24. Februar 2009)