Die Zukunft der Kunst in einer Zeit der Krise

Teil 1

Von David Walsh
12. Juni 2009

Wir veröffentlichen hier den ersten Teil der redigierten Fassung eines Vortrags, den David Walsh, Kulturredakteur der WSWS, vor kurzem an der Universität von Michigan in Ann Arbor und an der Virginia Commonwealth University in Richmond gehalten hat. Bereits im Februar sprach Walsh an der San Diego State University und in Santa Monica, Kalifornien.

Einleitend möchte ich bemerken, dass in aller Regel die Menschen mit ihren Alltagsangelegenheiten beschäftigt sind und das kulturelle Leben, so wie es sich ihnen darbietet, als gegeben hinnehmen. Die Palette an Büchern und Filmen und Gegenständen sind "gewohnte Dinge", die im Allgemeinen nicht ernsthafter Kritik unterworfen werden.

Die gegenwärtige wirtschaftliche und soziale Krise rückt in den Fokus, wie unzulänglich das meiste ist, was wir heutzutage zu sehen und hören bekommen. Uns geht es hier darum, die Ursachen einiger bestehender Schwierigkeiten zu ergründen. Unserer Ansicht nach muss man unbedingt historisch an diese Frage heranzugehen.

Wir haben es mit zwei zusammenhängenden Themen zu tun: die Zukunft der Kunst und die Auswirkungen der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise. Ich beginne mit letzteren.

Unabhängig vom Auf und Ab an den Börsen gilt, dass der wirtschaftliche Zusammenbruch von 2008 umfassend und systemisch bedingt ist. Den Verteidigern des Kapitalismus muss man entgegenhalten, dass die Krise nicht ein Scheitern dieser oder jener Politik bedeutet, oder nur auf die Unehrlichkeit und Habgier von Individuen zurückzuführen ist. Es handelt sich um eine Krise, ja, einen Zusammenbruch, der bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Wie unsere Bewegung erklärt, hat eine allseits praktizierte Methode globaler Kapitalakkumulation auf der Grundlage von Finanzgeschäften, angeheizt durch eine gigantische Anhäufung von Schulden, Schiffbruch erlitten.

Wirtschaftsfachleute schätzen, dass in den letzten 12 Monaten etwa 50 Billionen Dollar an Werten vernichtet worden sind, das entspricht der Weltwirtschaftsleistung eines Jahres. Die Börsen haben bis Mitte März etwa 30 Billionen Dollar verloren. Für die weltweite Industrieproduktion wird ein Minus von 30 Prozent prognostiziert. Die Preise von Gebrauchsgütern sind um 40 Prozent gefallen.

Ein hochrangiger Vertreter des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) warnte kürzlich davor, dass die beinahe 400 Millionen Afrikaner, die von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben müssen, als Ergebnis des Wirtschaftseinbruchs einen 20-prozentigen Rückgang ihres Einkommens erleiden werden. Die Kindersterblichkeit werde dadurch von 200.000 auf 400.000 im Jahr ansteigen.

Die ILO, die Internationale Arbeitsorganisation der UN, hat schon Anfang des Jahr davor gewarnt, dass 2009 weltweit bis zu 50 Millionen Menschen arbeitslos werden könnten, falls es mit der Wirtschaft weiter bergab gehe. Etwa 200 Millionen Menschen, vor allem in den Entwicklungsländern, könnten in die Armut abgleiten.

"Noch ein Gespenst versetzt Europa in Angst und Schrecken", titelte der rechtsgerichtete Weekly Standard Anfang Februar, in Anspielung auf das Kommunistische Manifest. Der Artikel führte aus, dass die Krise dem Kapitalismus angelastet wird, und warnte, bei einer weiteren Abwärtsentwicklung der Volkswirtschaften einzelner Länder könnte der daraus resultierende Zorn "konkrete ideologische Formen" annehmen, linksgerichtete Formen, "die bestimmt alles andere als erfreulich" wären.

In den USA sind etwa 25 Millionen Menschen arbeitslos oder in Kurzarbeit, also etwa ein Sechstel der erwerbsfähigen Bevölkerung. Im März gingen jeden Tag 30.000 Arbeitsplätze verloren. Seit Dezember 2007 sind fünf Millionen Arbeitsplätze vernichtet worden. Die Preise für Häuser und Wohnungen sind um 30 Prozent gefallen Auf jedem Sektor der Wirtschaft verschärfen sich die Angriffe auf Löhne, freiwillige Leistungen und Pensionsansprüche, und die Autoindustrie ist dabei der Schauplatz entscheidender Auseinandersetzungen.

Die amerikanische herrschende Elite hat Barack Obama gesponsert, einmal um sozialen Unruhen zuvorzukommen, und auch, um in der Innen- und Außenpolitik eine taktische Neuausrichtung vorzunehmen. Acht Jahre Bush-Regierung hatten den amerikanischen Interessen weltweit geschadet, und die augenfällige Gleichgültigkeit und Brutalität der Administration hat zu Empörung in der amerikanischen Bevölkerung geführt.

Ein Afroamerikaner als Präsident, so das zynische Kalkül, würde ausreichen, die Bevölkerung zufriedenzustellen und ihre Aufmerksamkeit von den himmelschreienden ökonomischen und sozialen Problemen abzulenken. Illusionen und auch Verwirrung sind zweifellos vorhanden, aber die unerbittliche wirtschaftliche Realität wird Klarheit in vielen Dingen schaffen.

Die ersten 100 Tage der Obama-Regierung haben überdeutlich gezeigt, dass sie die Interessen der Finanz- und Unternehmensaristokratie vertritt. Ihre Politik soll den Reichtum der herrschenden Elite verteidigen und die Interessen des amerikanischen Imperialismus weltweit durchsetzen. Billionen für die Banker, doch Sparmaßnahmen und "Verantwortung" für die arbeitende Bevölkerung.

In einem Gastbeitrag schrieb ein in den USA lebender Europäer kürzlich in der Financial Times über die Situation in Amerika: "Ich spüre Furcht, Zorn und ein tiefes Ungerechtigkeitsempfinden, das an die Atmosphäre am Vorabend der französischen Revolution erinnert. Damals war es Brotknappheit, heute sind es Zwangsversteigerungen, und statt Aristokraten sind es heute Banker und Privilegien, etwa die Steuerfreiheit für Aktienoptionen".

Nach dem desaströsen Krieg im Irak, der das Land zerstört und bereits mehr als eine Million Tote gekostet hat, verlagert die Obama-Regierung ihren Schwerpunkt nach Afghanistan und Pakistan. Damit bereitet sie neue Katastrophen für die dortigen Bevölkerungen und für Tausende amerikanische Männer und Frauen vor - das alles, um die Kontrolle über die Energiereserven der Region zu erlangen und die verlorengegangene internationale ökonomische Vormachtstellung Amerikas durch den Einsatz militärischer Mittel wieder herzustellen.

Unsere Studentenbewegung, die International Students for Social Equality, sowie unsere Partei, die Socialist Equality Party, treten für die Interessen der Arbeiterklasse gegen das bestehende wirtschaftliche und politische System ein. Wir stellen uns darauf ein, dass Massen von Menschen die Initiative ergreifen werden, um ihre Arbeitsplätze und ihre Lebensbedingungen zu verteidigen, und dass sie in schärfste Auseinandersetzungen mit der Obama-Regierung und ihren Anhängern geraten werden, auch mit denen auf der liberalen Linken, denen es zur Lebensart geworden ist, die Demokratische Partei gegen Kritik zu verteidigen. Wir sehen diese Kämpfe nicht nur voraus, wir unterstützen sie und wollen ihnen Führung verleihen. Wir appellieren an Studenten, sich als Teil unserer Bewegung der Arbeiterklasse zuzuwenden.

Zur Lösung der Krise schlagen wir ein sozialistisches Programm vor, in dessen Mittelpunkt die Notwendigkeit einer Arbeiterregierung steht sowie die Umwandlung der Banken und anderer Finanzinstitutionen, der Großindustrie und der großen Verkehrs- und Pharmaunternehmen in gesellschaftliche Einrichtungen, die nach demokratischen Grundsätzen geleitet werden. Die Bedürfnisse der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung stoßen auf Schritt und Tritt mit den Interessen der winzigen Elite zusammen. Eine der beiden Seiten muss obsiegen.

Vor zwanzig Jahren, nach dem Fall der stalinistischen Regimes, wurde der Öffentlichkeit lautstark und pausenlos erklärt, der Sozialismus sei tot, die großen historischen Fragen gelöst, und die Welt trete nun ein in eine neue Periode von Frieden und Wohlstand. Unsere Partei wies diese Auffassung seinerzeit entschieden zurück und gründete ihre Perspektiven auf die kommenden unvermeidlichen Erschütterungen des global integrierten Kapitalismus.

Der Marxismus, der wissenschaftliche Sozialismus, ist durch den Ausbruch der Krise bestätigt worden. Im Kapital schrieb Marx: "Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse." [K. Marx, Das Kapital, Bd. 1, S. 790-91, MEW Bd. 23]

Daraus erwächst die objektive Notwendigkeit der sozialistischen Revolution.

Sind die Künstler auf die Krise vorbereitet?

Heute Abend geht es uns vor allem um einige der spezifischen Probleme, denen Künstler gegenüberstehen, bzw. die historisch spezifische Form, die der Kampf für künstlerische Wahrheit heute annimmt.

Alexander Woronski, der sowjetische Literaturkritiker und Gegner Stalins, wies vor 70 Jahren in seinem Essay "Die Kunst, die Welt zu sehen" (1928) darauf hin, dass es schwierig ist für den Künstler, die Welt zu entdecken und mit seiner ganzen Person anzunehmen, die Welt zu sehen, wie sie ist, unabhängig von uns, in ihrer Kompliziertheit und Schönheit, "in ihrer Frische und Unmittelbarkeit".

Er ging auf die Gewohnheiten, Vorurteile, Frustrationen und die vielen anderen Formen des täglichen Drucks ein, die auf uns lasten, "die Schärfe und Frische der Wahrnehmung" mindern und der Realität "so einen eigenartig grauen, trostlosen und erbärmlichen Anstrich" geben.

Gegen diese Kräfte, schreibt Woronski, bewahrt der Künstler "echte, unverfälschte Bilder von der Welt". "Darin vor allem", so Woronski, "besteht der Sinn der Kunst, darin liegt ihre Bestimmung".

Wenn Woronski recht hatte, was ich glaube, dann war es schon immer ein aufreibender Kampf, vermittels der Kunst die Wahrheit zu sagen. Er ist mit geistigen und physischen Anstrengungen verbunden, und sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden.

Aber haben wir es heute nicht mit besonderen Schwierigkeiten zu tun? Und mit spezifischen Schwächen? Weshalb empfindet man eine so tiefe Kluft zwischen künstlerischen Bemühungen und dem Charakter des heutigen Lebens, das für den größten Teil der Weltbevölkerung einen täglichen Kampf ums Überleben bedeutet? Weshalb erscheint uns die Kunst so oft blind zu sein für die Krise der menschlichen Gesellschaft, für große historische und soziale Fragen im Allgemeinen?

Wir sind nicht der Meinung, dass die Kunst ihr Hauptaugenmerk auf den Künstler und seine Eindrücke legen soll, sondern auf die unabhängig von uns existierende Welt und ihre Komplexität, die gesellschaftliche Komplexität inbegriffen.

Wir schlagen vor, für etwas anderes zu kämpfen. Vorrangig werden die objektiven Bedingungen selbst Veränderungen erzwingen. Man kann nicht mehr einfach so weiter leben, als sei nichts geschehen. Die Weltsituation hat sich im letzten Jahr dramatisch verändert, und niemand kann davor die Augen verschließen - zumindest niemand, der ernst genommen werden möchte.

Des öfteren haben wir schon darauf aufmerksam gemacht, dass diese Krise alle Schichten der amerikanischen Gesellschaft unvorbereitet trifft.

Große Teile der Bevölkerung sind ebenfalls völlig überrascht, schockiert und bestürzt über die Ereignisse, die ihr Leben verändern. Dieser Schock wird eher früher als später zu Veränderungen im politischen Bewusstsein führen.

Und die Künstler und Intellektuellen, wie vorbereitet sind sie? Wie sehr orientieren sich sich an den wirklichen Geschehnissen?

Genauer gesagt: Gibt es Arbeiten, oder einen einzigen wichtigen Roman, einen Film, ein Theaterstück oder ein anderes Kunstwerk, das die Bevölkerung in irgendeiner Weise auf die herannahende Katastrophe vorbereitet hat? Nicht unbedingt in dem Sinne, dass es konkret vor wirtschaftlichen Entwicklungen warnte, sondern ein Werk, oder Werke, die auf gravierende Funktionsstörungen hinwiesen...wer etwa hat auf die fundamentale Tatsache aufmerksam gemacht, dass die gigantische Akkumulation von Reichtum durch parasitäre und quasi-kriminelle Methoden nicht gut gehen konnte?

Ist das Thema soziale Ungleichheit, das wichtigste soziale Problem im Leben Amerikas in den letzten Jahrzehnten, ein wichtiges Thema gewesen, oder sind wichtige Arbeiten auf diesem Hintergrund entstanden?

Wie sehr wurde der Tatsache, dass der Lebensstandard von Dutzenden Millionen Amerikanern stagniert oder sinkt, bewusste Aufmerksamkeit geschenkt? Angesichts der Geschichte der USA, dem hartnäckig sich haltenden "amerikanischen Traum" und Amerikas vorgeblicher "Ausnahmestellung", erscheint es als lohnend, sich mit den Lebensbedingungen derer zu befassen, deren Leben von großen Veränderungen erschüttert wird. Haben sich die Mythen über das amerikanische Leben bestätigt?

Wo ist der bedeutende Roman oder Film über den Wall Street-Magnaten, den Hedge Fonds-Manager, den Spekulanten, der sich nicht mit banalen Urteilen zufriedengibt, sondern tiefere und vom geschichtlichen Verständnis inspirierte Einschätzungen liefert?

Man könnte noch viele solcher Fragen stellen. Sie haben eher rhetorischen Charakter. Wir kennen die Antworten, im Wesentlichen jedenfalls. Man wird kaum ein einziges wichtiges Werk finden, das eine ernsthafte und umfassende Kritik des amerikanischen Lebens liefert und auf die äußerst negativen Entwicklungen aufmerksam gemacht hat. Ein Werk mit einer kritischen Beschreibung des Lebens, im Kleinen oder Großen, Beschreibungen, die bei Opposition zum Status quo beginnen und Anteilnahme am Schicksal der Masse der Bevölkerung zeigen.

Ich möchte gleich zu Beginn anmerken, dass die Kunstlandschaft keine Ödnis darstellt. Der Funke menschlichen Genius ist ganz offensichtlich nicht erloschen. Ganz im Gegenteil. Es gibt bemerkenswerte einzelne Filme und Filmausschnitte, Romane (oder Passagen), einzelne Gemälde und Ähnliches, die sich vom Üblichen abheben, die dem Leben kraftvoller gegenübertreten. Auch in der Massenkultur trifft man auf wirklich begabte, kreative und tatkräftige Menschen. Die Möglichkeiten, brillante und außergewöhnliche Bilder und Töne hervorzubringen, haben eine qualitativ neue Dimension erreicht; nichts scheint für zeitgenössische Künstler technisch nicht machbar zu sein. Zahlreiche neue Medienformate bieten praktisch unbegrenzte Möglichkeiten der Kommunikation.

Doch ernstzunehmende Schwierigkeiten bleiben bestehen. Es gab beispielsweise eine Reihe ehrlicher Antikriegsfilme über den Irak und den Nahen Osten (Stop-Loss, In the Valley of Elah, Rendition, Battle for Haditha, Grace is Gone, The Situation und andere ). Aber derlei Filme gehen oft bis dahin und nicht weiter, oder bieten dem Zuschauer ein Kuddelmuddel aus linken und eindeutig rechten patriotischen Ideen an.

Schwerlich lässt sich ein wirklich ausgearbeitetes Werk nennen, oder gar ein Gesamtwerk, das sich der wichtigsten Herausforderung an den Künstler uneingeschränkt stellt und sie erschöpfend bewältigt: nämlich, wie lässt sich das Leben in der heutigen Zeit und Welt in allen wichtigen Aspekten erhellen? Ein Werk, in dem der Künstler alles gegeben und der Menschheit maßgeblich zu einem besseren Verständnis ihrer selbst verholfen hat.

Um das zu leisten, braucht man eine zusammenhängende und stimmige Sicht des Lebens und der Gesellschaft, ein genaueres und tieferes Wissen. Der wahre Künstler reagiert nicht nur auf einen beliebigen Reiz von außen, nicht mit Eindrücken oder einer Reihe von Eindrücken, auch wenn sie ehrlich empfunden sind, sondern hat ein Verständnis und ein Gefühl für das Ganze erlangt. Diese besondere Fähigkeit der Einsicht ist nicht ohne Mühe zu erlangen, doch sie macht sich in jedem Aspekt eines Werks, in seiner Struktur, seiner Schichtung, seiner unausweichlichen Wahrheit bemerkbar. Dieses Gefühl hat man beispielsweise in den großen Filmen von Welles, Chaplin und Ford.

Wenn schon der Anspruch, der Menschheit zu einem besseren Verständnis ihrer selbst zu verhelfen, als verquer und anmaßend gilt, ist dies ein Anzeichen dafür, dass wir in einer für die Kunst schwierigen Zeit leben.

Auf dem Gebiet der Romanliteratur gab es ernsthafte Bemühungen, großenteils allerdings erneutes Bearbeiten der gleichen Themen, der Unzufriedenheit und Ängste der Mittelschichten, der Selbstbeobachtungen und des gelegentlichen Selbsthasses der akademischen Schichten, die mal selbstzweiflerisch, mal selbstzufrieden sind, aber selten über den Horizont ihrer Apartmenthäuser und Loftwohnungen hinausblicken.

Der 11. September und seine Nachwirkungen haben zahlreiche Romane hervorgebracht - von Updike, DeLillo, Roth etc. - und andere Arbeiten, was verständlich ist, da es ein einschneidendes Ereignis war. Doch das Fehlen eines historischen Verständnisses der Ereignisse des 11. September hängt mit dem allgemeinen Desinteresse an wichtigen historischen und sozialen Fragen zusammen, wozu auch die Lebensverhältnisse der großen Bevölkerungsmehrheit in den USA gehören. Die Schriftsteller, von denen viele in New York oder im Nordosten des Landes leben, wurden durch die Terrorangriffe aufgeschreckt, aber nicht dazu angeregt, gründlich darüber nachzudenken.

Ernsthafte neue Theaterstücke, deren Besprechung lohnt, gibt es kaum, und die Poetik ist vor allem eine blutleere, akademische Angelegenheit.

Wir haben nun mehrere Jahrzehnte durchlebt, in denen das öffentliche Leben von verabscheuungswürdigem Denken beherrscht war - von der Anbetung des Reichtums und der Selbstsucht, religiöser Bigotterie, Militarismus und Chauvinismus, Law-and-Order-Hysterie, von Schikanen gegen die Armen, etc. Die Konteroffensive gegen die Arbeiterklasse begann in den späten 1970er Jahren und ist seitdem nicht zum Stillstand gekommen.

In diesem Prozess sind verschiedene Liberale und linke Intellektuelle eingeknickt- vielfach ohne großen Widerstand. Sie fanden es angenehm, reich zu sein und im Dunstkreis der Einflussreichen zu leben.

Die Selbstverleugnung der Intelligenz, ihre relativ bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnisse, gehörten nun der Vergangenheit an. Sie wollten geräumige Eigentumswohnungen und teure Autos, Reservierungen in den besten Restaurants und Häuser in Südfrankreich, Kunstwerke über sich selbst betrachten und produzieren

Zu einem guten Teil verdankten sie den Reichtum direkt oder indirekt der Börse und immer höheren Rekordgewinnen. Möglich war das alles durch die verschärfte Ausbeutung der Arbeiterklasse, die Senkung der Löhne und des Lebensstandards, und den resultierenden Anstieg der Aktienkurse.

Niemand schenkte diesen Phänomenen allzu viel Beachtung. Der Reichtum wuchs und wuchs. Kunstgalerien erzielten nie dagewesene Preise für Gemälde, die von dubiosen Erscheinungen als Investition getätigt wurden. Bis zum Wirtschaftseinbruch letzten September gab es beinahe 100 lebende amerikanische Künstler, die bei Versteigerungen für ein einziges Werk eine Million Dollar oder mehr erzielten. In einem kürzlich erschienenen Artikel in Newsweek hieß es, dass bis zum Beginn des Einbruchs ein junger Maler, "der zum ersten Mal in einer wenig bekannten Galerie ausstellte, 10.000 bis 20.000 Dollar pro Bild forderte, und auch erhielt."

Der Generalstaatsanwalt des Bundesstaates New York hat gerade den Hedgefonds-Manager Ezra Merkin angeklagt, weil er 2.4 Mrd. Dollar in Bernard Madoffs Schneeballsystem umgeleitet und dafür beinahe eine halbe Milliarde an Gebühren kassiert hat. Merkin gehört auch zu den größten Sammlern von Gemälden von Mark Rothko. Die ganze Sammlung wird insgesamt auf 150 Mio. bis 200 Mio. Dollar geschätzt. Das ist die New Yorker Kunstwelt.

Noch vor dem Crash stiegen die Hedgefonds ins Filmgeschäft ein. Filmstars warben mit Stimme und Gesicht für Kreditkartengesellschaften, Flugzeuge und Autobauer. Eine verderbte und orgiastische Atmosphäre herrschte vor, in der jeder abkassierte, der nur konnte. Kam irgendjemand in den Sinn, dass das kaputt und auch zum Scheitern verurteilt war?

Wuchernder Reichtum und grenzenlose Selbstgefälligkeit, und kaum kritisches Denken. Wer konnte sich schon gegen diese erstaunliche Geldvermehrungsmaschinerie auflehnen, ganz abgesehen davon, dass die Madoffs und Allen Stanfords und ihre kaum seriöseren Gesinnungsgenossen bei den großen Banken an den Hebeln der Macht saßen?

Die Atmosphäre in Kunst und Kultur wird nicht gereinigt werden, solange über die soziale Gleichgültigkeit, die Kommerzialisierung der Kunst bis zum Gehtnichtmehr, die Banalität eines großen Teils des kulturellen Lebens nicht Bilanz gezogen wird. Wie kam es soweit? Weshalb nahm niemand wahr, was wirklich auf der Welt passierte? Wo war das elementare Mitgefühl für das harte Los anderer, das für die Person des Künstlers unverzichtbar sein sollte?

Ein konkretes Beispiel: die Stadt Detroit, von den Autokonzernen heruntergewirtschaftet. Die Bevölkerung ist traumatisiert. Doch in der Kunst hat dieser Prozess keine Widerspiegelung erfahren, die auf den Rest der amerikanischen Bevölkerung und auf die internationale öffentliche Meinung ausstrahlen würde. Die Intellektuellen haben vielmehr mitgeholfen, die wirklichen Fakten des amerikanischen Lebens zu verschleiern, sie haben geholfen, den Mythos, dass die USA eigentlich ein wohlhabendes Land mit zufriedenen Menschen seien, aufrechtzuerhalten.

All diese Dinge machen sich langsam in den Köpfen der Menschen breit. Die Krise wird sich auf diese oder jene Weise bemerkbar machen. Die Menschen werden sich auf die neue Situation einstellen. Die Gefahr existiert, dass Leute, die vorher nicht groß nachgedacht haben, so weitermachen und einfach zwei Schritte nach links machen, um sich an die neue Situation anzupassen.

In der Vergangenheit haben amerikanische Künstler die allgemeine Verfassung und die Seelenlage des Landes zutreffend erfasst.

Die Periode nach dem Ersten Weltkrieg brachte Werke hervor wie Der große Gatsby, Eine amerikanische Tragödie, die ersten Romane von Hemingway, Dos Passos, The Harlem Renaissance.

Diese Künstler sahen und erfühlten eine Gesellschaft, die auf einen Zusammenbruch hinsteuerte; die Verlogenheit des amerikanischen Traums, den Preis, den Erfolg einforderte, das Schreckliche am amerikanischen Materialismus, Kommerzialismus und Konformismus. Die Künstler verfolgten diese Themen, arbeiteten sie durch.

Die sozialistische Bewegung hatte eine enorme Präsenz. Die moderne Kultur im Allgemeinen, und die moderne amerikanische Kultur im Besonderen, ist ohne den Einfluss und Ansporn, die die marxistische Analyse der Gesellschaft lieferte, nicht vorstellbar. Die Künstler teilten diese Analyse zwar nicht voll und ganz, doch bildete sie ein wichtiges Element in ihrer künstlerischen und geistigen Herangehensweise.

Wer das nicht glaubt, lese die Briefe von Fitzgerald, um nur ein Beispiel zu nennen. Er verfolgte die Entwicklungen in der Kommunistischen Partei in den 1930er Jahren und nannte sich selbst, keinesfalls ironisch, einen "Marxianer". Die stalinistische Degeneration der UdSSR und der Kommunistischen Partei trug zu seiner eigenen wachsenden Demoralisierung bei.

Das galt für die gesamte amerikanische Intelligenz.

Die 'große Enttäuschung', die in den späten 1930er Jahren einsetzte, als die Wahrheit über die stalinistischen Verbrechen ans Licht kam und die zahlreichen revolutionären Gelegenheiten - in Frankreich, Spanien und anderen Ländern - abgewürgt und verraten wurden, spielten ganz ohne Zweifel eine machtvolle Rolle in der Entstehung eines Umfeldes, in dem der Zynismus, soziale Indifferenz und Opportunismus gedeihen konnten.

Jetzt möchte ich mich aber einigen der Entwicklungen zuwenden, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg eine Rolle spielten und zusätzlich dazu beitrugen, Künstler davon abzuhalten, das Leben in ernsthafter und aufrichtiger Weise zu verarbeiten.

Wird fortgesetzt

Siehe auch:
Wahrheitssuche zwischen den Fronten des kalten Krieges: Zum Tod des Filmregisseurs Frank Beyer
(31. Januar 2007)
Kunst und Sozialismus - die wirklichen Grundlagen. Ein öffentlicher Vortrag in Großbritannien von David Walsh
( 21. Februar 2009)
Ein Brodeln unter der Oberfläche - aber nicht mehr Zur Filmreihe: Winter Adé - filmische Vorboten der Wende
( 3. März 2009)